Autor Thema: Günter Grass  (Gelesen 21940 mal)

Offline Friedrich-Arthur

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Re: Günter Grass
« Antwort #15 am: 18. August 2006, 22:41 »
Hallo zusammen!

Ich habe da wohl mit meinem letzten Beitrag zuviel gefragt und mich über Antworten von giesbert und Bloom gefreut.

Die Diskussionen um Grass' Enthüllung der letzten Tage habe ich recht aufmerksam verfolgt, aber, da ich keine deutsches Fernsehen empfangen kann (unsere Zimmerantenne fängt nur wenige flämische Sender ein), eben auch nicht lückenlos. So habe ich mich an die Zeitungen und Zeitschriften gehalten. Ich finde gut, dass Günter Grass jetzt öffentlich gesteht, was er 1945 schon einmal gestanden hat (nachzulesen in den Entlassungspapieren der amerikanischen Besatzungsmächte). Aber dieses Geständnis - das wusste er - musste eine Welle der Diskussion ingang bringen und das ist auch gut so. Es gehört zur Geschichte und deren Aufarbeitung. Es gehört zur Geschichte Deutschlands, Europas, aber auch zur persönlichen Geschichte von Grass selbst. Wie Bloom schon feststellte, ging Grass den deutschen Themen ja nie aus dem Weg. Dies und seine Sprachgewalt (die ich übrigens immer noch als herausragend in der deutschen Nachkriegsliteratur anerkenne) haben mich zu Grass geführt und zu seinem lesenden Anhänger gemacht. Dabei musste ich den öffentlichen Grass, den politischen Grass erst einmal überwinden, um ihn als den Künstler Grass entdecken zu können. Er hat seine Schuld, wenn man dies einem von knallharter Ideologie im Reich geschulten Minderjährigen überhaupt so schwer anrechnen kann, einen Großteil seines Lenbens getragen und versucht, sie mit Literatur und Malerei, mit politischem Einsatz zur Aussöhnung, mit Stiftungen für Verfolgte usw. abzutragen. Dies scheint seinem Gewissen nicht gereicht zu haben. Ich bin selbst neugierig, was er da mit sich herumgetragen hat und werde das Taschenbuch der gehäuteten Zwiebel abwarten. Ich werde sicher Grassleser bleiben. Grass Geständnis wird dazugehören, aber auch die Erinnerung an das, was er für die Literatur, die Aussöhnung, die Bekämpfung rechten Denkens usw. für ihn spricht. In der DDR aufgewachsen, vormilitärische Ausbildung und NVA-Dienst miterlebt, ahne ich, wie unmündig man in machtbesessenen und totalitären Gesellschaften in Geschicke geraten kann, die dem eigenen Charakter und Wunsch nicht entsprechen. Es ist gewiss keine einfache Frage, kein einfaches Thema, die abweichenden Stellungnahmen in der Diskussion machen dies deutlich. Ich werde wohl Grassanhänger bleiben.

Warum auch nicht.

Grüße, FA
Daß man gegen seine Handlungen keine Feigheit begeht! daß man sie nicht hinterdrein im Stiche läßt! - Der Gewissensbiß ist unanständig.

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Offline H.-P.Haack

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Re: Günter Grass
« Antwort #16 am: 19. August 2006, 08:13 »
Dem Moralisten Günter Grass wird in der Öffentlichkeit nicht so sehr übelgenommen, dass er - noch nicht erwachsen  -  kurz vor Kriegsende Mitglied der Waffen-SS geworden ist, sondern dass er es erst jezt mitteilt.

Ich tröste mich mit dem Nietzsche-Wort: "Was ist der Künstler? Ein Hanswurst." Ich trenne strikt zwischen dem Werk und der Person des Künstlers.

Vielleicht ist der Künstler nur das Medium, über den das Kunstwerk in die Welt tritt.

H.-P.Haack

   



« Letzte Änderung: 20. August 2006, 06:10 von H.-P.Haack »
"Trau deinen Augen" (Otto Dix)

Offline Giesbert Damaschke

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Re: Günter Grass
« Antwort #17 am: 19. August 2006, 09:49 »
In der Süddeutschen Zeitung rezensiert Ijoma Mangold "Beim Häuten der Zwiebel":
Zitat
„Beim Häuten der Zwiebel“ heißt das Buch. Selten hat man sich von einer Zwiebel so genervt gefühlt. Denn sie muss ständig einstehen für den besonderen Wert des Grass’schen Erinnerungsprogramms. Wie eine Zwiebel, erklärt der Erzähler Mal um Mal, sei die Erinnerung. Schicht um Schicht müsse man abtragen, um zu immer tieferen Gedächtnislagern vorzudringen. Und wie das Häuten einer Zwiebel einem die Tränen in die Augen treibt, sei auch der Prozess des Erinnerns schmerzhaft. Mancher drücke da schon lieber mal die Augen zu, weil es zu sehr brenne. Auch er, Günter Grass, habe bisher mit dem Häuten zu früh aufgehört, „so dass mir mein Schweigen nun, beim Häuten der Zwiebel, in den Ohren dröhnt“. Noch jetzt schrecke er immer wieder davor zurück: „Bin ich es, der nicht entziffern will, was der Zwiebelhaut eingeschrieben steht?“

[...]

Das hat nicht nur moralisch etwas Dröhnendes, etwas von großer Oper und hohem C, es wirkt vor allem ästhetisch penetrant. Denn es bleibt ja nicht bei der Zwiebel-Metapher. Es muss ja auch noch der Bernstein her, der alles Vergangene in sich schließt und bewahrt. Wenn Grass mit der Zwiebel nicht weiterkommt, greift er zum Bernstein: „Der Bernstein gibt vor, mehr zu erinnern, als uns lieb sein kann.“

Man muss aber, um der Wahrheit willen, sagen, dass dies das Bauprinzip von allen Grass-Romanen ist. Immer steht in ihrem Zentrum ein einigermaßen grob geschnitztes Ding-Symbol, im Lichte dessen recht simplen Symbolgehalts alles Erzählte beleuchtet und gedeutet wird. Mal ist’s eine Schnecke (SPD, Reform, Fortschritt), mal ein Butt (Frauenemanzipation), dann eine Rättin (Menschheitsapokalypse wegen Umweltzerstörung), dann eine Unke (deutsch-polnische Versöhnung). Im „Weiten Feld“ war es ein Paternoster (die ewige Wiederkehr der deutschen Geschichte), zuletzt ein Krebs (das seitlich Umständliche unserer Erinnerung). Vom Krebs zur Zwiebel ist es nur ein kleiner Schritt.

[...]

Man könnte ihn einen verschärften Bauern-Barock nennen: Es wimmelt von Adjektiven. Redundanz ist das oberste Prinzip. Diese Prosa hat etwas Krud-Artifizielles, etwas Ausgeschnitztes, Manieristisches, pedantisch Groteskes (Grimmelshausen hat ihm eben schon an der Wiege gesungen!). Überhaupt gilt für Grass’ Bücher das Mischungsverhältnis: Auf eine Einheit Denken kommen dreißig Einheiten Bilderwust. Die Literaturkritik hat das früher gerne sein überschäumendes Erzähltemperament genannt. In der Welt des Motorsports nennt man das übertourig. Sein Stil besteht fast ausschließlich aus Metaphern, kaum einmal ein normales Wort ist darunter gestreut. Die Lektüre dieser poetischen Essenz ist nur dem Lutschen von Brühwürfeln vergleichbar.

Günter Grass vorzuwerfen, dass er als Jüngling an das Dritte Reich geglaubt hat, ist absurd. Über sein langes Schweigen aufschreien mag, wer ihn zuvor zur moralischen Ikone erhöht hat - es hat aber etwas Tantenhaftes. Die Rückgabe des Nobelpreises zu verlangen ist lächerlich. Und wer jetzt auch das bisherige literarische Werk demoliert sieht, der möge bitte über seinen Literaturbegriff Auskunft geben. Eines aber kann man sagen: Die literarische Form, die Grass für sein Eingeständnis bemüht hat, enthält entschieden zu viele Metaphern. Und solche erhellen die Abgründe des Lebens meistens nicht.

Giesbert Damaschke, München |  http://www.damaschke.de/

Offline xenophanes

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Re: Günter Grass
« Antwort #18 am: 19. August 2006, 10:24 »
Hallo!

Auch die NZZ nimmt sich heute des Falles an. Zwei sehr gute Artikel meiner Meinung nach:

http://www.nzz.ch/2006/08/19/fe/articleEEB5Y.html

http://www.nzz.ch/2006/08/19/fe/articleEE9RV.html


CK


Offline Friedrich-Arthur

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Re: Günter Grass
« Antwort #19 am: 19. August 2006, 15:06 »
Danke xenophanes, wirklich zwei sehr gute Artikel!

Ich habe mir heute auch die Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 19. August 2006 gekauft, sie enthält eine Sonderbeilage mit dem Titel "Günter Grass - Beim Häuten der Zwiebel" und ich bin schon gespannt auf die Lektüre, die wohl etwas dauern wird, da es sieben große Seiten, wenn auch mit Bildern sind.

giesberts Zitate von Ijoma Mangold über "Beim Häuten der Zwiebel" lassen ja wenig gutes von dem Buch über, aber es kann meine Neugier auch nicht zur Aufgabe zwingen. Ich muss abwarten und mir auch noch andere Rezensionen besorgen. Der Perlentaucher hat auch drei zusammengefasst, vielleicht kommen noch einige hinzu.

Ich muss aber im Generellen H.-P.Haack zustimmen, ich mache auch einen Unterschied zwischen dem Werk und der Person des Künstlers und zum Werk von Günter Grass stehe ich auch weiterhin. Ich bin sicher, dass nicht nur die Person Günter Grass, sondern auch sein Werk die Menschen begeistert, kalt lässt oder abstößt. Das muss jede(r) für sich ausmachen. Ich habe es getan, nicht nur bei Günter Grass, sondern bei fast allen Schriftsteller(innen) und ich denke, das machen die Meisten von uns so.

Auf jeden Fall freut es mich, dass hier eine so schöne Diskussion, frei jeder Gemütserhitzung instand gekommen ist.

Grüße an alle Klassikerforumler(innen),

FA
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Offline Friedrich-Arthur

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Re: Günter Grass
« Antwort #20 am: 20. August 2006, 12:49 »
Die erste Auflage der gehäuteten Zwiebel ist fast ausverkauft und die zweite Auflage ist bereits in Druck, das sind zusammen schon mal 250000 Bücher. Eine wahre Bücherflut ist dies. Leider bin ich nicht dabei, wegen dem mir meiner besseren Hälfte vereinbarten Buchkaufverbot bis Weihnachten. Aber dann könnte ich eigentlich eines der Exemplare der zehnten Auflage mir bestellen, vielleicht...

Hier noch ein kleiner Hinweis auf die gestrige Sonderbeilage der FAZ, die ich mir heute Nachmittag in aller Ruhe durchlesen werde, sozusagen als Vorgeschmack auf die gehäutete Zwiebel...

Der Autor bleibt wohl ein fragwürdiger Zeuge hieß es einmal, hoffentlich ändert sich dies mit der gehäuteten Zwiebel...

Grass hat sich mit diesem Buch selber herausgefordert, sich gehäutet schrieb Fritz J. Raddatz in Die Zeit. Na ich bin gespannt... FA
 
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Offline Friedrich-Arthur

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Re: Günter Grass
« Antwort #21 am: 20. August 2006, 22:13 »
Der Stern ist ja geradezu begeistert von dem Buch und nennt es ein literarisches Meisterwerk und die Sonderbeilage der FAZ vom 19. August schrieb
Zitat
...Sechs Jahrzehnte später ist Günter Grass diesen Weg noch einmal abgeschritten, tastend, zögerlich, gewiß nicht frei von Selbstzweifeln und zuweilen voller Erstaunen über den eigenen Werdegang, in dem Zufall und Willensstärke auf oft kaum glaubliche Weise zusammenwirken. So ist "Vom Häuten der Zwiebel" entstanden, ein Buch der Erinnerung, das zahllose unbekannte Details aus dem Leben eines der berühmtesten Schriftsteller der Gegenwart enthält..."Beim Häuten der Zwiebel" ist nicht nur das persönlichste Buch des Nobelpreisträgers und ein faszinierendes Stück Erinnerungsliteratur, sondern gibt auch das Exemplum einer deutschen Jugend, die wie so viele andere vom Hitler-Regime und den Erfahrungen von Unrecht, Krieg und Zerstörung geprägt wurde...
Na mal sehen, wie schnell ich mir ein Exemplar kaufen kann... FA

(Link angepasst dank giesberts Hinweis der von mir falsch durchgeführten Verlinkung.)
« Letzte Änderung: 20. August 2006, 22:35 von Friedrich-Arthur »
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Offline Giesbert Damaschke

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Re: Günter Grass
« Antwort #22 am: 20. August 2006, 22:16 »
Nur der Vollständigkeit halber: der Link führt nicht um Spiegel, sondern zum Stern. Und dort findet sich kein genuiner Stern-Beitrag, sondern der dpa-Text (der noch in etlichen Zeitungen erscheinen wird).
Giesbert Damaschke, München |  http://www.damaschke.de/

Offline Friedrich-Arthur

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Re: Günter Grass
« Antwort #23 am: 20. August 2006, 22:33 »
Danke Giesbert!

Ich sollte ins Bett gehen, das sehe ich ein.

Den Link werde ich gleich anpassen.

Grüße, FA
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Bloom

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Re: Günter Grass
« Antwort #24 am: 20. August 2006, 22:52 »
Ich habe das Buch eben am WE gelesen. Ich meine, dannach kann man locker 3 Filme drehen und das einze was GG nicht abnehme ist, dass ihm sein Ruhm lässtig geworden ist.
Wer sich auch nur nebenbei mit der geschichte der Nazizeit und des 2. Weltkriegs beschäftigt hat, der kann erkennen, dass es überhaupt nicht relevant ist, ob ein Junge gegen Ende zur WaffenSS eingezogen!!! wurde- Grass hat sich keineswegs freiwillig zur SS gemeldet und seine Erlebnisse und sein Verhalten zeigen, dass er auch kein Fanatiker war. Bemerkenswert ist eher, dass er noch fast ein Jahr nach dem Kriegsende die Nazigreuel als Erfindung der Alliierten gewrtet hat.

Offline Lux

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Re: Günter Grass
« Antwort #25 am: 21. August 2006, 17:15 »
Wer sich auch nur nebenbei mit der geschichte der Nazizeit und des 2. Weltkriegs beschäftigt hat, der kann erkennen, dass es überhaupt nicht relevant ist, ob ein Junge gegen Ende zur WaffenSS eingezogen!!! wurde- Grass hat sich keineswegs freiwillig zur SS gemeldet und seine Erlebnisse und sein Verhalten zeigen, dass er auch kein Fanatiker war. Bemerkenswert ist eher, dass er noch fast ein Jahr nach dem Kriegsende die Nazigreuel als Erfindung der Alliierten gewrtet hat.

Soweit ich die Diskussion mitverfolge wird Grass die Mitgliedschaft in der Waffen-SS
gar nicht vorgeworfen, zumindest ist dies nicht der Hauptgesichtspunkt.
Es geht vielmehr darum, dass Grass andere (ehemalige) Anhänger des Nationalsozialismus verurteilt hat, während er über seine eigene Vergangenheit geschwiegen hat.
Zum Beispiel hatte er Kohl und Kissinger kritisiert, als sie einen Waffen-SS Friedhof besuchten, obwohl  dort doch seine eigenen Kameraden lagen und darunter vielleicht auch Menschen, die wie er keine "Fanatiker" sondern eher "Verführte" waren.
Das sollte man zu bedenken geben.
Trotzdem halte ich persönlich die Kritik an Grass überzogen. Besonders die Kritiker müssen auch in der Lage sein zwischen seinem literarischen Werk und seiner Vergangenheit zu unterscheiden, und das scheint, bedauerlicherweise, bei einigen nicht zu funktionieren.
Die Kultur der Menschheit besitzt nichts Ehrwürdigeres als das Buch, nichts Wunderbareres und nichts, das wichtiger wäre. (Gerhart Hauptmann)

Offline Berch

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Re: Günter Grass
« Antwort #26 am: 25. August 2006, 14:43 »
Hallo zusammen,

ich muss sagen, dass ich die späte Enthüllung Grass' doch für recht problematisch halte. Nicht für sein literarisches Werk, dass davon unangetastet bleiben muss, weshalb auch die Forderung, Grass möge den Literaturnobelpreis zurück geben, viel zu kurz gedacht ist, aber durchaus für seine (ihm möglicherweise auch aufgezwungene?) Funktion als schlechtes Gewissen Nachkriegsdeutschlands.
Die 'Erklärungen', die er (u.a. im Gespräch mit Wickert) für seine späte Enthüllung liefert, halte ich für sehr dürftig. Einen 'geeigneten Zeitpunkt' für ein solches Bekenntnis habe es bislang nicht gegeben. Abgesehen davon, dass Grass noch vor wenigen Jahren eine solche Erklärung jedem anderen wortgewaltig um die Ohren gepfeffert hätte, ist wohl anzunehmen, dass es einen günstigen (im Sinne von für den Betroffenen günstig) Zeitpunkt garnicht gibt. Ein solches Eingeständnis ist jederzeit schwierig, schmerzhaft und das Ergebnis einer intensiven, kritischen Selbstbetrachtung und selten dazu geeignet, 'günstige' Konsequenzen für den Betroffenen (abgesehen von einer Befreiung des eigenen Gewissens) zu entwickeln. Es sei denn... ein solches Geständnis ließe sich medienwirksam und verkaufssteigernd nutzen. Und genau in diesem Punkt drängt sich mir schon die Frage auf, ob Grass nicht vielleicht auch ganz kalkuliert dieses Bekenntnis in den unmittelbaren Zusammenhang der Veröffentlichung seiner Biographie gestellt hat. Die Werbe(blech)trommel also in eigener Sache schlägt.
Dies ist der eine fade Beigeschmack, den dieses Bekenntnis für mich hat.
Der andere ist, dass Grass Erklärungsversuch sich sehr eng anlehnt, an die Argumentation all jener, die nie etwas gewusst haben, die nie über die eigene Schuld sprechen und die über alles das Mäntelchen des Schweigens decken wollten. Eben jene, gegen die sich Grass sowohl mit seinen öffentlichen Auseinandersetzungen, als auch mit seinem literarischen Werk stets gestellt hat.
Ich fürchte, dass eben jene Grass' spätes Geständnis nun zum Vorwand nehmen werden, um eigene Versäumnisse erneut und verstärkt zu legimitieren. Denn wie, so könnte man fragen, kann man von Otto Normalmitläufer erwarten, was selbst eines der Denkmäler der Nachkriegsaufklärung nicht fertigbringt, die zeitnahe Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit.

Offline Friedrich-Arthur

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Re: Günter Grass
« Antwort #27 am: 25. August 2006, 21:53 »
Vielleicht war Grass wirklich nur bei der Wehrmacht und führt uns alle an der Nase herum? Das hätte sein Schweigen erklärt, warum aber dann dieser "Geständniscoup"?

Erstaunlich das Ganze!

Das Leben ist doch nicht langweilig...

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Offline Friedrich-Arthur

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Re: Günter Grass
« Antwort #28 am: 25. August 2006, 22:58 »
Ich fand gerade einen schönen Artikel über das Erinnern und eine längere literarische Kritik zur gehäuteten Zwiebel. Hoffentlich schwenkt die Debatte bald etwas mehr auf das Literarische des Buches ein, denn sonst bleibt alles bei Schlagabtäuschen zwischen Befürwortern und Gegnern des Menschen Grass und geht das Künstlerische völlig unter. Das wäre ein Verlust. FA
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Offline Auty

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Re: Günter Grass
« Antwort #29 am: 30. August 2006, 05:04 »
Hier is auch Grass Thread!
Werde ich lesen...
Verzeih, dass ich ähnliches Thread geschrieben habe.

Auty :redface:

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Auty