Hallo Maria,
sein vom Nachtlied aus Nietzsches "Also sprach Zarathustra" entlehnter autobiographischer Roman "Ein springender Brunnen" ist sehr zu empfehlen, da er sehr schön geschrieben ist, Walser als einen erinnerungsstarken Autoren kennen lernen lässt. Aber bis auf den Titel, das brunnenartige Strömen des Erzählflusses des Romanes und Walsers Liebe und Bekenntnis zur Nietzschelektüre ist nichts oder sehr wenig von Nietzsche enthalten. Es ist Walsers Aufarbeitung der eigenen und damit verbundenen deutschen Geschichte. Er musste sich den Vorwurf des Revisionismusses gefallen lassen, aber fast jedes Buch Walsers lockt öffentlich irgendeinen "-ismus" hervor. Ich selbst bin nicht sehr geschichtsstark, wenn auch nicht unbelesen auf diesem Gebiete, musste Walser dennoch oft zustimmen. Vielleicht machten es nicht die Fakten, sondern die Wichtungen, und der bereits blanke Nerven zeigende Literaturbetrieb, dass dies Buch in ein solches Licht geriet. Vielleicht wurden die Auswirkungen des Versailler Vertrages zu eng gesehen, aber unberechtigt sind Walsers Ansichten dazu nicht. Unlängst las ich bestätigende Beiträge von amerikanischen Journalisten. Zu überbewertet finde ich dies alles, das Buch wurde bewusst in der Öffentlichkeit auf einige Fakten reduziert, die dazu noch nicht einmal falsch sind und es wurde das Element der Fiktion aus den Augen gelassen und besonders auch die Verschiebung von Geschichtswahrnehmung im Laufe der Geschichte selbst. Als Beispiel der Versailler Vertrag: er wurde ganz sicher von Walsers Mutter und deren Generation anders gewertet, als von Walser selbst, geschweige denn von uns. Aber der Roman ist ein geschichtliches Dokument aus Sicht der "Flakhelfergeneration", zu der auch Martin Walser gehört. Ist man/frau von deutschsprachiger Nachkriegsliteratur "begeistert", sollte dieser Roman nicht ausgelassen werden und es sollte nicht vergessen werden, dass Walser eine andere Kindheit hatte, als wir.
Weiterhin ist auch "Halbzeit" unbedingt zu empfehlen, da es wie kein zweites Buch die Mechanismen, das Denken und die Wirkungen der Wirtschaftswunderzeit aufzeigt und auch heute noch so aktuell ist. Das Buch - ich darf dies gerade in der Zeit der Fußball-WM nicht unterlassen zu schreiben - hat natürlich nichts mit Fußball zu tun. Der Roman ist ein schonungsloses Vergrößerungsglas über dem Gepflecht des Wirtschaftswunders. Vieles Feingewebte ist zu entdecken. Manche Textabschnitte sind wunderbar geschrieben, einfach zum wiederholten Lesen einladend. Walser griff alles auf, ohne Angst anzuecken (wie für ihn typisch). Ich glaube einmal gelesen zu haben, dass Walser als ein "Chronist der jungen Bundesrepublik" bezeichnet wurde; dem muss man zustimmen, wenn man/frau "Halbzeit" oder auch "Ehen in Philippsburg" gelesen hat. Es bleibt eines meiner Lieblingsbücher von Walser.
"Ehen in Philippsburg" gehört zur selben Trilogie, wie "Halbzeit" und bewegte mich besonders wegen der darin beschriebenen Abtreibung. Ein sehr kritisches Buch, wenn auch nicht moralisierend geschrieben.
"Ein fliehendes Pferd" fand ich auch toll, ein Buch, dass sogar MRR ausbündig und wiederholt lobte.
Meine Empfehlungen sind "Ein springender Brunnen" und "Halbzeit". Das sind zusammen schon fast tausend Seiten...
Grüße, FA