Habe jetzt ihre zwei Essay-Bände The Common Reader gelesen. Als Essayistin ist Woolf ihr Geld wert. Sie steuert den Leser mit Geschmack und Geschick durch die Jahrhunderte englischer Literatur. Obgleich sie ein Faible für die elisabethanische Welt gehabt zu haben scheint, gibt sie zu, dass sie diese Epoche und ihre Autoren nicht wirklich zu fassen vermag. (Ob wohl deshalb der Teil, der in jener Zeit spielt, in Orlando der am besten geratene ist?) Sie liest, sie vergleicht, sie studiert auch immer wieder die Biografien der von ihr besprochenen Autoren. Konsequenterweise bespricht sie denn auch keine Zeitgenossen, nur einmal werden sie kurz erwähnt, in einem Essay über den Kritiker. (Und prompt geschieht ihr, was ihrer eigenen Meinung nach dem Kritiker zeitgenössischer Literatur immer wieder geschehen wird: Sie schätzt ihre Zeitgenossen völlig falsch ein. Nach rund 90 Jahren sind die ihrer Meinung nach überdauernden Lyriker bereits absolut unbekannt; Joyce hingegen wertet sie in ein paar Sätzen zur literarischen Null ab.) Dennoch: ich habe diese Essays um einiges mehr genossen als den Orlando. Denn sie haben die Qualität, die Orlando nur zu Beginn hat: ein heiteres Plaudern über die Eigenheiten längst verstorbener Autoren.