Hallo Steffi und Maria,
ich bin etwas zurückgefallen mit dem Lesen und Schreiben und - obwohl ich das "Stadtgespräch" noch längst nicht ausgelesen habe, so teile ich doch eure Feststellungen über diesen Roman. Er hat eine ungeheure Wucht. Er wühlt in der Tat auf!
Den ersten Absatz mit dem Rückblick auf das alte Lager macht Zeit relativ und bekräftigt die Vergänglichkeit aller Dinge, einschließlich der Erinnerungen. Das finde ich sehr schön von Lenz ausgedrückt. Als ob sich da der Sinn des Partisanenkampfes noch einmal stellt. Merkwürdig diese Textstelle so weit im Beginn des Romans zu schreiben. Aber sie leitet folgenreiche Begebenheiten ein...
Der innere Kampf und die Zerissenheit, die Hoffnung und die Hoffnungslosigkeit, die Loyalität gegenüber Daniel und die väterlichen Gefühle Olafs, dessen Sohn unter den 44 Geiseln ist, finde ich sehr eindringlich und menschlich beschrieben. Überhaupt ist fast jede Szene sehr geladen und eher hoffnungslos. Wie Lenz sie beschreibt, zeugt von seiner erzählerischen Meisterschaft, von seiner psychologischen Einfühlsamkeit und auchvon seinen eigenen Kriegserfahrungen. Da sind keine Worte unnötig oder zuviel, da ist alles präzise auf den Punkt gebracht. Selbst die Landschaftsbeschreibungen sind Rahmen und unterstreichen die Handlung, aber keine Auflockerungen. Lenz wertet nicht, er überlässt dies den Leser(innen). Gut, da sind wir manchmal etwas entwurzelt, aber das ist gut so, denn es fordert zum Nachdenken über den eigenen Standtpunkt heraus. Keine moralische Hilfestellung zu geben ist in diesem Falle angebracht. Das erschwert das Lesen, macht es aber intesiver und bringt dieses beklemmende Gefühl hervor, das wir alle festgestellt haben. Aber ist es denn nicht in der Realität so, dass wir fortwährend Entscheidungen fällen müssen, abwägen müssen und einen Standpunkt haben. Wie, wenn dies unter den Regeln und Einflüssen des Krieges fällt?