Autor Thema: Theodor Fontane  (Gelesen 29634 mal)

Offline van der Straaten

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Re: Theodor Fontane
« Antwort #135 am: 6. April 2010, 23:08 »
Vielen Dank für die Antworten. Wie ich sehe, scheint jeder seinen individuellen Zugang zu Fontane zu pflegen. Prüfend zu meiner selbst aufgeworfenen Fragestellung muss ich feststellen, dass ich Fontanes Romane insbesondere zu deren Ende besonders schätze. Dies aus zweierlei Gründen: Entweder ist es die Zunahme der Ereignisse, die einen fesselt (Cecile, Effie Briest, tlw. Unwiederbringlich) oder aber die rückblickende Betrachtung der Akteure, in diesem Forum bereits als "Altersweisheit" Fontanes beschrieben. Wie wir alle wissen, begann Fontane sein künstlerisches Schaffen in einem sehr hohen Alter, insbesondere, wenn man das damalige Durchschnittsalter betrachtet.
So liebe ich ebenfalls insbesondere den "Stechlin", hat Fontane doch den letztgenannten Aspekt hier zu seiner Blüte geführt: Die Gedanken Dubslavs von Stechlin bis kurz vor seinem Tode nachzuverfolgen, hatte für mich einen großen Reiz. Es scheint bei diesem Roman großteilig so, als spreche Fontane selbst, so ähnlich hat es ja auch Fritz Mauthner im "Berliner Tageblatt" schon 1898 ausgedrückt: "Fontanes letzte Gedanken über Gott und die Welt, über Bismarck und den alten Fritz, über Preußen und die Mark Brandenburg, über die soziale Frage und über die Armee, über Mannesseelen und Frauenherzen ... Und am Ende haben wir gar etwas wie den Abschluß seiner Selbstbiographie vor uns." (siehe das Nachwort von Walter Müller-Seidel in der Insel-Ausgabe)

Aber man muss sich hierbei, so denke ich, immer vor Augen halten, dass es jemanden wie den "alten Stechlin" wohl kaum im preußischen Landadel gab: Angefangen bei der gewählten Ausdrucksweise bis hin zu den Gedankengängen, die zumindest ein Verständnis für sozialdemokratische Gedankengänge offenbaren, bleibt Fontanes Stechlin kaum ein wirkliches Beispiel preußischen Junkertums.

Warum also diese irreführende Veredelung. Damit wären wir bei Tom: ...die Menschen Fontanes und eine Zeit, deren Kolorit irgendwo zwischen reaktionär/imperialistisch/chauvinistisch und humanistisch/fortschrittlich angesiedelt ist.

Fontane muss selbst immer wieder zwischen diesen beiden Polen hin- und hergeschwankt sein: Während der (wieder alte) General Bamme zum Ende von "Vor dem Sturm" bekennt: "Es ist nichts mit den zweierlei Menschen" und insofern die ständische Gesellschaft als überholt betrachtet und Gräfin Melusine als zukünftige Schwiegertochter des Stechlins allerlei Gedanken von der Gleichheit der Menschen darbringt, entscheidet sich Fontane zwischendurch doch wieder für die "gute Ordnung": So bleibt die Liebe in "Irrungen, Wirrungen" zugunsten des Ständeprinzips auf der Strecke. Fontane scheint sich selbst nicht sicher, wie denn nun die neuen Zeiten und der neue Geist aussehen, so bleibt er dann doch eben jener, der zumindest seine Figuren das Bestehende in Frage stellen lässt, ohne wirklich Neues zu denken.

Eins werfe ich Fontane deshalb ein bisschen vor. Überall ist zu lesen, er liefere ein Bild seiner "Zeit", dafür kommt mir aber die hochindustrielle Ära mit ihren Umbrüchen doch zu kurz.

Bleibt die Frage der Frauen bei Fontane. Ich bin mal wieder etwas provozierend (deshalb auch van der Straaten): Mir erscheint eine Marie (Vor dem Sturm) und eine Melusine dann doch etwas zu perfekt. Will Fontane uns dann doch letztendlich weismachen, die Frauen seien nun einmal das bessere Geschleicht?

Offline JMaria

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Re: Theodor Fontane
« Antwort #136 am: 9. April 2010, 10:45 »
   Bleibt die Frage der Frauen bei Fontane. Ich bin mal wieder etwas provozierend (deshalb auch van der Straaten): Mir erscheint eine Marie (Vor dem Sturm) und eine Melusine dann doch etwas zu perfekt. Will Fontane uns dann doch letztendlich weismachen, die Frauen seien nun einmal das bessere Geschleicht?

Hallo van der Straaten,

Fontane liebte das Geheimnisvolle und vielleicht auch das "Mysterium Frau", indem er seinen Frauen gerne das Melusinenmotiv beilegt; werden sie falsch behandelt, verschwinden sie. Seine weiblichen Figuren haben etwas sanftes, aber ich glaube nicht, dass er sie zu einem besseren Geschlecht stilisieren wollte.

als nächstes möchte ich "Irrungen, Wirrungen" lesen.

Gruß,
Maria
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Offline Steffi

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Re: Theodor Fontane
« Antwort #137 am: 12. April 2010, 08:19 »
Im Sinne de Bürgerliche Realismus, in dem die tatsächlichen Verhältnisse künstlerisch betrachtet werden, gibt Fontane seinen Frauengestalten natürlich auch eine idealisierte Haltung. Trotzdem sind seine "starken" Frauen abhängig von gesellschaftlichen Konventionen und lehnen sich, anders als z.B. bei Keyserling, nicht auf. Wichtig ist nach wie vor die gesellschaftliche Haltung und damit auch das Vertrauen darauf, dass sich diese Regeln durchsetzen.

Erst beim älteren Fontane merkt man, dass er sich damit kritisch auseinandersetzt. Für mich spiegelt das sehr gut einen gewissen Zeitabschnitt, auch wenn sein Abbild auf eine bestimmte Gesellschaftsschicht beschränkt bleibt.

Gruß von Steffi
Gruß von Steffi

Offline JMaria

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Re: Theodor Fontane
« Antwort #138 am: 23. April 2010, 09:04 »
Hallo,

ich lese gerade Irrungen, Wirrungen.
Darüber sagt Fontane: „Die Sitte gilt und muss gelten, aber daß sie’s muß, ist mitunter hart.“

Lene Nimptsch, eine Protagonistin, die ihre eigenen Entscheidungen trifft auch wenn es schmerzt; eine ungewöhnliche Frauengestalt unter den Fontane'schen Frauen. Wie erwartet nimmt mich Fontanes Erzählstil wieder gefangen. Er schreibt so schwerelos und trifft mit einfachen weisen Worten den Kern eines Problems.

Edit:
ich muß schon sagen, Fontane hat so manchen tollen Schlußsatz, wie auch in Irrungen, Wirrungen:

"Gideon ist besser als Botho."


Gruß,
Maria
« Letzte Änderung: 24. April 2010, 13:00 von JMaria »
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Offline JMaria

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Re: Theodor Fontane
« Antwort #139 am: 27. August 2010, 13:33 »
Hallo,

ich muß mal wieder von Fontanes Balladen schwärmen. Ich habe die mir noch unbekannten Balladen gewählt, wie "Der letzte York // Johanna Gray // Archibald Douglas .... wunderbar ......  und fand sogar zwei Balladen mit Thema Dreißigjähriger Krieg, passt ja derzeit zu mein Leseprojekt, die wären "Der 6. November 1632 // Schloss Eger" . .

was ich auch noch nicht kenne ist der Romanzen-Zyklus um Maria Stuart. Die werden mich im Herbst begleiten.

Bei Regenwetter Balladen von Fontane zu lesen ist schon gigantisch gut :-)

Grüße von
Maria

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Offline finsbury

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Re: Theodor Fontane
« Antwort #140 am: 29. August 2010, 09:38 »
Bei Regenwetter Balladen von Fontane zu lesen ist schon gigantisch gut :-)


Solche von Meyer auch. Bei den "Füßen im Feuer" wird's einem dann gleich gruselig warm und zugleich kalt.

finsbury
Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene
Meer in uns. (Kafka)

Offline JMaria

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Re: Theodor Fontane
« Antwort #141 am: 29. August 2010, 18:04 »
Bei Regenwetter Balladen von Fontane zu lesen ist schon gigantisch gut :-)


Solche von Meyer auch. Bei den "Füßen im Feuer" wird's einem dann gleich gruselig warm und zugleich kalt.

finsbury


finsbury, das ist wahr !  :klatschen:

Gruß,
Maria
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Offline Friedrich-Arthur

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Antw:Theodor Fontane
« Antwort #142 am: 1. März 2011, 21:10 »
Lese gerade "Die Poggenpuhls" und muss oft schmunzeln. Da hat Fontane den nicht haltbaren Anspruch des kleinen Adels an sich selbst aber ganz schön aufs Korn genommen! Tolles Werk. FA
Daß man gegen seine Handlungen keine Feigheit begeht! daß man sie nicht hinterdrein im Stiche läßt! - Der Gewissensbiß ist unanständig.

Friedrich Nietzsche - Götzen-Dämmerung, Spruch 10

Offline Hubert

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Theodor Fontane: Die Poggenpuhls
« Antwort #143 am: 11. März 2011, 02:07 »
„Die Poggenpuhls“ habe ich mal in der Schule gelesen, kann mich aber kaum noch erinnern – also Zeit sie mal wieder zu lesen. Warum hast Du eigentlich keinen Lesevorschlag gemacht?
Hast Du vor noch weiteres von Fontane zu lesen?

Offline Hubert

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Theodor Fontane
« Antwort #144 am: 27. März 2011, 21:45 »
Mit Olympia (Daniela) habe ich mich in einem anderen Thread geeinigt ab Mai einen Roman von Fontane zu lesen. Die folgenden drei Romane, die wir beide noch nicht gelesen haben, stehen zur Auswahl:

„Vor dem Sturm“,
„Schach von Wuthenow“ oder
„Unwiederbringlich“

Da wir beide in dieser Angelegenheit nicht sehr entscheidungsfreudig sind, wollte ich mal fragen welchen dieser drei Romane ihr empfehlen würdet oder noch besser, welchen dieser Romane ihr vielleicht mitlesen würdet?

Offline Fäustchen

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Antw:Theodor Fontane
« Antwort #145 am: 27. März 2011, 23:05 »
"Der Schach von Wuthenow" ist ein weitaus früherers Werk Fontanes. Es ist zweifelfrei gut, aber die besondere Kunst seiner Darstzellung hat er hier, nach meiner Meinung, noch nicht so stark entwickelt. Demgegenüber fand ich "Unwiederbringlich" bei weitem besser, auch wenn es mal wieder die typische Thematik das Autoren behandelt. Nichtsdestotrotz sind natürlich beide lesenswert.
Zu "Vor dem Sturm" kann ich leider nichts Genaues sagen, weil ich es noch nicht gelesen habe. Es ist mit etwa 700 Seiten aber wohl das umfangreichste der  genannten Bücher und steht zudem ganz zu Beginn von Fontanes Schaffen.

Offline Steffi

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Antw:Theodor Fontane
« Antwort #146 am: 28. März 2011, 08:04 »
"Vor dem Sturm" und "Unwiederbringlich" kenne ich. Beide sind durchaus sehr unterschiedliche Werke. Mir gefällt Fontane in seinen deutlich gesellschaftkritischeren Romanen immer etwas besser und daher fand ich auch "Unwiederbringlich" schöner, es ist neben "Frau Jenny Treibel" mein Lieblingsroman von ihm.  Aber sowieso kann man bei Fontane eigentlich nichts falsch machen  :zwinker:
Gruß von Steffi

Offline Harald

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Antw:Theodor Fontane
« Antwort #147 am: 28. März 2011, 08:41 »

"Vor dem Sturm" hat für mich eine Sonderstellung in Fontanes Werk. Es ist ein historischer Roman, er spielt 1812 und erzählt die Vorgeschichte des Aufstandes gegen die napoleonische Herrschaft in Brandenburg.

"Unwiederbringlich" dagegen ist vom Thema wieder näher an anderen bekannten Werken wie Effi Briest, ungewöhnlich sind nur die Handlungsorte: Schleswig-Holstein und Dänemark. Die Geschichte beruht wie die von "Effi Briest" auf tatsächlichen Vorkommnissen.

Beide Romane sind sehr lesenswert. Vor dem Sturm ist vermutlich mehr als doppelt so lang.

- Harald
Aktuell: Montaigne. G. E. Lessing. Dostojewski. Herman Melville.

Offline JMaria

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Antw:Theodor Fontane
« Antwort #148 am: 28. März 2011, 09:01 »
Hallo,

am intensivsten hat sich mir von "Vor dem Sturm" ein Memento-mori-Motiv eingeprägt:

...durch die nördöstlichen Tore der Stadt zog das Elend, durch die westlichen der Glanz des Krieges herein. In den Straßen aber begegneten beide einander und sahen sich verwundert, oft beinahe feindselig an.

"So waren wir", sagten die finstren Blicke der einen, aber das entsprechende: "So werden wir sein", erlosch in dem Leichtsinn und der Eitelkeit der anderen.


Gruß,
Maria
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Offline Sir Thomas

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Antw:Theodor Fontane
« Antwort #149 am: 28. März 2011, 09:07 »
Mit Olympia (Daniela) habe ich mich in einem anderen Thread geeinigt ab Mai einen Roman von Fontane zu lesen. Die folgenden drei Romane, die wir beide noch nicht gelesen haben, stehen zur Auswahl:

„Vor dem Sturm“,
„Schach von Wuthenow“ oder
„Unwiederbringlich“

Da wir beide in dieser Angelegenheit nicht sehr entscheidungsfreudig sind, wollte ich mal fragen welchen dieser drei Romane ihr empfehlen würdet oder noch besser, welchen dieser Romane ihr vielleicht mitlesen würdet?

Hallo,

eine Fontane-Runde käme mir sehr entgegen. Die drei oben Genannten kenne ich nicht, habe auch keines davon im Regal. Ungelesen steht "Jenny Treibel" auf den Brettern. Könnt Ihr Euch damit anfreunden (ab Mitte Mai)?

LG

Tom