Autor Thema: Herman Melville  (Gelesen 5083 mal)

Offline Sir Thomas

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Re: Herman Melville
« Antwort #15 am: 3. Mai 2010, 08:09 »
Trotzdem ist mein vorläufiger Eindruck, dass das Ganze künstlerisch misslungen ist. Auf hohem Niveau gescheitert.

Moin Harald,

als "misslungen" und "gescheitert" kann ich "Pierre" beim besten Willen nicht betrachten. In diesem Roman hat Melville ein halbes Jahrhundert vor dem Heraufdämmern der verschiedenen psychologischen Schulen (Freud etc..) die zerstörerische Wirkung von Familiengeheimnissen und (unausgesprochenen) Tabus beschrieben und analysiert. Er hat die griechische Tragödie mit all ihren pikanten Zutaten (Inzest, Mutter-Sohn-Verhältnis ...) auf die Höhe seiner Zeit gebracht - und das auf einem Niveau, dem Melvilles Zeitgenossen ratlos gegenüber standen. Natürlich gehen ihm manchmal die Pferde durch, aber das liesse sich von vielen großartigen Autoren behaupten und ist schlimmstenfalls ein kleiner Schönheitsfehler.

Aber Dein Eindruck ist ja, Gott sei Dank, ein "vorläufiger".  :zwinker:

Ich habe "Pierre" jedenfalls mit Gewinn gelesen.

Viele Grüße

Tom       

Offline Gronauer

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Antw:Herman Melville
« Antwort #16 am: 26. Januar 2011, 13:38 »
Niemand konnte schöner scheitern als Melville, das zieht sich wie ein roter Faden durchs Werk. Weniges ist wirklich voll gelungen, etwa die Novellen "Benito Cereno", "Bartleby" und "Billy Budd" - aber kaum etwas ist auf der anderen Seite belanglos. Noch den schwächsten Eindruck vemittelte "Israel Potter", und selbst die ungestümen Reiseromane der Frühzeit haben Charme und Charakter. Das jedenfalls ist mein Eindruck über dem letzten seiner Romane, "Maskeraden" (Original: The Confidence Man), den ich gerade lese. Auf besonderen Wunsch von Sir Thomas werde ich dazu demnächst hier nochmals etwas schreiben. Wer sich interessiert, findet hier ein paar meiner früheren Berichte:

Zu "Mardi": http://www.literaturschock.de/lsf/index.php?action=profile;u=3726;area=showposts;sa=topics;start=15

Zu "Billy Budd - Die großen Erzählungen" (sehr empfehlenswerte Sammlung beim Hanser-Verlag): http://www.literaturschock.de/lsf/index.php/topic,19137.msg458736.html#msg458736

Zu den Reisetagebüchern: http://www.literaturschock.de/lsf/index.php/topic,19884.msg478409.html#msg478409

Offline Sir Thomas

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Antw:Herman Melville
« Antwort #17 am: 26. Januar 2011, 17:54 »
Auf besonderen Wunsch von Sir Thomas werde ich dazu demnächst hier nochmals etwas schreiben. Wer sich interessiert, findet hier ein paar meiner früheren Berichte:

Zu "Mardi": http://www.literaturschock.de/lsf/index.php?action=profile;u=3726;area=showposts;sa=topics;start=15

Zu "Billy Budd - Die großen Erzählungen" (sehr empfehlenswerte Sammlung beim Hanser-Verlag): http://www.literaturschock.de/lsf/index.php/topic,19137.msg458736.html#msg458736

Zu den Reisetagebüchern: http://www.literaturschock.de/lsf/index.php/topic,19884.msg478409.html#msg478409

Danke, Gronauer! Das war wirklich fix!

Liebe Grüße

Tom

Offline Gronauer

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Antw:Herman Melville
« Antwort #18 am: 30. Januar 2011, 20:29 »
Maskeraden. Oder Vertrauen gegen Vertrauen

So, der letzte der größeren Romane ist verarbeitet, hier meine Einschätzung:

Ein Unbekannter schifft sich in St.Louis auf einem Mississippi-Dampfer zur Reise nach New Orleans ein; ein Steckbrief an Bord verkündet die Suche nach einem Betrüger. Während der Reise erscheint ein Mann in den unterschiedlichsten Verkleidungen und verwickelt die anderen Passagiere in tiefschürfende Dialoge über Vertrauen und Menschenfreundlichkeit. Fast immer gelingt es ihm, seinen Gesprächspartnern mehr oder weniger viele Dollars zu entlocken, indem er ihre Skepsis, ihr Misstrauen und ihre Vorsicht durch den sittlichen Appell an menschliches Vertrauen unterläuft.

Das ist das grobe Handlungsgerüst von Herman Melvilles letztem großen Roman, „The Confidence-Man“. Im kleinen, aber offenbar völlig furchtlosen Achilla-Presse-Verlag liegt eine deutsche Übersetzung unter dem Titel „Maskeraden. Oder Vertrauen gegen Vertrauen“ vor, die dieses letzte, etwas aus der Reihe fallende Werk erschließt. Als nur unwesentlich billigeres Taschenbuch ist es bei btb zu bekommen.

„Maskeraden“ ist äußerlich als Gesellschaftssatire angelegt, die Themendieses Konversationsstückes reichen in einigen seiner Facetten bis in die Höhen von Plato und Shakespeare hinauf. Viel mehr als Gesprächsepisoden sind darin aber nicht enthalten, es ereignet sich ansonsten eigentlich nichts. Wer das Buch unvoreingenommen in die Hand nimmt, wird sich mit Recht fragen, wo die Handlung geblieben ist.

Der Ton, den Melville hier anschlug, ist ein schadenfroher sarkastischer Humor. Manchmal erinnert er damit an die ernsteren satirischen Erzählungen eines Mark Twain, unterscheidet sich von diesem aber in einem wesentlichen Punkt: in den „Maskeraden“ weht ein eisiger Wind. Es gibt weder unter den Betrügern noch unter den Betrogenen auch nur eine einzige positiv besetzte Figur. Die Betrogenen sind Geizhälse, Ausbeuter, Prahlhänse oder Eiferer, denen ausgerechnet ein Betrüger vorführt, dass die religiös geprägten Werte von Güte, Vertrauen und Menschenfreundlichkeit nur eine dünne Schicht sind, unter der Misstrauen, Geiz, Unbarmherzigkeit regieren. Ausgerechnet einem Hochstapler bleibt es vorbehalten, die Hartherzigkeit seiner Gesprächspartner durch Appelle an Vertrauen und Güte zu brechen. Vertrauen, das dem Roman im Original den Namen gab und darin immer wieder beschworen wird, ist, so das bis zur Gehässigkeit bittere Fazit, etwas, das Betrüger einfordern und Betrügern gewährt wird.

Als Melville die „Maskeraden“ schrieb, war seine schriftstellerische Laufbahn bereits ruiniert. Drei groß angelegte, hoch ambitionierte Romane waren völlig durchgefallen, materiell herrschte größte Not. Man kann „Maskeraden“ als eine Art letzte Abrechnung des Autors mit Gesellschaft und Leserschaft sehen, die es zu ihrer Zeit nicht fertig brachte, ihm in die Tiefen seiner Einsichten und Gedankengänge zu folgen. Nach dem Mystiker, der an den alten Mythen verzweifelt, wurde Melville zum Autor, der an seinem Publikum verzweifelte.

Das Buch ist für gelegentliche Melville-Leser im Grunde ungeeignet. Für Melville-Fans ist es eigentlich Pflicht.



Offline Hubert

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Melvilles Ahab ist z.T. Miltons Satan
« Antwort #19 am: 29. September 2011, 22:31 »
In einem anderen Thread hat Sir Thomas geschrieben:

... jetzt weiß ich, dass das bei Melville zunächst Gullivers Reisen, Shakespeare und Ovids Metamorphosen und später Goethe, Schiller und Balzac waren ...

Hi Hubert,

steht dort nichts über John Milton, von dem Melville mMn. auch arg beeindruckt und beeinflusst war?

LG

Tom

Hallo Tom

Gerade im Anhang von „Moby-Dick“ zu Ahab entdeckt:

Vor allem die in ihrem starrsinnigen Stolz faszinierende Figur Satans in „Paradise Lost“ aber steht wohl im Hintergrund von Melvilles Figur. Zwar waren,.., tyrannische Kapitäne nicht selten im damaligen Walfanggewerbe, aber Ahabs Stolz, sein metaphysischer Trotz erinnert eher an Perey Shelleys Kommentar in „Defense of Poetry“ den Melville in seiner Ausgabe markiert hatte: „Miltons Teufel ist als ein moralisches Individuum seinem Gotte weit überlegen ..... Schon Ahabs vernarbtes Gesicht erinnert an das Antlitz von Miltons gefallenem Erzengel. ...“

Hatte jetzt Melville „Paradise Lost“ gelesen oder kannte er nur Shelleys Kommentar?

LG

Hubert 

Offline Hubert

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Melville kannte Miltons „Paradise Lost“ sehr gut
« Antwort #20 am: 2. Oktober 2011, 01:24 »
Hatte jetzt Melville „Paradise Lost“ gelesen oder kannte er nur Shelleys Kommentar?

Da ich heute mit dem „Moby-Dick“ begonnen habe, habe ich mir auch ausführlicher den Kommentarteil angesehen und folgendes entdeckt:

„Die Benutzerspuren und z.T. ausgemerzten Randnotizen Melvilles in seiner Ausgabe von Miltons „Poetical Works“ belegen die Wichtigkeit von Miltons puritanischer Weltdichtung für sein eigenes Schaffen.“ 

das bestätigt Toms Meinung, dass Melville von Milton beeindruckt und beeinflusst war und
weiterhin Toms Hinweis, dass man den guten Geistern des Forums (wie z.B. Tom) vertrauen kann.    :zwinker:

Offline Gronauer

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Antw:Herman Melville
« Antwort #21 am: 4. Oktober 2011, 14:49 »
@ Hubert:

Gar keine Frage. Kenntnis und Verarbeitung sind belegt.

Daniel Göske schreibt in seiner voluminösen Melville-Biografie „Ein Leben“ auf S. 751, Melville habe Paradise Lost gekannt und bezieht sich auf eine genau bezeichnete Stelle (II:560), in der es wohl um die Idee des freien Willens geht. Und:

Zitat
„Melville kannte das berühmte Versepos, aber auch andere Werke John Miltons gut und übertrug die Sprache des großen puritanischen Dichters häufig auf die philosophischen Kernfragen seiner eigenen Zeit.“

Offline Gronauer

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Antw:Herman Melville
« Antwort #22 am: 4. Oktober 2011, 22:48 »
Zwei weitere Quellen gehen auch wie selbstverständlich davon aus: Andrew Delbanco in seiner Melville-Biographie, und außerdem die "Reiseberichte", dort im Nachwort.

Alles andere hätte mich übrigens schon sehr erstaunt.

Offline Sir Thomas

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Antw:Herman Melville
« Antwort #23 am: 11. Januar 2012, 10:05 »
Mittlerweile beendet: Herman Melville – Ein Leben (Briefe und Tagebücher), herausgegeben von Daniel Göske

Diese Mischung aus Biografie und Dokumentensammlung lotet die Existenz eines Schriftstellers aus, der sich in der zweiten Hälfte seines Lebens dem Literaturbetrieb konsequent verweigerte, ohne jemals mit dem Schreiben aufgehört zu haben. Beeindruckend!

Besonders interessant sind die Details aus der Welt der damaligen Literaturkritik. Während die US-Kritiker Melville seit „Moby Dick“ und „Pierre“ als seriösen Autor abgeschrieben hatten, genoss er in Großbritannien die Wertschätzung der Rezensenten. Der Herausgeber Göske leitet daraus ab, dass der britische Literaturbetrieb um 1850 sehr viel höher entwickelt war als sein mit bigotten Argumenten operierendes Pendant jenseits des Atlantiks. Auch das Verlagswesen war in England längst nicht so kommerzialisiert wie in den USA.

Beklemmend fand ich die Passagen, die Melvilles zum Teil hilfloses Bemühen um Kontakte in die damalige New Yorker Literatenwelt belegen. Wie sehr suchte er den Austausch mit dem älteren und bewunderten Kollegen Nathaniel Hawthorne, der ihn jedoch kühl auf Distanz hielt! Auch der damalige New Yorker Literaturpapst Evert Duyckinck behandelte den Autodidakten Melville bestenfalls mit distanzierter Freundlichkeit. Nach „Moby Dick“ wandte Duyckinck sich von Melville ab, mit der heuchlerischen Begründung, der Autor habe das religiöse Gefühl seiner Landsleute verletzt. Das alles hat Melville sehr geschmerzt – und letztlich zu seinem Verstummen beigetragen.             

Sehr intensiv sind auch die Reisetagebücher. Vor allem die zweite große Reise Melvilles (Konstantinopel, Kairo, Jerusalem, Rom) steht unter der Überschrift „Desillusionierung“. Die dem Verfall und dem Massentourismus preisgegebenen Stätten der abend- und morgenländischen Kultur erzeugen bei ihm abwechselnd Grauen, Leere oder Melancholie. „Alles glänzt und nichts ist aus Gold. Ein ekelerregender Betrug“, schreibt er über Jerusalem. Auch Italien enttäuscht: „Es gibt keinen Ort, wo ein Einsamer sich einsamer fühlen wird als in Rom.“ Welch ein Kontrast zum Italienreisenden Goethe!

Fazit: Wer sich für Melville und die US-Literatur interessiert, sollte sich diese Schwarte nicht entgehen lassen.

Offline finsbury

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Antw:Herman Melville
« Antwort #24 am: 11. Januar 2012, 18:32 »
Danke Tom,

deine Ausführungen motivieren, sich möglichst bald mit Melville zu beschäftigen, wenn er auch nicht für die nächsten Monate auf meinem Leseplan steht.

finsbury
Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene
Meer in uns. (Kafka)

Offline JMaria

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Antw:Herman Melville
« Antwort #25 am: 11. Januar 2012, 18:46 »
Danke Tom,

deine Ausführungen motivieren, sich möglichst bald mit Melville zu beschäftigen, wenn er auch nicht für die nächsten Monate auf meinem Leseplan steht.

finsbury

ich schließe mich an. Sehr motivierend, Tom, danke :-)

LG
Maria
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Offline Sir Thomas

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Antw:Herman Melville
« Antwort #26 am: 1. Februar 2012, 12:30 »
Hat einer von Euch das lyrische Werk Melvilles (z.B. Battle Pieces und/oder Clarel) gelesen? Interessieren würde es mich schon - und sei es nur, um zu sehen, welchen Standpunkt Melville zwischen den beiden US-Großlyrikern Poe und Whitman einnimmt.

LG

Tom