

Pierre oder die Doppeldeutigkeiten (Pierre: or, The Ambiguities). Erschienen 1852.
Ein Jahr nach Moby Dick erschienen. Es wurde von den Kritikern verrissen und vom Publikum abgelehnt. Nachdem ich den Roman gelesen habe, kann ich verstehen, warum.
Bis heute sind die Meinungen über dieses Buch geteilt. Ist es eine Inzestgeschichte? Eine griechische Tragödie in Romanform? Eine Bigamistenfantasie? Amerikanische Kulturkritik? Ein philosophischer Roman? Oder einfach nur schlechte Literatur? Oder alles gleichzeitig?
Es ist die Geschichte von Pierre Glendinning, 21 Jahre alt, einzigem Nachkommen und Erben einer wohlhabenden, alteingesessenen Familie mit einem Gut irgendwo im Staat New York. Er ist mit der blonden Lucy verlobt und lebt alleine mit seiner Mutter; der Vater war gestorben, als er 12 war. (Hier fangen schon die Merkwürdigkeiten an. Pierre und seine Mutter pflegen sich häufig "Bruder und Schwester" zu nennen, und Pierre droht, nur halb im Scherz, jeden anzugreifen, der es wagen sollte, seiner Mutter einen Heiratsantrag zu machen. Was soll man davon halten?)
Das Verhängnis bricht in Pierres Leben ein, als die junge Isabel ihm brieflich mitteilt, dass sie seine Halbschwester sei. Für Pierre, der seinen Vater mehr als alles andere verehrt, und in ihm die moralische Vollkommenheit verkörpert gesehen hat, bricht eine Welt zusammen. Um nun das Andenken seines Vaters rein zu erhalten und seiner Mutter diesen Schmerz zu ersparen, gleichzeitig aber Isabel in ihre Rechte einzusetzen (was er für seine Pflicht hält), kommt er auf die irrsinnige Idee, vorzugeben, er sei mit Isabel verheiratet, um fortan mit ihr zusammen zu leben. Gleichzeitig fühlt er eine starke Leidenschaft für Isabel, die über das Erotische noch hinausgeht und letztendlich unerklärt bleibt (und es wird auch nicht ganz klar, wieviel davon ihm selbst bewusst ist).
Er teilt also seiner Mutter mit, dass er bereits verheiratet ist - ungeachtet seiner Verlobung mit Lucy. Ohne auch nur nach dem Wieso und Warum zu fragen, wirft sie ihn aus dem Haus und enterbt ihn auf der Stelle. Pierre zieht nach New York, wo er sich (erfolglos) in der Schriftstellerei versucht. Seine Mutter stirbt; Lucy folgt ihm nach und beschliesst, mit ihm und Isabel zusammen zu leben (ohne von der Natur ihrer Beziehung zu wissen...).
Der Roman ist reich an literarischen Verweisen (u. a. Hamlet und Dantes Inferno werden erwähnt), Melville war ja sehr belesen. Der Roman enthält eine Menge Stoff, an dem man seine analytischen Zähne ausbeißen kann. Trotzdem ist mein vorläufiger Eindruck, dass das Ganze künstlerisch misslungen ist. Auf hohem Niveau gescheitert.
- Harald