Autor Thema: Umberto Eco  (Gelesen 9780 mal)

FeeVerte

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Antw:Umberto Eco
« Antwort #30 am: 23. Juli 2011, 14:16 »
Ist zwar schon lange her, dass ich Eco gelesen haben, aber ich finde die Rose, das Pendel und die Insel hervorragend, vor allem, was die erkenntnistheoretischen Bezüge angeht. Ich habe die drei Romane als Trilogie gelesen, die - auf sehr unterhaltsame Weise - drei erkenntnistheoretische Positionen beschreibt. Die Rose handelt von der von den Aristotelikern vertretenen Ansicht, dass es dem Verstand möglich ist, durch Abstraktion zur Erkenntnis der Wahrheit zu gelangen, und die angemessene literarische Umsetzung dieses Ansatzes ist, selbstverständlich, der klassische Whodunnit-Krimi, in dem der Detektiv durch das Sammeln, Bewerten und Verarbeiten von Informationen zur Wahrheit gelangt. In der Insel, die zur Zeit der Aufklärung spielt, lebt ein Mensch vollkommen isoliert auf einem Schiff und findet außerhalb seiner selbst keinen festen Maßstab, um seine Erkenntnis zu validieren. Als das Schiff die Datumsgrenze passiert, merkt er gar nichts davon und lebt fortan nach seinem eigenen Kalender, der nur noch subjektiv gültig ist. Zeit ist, um es mal mit Kant zu sagen, für ihn nur noch eine Kategorie der Anschauung. Und im Pendel schließlich, das in der Zeit der postmoderne Theorienvielfalt spielt, gibt es überhaupt keine verbindlichen Wahrheiten mehr. Jeder ist von einer anderen abstrusen Theorie besessen, alles könnte wahr sein oder auch nicht und für jede noch so abseitige Idee lassen sich je nach Erkenntnisinteresse sowohl Beweise als auch Gegenbeweise finden. Ich halte diese drei Romane tatsächlich für nobelpreiswürdig. Vom Baudolino war ich dagegen ziemlich enttäuscht, der kam mir wie ein ziemlich konventioneller Historienschinken vor. Andere Sachen von Eco habe ich dann nicht mehr gelesen, was sicher ein Versäumnis war.
« Letzte Änderung: 23. Juli 2011, 15:10 von FeeVerte »

Offline Sir Thomas

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Antw:Umberto Eco
« Antwort #31 am: 15. August 2011, 11:41 »
Ich habe die drei Romane als Trilogie gelesen, die - auf sehr unterhaltsame Weise - drei erkenntnistheoretische Positionen beschreibt.

Interessanter Ansatz, den ich nachvollziehen kann.

Andere Sachen von Eco habe ich dann nicht mehr gelesen, was sicher ein Versäumnis war.

Versäumnis? Nachdem ich mich an "Baudolino" versucht habe, war der Autor für mich erledigt. Was für ein Schrott!

LG

Tom

FeeVerte

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Antw:Umberto Eco
« Antwort #32 am: 23. August 2011, 09:42 »

Versäumnis? Nachdem ich mich an "Baudolino" versucht habe, war der Autor für mich erledigt. Was für ein Schrott!


Ach naja, verglichen mit dem, was sonst so in den Historikregalen rumsteht, wars eigentlich ganz ok. Nur fand ich Epoche und Genre des Romans etwas unglücklich gewählt und kombiniert - der Schelmenroman ist gottlob doch ziemlich aus der Mode und byzantinische Geschichte auch nicht grade allseits beliebt. Und ein byzantinischer Schelmenroman hat zumindest nach meinem Empfinden was entschieden Anachronistisches und damit Unauthentisches. Dass man es im Mittelalter mit dieser Literaturgattung nicht so hatte, und im byzantinischen Mittelalter schon gar nicht, wird ja sicher irgendwelche Gründe gehabt haben, vermutlich entsprach sie nicht so recht der damaligen Mentalität.
« Letzte Änderung: 23. August 2011, 12:42 von FeeVerte »

FeeVerte

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Antw:Umberto Eco
« Antwort #33 am: 23. August 2011, 09:50 »
Gelöscht weil Doppelposting, sorry.

Offline Shirley

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Antw:Umberto Eco
« Antwort #34 am: 14. November 2011, 18:54 »
Von Eco habe ich einst "Der Name der Rose" gelesen, ich fand es nicht schlecht, allerdings zu konstruiert, zu trocken, zu "perfekt". Ich hatte den Eindruck, Eco hat da viel zu viel gewollt.

Hat jemand schon sein neues Werk, "Der Friedhof in Prag", gelesen? Mich persönlich reizt es, nachdem ich diverse Rezensionen und Kurzbeschreibungen gelesen habe, nicht sehr.

Offline Sir Thomas

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Antw:Umberto Eco
« Antwort #35 am: 16. November 2011, 13:22 »
Hat jemand schon sein neues Werk, "Der Friedhof in Prag", gelesen? Mich persönlich reizt es, nachdem ich diverse Rezensionen und Kurzbeschreibungen gelesen habe, nicht sehr.

Hi Shirley,

Eco hat seine große Zeit gehabt. Was den "Friedhof ..." betrifft, werde ich abstinent bleiben. Der Baudolino-Schock sitzt zu tief ...  :breitgrins:

LG

Tom

Offline Lost

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Antw:Umberto Eco
« Antwort #36 am: 16. November 2011, 14:30 »
Sowohl den Baudolino als auch "Die Insel des vorigen Tages" betrachte ich als intelligente Unterhaltungsromane. Meine Schwierigkeiten hatte ich mit "Das Faucaultsche Pendel"
Der neue Eco steht schon auf meiner  Liste bereit für nächstes Jahr und als Buch bei mir im Schrank. Das Thema ist für mich hochinteressant.

Offline Sir Thomas

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Antw:Umberto Eco
« Antwort #37 am: 16. November 2011, 18:23 »
Sowohl den Baudolino als auch "Die Insel des vorigen Tages" betrachte ich als intelligente Unterhaltungsromane. Meine Schwierigkeiten hatte ich mit "Das Faucaultsche Pendel"

Wer hatte diese Schwierigkeiten nicht? Im "Pendel" hat Eco des Guten eindeutig zu viel getan, obwohl ich schon irgendwie fasziniert war. "Die Insel ..." zähle ich, so wie Du, zu den intelligenteren Unterhaltungsromanen. Vielleicht berichtet hier mal jemand über den "Friedhof in Prag".

LG

Tom

Offline Anita

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Antw:Umberto Eco
« Antwort #38 am: 17. November 2011, 11:36 »
Vielleicht berichtet hier mal jemand über den "Friedhof in Prag".

War ich damit gemeint?  :breitgrins:

Also ich habe erst 200 Seiten gelesen, viel kann ich also noch nicht sagen. Mein erster Eindruck ist, die ersten hundert Seiten lasen sich vergnügt, spannend und mysteriös, dann kam wieder der typische Eco "ich versteh gar nix mehr", aber wenn man sich dann den Artikel bei wiki durchliest "Protokolle der Weisen von Zion" ist man auf der Höhe und kann die Kritik ganz unten eigentlich nur unterstreichen - das Werk ist reine Recherche. Ob es den Antisemitismus fördert, dazu möchte ich mich noch nicht äußern, aber ich könnte es mir nach 200 Seiten gut vorstellen  :zwinker:

LG
Anita
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Offline Shirley

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Antw:Umberto Eco
« Antwort #39 am: 17. November 2011, 12:57 »
Ob es den Antisemitismus fördert, dazu möchte ich mich noch nicht äußern, aber ich könnte es mir nach 200 Seiten gut vorstellen  :zwinker:

Dann halte uns mal auf dem Laufenden.  :zwinker:

Offline mombour

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Antw:Umberto Eco
« Antwort #40 am: 18. November 2011, 13:17 »
Ob es den Antisemitismus fördert, dazu möchte ich mich noch nicht äußern, aber ich könnte es mir nach 200 Seiten gut vorstellen  :zwinker:

Lesestand 247: Es kommen zwar deftige antisemitische Aussagen vor, deswegen der Roman aber keineswegs den Antisemitismus fördern muss. Ein Roman ist ein Roman. Sonst schließe ich mich übrigens Anita gerne an. Das Buch besteht aus historischen Recherchen. Sonst gar nichts oder kaum etwas anderes. Eine Romanhandlung gibt es nicht, darum hinterfragt werden darf, ob das überhaupt ein Roman ist. Der Roman wird erzählt aus der Sicht des Antisemiten Simone Simonini, der im Jahre 1897 rückblickend ein Tagebuch schreibt, in denen er anhand von historischen  und aus literarischen Quellen zu belegen versucht, dass die Juden eine Weltverschwörung anvisieren. Das ist natürlich Fiktion. Laut Anhang sind aber alle Personen, außer der des Protagonisten, historische Figuren. Wer sich nicht so gut auskennt in der Geschichte des 19. Jahrhunderts, wie bei mir, was Napoleon III. und Garibaldi betrifft, wird in manchen Kapiteln auf Schwierigkeiten stoßen. Obwohl ein Verschwörungsroman, keine Spannung.

Liebe Grüße
mombour
« Letzte Änderung: 18. November 2011, 13:35 von mombour »

Offline Anita

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Antw:Umberto Eco
« Antwort #41 am: 18. November 2011, 15:56 »
Ob es den Antisemitismus fördert, dazu möchte ich mich noch nicht äußern, aber ich könnte es mir nach 200 Seiten gut vorstellen  :zwinker:

Lesestand 247: Es kommen zwar deftige antisemitische Aussagen vor, deswegen der Roman aber keineswegs den Antisemitismus fördern muss.

Davon war auch nicht die Rede  :zwinker: Und letztendlich werden bestimmte Anhänger höchstwahrscheinlich nicht diesen "Roman" (wenn er denn einer ist) lesen, aus diesem Grund braucht es einem nicht bange werden. Allerdings Zitate für mein Tagebuch werde ich im Werk keine finden, denn antisemitische Reden kommen mir nicht ins Blog!

LG
Anita
« Letzte Änderung: 18. November 2011, 20:25 von Anita »
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Offline Giesbert Damaschke

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Antw:Umberto Eco
« Antwort #42 am: 20. November 2011, 14:43 »
Zum Friedhof in Prag gab es in der SZ eine Besprechung, die mich davon überzeugte, dass ich den Roman ruhig an mir vorüberziehen lassen kann:

Zitat
Der neue Roman des unermüdlichen Schriftstellers dreht die Schraube noch einmal weiter. "Der Friedhof in Prag" erzählt die Geschichte von der Entstehung der "Protokolle der Weisen von Zion" nun als Schauerroman; so holt er sie zurück in die Welt ihrer Quellen.

[…]

Ein Leser, der nichts von der Geschichte Europas zwischen 1830 und 1900 wüsste und nichts von den "Protokollen der Weisen von Zion", könnte diesen Roman nur als öde Anhäufung grotesker Unwahrscheinlichkeiten auffassen. Denn für eine wirkliche Ausmalung von Situationen und Charakteren sind selbst die 500 Seiten dieses Wälzers zu kurz.

[…]

Was soll das also? Als Roman ist das Buch bestenfalls ein Fehlschlag von Rang, weil seine besten Pointen aus den Quellen stammen; doch um das zu verstehen, wird die Lektüre begleitenden Materials nötig - der Verlag sollte es umgehend auf den Markt werfen. Sobald man sich aber in diese reale Geschichte vertieft, hört der Roman auf, einen zu interessieren. Als Literatur ist er weder besonders spannend noch besonders witzig. Als Historie wiederum krankt er an einem strukturellen Fehler: Er verfährt selbst verschwörungstheoretisch, indem er die "Protokolle der Weisen von Zion" als Produkt eines krankhaften individuellen Geistes darstellt, der für unterschiedlichste Auftraggeber arbeitet. Nur Geldgier und Hass sind hier die Motive.

Damit verfehlt "Der Friedhof in Prag" genau den interessantesten Punkt seines Stoffes: die kollektive Entstehungsgeschichte und dann die kollektive Wirkung der "Protokolle der Weisen von Zion". An diesem furchtbaren Text haben drei Generationen geschrieben, und seine Wirkung hält nun schon mehr als ein Jahrhundert an. Das aber ist, angesichts der Niedrigkeit dieser Schrift, sehr viel unheimlicher als selbst die Pariser Kloake, in die der Mörder Simonini seine Leichen entsorgt. Umberto Eco wollte immer ein Schriftsteller der Aufklärung sein - diesmal hat er es sich zu leicht gemacht.

http://www.sueddeutsche.de/kultur/der-friedhof-in-prag-von-umberto-eco-entgifter-verlangt-extra-studium-1.1157648
Giesbert Damaschke, München |  http://www.damaschke.de/

Offline Anita

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Antw:Umberto Eco
« Antwort #43 am: 20. November 2011, 17:25 »
Zitat von: Süddeutsche
Ein Leser, der nichts von der Geschichte Europas zwischen 1830 und 1900 wüsste und nichts von den "Protokollen der Weisen von Zion", könnte diesen Roman nur als öde Anhäufung grotesker Unwahrscheinlichkeiten auffassen. Denn für eine wirkliche Ausmalung von Situationen und Charakteren sind selbst die 500 Seiten dieses Wälzers zu kurz

Öhm nicht ganz, okay ein klein bisschen geschichtliche Vorahnung bringe ich mit, von den Weisen von Zion hatte ich gehört, mehr auch nicht - aber dennoch schließt sich so langsam der Kreis, dass ich eine Ahnung davon bekomme wie es zu diesem Judenhass gekommen ist, warum es in den Köpfen damaliger Zeit so präsent war, ja wie es geschichtlich zu so einem Ausmaß kommen konnte.

Was man bei diesem Roman vielleicht nicht machen darf, dass man rein alles bis ins Letzte verstehen möchte. Wenn man dazu Interesse aufbringt, gerne, aber nicht auf biegen und brechen, dann wird der Roman zum Reinfall. Also Mut zur Lücke  :zwinker:

LG
Anita
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Offline Isadora

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Antw:Umberto Eco
« Antwort #44 am: 20. November 2011, 18:54 »
Ich werde mir den Roman auf alle Fälle noch zulegen, zumal ich mich Frühjahr/Sommer universitär bedingt mit Verschwörungstheorien und den Protokollen auseinandergesetzt habe. Dadurch ist das für mich sicherlich noch interessanter.

Abgesehen davon denke ich, dass der SZ-Rezensent (so wie sich das liest) ein typisches Eco-Element verkannt hat, nämlich die Spiegelung in der Spiegelung und das Spiel mit der Verschwörung (sieht man ja auch im Pendel). Dass nämlich die in den Protokollen angedeutete Verschwörung ihrerseits eine (politische) Verschwörung ist, das gilt als historisch wahrscheinlich (schöne Grüße ans zaristische Russland). Wenn jetzt Eco dem Ganzen nun als Roman noch eine Verschwörungs-Schablone aufsetzt, dann halte ich das durchaus für typische Eco-Ironie und nicht für einen "strukturellen Fehler".

Naja.. ich werde sehen wie dem so ist, wenn ich dann endlich Zeit finde das Ding zu lesen.
... this is nat language at any sinse of the world.