Autor Thema: Oktober 2004: Dante Alighieri «Divina Commedia»  (Gelesen 28978 mal)

Offline Georg

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Dante Alighieri: Divina Commedia
« Antwort #30 am: 9. Oktober 2004, 16:44 »
Zitat von: Bluebell

Über die Bedeutung, die Dante den einzelnen Personen beimisst, habe ich mich allerdings auch gewundert - und dazu gleich eine Frage: hat es diese Aufstellung der "großen vier" schon vor der Divina Commedia gegeben?


Soweit ich weiß, galt zur Zeit von Dante Vergil als der größte Dichter. Umso erstaunlicher, dass dieser in der commedia dann sagt: "Das ist Homer, der Meister aller Dichter."
Würde Vergil, wenn er nicht gerade mit Dante unterwegs ist, nicht auch hier im Limbus der Ungetauften sitzen? Es wären dann fünf große Dichter, wobei Homer, Horaz, Ovid und Vergil sicher auch heute noch zumindest für mich als die vier großen Dichter der Antike gelten, oder seht ihr das nicht so?

Ich habe jetzt bis  einschliesslich zum 12. Gesang gelesen. Hier will Minotaurus (Symbol der Vertierung?) Dante den Abstieg zum 7. Kreis der Hölle verwehren, aber mit Hilfe Vergils gelingt es doch. Erstaunlich, und hier zeigt sich, dass Dante nicht mehr Mittelalter, sondern Beginn von etwas Neuem ist, dass Alexander der Große, nicht als der große Held gezeigt wird, sondern als Massenmörder, der im von ihm vergossenen Blut siedet.

Gruß

Georg

Offline sandhofer

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die 5 Grossen
« Antwort #31 am: 9. Oktober 2004, 19:26 »
Hallo zusammen!

Ich stecke immer noch am selben Punkt. Aber heute abend sollte ich Zeit haben für einen Gesang oder zwei ...

Zitat von: Georg
Würde Vergil, wenn er nicht gerade mit Dante unterwegs ist, nicht auch hier im Limbus der Ungetauften sitzen? Es wären dann fünf große Dichter, wobei Homer, Horaz, Ovid und Vergil sicher auch heute noch zumindest für mich als die vier großen Dichter der Antike gelten, oder seht ihr das nicht so?

Doch, meinte ich auch. Zum fünften, Lukan, vielleicht noch der Hinweis, dass ihn noch Wieland sehr geschätzt und auch übersetzt hat. (Derselbe Wieland, der - wenn wir schon von personifizierten Schweissnähten sprechen  :zwinker: - als erster Shakespeare ins Deutsche übersetzt, damit den Sturm und Drang ermöglicht und damit die moderne deutsche Literatur in Gang gebracht hat ...

Grüsse

Sandhofer
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Offline nimue

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Re: die 5 Grossen
« Antwort #32 am: 10. Oktober 2004, 15:44 »
Hallihallo,

ganz kurze Meldung von mir: Gestern war ich auf der Buchmesse und kam nicht zum Lesen, heute wird es wohl auch zu knapp, weshalb ich immer noch beim 5. Gesang bin. Aber morgen wird dann wieder durchgestartet!

Liebe Grüße
nimue

Offline sandhofer

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Gesänge 5 + 6
« Antwort #33 am: 10. Oktober 2004, 16:13 »
Hallo zusammen!

Nun hat es also gestern abend tatsächlich noch zu den Gesängen 5 und 6 gereicht.

Minos, der Höllenrichter: ein schönes Beispiel dafür, wie Dante - hierin ganz Mittelalter - aus der in der griechischen Antike doch recht angesehenen Figur ein - Monster macht.  Sehr interessant, wie Dante sowohl die aus Liebe Sündigenden wie auch die aus Geilheit Sündigenden an - Frauen exemplifiziert. Wie es dann auch eine zeitgenössische Frau ist, die ihre Liebesgeschichte erzählen darf. Ihr Lover schwebt stumm daneben. Da scheint mir Dante wieder sehr modern zu sein.

Sehr romantisch wirkt auf mich, wie Dante bei jeder grösseren Emotion in Ohnmacht fällt.

Ein männlicher Zeitgenosse hingegen steht als Vertreter der Verfressenen da ...  :smile: Und der Cerberus - wieder eine antike Gestalt, die Dante zum Monster verformt hat. (Übrigens auch hier eine Spur von Dante bis ins 21. Jahrhundert: Ich weiss nicht mehr, wie das Viech geheissen hat, aber da war doch so ein dreiköpfiges Monster im ersten Harry Potter-Film, oder?)

Grüsse

Sandhofer
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Offline Georg

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Brunetto Latini
« Antwort #34 am: 10. Oktober 2004, 16:32 »
Bin jetzt mit dem 15. Gesang fertig. Hier trifft Dante einen alten Landsmann: Brunetto Latini, dessen Lehrgedicht Tesoretto einen gewissen Einfluß auf Dantes commedia gehabt haben soll. Ob man Brunetto aber deshalb gleich als Freund und Lehrer Dantes bezeichnen kann, wie es der folgende Link macht?:

http://www.adlexikon.de/Brunetto_Latini.shtml

Da könnte man ja auf komische Gedanken kommen, weil Brunetto ja bei den Gewalttätern wider die Natur (Homosexuelle) zu finden ist. Weiß jemand da näheres? Gibt es eine gute Dante-Biografie, in der man mal nachlesen sollte?

Offline sandhofer

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7. Gesang
« Antwort #35 am: 11. Oktober 2004, 09:13 »
Hallo zusammen!

Gestern abend habe ich noch den 7. Gesang gelesen. Wieder tauchen Gestalten der antiken, griechisch-römischen Mythologie auf, hier gleich zwei:

Pluto, in dem offenbar zwei antike Gestalten verschmolzen sind: Plutos, der Gott des Reichtums und Pluto, der Gott der Unterwelt. Mal schauen, ob ich heute abend irgendwie Zeit finde, im Faust II nachzulesen. Auch dort kommt Pluto vor; ich frage mich jetzt aber, ob Goethe diese Figur unter Dantes Einfluss gestaltet hat.

Die zweite antike Gestalt: Fortuna. Im Mittelalter quasi unter den Engeln eingereiht als Verantwortliche für Wohl und Wehe der untersten Himmelssphäre, der Erde. Ein Versuch einer Antwort auf eine interessante Frage? (Nämlich: Wozu sind die Übel auf dieser Welt, und warum trifft es auch 'gute' Menschen? Noch die Frühaufklärung (z.B. Alexander Pope: Essay on Man greift auf die Gestalt der Fortuna zurück, um die Wechselfälle des Lebens zu charakterisieren (und letzten Endes als 'gut' im Sinne von 'notwendig für die Fülle des irdischen Lebens' zu qualifizieren).)

Interessant auch die Kirchenschelte. Wieviele Geistliche, Kardinäle, ja Päpste sind nicht unter den Geizigen!

Dann die Zornigen und die Verdrossenen. Welche Liebe zur Natur, zur Welt scheint nicht im Vers 122 auf! Auch hier wirkt Dante überaus modern.

Ich werde jetzt mal warten und schauen, wo die übrigen sind, insbesonderen nimue und Bluebell. Trotzdem noch schnell vorwegnehmend zu Georg:

Zitat von: Georg
Bin jetzt mit dem 15. Gesang fertig. Hier trifft Dante einen alten Landsmann: Brunetto Latini, dessen Lehrgedicht Tesoretto einen gewissen Einfluß auf Dantes commedia gehabt haben soll. Ob man Brunetto aber deshalb gleich als Freund und Lehrer Dantes bezeichnen kann[...]?
[...]
Da könnte man ja auf komische Gedanken kommen, weil Brunetto ja bei den Gewalttätern wider die Natur (Homosexuelle) zu finden ist.

Näheres weiss ich auch nicht. Aber ich glaube, man kann einen Freund aus theologisch-moralischen Gründen verurteilen (oder daran glauben, dass ihn Gott verurteilt / verurteilen wird), auch wenn man der Person ansonsten durchaus gewogen ist. Aber es ist jetzt noch eine Weile hin, bis ich im 15. Gesang sein werde.

Grüsse

Sandhofer
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Offline Georg

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Dante Alighieri: Divina Commedia
« Antwort #36 am: 13. Oktober 2004, 02:26 »
Hallo!

18. Gesang
Der achte Höllenkreis ist von zehn Gräben durchzogen. Im ersten Graben sind die Kuppler und Verführer. Vergil  weist Dante auf Jason hin der die Königstocher Medea verführt und dann verlassen hat.

19. Gesang
Im dritten Graben sind die Simonisten. Die Löcher im Fels des Grabens erinnern Dante an den Taufbrunnen im Baptisterium San Giovanni in Florenz.

20. Gesang
Dante sieht u.a. Amphiaraus aus Argos (Sieben gegen Theben), Manto, die Tochter von Tiresia, die nach Vergils Aussage seine Heimatstadt Mantua gegründet hat. In der Aeneis hatte Vergil noch Mantos Sohn Ocnus als Gründer von Mantua genannt. Vergil berichtigt sich hier also.

21. Gesang
Im fünften Graben finden sich die bestechlichen Beamten

Offline nimue

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Re: Gesänge 5 + 6
« Antwort #37 am: 13. Oktober 2004, 07:50 »
Einen wunderschönen guten Morgen,

ich bin nun auch endlich etwas weitergekommen: Heute morgen bin ich im Zug bis zum 7. Gesang vorgedrungen.

Zitat von: Bluebell
Hm ... ich weiß zwar, dass er als "Einläuter" der Renaissance gehandelt wird, aber mir persönlich kommt er doch noch sehr, sehr mittelalterlich vor - soweit ich das nach den wenigen Kapiteln, die ich bisher gelesen habe, bereits sagen kann. Vielleicht ändert sich mein Eindruck später noch, oder ich habe das Aufklärerische in den ersten Gesängen nicht richtig durchschaut!?


Wundert mich ehrlich gesagt auch etwas!

Zitat von: Georg
Soweit ich weiß, galt zur Zeit von Dante Vergil als der größte Dichter. Umso erstaunlicher, dass dieser in der commedia dann sagt: "Das ist Homer, der Meister aller Dichter."
Würde Vergil, wenn er nicht gerade mit Dante unterwegs ist, nicht auch hier im Limbus der Ungetauften sitzen? Es wären dann fünf große Dichter, wobei Homer, Horaz, Ovid und Vergil sicher auch heute noch zumindest für mich als die vier großen Dichter der Antike gelten, oder seht ihr das nicht so?


Zu Vergil meint Wikipedia Im Mittelalter galt Vergil als Zauberer und zugleich als Vorbote des Christentums – in der 4. Ekloge wird die Geburt eines Knaben in Worten vorausgesagt, die stark an Christi Geburt erinnern.

Als Vorbote des Christentums nimmt Vergil auch in der göttlichen Komödie eine entsprechende Rolle ein, denn er ist Dantes Führer in der Unterwelt.

Zitat von: sandhofer
Minos, der Höllenrichter: ein schönes Beispiel dafür, wie Dante - hierin ganz Mittelalter - aus der in der griechischen Antike doch recht angesehenen Figur ein - Monster macht.  Sehr interessant, wie Dante sowohl die aus Liebe Sündigenden wie auch die aus Geilheit Sündigenden an - Frauen exemplifiziert.


Eine der sieben Todsünden, die Dante - wie ich vermute - im Folgenden aufzählt: Hier haben wir die Wollust im 5. Gesang.

Zitat von: sandhofer
Sehr romantisch wirkt auf mich, wie Dante bei jeder grösseren Emotion in Ohnmacht fällt.


Ja...das amüsiert mich auch immer wieder!

Zitat von: sandhofer
Ein männlicher Zeitgenosse hingegen steht als Vertreter der Verfressenen da


Im 6. Gesang: Die Völlerei:

Ihr Bürger nanntet mich den schweinischen Ciacco,
und durch die schlimme Schuld der Schlemmerei
muß ich dem Regen, wie du siehst, erliegen.


Zitat von: sandhofer
Und der Cerberus - wieder eine antike Gestalt, die Dante zum Monster verformt hat. (Übrigens auch hier eine Spur von Dante bis ins 21. Jahrhundert: Ich weiss nicht mehr, wie das Viech geheissen hat, aber da war doch so ein dreiköpfiges Monster im ersten Harry Potter-Film, oder?)


Nicht unbedingt zu Dante, sondern vielmehr zur griechischen Mythologie. Wikipedia meint dazu:

Kerberos ist in der griechischen Mythologie der Höllenhund, der den Eingang zur Unterwelt bewacht. Er ist der Sohn von Echidna und Typhon, seine Geschwister sind Chimaira, Hydra, der Löwe von Nemea, Orthos und Sphinx, ebenfalls Ungeheuer der griechischen Mythologie.

Kerberos wurde zuächst einköpfig, später dreiköpfig oder auch fünfzigköpfig dargestellt, wobei auch noch andere Zahlen genannt werden. Nebst einem Schlangenschwanz trug er noch Schlangenköpfe auf dem Rücken. Als Herakles in seiner 12. Aufgabe den Kerberos lebendig vor Eurystheus bringen musste, um ihn danach wieder in die Unterwelt zurückzuführen, tropfte sein Geifer zu Boden, woraus der Eisenhut entstand. Orpheus bezauberte bei seiner Suche nach Eurydike den Kerberos mit seinem Gesang.


Nun im 7. Gesang haben wir die nächste Todsünde: Der Geiz. Diese Todsünde begingen damals wohl vor allem Adelige und Geistliche.

Am Ende des 7. Gesanges dann noch der Zorn.

Sehr interessant fand ich, dass plötzlich Göttin Fortuna auftaucht, oder vielmehr erklärt wird, wozu die Menschheit sie braucht. Merkt man hier noch die Einflüsse der Mythologie auf Dante?

Was mir beim Lesen immer wieder auffällt, ist dass Dante die Hölle sehr anschaulich beschreibt. Brrrr....ich muss mich oft richtig überwinden, noch weiter über das Jammern, Klagen, Wehgeschrei zu lesen.

Liebe Grüße
nimue

Offline sandhofer

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Bis Gesang 10
« Antwort #38 am: 13. Oktober 2004, 20:14 »
Hallo zusammen!

Ich bin jetzt bei (nach) Gesang 10, weiss aber noch nicht, ob ich heute abend noch weiter lesen kann. Zu Georgs letztem Posting kann ich also noch nicht Stellung nehmen.

Zitat von: Georg
Soweit ich weiß, galt zur Zeit von Dante Vergil als der größte Dichter. Umso erstaunlicher, dass dieser in der commedia dann sagt: "Das ist Homer, der Meister aller Dichter."
Würde Vergil, wenn er nicht gerade mit Dante unterwegs ist, nicht auch hier im Limbus der Ungetauften sitzen? Es wären dann fünf große Dichter, wobei Homer, Horaz, Ovid und Vergil sicher auch heute noch zumindest für mich als die vier großen Dichter der Antike gelten, oder seht ihr das nicht so?

Bei der Einschätzung Homers stützt sich Dante wohl auf seine Gewährsmänner - eben die alten Römer. Zu Dantes Zeit waren die Griechen praktisch unbekannt; allenfalls Bruchstücke und natürlich Aristoteles - aber alles in lateinischer Übersetzung.

Zitat von: nimue
Zu Vergil meint Wikipedia Im Mittelalter galt Vergil als Zauberer und zugleich als Vorbote des Christentums - in der 4. Ekloge wird die Geburt eines Knaben in Worten vorausgesagt, die stark an Christi Geburt erinnern.

Der Zauberer ist wohl eher die Ansicht des ungebildeteren Volkes, soweit es Vergil überhaupt kannte. Auch andere Denker teilen das Schicksal einer solchen Einschätzung, so gibt es einen ganzen Sagenkreis um den Zauberer Albertus Magnus. Späterhin ereilte einen gewissen Dr. Faust dieses Schicksal. Die Gebildeten - zu denen Dante zweifelsohne zählt - werden vor allem den genialen Dichter und den Propheten des Christentums gekannt haben. Dante selber scheint eine echte persönliche Beziehung zu Vergil gehabt zu haben. Dieser Dichter ist wohl, was wir heute Dantes Idol nennen würden.

Zitat von: nimue
Nun im 7. Gesang haben wir die nächste Todsünde: Der Geiz. Diese Todsünde begingen damals wohl vor allem Adelige und Geistliche.

Wer sonst hatte überhaupt etwas, womit er geizen konnte? M.W. entstanden der bürgerliche Kaufmann und der bürgerliche Bankier gerade erst zu Dantes Zeit.

Zitat von: nimue
Sehr interessant fand ich, dass plötzlich Göttin Fortuna auftaucht, oder vielmehr erklärt wird, wozu die Menschheit sie braucht. Merkt man hier noch die Einflüsse der Mythologie auf Dante?

Laut meinem Kommentar nicht nur auf Dante. Schon Boethius und Thomas von Aquin haben die Fortuna in die christliche Theologie 'integriert'.

Zitat von: nimue
Was mir beim Lesen immer wieder auffällt, ist dass Dante die Hölle sehr anschaulich beschreibt. Brrrr....ich muss mich oft richtig überwinden, noch weiter über das Jammern, Klagen, Wehgeschrei zu lesen.

Merkwürdig. Als ich vor Jahren, Jahrzehnten die Divina Commedia zum ersten Mal las, hatte ich genau dasselbe Empfinden. Heute geht es mir im Gegenteil so, dass ich Dante als Beschreiber ungeheuer kalt und distanziert empfinde. Aber wahrscheinlich spielt auch das eine Rolle, was Habermas das 'Ernkenntnisinteresse' genannt hat; und heute bin ich mehr an Dantes Theologie interessiert, als ich es damals war ...

Grüsse

Sandhofer
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Offline Georg

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Re:
« Antwort #39 am: 16. Oktober 2004, 00:16 »
Zitat von: sandhofer

Bei der Einschätzung Homers stützt sich Dante wohl auf seine Gewährsmänner - eben die alten Römer. Zu Dantes Zeit waren die Griechen praktisch unbekannt; allenfalls Bruchstücke und natürlich Aristoteles - aber alles in lateinischer Übersetzung.


Ja, ja, deshalb muss Dante ja auch im 26. Gesang als er Ulyss und Diomedes trifft, den Vergil als Übersetzer zu Hilfe nehmen, weil er des Griechischen nicht ausreichend mächtig ist. Das trojanische Pferd kennt Dante ja, obwohl er Homer nicht gelesen hat, aus Vergils Aeneis II und aus Ovids Metamorphosen XII.

Ich denke eh, wenn man Vergils Aeneis und Ovids Metarmorphosen nicht kennt, versteht man fast nichts aus Dantes commedia, den Homer als Voraussetzung, wie von vielen empfohlen, halte ich dagegen als entbehrlich. Wie seht ihr das?

Gruß

Georg

Offline sandhofer

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Homer & Dante
« Antwort #40 am: 16. Oktober 2004, 07:22 »
Hallo zusammen!

Ich habe unterdessen noch Gesang 11 gelesen, frage mich jetzt aber, wo eigentlich Bluebell steckt ...

Zitat von: Georg
[..] deshalb muss Dante ja auch im 26. Gesang als er Ulyss und Diomedes trifft, den Vergil als Übersetzer zu Hilfe nehmen, weil er des Griechischen nicht ausreichend mächtig ist. Das trojanische Pferd kennt Dante ja, obwohl er Homer nicht gelesen hat, aus Vergils Aeneis II und aus Ovids Metamorphosen XII.

An diese Szene erinnerte ich mich nicht mehr, es beweist aber meine These.

Zum trojanischen Pferd: Das könnte Dante auch nicht aus Homer kennen, selbst wenn er ihn gelesen hätte. Es kommt nämlich in der Ilias gar nicht vor. Die endet mit den Bestattungszeremonien für Hektor. Da wird sich Dante wohl wirklich eher an die Aeneis erinnert haben: Quidquid id est, timeo Danaos et dona ferentes. Einer der wenigen Sätze, die ich auf Latein zitieren kann ...

Zitat von: Georg
Ich denke eh, wenn man Vergils Aeneis und Ovids Metarmorphosen nicht kennt, versteht man fast nichts aus Dantes commedia, den Homer als Voraussetzung, wie von vielen empfohlen, halte ich dagegen als entbehrlich. Wie seht ihr das?

"Fast nichts" ist wohl übertrieben, aber es ist klar, dass v.a. letzterer Dantes Gewährsmann war für die griechisch-antiken Fabelgestalten. Ich meine sogar, dass Ovid bis heute die Quelle dafür ist.

Grüsse

Sandhofer
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Offline Georg

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Re: Homer & Dante
« Antwort #41 am: 16. Oktober 2004, 15:10 »
Zitat von: sandhofer

Zum trojanischen Pferd: Das könnte Dante auch nicht aus Homer kennen, selbst wenn er ihn gelesen hätte. Es kommt nämlich in der Ilias gar nicht vor.


Also, das sehe ich nicht so, hätte Dante Homer gelesen, bräuchte er Vergil nicht, um das trojanische Pferd zu kennen. Das war doch keine Erfindung von Vergil, sonder Homer berichtet davon in der Odyssee (Homer hat ja nicht nur die Ilias geschrieben.)

lies mal das folgende:

"Wahrlich vor allen Menschen, Demodokos, achtet mein Herz dich!
Dich hat die Muse gelehrt, Zeus' Tochter, oder Apollon!
So zum Erstaunen genau besingst du das Schicksal der Griechen,
 
490  Alles was sie getan und erduldet im mühsamen Kriegszug,
Gleich als hättest du selbst es gesehen oder gehöret.
Fahre nun fort, und singe des hölzernen Rosses Erfindung,
Welches Epeios baute mit Hilfe der Pallas Athene,
Und zum Betrug in die Burg einführte der edle Odysseus,  
495  Mit bewaffneten Männern gefüllt, die Troja bezwangen.

Wenn du mir dieses auch mit solcher Ordnung erzählest;
Siehe dann will ich sofort es allen Menschen verkünden,
Daß ein waltender Gott den hohen Gesang dir verliehn hat.
Sprach's; und eilend begann der gottbegeisterte Sänger,
 
500  Wie das Heer der Achaier in schöngebordeten Schiffen
Von dem Gestade fuhr, nach angezündetem Lager.
Aber die andern, geführt vom hochberühmten Odysseus,
Saßen, von Troern umringt, im Bauche des hölzernen Rosses,
Welches die Troer selbst in die Burg von Ilion zogen.  
505  Allda stand nun das Roß, und ringsum saßen die Feinde,

Hin und her ratschlagend. Sie waren dreifacher Meinung:
Diese, das hohle Gebäude mit grausamem Erze zu spalten;
Jene, es hoch auf den Felsen zu ziehn, und herunter zu schmettern;
Andre, es einzuweihen zum Sühnungsopfer der Götter.  
510  Und der letzteren Rat war bestimmt erfüllet zu werden.
Denn das Schicksal beschloß Verderben, wann Troja das große
Hölzerne Roß aufnähme, worin die tapfersten Griechen
Alle saßen, und Tod und Verderben gen Ilion brachten.
Und er sang, wie die Stadt von Achaias Söhnen verheert ward,  
515  Welche dem hohlen Bauche des trüglichen Rosses entstürzten;
Sang, wie sie hier und dort die stolze Feste bestürmten;
Und wie Odysseus schnell zu des edlen Deiphobos' Wohnung
Eilte, dem Kriegsgott gleich, samt Atreus' Sohn Menelaos,
Und wie er dort voll Mutes dem schrecklichsten Kampfe sich darbot,  
520  Aber zuletzt obsiegte, durch Hilfe der hohen Athene.  "

Ist das Homer oder Vergil? Ich bin mir eigentlich sicher, das ist Homer!

Offline sandhofer

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Homer
« Antwort #42 am: 16. Oktober 2004, 16:31 »
Hallo zusammen!

Ach so, ja - die Odyssee. Komisch. Ich vergesse ich immer, dass da irgendwann, so en passant, der Schluss der Belagerung Trojas nachgeliefert wird.

Vielleicht weil für meinen Geschmack Vergil die 'bessere' Version lieferte. Eine, die eben auch in den Handlungszusammenhang gehörte.

Aber Du hast natürlich recht, Georg: Auch aus Homer hätte Dante das hölzerne Pferdchen kennen können.

Grüsse

Sandhofer
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Offline Georg

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Vergil und Ovid
« Antwort #43 am: 16. Oktober 2004, 17:54 »
Hallo zusammen,

also ich bleibe dabei, ohne gute Kenntnisse von Vergils und Ovids Schriften, kommt man beim Lesen der commedia nicht weit.

Beispiel 30. Gesang:

beginnt mit: "Als Juno einst, von Eifersucht entzündet, um Semele sich wider Theben wandte ......"

ja und was mach ich jetzt, wenn ich die Geschichte von Juno und Semele nicht aus dem 3. Kapitel  von Ovids Metamorphosen kenne?

Und gegen Ende des 30. Gesangs: "Dir aber dampft in Glut des Schädels Grütze! - Wie gerne lecktest, ohne langes Bitten, Narzissens Spiegel du in jeder Pfütze!"

und woher weiß ich das Narzissens Spiegel das Wasser ist, wenn nicht aus Ovids Metamorphosen?      usw, usw.

Ich habe jetzt das Inferno  zu Ende gelesen,  Im 32./33. Gesang nochmal ein kleiner Höhepunkt mit der Geschichte des Grafen Ugolino, aber auch hier versteht man nicht viel, wenn man die Geschichte nicht schon vorher kannte.

Im 34. Gesang dann der richtige Teufel, der in seinen drei Rachen die Verräter Brutus, Cassius und Judas zermalmt. Das ganze wirkt eigentlich eher lächerlich, als fürchterlich.

Erstes Fazit: während am Anfang die Sprache noch imponiert, wird das ganze mit der Zeit doch ziemlich langweilig. Was bringt es, wenn ich weiß, wer nach Dantes Ansicht wo und mit welcher Strafe in der Hölle schmort?

Offline Bluebell

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Re: Homer & Dante
« Antwort #44 am: 16. Oktober 2004, 18:46 »
Zitat von: sandhofer
 frage mich jetzt aber, wo eigentlich Bluebell steckt ...

Kurz gesagt: im Stress!  :sauer:
Inzwischen habe ich aber aufgeholt und bin bis zum zwölften Gesang vorgedrungen.

Zum 5. Gesang:

Zitat von: sandhofer
Sehr interessant, wie Dante sowohl die aus Liebe Sündigenden wie auch die aus Geilheit Sündigenden an - Frauen exemplifiziert.

Wobei es für mich eine ganz neue Erfahrung war, Liebespaare wie beispielsweise Helena und Paris oder Lanzelot und Ginevra in der Hölle schmorend anzutreffen - also Figuren, mit denen ich bisher zwar immer "tragische Romantik", aber sicher nicht den Begriff "Sünde" assoziiert habe (den Ehebruch hab ich wohl verdrängt  :breitgrins: ).
Und dass solche Sympathieträger dieselben Qualen erleiden müssen wie die assyrische Königin Semiramis, die wegen der sexuellen Beziehung zu ihrem eigenen Sohn die Blutschande gesetzlich erlaubt haben soll ... also in meinen Augen sind das doch zwei sehr unterschiedliche Kaliber!  :entsetzt:
Wenn Dante schon Romeo und Julia gekannt hätte und die beiden nicht so eindeutig literarische Fiktion wären, hätte er die vielleicht auch noch in den zweiten Höllenkreis geschickt ... *grummel*

Zitat von: sandhofer
Sehr romantisch wirkt auf mich, wie Dante bei jeder grösseren Emotion in Ohnmacht fällt.

 :breitgrins: *zustimm*

Zum 6. Gesang:

Zitat von: sandhofer
Und der Cerberus - wieder eine antike Gestalt, die Dante zum Monster verformt hat. (Übrigens auch hier eine Spur von Dante bis ins 21. Jahrhundert: Ich weiss nicht mehr, wie das Viech geheissen hat, aber da war doch so ein dreiköpfiges Monster im ersten Harry Potter-Film, oder?)

Stimmt, war das nicht Fluffy? *g*
Aber ob das wirklich auf Dante zurückzuführen ist? Ich dachte eigentlich, der Cerberus wäre schon vorher als dreiköpfiges Ungetüm bekannt gewesen ... allerdings kenne ich mich mit der Primärliteratur nicht aus. Was verkörpert er den in den griechischen Originalschriften?
EDIT: Habe gerade nimues Antwort gelesen.

Und hier vielleicht wieder einmal ein Vergleich der Übersetzungen:
Zitat von: nimue
Ihr Bürger nanntet mich den schweinischen Ciacco,
und durch die schlimme Schuld der Schlemmerei
muß ich dem Regen, wie du siehst, erliegen.

Die Stelle lautet bei mir:

Ihr Bürger pflegtet Ciacco mich zu taufen;
Jetzt muss ich für die schlimme Schuld der Kehle
Hier, wie du siehst, von diesem Regen saufen.


Zum 7. Gesang:

Zitat von: sandhofer
Pluto, in dem offenbar zwei antike Gestalten verschmolzen sind: Plutos, der Gott des Reichtums und Pluto, der Gott der Unterwelt.

Mit diesem Kerl tue ich mich etwas schwer. Mein Kommentar sagt: Pluto: der antike Gott des Reichtums. In der Antike schon wurde er vom Herrn über die irdischen Schätze auch zum Herrn über die Toten. Bei Dante Symbol des Geizes.
Waren also Pluto (Reichtum) und Plutos (Unterwelt) ursprünglich tatsächlich zwei verschiedene Gestalten (warum dann die fast identischen Namen?), oder wurde das Aufgabengebiet des Gottes des Reichtums quasi um das Totenreich erweitert? :?:

Zitat von: sandhofer
Die zweite antike Gestalt: Fortuna.

Ich finde die Begründung für die Existenzberechtigung dieser ursprünglich heidnischen Göttin interessant: nämlich dass sie von Gott sozusagen als Verwalterin der weltlichen Güter eingesetzt wurde.
Speziell die Zeilen:
"Sie sagt, beurteilt, tut in ihrem Reiche
wie jeder Gott in seinem, ihre Pflicht."

Kratzt dass nicht schon hart am Gebot "Du sollst keine anderen Götter neben mir haben"?  :zwinker:

Zitat von: Sandhofer
Wieviele Geistliche, Kardinäle, ja Päpste sind nicht unter den Geizigen!

Darüber war ich auch baff! Ganz schön mutig von Dante - in einer Zeit, wo öffentlich geäußerte Kirchenkritik unter Umständen fatale Folgen haben konnte ... hier hätten wir also ein Beispiel für den Aufklärer Dante (siehe meine Zweifel während der ersten Gesänge).

Zitat von: sandhofer
Dann die Zornigen und die Verdrossenen.

Hier kam mir vor allem der Teil mit den Verdrossenen hochaktuell vor. Erinnerte mich stark an die heutige Zivilisationskrankheit Depression.
Anmerkung: Die Gefühlsträgen, die keiner Aufwallung des Gemüts fähig waren, büßen gemeinsam mit ihrem Gegenbild, den Zornigen. Dante stellt gern Laster zusammen (Geiz - Verschwendung), die von einer gemeinsamen Mitte abweichen.
Kann man das als Stilmittel bezeichnen? Jedenfalls gefällt es mir.

Zitat von: nimue
Was mir beim Lesen immer wieder auffällt, ist dass Dante die Hölle sehr anschaulich beschreibt. Brrrr....ich muss mich oft richtig überwinden, noch weiter über das Jammern, Klagen, Wehgeschrei zu lesen.

Das geht mir ganz ähnlich! "Mitten drin statt nur dabei" ... ich kann mir alles bildlich, akustisch und auch geruchlich sehr lebhaft vorstellen.
Kühl und distanziert kommen mir die Beschreibungen gar nicht vor. Aber wahrscheinlich ändert sich der persönliche Eindruck wirklich, je nachdem, worauf man beim Lesen ganz besonders achtet.

So, für heute war es das von meiner Seite. Tut mir ehrlich leid, wenn ich in den letzten Tagen nachlässig war ...

Bis bald,
Bluebell

EDIT:
Zitat von: Georg
also ich bleibe dabei, ohne gute Kenntnisse von Vergils und Ovids Schriften, kommt man beim Lesen der commedia nicht weit.

Na sicher ist es sehr vorteilhaft, wenn man die Originale kennt, auf die sich Dante bezieht. Aber du tust ja so, als ob man ohne diese Kenntnisse nur Bahnhof verstehen würde, und so ist es auch wieder nicht! Immerhin gibt es ja sowas wie einen Kommentar, der einem in wenigen Sätzen die vorkommenden Figuren und eventuell deren Geschichte erläutert - und dann weiß man zumindest, wovon Dante redet!
Und dass der Spiegel von Narziß das Wasser war, weiß ich auch ohne mich jemals näher mit Ovid beschäftigt zu haben und sogar ohne Kommentar (bin nämlich noch gar nicht so weit).
Nix für ungut  :zwinker:
"Date a girl who reads. Date a girl who spends her money on books instead of clothes. She has problems with closet space because she has too many books. Date a girl who has a list of books she wants to read, who has had a library card since she was twelve."