Autor Thema: April 2005: Thomas Mann - Doktor Faustus  (Gelesen 6141 mal)

Offline Zola

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April 2005: Thomas Mann - Doktor Faustus
« am: 1. April 2005, 10:41 »
Hallo,

hiermit begrüße ich alle Interessenten herzlich zur Leserunde für den "Doktor Faustus".

Mitmachen wollen bisher:

Evelyne Marti
Saltanah
Aisha
Pensiero

und wer natürlich sonst noch Lust hat :-)

Ich wünsche uns viel Spaß - und hoffe auf gute Diskussionen über das Buch.

Viele Grüße,
Zola

Offline Zola

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April 2005: Thomas Mann - Doktor Faustus
« Antwort #1 am: 1. April 2005, 10:46 »
Hallo zusammen,

gleich mal zur Vorbereitung ein paar Infos zum Thema aus Wikipedia:

Der Autor
Paul Thomas Mann (* 6. Juni 1875 in Lübeck; † 12. August 1955 in Zürich) war ein deutscher Schriftsteller, der 1929 den Nobelpreis für Literatur verliehen bekam.

http://de.wikipedia.org/wiki/Thomas_Mann

Der Roman
Doktor Faustus. Das Leben des deutschen Tonsetzers Adrian Leverkühn, erzählt von einem Freunde ist ein Roman von Thomas Mann, den er im Jahre 1943 begann und der 1947 veröffentlicht wurde.

http://de.wikipedia.org/wiki/Doktor_Faustus

Hintergrund: Zwölftonmusik

Zwölftonmusik oder Dodekaphonie ist eine von Arnold Schönberg begründete Musikrichtung, die zur atonalen Musik (oder Atonalität) gehört, welche ab 1908 von den Komponisten der Zweiten Wiener Schule (siehe auch Anton Webern und Alban Berg) entwickelt wurde.

http://de.wikipedia.org/wiki/Zw%C3%B6lftonmusik

Offline Zola

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April 2005: Thomas Mann - Doktor Faustus
« Antwort #2 am: 1. April 2005, 10:55 »
Hier noch eine recht ausführliche Inhaltsangabe und Kommentar:

http://www.dieterwunderlich.de/Mann_Faustus.htm

Interessant auch die "literarische Geographie" zum Roman. Ort und Gebäude die Vorbild zu Handlungsorten waren:

http://www.drwambsganz.de/

Offline Zola

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Thomas Mann - Doktor Faustus
« Antwort #3 am: 2. April 2005, 12:17 »
Hallo zusammen,

ich bin mittlerweile im 5. Kapitel.

Die Namen springen einem gleich wieder ins Auge. Adrian Leverkühn (Die Hauptperson) und Serenus Zeitblom (Der ich-Erzähler). Zwei typische Thomas-Mann-Namen, die genauso untypisch in der Realität anzutreffen sind. Meist versteckt sich hinter den Namen eine besondere Bedeutung (am lustigsten war wohl Herr Klöterjahn aus "Tristan", Klöter bedeutet zumindest in Norddeutschland "Hoden", das paßte auch sehr gut auf den Herrn).
Kennt jemand die Bedeutung der hier verwendeten Namen ?

Das Buch fängt gleich in düsterer Stimmung an, in den Tiefen der Nazi-Herrschaft (1943), die Rede ist von "Dämonischem" auf das Leverkühn sich eingelassen hat und wohl ist es nicht gut ausgegangen, Zeitblom spricht von Leverkühns Tod "nachdem er aus tiefer Nacht in die tiefste gegangen". Das Verbunden mit dem Titel des Romans und dem Auszug aus Dantes Inferno zu Beginn des Buches macht einen auf jeden Fall neugierig auf das, was kommen wird.

Der Schreibstil ist natürlich ab dem ersten Satz phantastisch - ganz Thomas Mann. Obwohl ich fast nur anspruchsvolle Literatur lese, bei Mann fällt mir die Schönheit der Sprache, die wunderbare Wortwahl aufs jede Mal von neuem auf.
Allerdings scheint das Buch von der Komplexität der Beschreibung und der Detailverliebtheit zu seinen schwierigeren zu gehören. Gerade das 4. Kapitel fand ich mußte man sehr konzentriert lesen.

Viele Grüße,
Zola

Offline Xenophon

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April 2005: Thomas Mann - Doktor Faustus
« Antwort #4 am: 2. April 2005, 13:57 »
Hallo,
für welchen Tag ist der Anfang der Leserunde geplant und wieviel Seiten werden warscheinlich (ca.) durchschnittlich pro Tag gelesen werden?

Frage hat sich erledigt, vielen Dank für eure hilfreichen Antworten.



Viele Grüße,
Julian
"Es verrät geistige Armut, sich dauernd mit dem Körper zu beschäftigen[....]. Nein, diese Bedürfnisse sollte man nur nebenbei befriedigen, und die ganze Aufmerksamkeit gelte der Entfaltung der geistigen Anlagen."

Epiktet

Offline sandhofer

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« Antwort #5 am: 2. April 2005, 16:18 »
Hallo Xenophon und herzlich willkommen! :blume:

Wir haben die Leserundenstarts im Kalender vermerkt: Guck mal im Forum oben links oder hier!

Über das Lesetempo weiss ich auch nichts ...

Grüsse

Sandhofer
Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus: Beim Wort genommen

Offline Zola

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April 2005: Thomas Mann - Doktor Faustus
« Antwort #6 am: 2. April 2005, 23:07 »
Hallo Julian,

ich denke, dass jeder seine individuelle Lesegeschwindigkeit verwenden kann, man sollte ja in dem Tempo lesen, in dem es einem am meisten Spaß macht.

Ich schätze  mal ich persönlich werde 3-4 Wochen für das Buch brauchen. Anschließend möchte ich "Die Entstehung des Doktor Faustus" und einige (Selbst-)kommentare zu dem Buch lesen. Ich würde mich also noch einige Zeit mit der Thematik beschäftigen und daher darüber diskutieren können.

Viele Grüße,
Zola

Offline Xenophon

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Thomas Mann - Doktor Faustus
« Antwort #7 am: 3. April 2005, 11:28 »
Hallo,
ich werde mich auch der Leserunde anschließen, muss allerdings noch bis Montag/Dienstag auf meine Amazon-Bestellung warten. Freue mich schon sehnsüchtig auf ein weiteres Werk Manns.

Leverskühn ist wohl aus "lebenskühn" abgewandelt worden.
Bin mir da allerdings nicht mehr so sicher, meine aber es irgendwo gelesen zu haben.

Viele Grüße,
Julian
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Epiktet

Offline Saltanah

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Thomas Mann - Doktor Faustus
« Antwort #8 am: 3. April 2005, 21:19 »
Die ersten 5 Kapitel habe ich durch.
Dieses Buch ist nach Felix Krull, den ich in den 70ern gelesen habe, erst das zweite Buch von Thomas Mann, das ich lese. Was mir vom Felix noch im Kopf war, und natürlich ab Satz eins wieder auffällt, ist der typische Stil mit den unendlich langen Sätzen, die starke Konzentration beim Lesen verlangen. Keine geeignete Bettlektüre also.

Zeitblom beschreibt, mit diversen Abschweifungen, die Kindheitswelt Adrians, die teilweise mit seiner eigenen übereinstimmt. Wichtig ist - außer den Eltern - vor allem die Magd Hanne, die mit den Kindern zusammen  Kanons singt und sie damit unbewusst in die Welt der "imitatorischen Polyphonie des 15. Jahrhunderts" (Kap.4) einführt.
An die Naziherrschaft und damit an die Bedingungen unter denen Zeitblom schreibt, wird durch Einschübe immer wieder erinnert.

Probleme bereitet mir bei der Lektüre, dass mir der Erzähler Zeitblom zutiefst unsympathisch ist. Im "wirklichen Leben" würde ich um so einen Typen einen weiten Bogen machen, und ich weiß nicht, wie lange ich ihn im Buch ertragen werde. Aber vielleicht legt sich ja meine Abneigung mit der Zeit.

Zu den Namen: "lever" ist auf schwedisch die Präsenzform des Verbes "leben", ergäbe also "er lebt kühn", was ja durchaus Sinn ergeben könnte.
Bei Zeitblom bin ich mir da unsicherer. "Blomma" bedeutet, wiederum auf schwedisch, "Blume", kommt häufig in Nachnamen vor und wird da zu "blom" (Kalle Blomkvist = Blumenzweig lässt grüßen). Das ergäbe also "Zeitblume", aber was man damit anfangen soll weiß ich auch nicht.
Außerdem: sprach Mann eine der skandinavischen Sprachen?

Grüße,
Saltanah

Offline Zola

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Thomas Mann - Doktor Faustus
« Antwort #9 am: 3. April 2005, 23:24 »
Hallo zusammen,


also wird sich das "Leverkühn" wohl auf "er lebt Kühn" beziehen, das paßt ja wohl auch zu seinem Leben.

Saltanah, den Erzähler (Zeitblom) finde ich eigentlich nicht unsympathisch, aber zugegebenermaßen bisher auch noch nicht besonders sympathisch. Immerhin lehnt er den Natioanlsozialismus entschieden ab, wünscht sich sogar dass Deutschland den Krieg verliert (aber wohl aus dem Grund, dass die von den Nazis verbotene (wohl als entartet bezeichnete) Zwölftonmusik Leverkühns wieder zugelassen wird)
Was findest du an ihm besonders unsympathisch ? Seine Ausdrucksweise ? Diese Unterwürfigkeit mit der er von Leverkühn schreibt ?


Noch etwas zum 6. Kapitel, das ich eben fertiggelesen habe:

Der Erzähler vergleicht die Unsinnigkeiten des Mittelalters in seiner Heimatstadt (Hexenverfolgung, Ausgrenzung von Menschen anhand ihres Aussehens) mit der der Gegenwart (1943).
In der Abneigung gegen den Nationalsozialismus, scheint hier der Erzähler mit Thomas Mann voll übereinzustimmen.

Bemerkenswert fand ich allerdings folgende Sätze in diesem Kapitel. Der Erzähler schreibt:

Zitat
Ich spreche vom Volk, aber die altertümlich-volkstümliche Schicht gibt es in uns allen, und, um ganz zu reden, wie ich denke: ich halte die Religion nicht für das adäquateste Mittel, sie unter sicherem Verschluß zu halten. Dazu hilft nach meiner Meinung allein die Literatur, die humanistische Wissenschaft, das Ideal des freien und schönen Menschen.


Interessant so etwas von einem studierten Theologen (Zeitblom) zu hören. War das in der Tat auch Thomas Manns Meinung ?
Auf den gebildeten Menschen kann das zutreffen, aber für das "einfache Volk" gibt es doch kaum etwas besseres als die Religion und mit ihr die Existenz einer höheren, nicht-korrumpierbaren richtenden Instanz, der man nicht entkommen kann, um es dazu zu bringen Regeln und Gesetze einzuhalten.
Was denkt ihr dazu ?

Viele Grüße,
Zola

Offline Zola

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Thomas Mann - Doktor Faustus
« Antwort #10 am: 4. April 2005, 08:42 »
Hallo Saltanah,

Zitat von: Saltanah
"Blomma" bedeutet, wiederum auf schwedisch, "Blume", kommt häufig in Nachnamen vor und wird da zu "blom" (Kalle Blomkvist = Blumenzweig lässt grüßen). Das ergäbe also "Zeitblume", aber was man damit anfangen soll weiß ich auch nicht.


http://www.dastelefonbuch.de findet zu "Leverkühn" ganze sechs Einträge. Den Namen scheint's wohl gegeben zu haben, aber er ist vom Aussterben bedroht.
Zu "Zeitblom" findet man nichts, laut Google gab es aber im 15./16. Jahrhundert einen Maler, der so hieß.
Vielleicht soll der Name etwas in der Richtung bedeuten, dass er in der Zeit zurückgeht, wenn er das Leben seines Freundes beschreibt ? Oder ist das eine zu einfache Erklärung ?


Zitat von: Saltanah

Außerdem: sprach Mann eine der skandinavischen Sprachen?


Dazu konnte ich jetzt auf die Schnelle leider nichts herausfinden.

Viele Grüße,
Zola

Maja

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Namen
« Antwort #11 am: 4. April 2005, 14:12 »
Hallo zusammen!

Der Amtsrichter August Auctor Leverkühn war der Vormund der Mann-Kinder. Er war Verfasser mehrerer Werke zu Dante. Da Dante, v.a. das Motiv der Höllenfahrt, im Doktor Faustus eine zentrale Rolle spielt, geht die Anspielung wohl auf ihn zurück.

Zitat von: finsbury
Zu "Zeitblom" ...laut Google gab es aber im 15./16. Jahrhundert einen Maler, der so hieß.

Da besteht wohl ein Zusammenhang, und auch einer zu Dante: Ich habe die Stelle nicht präsent und keine Zeit zum Suchen, habe aber in meinen Notizen den Hinweis gefunden, Zeitblom hebe genau die Figurengruppe des Gemäldes (Jüngstes Gericht von Michelangelo; der Vergleich von Michelangelo und Dante ist nicht neu) zum Vergleich hervor, die schon Tieck in den Phantasien über die Kunst zum Vergleich des Jüngsten Gerichts mit der Commedia herangezogen habe.
Zudem ist es wohl von Bedeutung, dass der Name mit Z beginnt, als Gegenstück zu Adrian (für den TM auch Anselm oder Andreas erwogen hat).

Serenus (auch erwogen: Hieronymus, Bartolomäus, Urban) Zeitblom ist der einzige positive katholische "Held" bei TM. Sonst sind die Helden protestantisch und der Katholizismus ist negativ besetzt. Erst in der Distanzierung von Deutschland (=mehrheitlich protestantisch) wurde das Katholische in TM's Spätwerk aufgewertet.

Zitat von: Zola
Saltanah, den Erzähler (Zeitblom) finde ich eigentlich nicht unsympathisch, aber zugegebenermaßen bisher auch noch nicht besonders sympathisch.

Gemäss TM (in einem Brief) gebe es im Doktor Faustus eigentlich nur zwei sympathische Figuren: Zeitblom und Frau Schweigestill (auch Katholikin). Sie erhält das Schlusswort, und er das allerletzte Wort im Roman.

Herzliche Grüsse,
Maja

Offline Zola

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Thomas Mann - Doktor Faustus
« Antwort #12 am: 4. April 2005, 14:51 »
Hallo Maja,

vielen Dank für Deine Infos !

Zitat von: Maja

Serenus (auch erwogen: Hieronymus, Bartolomäus, Urban) Zeitblom ist der einzige positive katholische "Held" bei TM


Serenus scheint (wie die anderen von dir aufgelisteten) ein christlicher Name zu sein (es gab einen hl. Serenos und einen Bischof Serenus).
Der Name bedeutet "Der Heitere". Bisher habe ich noch keinen Ansatzpunkt, dass sich Th.Mann auch hierauf bezieht ;-)

Viele Grüße,
Zola

Offline pavement

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Thomas Mann - Doktor Faustus
« Antwort #13 am: 5. April 2005, 18:27 »
Zitat
Probleme bereitet mir bei der Lektüre, dass mir der Erzähler Zeitblom zutiefst unsympathisch ist. Im "wirklichen Leben" würde ich um so einen Typen einen weiten Bogen machen, und ich weiß nicht, wie lange ich ihn im Buch ertragen werde. Aber vielleicht legt sich ja meine Abneigung mit der Zeit.


meiner ansicht nach vertritt zeitblom im "doktor faustus"  die gemäßigte, humanistische position (die ich, ohne mich aber mit thomas mann besonders gut auszukennen, auch diesem nach dem bisher über ihn gelesenen zuschreibe) als gegenpol zu seinem ungleichen, das dämonische vertretende leverkühn.

was mich beim lesen etwas irritiert hat: zwar scheint die leverkühn-geschichte mit der im roman vorkommenden zeitgeschichte sehr verbunden zu sein; aber nach einmaliger lektüre könnte ich nicht sagen, inwieweit; zwar sind beide "geschichten" - die leverkühns und die deutsche geschichte - vom "dämonischen" geprägt, aber eine explizite verbindung konnte ich nicht finden; vielleicht kann mir da jemand weiterhelfen.

Offline pavement

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Thomas Mann - Doktor Faustus
« Antwort #14 am: 5. April 2005, 18:29 »
Zitat
Der Name bedeutet "Der Heitere".


wurde nicht auch diogenes so genannt? dann hätte man eine verbindung des altphilologen zum altertum.