Hallo zusammen,
ich muss sagen, dass ich die späte Enthüllung Grass' doch für recht problematisch halte. Nicht für sein literarisches Werk, dass davon unangetastet bleiben muss, weshalb auch die Forderung, Grass möge den Literaturnobelpreis zurück geben, viel zu kurz gedacht ist, aber durchaus für seine (ihm möglicherweise auch aufgezwungene?) Funktion als schlechtes Gewissen Nachkriegsdeutschlands.
Die 'Erklärungen', die er (u.a. im Gespräch mit Wickert) für seine späte Enthüllung liefert, halte ich für sehr dürftig. Einen 'geeigneten Zeitpunkt' für ein solches Bekenntnis habe es bislang nicht gegeben. Abgesehen davon, dass Grass noch vor wenigen Jahren eine solche Erklärung jedem anderen wortgewaltig um die Ohren gepfeffert hätte, ist wohl anzunehmen, dass es einen günstigen (im Sinne von für den Betroffenen günstig) Zeitpunkt garnicht gibt. Ein solches Eingeständnis ist jederzeit schwierig, schmerzhaft und das Ergebnis einer intensiven, kritischen Selbstbetrachtung und selten dazu geeignet, 'günstige' Konsequenzen für den Betroffenen (abgesehen von einer Befreiung des eigenen Gewissens) zu entwickeln. Es sei denn... ein solches Geständnis ließe sich medienwirksam und verkaufssteigernd nutzen. Und genau in diesem Punkt drängt sich mir schon die Frage auf, ob Grass nicht vielleicht auch ganz kalkuliert dieses Bekenntnis in den unmittelbaren Zusammenhang der Veröffentlichung seiner Biographie gestellt hat. Die Werbe(blech)trommel also in eigener Sache schlägt.
Dies ist der eine fade Beigeschmack, den dieses Bekenntnis für mich hat.
Der andere ist, dass Grass Erklärungsversuch sich sehr eng anlehnt, an die Argumentation all jener, die nie etwas gewusst haben, die nie über die eigene Schuld sprechen und die über alles das Mäntelchen des Schweigens decken wollten. Eben jene, gegen die sich Grass sowohl mit seinen öffentlichen Auseinandersetzungen, als auch mit seinem literarischen Werk stets gestellt hat.
Ich fürchte, dass eben jene Grass' spätes Geständnis nun zum Vorwand nehmen werden, um eigene Versäumnisse erneut und verstärkt zu legimitieren. Denn wie, so könnte man fragen, kann man von Otto Normalmitläufer erwarten, was selbst eines der Denkmäler der Nachkriegsaufklärung nicht fertigbringt, die zeitnahe Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit.