Autor Thema: Herman Melville  (Gelesen 5083 mal)

Offline sandhofer

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Herman Melville
« am: 28. August 2005, 15:48 »
Hallo zusammen!

Nachdem ich nun endlich mit Melvilles Moby-Dick fertig geworden bin, das mich zutiefst überrascht hat - obwohl ich es eigentlich hätte wissen müssen ...

Melville ist für mich der Autor des Absurd-Surrealistischen schlechthin. Keiner versteht es wie er aus einer banalen, real möglichen und realistisch geschilderten Ausgangssituation eine Geschichte zu entwickeln, in der das Dämonische überhand nimmt wie in einem dieser Alpträume, die so beunruhigend sind, weil sie eben nicht absolut phantastisch und unmöglich sind, sondern die Realität nur um ein weniges überhöhen, eben ins Sur-Reale steigern. Das Dämonische weist mephistophelische Züge auf: Der Geist, der stets verneint. Ob Bartleby the Scrivener eines Tages einfach seine Arbeit verweigert oder ob sich Ahab allen menschlichen Regungen verweigert - stets ist hier der Ausgangspunkt für eine Entwicklung, die unheimlich und düster wird. Absurd, weil (z.B.) kein Seemann solche Selbstgespräche führen wird wie die Seeleute bei Melville. Und dennoch hat der Leser in keinem Moment das Gefühl, einer unmöglichen Geschichte beizuwohnen.

Ein beunruhigender Autor ...

Grüsse

Sandhofer
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Offline Steffi

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Herman Melville
« Antwort #1 am: 29. August 2005, 10:49 »
Hallo !

sandhofer schrieb:
Zitat
Melville ist für mich der Autor des Absurd-Surrealistischen schlechthin. Keiner versteht es wie er aus einer banalen, real möglichen und realistisch geschilderten Ausgangssituation eine Geschichte zu entwickeln, in der das Dämonische überhand nimmt ...


 :bang:  

Ebenso furchterregend empfand ich, dass Moby Dick in seinen Aussagen und seiner Konzeption so gar nichts mit der allseits bekannten Geschichte zu tun hat - im Vergleich zum Roman ist sie nur ein langweiliges Skellett.

Gruß von Steffi
Gruß von Steffi

Offline sandhofer

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allseits bekannte Geschichte
« Antwort #2 am: 29. August 2005, 22:46 »
Hallo zusammen!
Hallo Steffi!

Ähmm ... "allseits bekannte Geschichte" ... ich verstehe Dich jetzt nicht ganz ...  :sauer:

Grüsse

Sandhofer
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Offline Steffi

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Re: allseits bekannte Geschichte
« Antwort #3 am: 30. August 2005, 10:05 »
Hallo sandhofer !

Zitat von: sandhofer

"allseits bekannte Geschichte"


Naja,  die Jagd von Ahab auf den Wal - eben das, was in der Version für Jugendliche extrahiert wird. Für mich zumindest macht das nicht die Faszination des Romans aus und daher war ich auch überrascht.  

Vielmehr, wie du es ja schon sehr treffend ausgedrückt hast, hat dieses absurd-dämonisch-surreale mich wesentlich mehr beeindruckt.

Gruß von Steffi
Gruß von Steffi

Offline sandhofer

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Re: allseits bekannte Geschichte
« Antwort #4 am: 30. August 2005, 17:17 »
Hi Steffi!

Zitat von: Steffi
eben das, was in der Version für Jugendliche extrahiert wird.

Ach so. Da stand ich wohl auf dem Schlauch. Ich muss aber gestehen, dass ich von Moby-Dick - im Gegensatz zu z.B. Robinson Crusoe oder Gulliver weder Verfilmungen noch Versionen ad usum delphini je gelesen bzw. gesehen habe. Deshalb vielleicht mein Schlauch.

Grüsse

Sandhofer
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Offline siodmack

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Herman Melville
« Antwort #5 am: 31. August 2005, 10:24 »
Hallo,
aber auch den Humor finde ich bei Melville sehr fein heraus gearbeitet. Damals wollte ich erst nicht so recht an das Buch heran (ich habe eine DDR Ausgabe aus der Reihe: Bücherei der Weltliteratur, diese Bücher sind recht gut übersetzt), aber dann kam der tätowierte Insulaner mit einem nicht verkauften Schrumpfkopf in das nächtliche Zimmer des Helden und ab diesen Zeitpunkt ist für mich der „Moby“ ein unsterbliches Buch, man nimmt es immer wieder gerne in die Hand.
Dämonisch, ja, unbedingt. Melville schafft es immer wieder eine sehr seltsame Atmosphäre aufzubauen. Seltsamerweise kenne ich einige Seefahrer die dieses Buch wirklich sehr mögen, eben wohl auch wegen dieser Atmosphäre.
Manchmal denke ich, man sollte nicht unbedingt immer neue Bücher kaufen, es ist sehr nützlich wenn man seinen Blick über die Reihen seiner kleinen Bibliothek schweifen lässt, und irgendwie, man weis nicht wie und warum, auf einmal hält man ein liebgewordenes Buch aus „alten Zeiten“ in der Hand, ist glücklich, und beginnt mit heißen Augen zu lesen, die Vorfreude auf den erneuten Lesegenuss ist dann ein unbeschreiblich schönes Gefühl.

Ich glaube manchmal, das Buch ist für mich genauso wichtig wie das Atmen, ist das nicht sehr merkwürdig. Ich möchte mir ein Leben ohne Bücher gar nicht denken.

Bin ich ein Bibliomane?

Gruß, siodmack.

Offline Cosette

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Herman Melville
« Antwort #6 am: 22. November 2005, 15:56 »
also ich weiß nicht ich konnte nicht sehr viel mit moby dick anfangen  :sauer:  vielleicht liegt das auch daran, dass mich so abenteuer und walfang-geschichten nicht interessieren  :grmpf:  
naja ich war eigentlich ziemlich traurig, da es doch DER roman von melville ist  :redface:
Wer schauen kann, der sehe. Wer sehen kann, der betrachte.

Offline alpha

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Herman Melville
« Antwort #7 am: 26. November 2005, 19:51 »
Zitat von: Cosette
vielleicht liegt das auch daran, dass mich so abenteuer und walfang-geschichten nicht interessieren  :grmpf:  


Hmm, seltsam, ich hatte das Gefühl, sooo abenteuerlich sei der Roman gar nicht, eher mit ewas Wahlfangtechnik überladen, aber nicht zu effekthascherisch (mit Ausnahmen, zugegeben), finde ich.

Grüsse
alpha
Genug. Will sagen: zuviel und zu wenig. Entschuldigen Sie das Zuviel und nehmen Sie vorlieb mit dem zu wenig!

Thomas Mann

Offline Cosette

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Herman Melville
« Antwort #8 am: 27. November 2005, 13:55 »
Zitat von: alpha
Zitat von: Cosette
vielleicht liegt das auch daran, dass mich so abenteuer und walfang-geschichten nicht interessieren  :grmpf:  


Hmm, seltsam, ich hatte das Gefühl, sooo abenteuerlich sei der Roman gar nicht, eher mit ewas Wahlfangtechnik überladen, aber nicht zu effekthascherisch (mit Ausnahmen, zugegeben), finde ich.

Grüsse
alpha

ja, stimmt du hast doch etwas recht  :breitgrins:  naja damit ich eigentlich so allgemein gemeint, dass mich geschichten über walfang nicht interessieren...hab dazu nämlich keinen bezug! ;)
aber mit walfangtechnik überladen stimmt sicherlich!! war auch teilweise nervig wenn man sich alles vorstellen muss weil man ja noch nie so ein boot gesehen hat usw.  :rollen:
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Offline Sir Thomas

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Re: Herman Melville
« Antwort #9 am: 6. Mai 2009, 09:51 »
Hallo,

Melvilles Erzählungen ("Billy Budd", "Bartleby" u.a.) liegen in einer neuen Übersetzung vor. Deutschlandradio Kultur stellte das Buch aus dem Hanser Verlag vor:

http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/kritik/959406/

Viele Grüße

Tom 

Offline Sir Thomas

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Re: Herman Melville
« Antwort #10 am: 14. Juni 2009, 14:27 »
Hier gibt es Melvilles "Bartleby ..." als kostenlosen Download:

http://www.br-online.de/podcast/mp3-download/bayern2/mp3-download-podcast-radiotexte.shtml

Viele Grüße

Tom

Offline Sir Thomas

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Re: Herman Melville
« Antwort #11 am: 23. Dezember 2009, 10:25 »
Bayern 2 bietet einen mp3-Download zur Rezeptionsgeschichte von "Moby Dick". Ich habe die Doku selbst noch nicht gehört, werde das aber wohl über Weihnachten nachholen.

Hier der Link: http://www.br-online.de/bayern2/hoerspiel-und-medienkunst/pool-carl-ludwig-reichert-moby-medial-ID1261069190918.xml

Viele Grüße

Tom

Offline Wolf

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Re: Herman Melville
« Antwort #12 am: 23. Dezember 2009, 15:20 »
Zitat von: Sir Thomas
Bayern 2 bietet einen mp3-Download zur Rezeptionsgeschichte von "Moby Dick".

danke für den Link, das werde ich mir über Weihnachten mal anhören. Es gibt dort noch einen zweiten Podcast zu Melville, wie ich gerade gesehen habe: "zu wüten gegen ein stummes Ding" - Moby-Dick und das Radio

Und dann habe ich dort noch etwas gefunden, was freilich nichts mit Melville zu tun hat, aber trotzdem:
Kaiser Wilhelm Overdrive
Das habe vor vielen Jahren schon einmal im Radio gehört, hat mir seinerzeit sehr gefallen, eine etwas schräge Soundcollage mit Originaltönen aus der Zeit vor dem ersten Weltkrieg. Klassikerauszüge aus Schiller, Heine etc. werden verwoben mit Kriegsansprachen der Zeit - ich fand es auch interessant zu hören, wie man seinerzeit Gedichte (oder Dramenauszüge) vortragen hat, zum Teil in ziemlich pathetischen Ton. Ist ja schön, daß man das jetzt herunterladen kann, das werde ich mir nachher nochmal anhören.

Schöne Grüße,
Wolf

Offline Gronauer

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Re: Herman Melville
« Antwort #13 am: 23. Dezember 2009, 17:36 »
Unter

ismaels.wordpress.com

findet sich ein monatlich aktualisiertes Sammelsurium deutsch/englisch, das sich mit Person und Werk Melvilles auseinandersetzt. Sehr amüsant.

Offline Harald

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Re: Herman Melville
« Antwort #14 am: 2. Mai 2010, 10:06 »



Pierre oder die Doppeldeutigkeiten (Pierre: or, The Ambiguities). Erschienen 1852.

Ein Jahr nach Moby Dick erschienen. Es wurde von den Kritikern verrissen und vom Publikum abgelehnt. Nachdem ich den Roman gelesen habe, kann ich verstehen, warum.

Bis heute sind die Meinungen über dieses Buch geteilt. Ist es eine Inzestgeschichte? Eine griechische Tragödie in Romanform? Eine Bigamistenfantasie? Amerikanische Kulturkritik? Ein philosophischer Roman? Oder einfach nur schlechte Literatur? Oder alles gleichzeitig?

Es ist die Geschichte von Pierre Glendinning, 21 Jahre alt, einzigem Nachkommen und Erben einer wohlhabenden, alteingesessenen Familie mit einem Gut irgendwo im Staat New York. Er ist mit der blonden Lucy verlobt und lebt alleine mit seiner Mutter; der Vater war gestorben, als er 12 war. (Hier fangen schon die Merkwürdigkeiten an. Pierre und seine Mutter pflegen sich häufig "Bruder und Schwester" zu nennen, und Pierre droht, nur halb im Scherz, jeden anzugreifen, der es wagen sollte, seiner Mutter einen Heiratsantrag zu machen. Was soll man davon halten?)

Das Verhängnis bricht in Pierres Leben ein, als die junge Isabel ihm brieflich mitteilt, dass sie seine Halbschwester sei. Für Pierre, der seinen Vater mehr als alles andere verehrt, und in ihm die moralische Vollkommenheit verkörpert gesehen hat, bricht eine Welt zusammen. Um nun das Andenken seines Vaters rein zu erhalten und seiner Mutter diesen Schmerz zu ersparen, gleichzeitig aber Isabel in ihre Rechte einzusetzen (was er für seine Pflicht hält), kommt er auf die irrsinnige Idee, vorzugeben, er sei mit Isabel verheiratet, um fortan mit ihr zusammen zu leben. Gleichzeitig fühlt er eine starke Leidenschaft für Isabel, die über das Erotische noch hinausgeht und letztendlich unerklärt bleibt (und es wird auch nicht ganz klar, wieviel davon ihm selbst bewusst ist).

Er teilt also seiner Mutter mit, dass er bereits verheiratet ist - ungeachtet seiner Verlobung mit Lucy. Ohne auch nur nach dem Wieso und Warum zu fragen, wirft sie ihn aus dem Haus und enterbt ihn auf der Stelle. Pierre zieht nach New York, wo er sich (erfolglos) in der Schriftstellerei versucht. Seine Mutter stirbt; Lucy folgt ihm nach und beschliesst, mit ihm und Isabel zusammen zu leben (ohne von der Natur ihrer Beziehung zu wissen...).

Der Roman ist reich an literarischen Verweisen (u. a. Hamlet und Dantes Inferno werden erwähnt), Melville war ja sehr belesen. Der Roman enthält eine Menge Stoff, an dem man seine analytischen Zähne ausbeißen kann. Trotzdem ist mein vorläufiger Eindruck, dass das Ganze künstlerisch misslungen ist. Auf hohem Niveau gescheitert.

- Harald
« Letzte Änderung: 2. Mai 2010, 12:47 von Harald »
Aktuell: Montaigne. G. E. Lessing. Dostojewski. Herman Melville.