Hallo zusammen,
vielleicht ist es hilfreich, wenn ich kurz den Kontext des Zitates wiedergebe.
Es stammt aus Houellebecqs erstem Buch 'Gegen die Welt, gegen das Leben.', in dem er sich mit H.P. Lovercraft auseinandersetzt und zwar aus dem ersten Teil des Buches, aus dem Kapitel 'Ein neues Universum'.
Es beginnt folgendermaßen:
"Das Leben ist schmerzhaft und enttäuschend. Folglich ist es nutzlos, neue realistische Romane zu schreiben. Was die Realität im allgemeinen betrifft, so wissen wir bereits, woran wir sind; und wir haben keine Lust, noch mehr darüber zu erfahren. [...] Ist das Buch einmal zugeschlagen, verstärkt all das nur unseren Ekel, der bereits von jedem beliebigen Tag des 'realen Lebens' reichlich genährt wird. [...] Wer das Leben liebt, liest nicht. Und geht erst recht nicht ins Kino. Was immer auch darüber gesagt wird, der Zugang zum künstlerischen Universum ist mehr oder weniger für jene reserviert, die ein wenig die Schnauze voll haben."
Man muß das Zitat also wohl zum einen vor dem Hintergrund der in Houellebecqs Texten allgemein vorherrschenden lebensverneinenden Grundstimmung und zum anderen in Bezug auf das von H.P. Lovercraft geschaffenen Universum sehen.
Daher würde ich sagen, daß er das Lesen (speziell das Lesen von nicht-realitätsnahen Texten) deutlich als Fluchtmöglichkeit aus der Realität ansieht. Ich würde diesem Zitat zumindest in weitem Umfang zustimmen. Natürlich ist es überspitzt und provokant, aber der Kern scheint wahr zu sein. Die Zeit, die ich aufwende, um zu lesen, d.h. um mich in das Leben anderer Personen hinein zu denken, andere Lebensgeschichten und Ereignisse zu erkunden, nutze ich nicht, um mich mit meinem eigenen Leben zu beschäftigen. Da ich recht viel und gern lese, scheint mir dies wohl eine willkommene Abwechslung zu sein, scheint die aufgebrachte Zeit besser angelegt zu sein, als in die 'Erfahrung', das 'Erleben' des eigenen Lebens.
Bliebe die Frage nach seinen eigenen Büchern, die ich in weiten Strecken als zutiefst realistisch, fast schon schmerzhaft realistisch und zeitgebunden erfahren habe...
Gruß
Berch