Hallo Nightfever,
Und zwar habe ich das Gefühl, dass Autorinnen in unserer Schullektüre ganz schön unterrepräsentiert gewesen sind [...]
Nun frage ich euch: Kennt ihr Literatur von Frauen, die man 16-20-Jährigen zumuten könnte?
»Zumuten« klingt irgendwie so negativ.

Das Hauptproblem dürfte wohl sein, die Schüler dazu anzuregen, sich mit einem bestimmten Text genauer auseinanderzusetzen, so daß sie dann daraus etwas lernen. Dafür sind natürlich auch Texte geeignet, die von Frauen geschrieben wurden, es wäre ja auch seltsam, wenn es anders wäre.
Auf der Seite
http://www.awg.musin.de/comenius/8_6_d_gedanken.html haben sich Schüler und Schülerinnen einer elften Klasse Gedanken über das Sonett »Ist Lieb ein Feur« von Sibylla Schwarz gemacht. Das besondere ist, daß sich die Schüler hier mit einem Text beschäftigen, den jemand geschrieben hat, der im gleichen Alter war wie die Schüler selbst (S. Schwarz wurde nur 17 Jahre alt). Ein paar Seiten weiter kann man sich sogar eine weitergedichtete Hiphop-Version herunterladen:
Barock goes hiphop
Als ich im Unterricht das Gedicht von Sibylla Schwarz gelesen habe, fiel mir bei den Stilmitteln eine Ähnlichkeit zum heutigen deutschen Hiphop auf. Also dichtete ich das Gedicht weiter, bloß mit der neudeutschen Hiphop-Sprache und rappte die Lyrics auf einen Instrumental.
http://www.awg.musin.de/comenius/8_9_d_oldschool.html
Das ist nur
ein Beispiel für eine Unterrichtsseite im Netz, auf der es um Literatur geht, die von einer Frau stammt, man findet da noch etliche mehr.
So, wie wir in der Schule erzogen wurden, könnte man meinen, von Frauen gäbe es nur "Frauenliteratur" *würg* und das stört mich irgendwie...
Wenn ich nur meine Schullektüre kennen würde, dann wüßte ich nicht einmal, daß es auch spanische, russische oder japanische Literatur gibt.

Im Unterricht begegnet man ohnehin nur einem winzigen Bruchteil der Gesamtliteratur, da klaffen immer große Lücken, egal, nach welchen Gesichtspunkten die Lektüre ausgewählt wird. Ich habe in meiner Schulzeit auch verhältnismäßig wenig Literatur von Frauen gelesen (z. B. im Englischunterricht den Krimi
Murder must advertise von Dorothy L. Sayers), was mich aber trotzdem nicht davon abhalten konnte, später auch Bücher von Frauen zu lesen.

In den letzten zwei, drei Monaten waren das u. a.:
- Zwei Novellen von Sophie Junghans aus ihrem 1883 erschienenem Band »Neue Novellen«
- Zwei Bücher von Catharina Godwin: »Das nackte Herz« und »Begegnungen mit mir« (auf diese Schriftstellerin wurde ich aufmerksam durch die von Hartmut Vollmer hrsg. Sammlung »Die rote Perücke. Prosa expressionistischer Dichterinnen«, die ich kürzlich wieder mal zur Hand genommen habe)
- »Nixchen. Ein Beitrag zur Psychologie der höheren Töchter« von Hans von Kahlenberg, d.i. ein Pseudonym von Helene Keßler (1899 erstmals erschienen, wegen der erotischen Thematik hat das Buch damals einiges Aufsehen und Interesse erregt)
- Zwei Romane von Alma Johanna Koenig: »Der heilige Palast« und »Die Geschichte von Half dem Weibe« (diese Autorin hat sogar einen kurzen Artikel in
Wilperts Lexikon der Weltliteratur)
- Etliche Erzählungen von Silvina Ocampo aus dem bei Suhrkamp erschienenen Band »Die Furie und andere Geschichten« (»Silvina Ocampo ist eine der größten Dichterinnen spanischer Sprache« hat laut Klappentext Jorge Luis Borges gesagt)
- Eine (relativ) neue Übersetzung von Gertrude Steins »Tender Buttons«: »Zarte knöpft« in der Übertragung von Barbara Köhler
- Marguerite Duras: »Der Liebhaber« (weil es hier im Forum erwähnt wurde)
- Karin Michaëlis: »Das gefährliche Alter« (wurde hier ebenfalls erwähnt

)
- Katarina Frostenson: »Die in den Landschaften verschwunden sind.« (eine bemerkenswerte schwedische Lyrikerin, über die ich mehr oder weniger zufällig beim Herumsuchen in Kindlers Literaturlexikon gestolpert bin)
Ob davon etwas für die Schule geeignet ist, weiß ich zwar nicht, aber zum Glück muß ich das auch nicht wissen, weil ich kein gestreßter Lehrer, sondern entspannter Leser bin.
Schöne Grüße,
Wolf