frage mich jetzt aber, wo eigentlich Bluebell steckt ...
Kurz gesagt: im Stress!
Inzwischen habe ich aber aufgeholt und bin bis zum zwölften Gesang vorgedrungen.
Zum 5. Gesang: Sehr interessant, wie Dante sowohl die aus Liebe Sündigenden wie auch die aus Geilheit Sündigenden an - Frauen exemplifiziert.
Wobei es für mich eine ganz neue Erfahrung war, Liebespaare wie beispielsweise Helena und Paris oder Lanzelot und Ginevra in der Hölle schmorend anzutreffen - also Figuren, mit denen ich bisher zwar immer "tragische Romantik", aber sicher nicht den Begriff "Sünde" assoziiert habe (den Ehebruch hab ich wohl verdrängt

).
Und dass solche Sympathieträger dieselben Qualen erleiden müssen wie die assyrische Königin Semiramis, die wegen der sexuellen Beziehung zu ihrem eigenen Sohn die Blutschande gesetzlich erlaubt haben soll ... also in meinen Augen sind das doch zwei
sehr unterschiedliche Kaliber!
Wenn Dante schon Romeo und Julia gekannt hätte und die beiden nicht
so eindeutig literarische Fiktion wären, hätte er die vielleicht auch noch in den zweiten Höllenkreis geschickt ... *grummel*
Sehr romantisch wirkt auf mich, wie Dante bei jeder grösseren Emotion in Ohnmacht fällt.

*zustimm*
Zum 6. Gesang:Und der Cerberus - wieder eine antike Gestalt, die Dante zum Monster verformt hat. (Übrigens auch hier eine Spur von Dante bis ins 21. Jahrhundert: Ich weiss nicht mehr, wie das Viech geheissen hat, aber da war doch so ein dreiköpfiges Monster im ersten Harry Potter-Film, oder?)
Stimmt, war das nicht Fluffy? *g*
Aber ob das wirklich auf Dante zurückzuführen ist? Ich dachte eigentlich, der Cerberus wäre schon vorher als dreiköpfiges Ungetüm bekannt gewesen ... allerdings kenne ich mich mit der Primärliteratur nicht aus. Was verkörpert er den in den griechischen Originalschriften?
EDIT: Habe gerade nimues Antwort gelesen.
Und hier vielleicht wieder einmal ein Vergleich der Übersetzungen:
Ihr Bürger nanntet mich den schweinischen Ciacco,
und durch die schlimme Schuld der Schlemmerei
muß ich dem Regen, wie du siehst, erliegen.
Die Stelle lautet bei mir:
Ihr Bürger pflegtet Ciacco mich zu taufen;
Jetzt muss ich für die schlimme Schuld der Kehle
Hier, wie du siehst, von diesem Regen saufen.Zum 7. Gesang:Pluto, in dem offenbar zwei antike Gestalten verschmolzen sind: Plutos, der Gott des Reichtums und Pluto, der Gott der Unterwelt.
Mit diesem Kerl tue ich mich etwas schwer. Mein Kommentar sagt:
Pluto: der antike Gott des Reichtums. In der Antike schon wurde er vom Herrn über die irdischen Schätze auch zum Herrn über die Toten. Bei Dante Symbol des Geizes.Waren also Pluto (Reichtum) und Plutos (Unterwelt) ursprünglich tatsächlich zwei verschiedene Gestalten (warum dann die fast identischen Namen?), oder wurde das Aufgabengebiet des Gottes des Reichtums quasi um das Totenreich erweitert?

Die zweite antike Gestalt: Fortuna.
Ich finde die Begründung für die Existenzberechtigung dieser ursprünglich heidnischen Göttin interessant: nämlich dass sie von Gott sozusagen als Verwalterin der weltlichen Güter eingesetzt wurde.
Speziell die Zeilen:
"Sie sagt, beurteilt, tut in ihrem Reiche
wie jeder Gott in seinem, ihre Pflicht." Kratzt dass nicht schon hart am Gebot "Du sollst keine anderen Götter neben mir haben"?
Wieviele Geistliche, Kardinäle, ja Päpste sind nicht unter den Geizigen!
Darüber war ich auch baff! Ganz schön mutig von Dante - in einer Zeit, wo öffentlich geäußerte Kirchenkritik unter Umständen fatale Folgen haben konnte ... hier hätten wir also ein Beispiel für den Aufklärer Dante (siehe meine Zweifel während der ersten Gesänge).
Dann die Zornigen und die Verdrossenen.
Hier kam mir vor allem der Teil mit den Verdrossenen hochaktuell vor. Erinnerte mich stark an die heutige Zivilisationskrankheit Depression.
Anmerkung:
Die Gefühlsträgen, die keiner Aufwallung des Gemüts fähig waren, büßen gemeinsam mit ihrem Gegenbild, den Zornigen. Dante stellt gern Laster zusammen (Geiz - Verschwendung), die von einer gemeinsamen Mitte abweichen. Kann man das als Stilmittel bezeichnen? Jedenfalls gefällt es mir.
Was mir beim Lesen immer wieder auffällt, ist dass Dante die Hölle sehr anschaulich beschreibt. Brrrr....ich muss mich oft richtig überwinden, noch weiter über das Jammern, Klagen, Wehgeschrei zu lesen.
Das geht mir ganz ähnlich! "Mitten drin statt nur dabei" ... ich kann mir alles bildlich, akustisch und auch geruchlich sehr lebhaft vorstellen.
Kühl und distanziert kommen mir die Beschreibungen gar nicht vor. Aber wahrscheinlich ändert sich der persönliche Eindruck wirklich, je nachdem, worauf man beim Lesen ganz besonders achtet.
So, für heute war es das von meiner Seite. Tut mir ehrlich leid, wenn ich in den letzten Tagen nachlässig war ...
Bis bald,
Bluebell
EDIT:
also ich bleibe dabei, ohne gute Kenntnisse von Vergils und Ovids Schriften, kommt man beim Lesen der commedia nicht weit.
Na sicher ist es sehr vorteilhaft, wenn man die Originale kennt, auf die sich Dante bezieht. Aber du tust ja so, als ob man ohne diese Kenntnisse nur Bahnhof verstehen würde, und so ist es auch wieder nicht! Immerhin gibt es ja sowas wie einen Kommentar, der einem in wenigen Sätzen die vorkommenden Figuren und eventuell deren Geschichte erläutert - und dann weiß man zumindest, wovon Dante redet!
Und dass der Spiegel von Narziß das Wasser war, weiß ich auch ohne mich jemals näher mit Ovid beschäftigt zu haben und sogar ohne Kommentar (bin nämlich noch gar nicht so weit).
Nix für ungut
