Autor Thema: Wiener fin de siècle  (Gelesen 14758 mal)

Offline Friedrich-Arthur

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Re: Wiener fin de siècle
« Antwort #30 am: 4. Februar 2007, 16:42 »
Hallo xenophanes, ich habe das auch noch mal überprüft, dem ist wirklich nicht so. Wien liegt noch weit hinter und unter Brüssel. Sehr weit sogar. So besuche ich Wien dann eben virtuell oder lese über das Wiener Fin de Siècle, dass von den Östereichern wirklich meisterhaft vermarktet wird. Aber Klimt, Schiele, Kokoschka, Moser und all die anderen Künstler(Innen) haben den Ruhm, der ihnen zu Lebzeiten nicht oder zu wenig durch die Wiener selbst zuteil wurde, sicher verdient. Als radikale und erneuernde Künstler(Innen) mit hoher künstlerischer Qualität und auch dank ihrer Mitstreiter(Innen), Freunde und Mäzene haben sie nicht nur dem Zeitgeist, sondern auch dem Zahn der Zeit getrotzt. Es gibt noch vieles zu entdecken und Bücher darüber gibt es sehr viele (und besonders auch schöne). Einige mir bisher nicht gekannte östereichische Künstler(Innen) dieser Zeit entdecke ich gerade für mich. Schlimm, dass der erste Weltkrieg und die Spanische Grippe dieser künstlerischen Blüte so hart zusetzte und sie zum welken brachte. Aber dem deutschen Expressionismus und vielem anderen erging es da nicht besser... Sonntagsgrüße aus den flachen Ebenen noch hinter Brüssel, FA
Daß man gegen seine Handlungen keine Feigheit begeht! daß man sie nicht hinterdrein im Stiche läßt! - Der Gewissensbiß ist unanständig.

Friedrich Nietzsche - Götzen-Dämmerung, Spruch 10

Offline Friedrich-Arthur

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Re: Wiener fin de siècle
« Antwort #31 am: 12. Februar 2007, 21:56 »
Wozu zündete die SS Schloss Immendorf am Ende des Krieges, am 5. Mai 1945 an, in dem Bilder Klimts zum Schutz vor Kriegseinwirkungen ausgelagert wurden?

Fehlte in der blutig-zerstörerischen Tätigkeit der SS neben Bücher-, Menschenverbrennung und verbrannter Erde noch Bilderverbrennung?

Jedenfalls ist es schlimm, denn
Die Musik II
Schubert am Klavier
Zug der Toten
Malcesine am Gardasee
Bauerngarten mit Kruzifix
Gartenweg mit Hühnern
Leda
Die Freundinnen
und die Fakultätsbilder:
Philosophie
Medizin
Jurisprudenz
und wer weiß was noch sind in ihrer ganzen künstlerischen Pracht nicht mehr zu bewundern und für immer verloren. Von den Fakultätsbildern sind nicht einmal Farbreproduktionen überliefert.

Wozu nur immer dieses sinnlose Morden und Zerstören?

Aber scheinbar werden/wurden die Fakultätsbilder in der Wiener Universität rekonstruiert.
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Friedrich Nietzsche - Götzen-Dämmerung, Spruch 10

Offline Friedrich-Arthur

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Re: Wiener fin de siècle
« Antwort #32 am: 28. März 2007, 13:19 »
Die Gründung der Wiener Secession gilt als “Geburtsstunde einer neuen Zeitrechnung” und unter dem Leitmotiv “Der Zeit ihre Kunst, der Kunst ihre Freiheit” versuchte die Wiener Moderne Kunst und Leben, Freiheit und Zeitgeist zusammenzuführen und neu zu beschreiben und festzulegen. Das dies den Zeitgeist zu Widerständen veranlasste, verwundert mich nicht. Aber den künstlerischen Aufbruch, fast schon Ausbruch, konnte er nicht mehr verhindern. Die Kraft, mit der die Wiener Moderne herausbrach ist noch heute in den Kunstwerken zu erkennen und hat immer noch ihren Reiz. Ich glaube sogar oft typisch Wienerische Eigenschaften und Ausdrucksweisen zu erkennen. Vielleicht ist dies durch die herausragende Persönlichkeit und das herausragende Werk einiger Künstler verursacht, was ich aber nicht zo eingeschränkt sehen möchte…

Jedenfalls hatte diese Strömung in erster Linie durch Gustav Klimt einen großen Fürsprecher und ein großes Vorbild. Er war Wegbereiter für Oskar Kokoschka, Egon Schiele und andere Künstler(Innen)…

Ein Schlüsselwerk dieser Entwicklung ist Klimts “Hoffnung I”, das als Ausstellungsbild höchster Güte und als Schlüsselwerk von Nacktheit und Öffentlichkeit gild. Es konnte jahrelang nicht öffentlich ausgestellt werden. Es wurde von der breiten Öffentlicheit abgelehnt. Fritz Waerndorfer, Gründungsdirektor der Wiener Werkstätte, der dieses Bild erwarb, ließ Waerndorfer einen von Kolo Moser eigens dafür entworfenen Schrank im Stil liturgischer Schreine bauen, der in einem Ritual nach dem Tee bei den Waerndorfers von der Dame des Hauses, mit einem von einem Dienstmädchen auf rotem Samt gereichten silbernen Schlüssel, geöffnet wurde und nach dem Öffnen der Flügeltüren den priveligierten Blick freigab. Manchmal denke ich mir, dass genau diese Geschichte typisch für das Wien dieser Jahre ist…

Grüße, FA
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Offline Friedrich-Arthur

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Re: Wiener fin de siècle
« Antwort #33 am: 28. März 2007, 22:17 »
Da habe ich doch ganz vergessen, die Quelle für die im obigen Beitrag sinngemäß wiedergegebene Geschichte anzugeben... ich habe sie aus dem erhellenden und verlegerisch sorgfältig editierten Band Die nackte Wahrheit. Es gibt viele Anekdoten, viele Geschichten und viel Wissen, die/das übersichtlich und sehr umfangreich zusammengestellt wurde und mich das Wiener fin de siècle eingehend kennenlernen und fühlbar werden lassen. Es räumt aber auch mit einigen liebgewordenen kunsthistorischen Clichés auf und zeigt einiges in ganz neuem Licht. Es ist ein überaus fesselndes Buch, trotz seines Umfanges und der Detailvielfalt leicht und nachvollziehbar lesbar. Aber ich will nicht zu weit abschweifen... Es ist ein Buch, aus dem ich sinngemäß wohl noch mal vorschwärmen werde. Die Geschichte mit dem Kolo-Moser-Schrein für die "Hoffnung I" finde ich jedenfalls genial - es gibt doch nichts, was des Menschen Phantasie in seinem Erfindungsgeist und in seiner Ästhetik zu bremsen vermag, nicht einmal noch so erstarrter Zitgeist... Grüße, FA
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Offline Friedrich-Arthur

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Re: Wiener fin de siècle
« Antwort #34 am: 16. April 2008, 19:19 »
Klimt - Der Film gefiel mir trotz der gelesenen Kritiken dennoch sehr gut, wenn man die Handlung aus dem Blickwinkel des Traumes und der Erinnerung sieht. Es ist ein recht aufwendig gestalteter Film, der sich sehr viel Mühe mit dem historischen Dekor gab. Die Fakultätsbilder, die ja 1945 verbrannten, wurden eigens dafür neu gemalt/rekonstruiert. Die etwas verworrene Handlung, die keine biographisch gerade Linie nachzieht wird aber durch einige Details wettgemacht und folgt dem Ansatz traumhafter Erinnerung. Was der Film sehr wohl sehr gut rüberbrachte, war die historische Stimmung im Wien des Fin de siècle. Ein Kunstfilm, soviel ist sicher und soviel war auch beabsichtigt. Klimt wird jedenfalls als sehr widersprüchlicher und sinnlicher Mensch wiedergegeben, der die Frauen liebte, aber auch benutzte und danach dennoch wieder unterstützte... Ich werde ihn mir noch einmal in aller Ruhe ansehen. Klaus Kinskis Sohn spielte Egon Schiele recht überzeugend, ich wusste garnichts von diesem Schauspieler. Überhaupt konnte man mit John Malkovich einen Klimt sehr ähnlichen Schauspieler und mit Nikolai Kinski einem Schiele sehr ähnlichen Schauspieler verpflichten. Grüße, FA
« Letzte Änderung: 16. April 2008, 19:21 von Friedrich-Arthur »
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