Liebe Mitleser,
zwar bin ich mit Sicherheit keiner derjenigen Schnellleser, die Bücher förmlicherweise "verspeisen", der alte Fontane hat es mir jedoch besonders angetan. Auch ich habe soeben "Vor dem Sturm" vollendet, ein Buch, das ich vor ca. 13 Jahren noch etwas angeödet wieder aus der Hand legte. Aber man muss sich Fontane wohl erst langsam nähern, um seine Erzählkunst wirklich nachzuvollziehen, dies habe ich denn auch getan (mit Frau Jenny Treibel, L'adultera, Unwiederbringlich, Die Poggenpuhls, Stine, Der Stechlin).
Ich möchte trotzdem noch einmal gerne das Thema eröffnen, was uns, moderne Menschen, denn heute so an Fontane fasziniert: Ist es, provozierend gefragt, der Reiz einer "gala-"ähnlichen Adelsgesellschaft, also das Interesse am Leben der oberen Zehntausend des 19. Jahrhunderts? Oder gar die konservative Erinnerung an ein "geordnetes" Leben mit dem jeweiligen "Oben" und "Unten". Als Mensch, der Sozialwissenschaften und Geschichte studiert hat, kamen mir das ein oder andere Mal beim Lesen diese Gedanken, sie sind gleichwohl hier nur als provokante Thesen gemeint.
Immerhin stellt uns Fontane Figuren in sympathischer Weise vor Augen, die der Geschichtsunterricht der Schule doch immer als verachtenswert hingestellt hatte: Der (groß)grundbesitzende Adel preußischer Abstammung, einer der Steigbügelhalter für den von Großmannssucht getriebenen Wilhelm II. und nicht zuletzt Stütze des Aufstiegs Hitlers.
Nein, lassen wir diese historische Betrachtungsweise, ein Bernd von Vitzewitz oder Dubslav von Stechlin sind doch gerade keine beispielhaften Parameter für eine von Machtbewusstsein getriebene Gesellschaftsschicht. Was fasziniert uns aber so an Fontane?