Hallo Zusammen
Halten wir noch einmal fest, meine Frage war:>>> Ist er jetzt >in<, weil er gerade so >out< ist, was ist das Geheimnis? <<<Bluebell hat darauf erwidert: >>> Hm, eine interessante Idee. Angesichts anderer Modeerscheinungen z.B. in Musik und Kleidung (Stichwort "Retro") drängt sich der Gedanke wirklich auf ... vorausgesetzt, Thomas Mann ist tatsächlich altmodisch (ist er das?). <<<
Leila Parker sagte: >>> ja, modern im eigentlichem Sinne kann man "Lotte in Weimar" und "Königliche Hoheit" sicher nicht betrachten. Das will ich auch nicht, da gerade der historische Aspekt beider Werke Manns für mich so enorm interessant sind. <<<
Sandhofer erklärte dann: >>> Die Lotte ist doch gerade thematisch sehr modern, oder?
Modernes Thema 1: Wie geht ein Mensch mit einer ihm (bzw. halt meist immer noch: ihr) zugefallenen (sekundären) Berühmtheit um? Einer Berühmtheit durch eine Affäre mit einer andern, genuinen Berühmtheit? Beispiele, mutatis mutandis: Naddel. Oder die neue Freundin von Becker. Oder Diana. Oder ... oder ... oder ... <<<
Finsbury erwähnte: >>> Wenn man Klassiker liest, haben die alle eine gewisse Entrückheit durch die damaligen Lebensumstände, die ins Werk eingeflossen sind und auch durch die Literatursprache der jeweiligen Epoche.
Dennoch bin ich der Meinung, wie auch du, Sandhofer, dass ein "überholter" Schauplatz und eine altmodische Ausdrucksweise nichts an der Zeitlosigkeit der Inhalte ausmacht, die einen Klassiker auszeichnen.
und …
In ganz anderer Weise - denke ich - strahlt Manns Werk außerdem einen eigenen Reiz aus. Es demonstriert, wie artistisch man mit unserer Sprache, insbesondere den Möglichkeiten der Satzstruktur umgehen kann: Es kann allein schon ein Genuss sein, sich von den Hypotaxen in den literarischen Schilderungen Manns, z.B. "Herr und Hund" tragen zu lassen.
Trotz einiger Manierismen, wie z.B. in "Wälsungenblut", hegt wohl jeder Bücherfreund eine Leidenschaft für perfekt durchgestaltete Sprache. Und das beherrschen im Prosabereich nicht sehr viel so perfekt wie Mann. <<<
Alpha gab den Einwand: >>> Da würde mich doch interessieren: Wie definiert ihr "altmodisch". <<< >>> Weshalb gibt es noch Leute, die Rubens, Rembrandt, Michelangelo usw noch bewundern, sind sie nicht längst veraltet??? <<<
So, dieses Resümee wollte ich unbedingt noch einmal zusammenfassen, da ich denke, dass nur wenige wirklich auf meine Frage eingegangen sind. Überhaupt habe ich den Eindruck als wolltet ihr über mich herfallen, weil ich den guten Th. Mann beschmutzen wollte. (Nur das wollte ich nie!)
Mein Gedanke ist eher jener:
Modern scheint mir heute, wenn man eine fast schon ordinäre Sprache benutzt, und bitte schön, es darf nichts lehrreiches, also kein Fingerzeig vorhanden sein, denn die Bildung lassen wir mal außen vor. In Gedichten darf man Leidenschaft nicht mehr mit gepflegten Worten umschreiben, sondern dort steht es jetzt plump: Ich ficke dich!
Und gerade das, was heute für modern erklärt wird, findet man bei Th. Mann nicht (Gott sei dank).
In dieser Hinsicht noch einmal: >>> Ist er jetzt >in<, weil er gerade so >out< ist, was ist das Geheimnis? <<<
Im modernen Zauberberg müsste Hans mit seiner Clavdia „ficken was das Zeug hält“ usw.
Andere Frage:
Und ich glaube, da sind wir uns jetzt alle einiger. Wir lesen Th. Mann gerade deshalb, weil wir den modernen Mist nicht lesen wollen. Wir möchten von der Sprache begeistert sein, wir möchten auch noch den großen Bildungsroman lesen, da wir nicht nur zur Unterhaltung lesen, sondern wir möchten auch innerlich reifen und lesen.
In diesem Sinne
Heidi
PS Beim modernen Mulisch "Die Entdeckung des Himmels" habe ich das Wort ficken gleich dreimal gefunden.
