Hallo alpha und Steffi,
Uwe Johnson nahm sich in seinen Werken ja immer sehr weit zurück. Seine Protagonist(inn)en sollten nicht Uwe Johnson verkünden, sondern Johnson ließ sie Eigenleben entwickeln und das merkt man besonders auch den Jahrestagen an. Das führte dazu, dass man bei Johnson vergeblich nach moralischen Aussagen sucht. Diese muss jede(r) Leser(in) für sich selbst finden. So legte Johnson seine Werke mit unheimlicher Orte-, Personen- und Themenfülle an, ohne dabei jedoch Unübersichtlichkeit zu verursachen. Und die Konflikte finden sich dann in der erzählten Geschichte, die immer sehr akribisch recherchiert und zusammengefügt wurde. Was mich immer wieder erstaunt: die dabei von Johnson gefundene Ausgewogenheit und die absolute Vorstellbarkeit bis hin zum Gefühl dabei gewesen zu sein. Besonders deutlich wird dies auch in den Jahrestagen. Auch ist der Umfang der thematischen Konflikte, z.B. während des Zweiten Weltkrieges und der deutschen Nachkriegszeit so groß, dass vieles behandelt wird (Aufstieg und Zusammenbruch des Nationalsozialismus, die Judenverfolgung, die Kriegsvorbereitungen, Anekdoten aus dem Kriegsalltag, das Zerreißen der Familien, das Morden, die Mitläuferschaft, die Vertreibung, Fragen der Schuld und der Schuldbewältigung, moralische Fragen und immer wieder Fakten, Fakten und nochmals Fakten, später dann die Entwicklung zweier deutscher Staaten, das Leben in ihnen, die Überzeugungen der in diesen beiden Staaten lebenden Menschen, die Frage nach Heimat...). Bei den Jahrestagen gelingt es dann auch noch zwei völlig verschiedene Zeitebenen, zwei völlig verschiedene Länder und deren Geschichte miteinander zu verweben. Und das alles bei brillanter stilistischer Eleganz. Aber die Frage von Schuld und Moral wurden von Uwe Johnson immer behandelt, ohne selbst moralisierend zu sein. Das hob sich in der deutschen Nachkriegsliteratur von vielen seiner Kolleg(inn)en ab. Besonders wird dies in "Mutmassungen über Jakob" an Hand Herrn Rohlfs deutlich. Eine Person, die wir sofort verurteilen würden, die aber über ihre Erfahrungen, Einstellungen und Überzeugungen wieder menschlich und nachvollziehbar wird und dabei auch viel über die Entwicklungen in der deutschen Geschichte der Nachkriegszeit und der deutschen Teilung deutlich macht. "Mutmassungen über Jakob" ist ein überaus anspruchsvolles Buch, dass aber genau das oben geschriebene verdeutlicht. Besonders die Fragen von Teilung, der Entwicklung der beiden deutschen Staaten, das Leben in der DDR vor dem Bau der innerdeutschen Grenze usw. Was bei Johnson dann wieder hilft, viele Personen sind - als Teil von Uwe Johnson - die Gleichen, man kennt sie bereits und ist mit ihnen vertraut... Aber jetzt muss ich mich erst einmal begrenzen, sonst komme ich vom Hundertsten ins Tausendste... Ich wünsche euch noch einen schönen Sonntag! FA