Hallo zusammen,
die Landschaftsbeschreibungen sind wirklich wunderbar, ohne Ortsbezug und doch bei vielen Orten gleich treffend vorstellbar. Es könnte dieser, aber es könnten auch andere Fjorde sein. Ein genauer Ort ist sowieso nicht festzumachen und das passt ganz gut, denn diese Stadt, dieses Fjord steht stellvertretend für andere in Zeiten des Krieges. Die Beschreibung des Fjords aus Sicht eines Widerstandskämpfers beim ersten Einsatz ist beklemmend und auch nachvollziehbar. Die gesteigerte Aufmerksamkeit, die sich dehnende Zeit und Anspannung, das Auge für Dinge, die man sonst übersehen würde, ich finde das grandios beschrieben und habe es selbst auch so erlebt. Zum Glück nur als Grundwehrsoldat auf Nachtwachen. Die Sinne sind dann eigenartig scharf, man hört, richt, sieht und fühlt viel mehr, selbst, wenn man noch so müde ist. Das hat Lenz wiedergegeben und wüsste ich nicht, dass Lenz Soldat in einem Krieg war, ich würde schreiben, dass er es sehr glaubhaft wiedergegeben hat. Das Lenz Soldat war und einen Weltkrieg am eigenen Leib miterlebt und anschließend verarbeitet hat, das verraten die ersten Seiten vom "Stadtgespräch". Alles wurde sehr lebens- mehr noch sehr todesnah beschrieben...
Was mich erschreckte, war meine anfängliche Sympathie für den alten Haudegen von General. Erst wusste ich garnicht, welcher Armee/Heeresform er angehören könnte, weil dies nicht angedeutet wurde und doch wusste ich gleich, dass eine altgediente Kaste preußischer Generäle und Offiziere Lenz vor Augen schwebte. Jetzt schreibe ich mich in gefährliche Situationen, den vier Partisanen gleich und muss nachdenken, wie ich mich wieder zurückziehe. Ich habe viel, sehr viel über den zweiten Weltkrieg gelesen, schon als Kind. Dann auch viel darüber gesehen. Erst Geschichtsbücher und später Literatur. Diese schildkrötengesichtigen Generäle und Offiziere im Allgemeinen gab es, sie machten die Kriegsführung mit möglich, aber verweigerten auch einige Greueltaten, wie es z.B. bei Wehrmachtsoffizieren beim Kommissarbefehl vorkam. Ob man diese Offiziere "gut" nennen kann, bezweifle ich, aber es gab schlimmere. Wenn ein Typ Offizier bei den eigenen gemeinen Soldaten überhaupt Anerkennung und Vertrauen fand, so dieser Typ. Im Allgemeinen, da will ich euch aber beruhigen, bin ich kein Freund von Offizieren und der Armee. Seit meinem Grundwehrdienst bin ich sogar allem militärischen gegenüber ablehnend eingestellt. Der General scheint mir aber ein wichtiger Protagonist im Roman zu sein, jedenfalls wurde er als ein solcher von Lenz aufgebaut und er bekam auf den ersten Seiten mehr Charaktereigenschaften zugeschrieben als andere Protagonisten. Ob ich mit dem Gefühl recht habe, wird sich zeigen...
Genauso vage wie die Ortsbeschreibungen finde ich auch den Auftrag, den General zu entführen. Ein beliebiger Auftrag also an einem beliebigen Ort? Das würde zu Lenz' schriftstellerischen Einschüben passen, die Maria erwähnte...
Es gibt viel zu Mutmassen beim Begin der Lektüre, vielleicht wollte Lenz uns, den Leser(inne)n Zeit geben uns zu positionieren und festzulegen und später über den eigenen Standpunkt überrascht, enttäuscht oder auch gemahnt zu sein, so wie es mir mit dem schildkrötengesichtigen General erging. Ein durchaus interessantes Motiv, sollte es denn zustimmen...
Mit diesem gewagten Einstieg beende ich meinen ersten Beitrag...
Ein schönes Wochenende und einen schönen Start in die Leserunde wünscht euch
FA