Hallo zusammen,
hat jemand von euch bereits "Mein Leben mit Virginia" von Leonard Woolf gelesen?
ich lese gerade diese Erinnerungen und bin hin und her gerissen. Auf der einen Seite seine informativen Einblicke, wie Virginia Woolfs Krankheit verlief, seine Offenheit wenn es um Geldangelegenheiten ging, obwohl man ihm anmerkt, dass er gerne Zahlen aufführt.
Auf der anderen Seite sein rationelles Denken bis zur Ichbezogenheit.
z.B. als sie in ihren Flitterwochen wieder auf dem Heimweg waren, fuhren sie auf einem Frachter mit und hatten das Abendessen verpaßt.
Auszug:
Wir gingen hungrig ins Bett; das Mittelmeer war außerordentlich stürmisch; das Schiff ruckte und rollte, knirschte und stöhnte. ... Morgens um halb acht torkelte ich an Deck und fand den Dritten Offizier, der englisch sprach. Ich machte ihm klar, daß ich sehr hungrig wäre und warum. Er nahm mich mit auf die Brücke und ließ mir dort ein Frühstück servieren...keine Spur von Virginia und ihr Frühstück
dann wieder geht er so ausführlich an ihre Krankheit heran. Da auch die Ärzte nicht viel tun konnten, hat Leonard alles in kleinste notiert, beobachten, ausgewertet. Aber auch Entscheidungen getroffen, z.B. Verzicht auf Kinder, die vielleicht vernünftig war, vielleicht auch nicht. Aber wie er darüber erzählt ist alles sehr kühl, rein der Vernunftsmensch.
Dann wiederum kommt durchaus auch Humor zutage. Nach der schwersten Krise ihrer Krankheit kurz nach dem Ende des 2. Weltkrieges wurden sie von Facharzt zu Facharzt geschickt und jeder hat kassiert und nicht helfen können. Dann kamen sie zu Dr. Saintsburg, dieser schüttelte Virginia die Hand und sagte:
"Gleichmut - Gleichmut - üben Sie Gleichmut, Mrs Woolf"
Zitat Leonard Woolf dazu:
Das war zweifellos ein ausgezeichneter Rat und drei Guineen wert, aber als sich die Tür hinter uns schloß, fand ich doch, daß es genauso nützlich gewesen wäre, wenn er gesagt hätte: "Eine normale Temperatur - sechsunddreißigacht -, üben Sie eine normale Temperatur, Mrs Woolf.Auch verhinderte er, dass Virginia Woolf in eine geschlossene Anstalt kam, das damals Gesetz war für Geisteskranke. Die Ärzte nannte ihre Krankheit: Neurasthenie, doch Leonard Woolf hatte damals schon den Verdacht, dass seine Frau manisch-depressiv ist.
neben einer anderen Biographie (z.B. von Quentin Bell) sind die Erinnerung des Leonard Woolfs schon zu empfehlen, nur alleinstehend wäre sie meines Erachtens zu einseitig.
Viele Grüße
Maria