Nun, was soll ich zu Grimms Wörter sagen?
Das Buch ist handwerklich betrachtet, state of the art. Besser und schöner kann man's nicht machen, wenn man unter € 100.00 pro Exemplar bleiben will.
Inhaltlich ... inhaltlich ... nun ja. Das Buch ist im Grunde genommen zweigeteilt; ja, der eine Teil zerfällt seinerseits in zwei Teile. Und das tut dem Buch meiner Meinung nach nicht gut. Die gute Nachricht zuerst: Da ist der Teil um die Brüder Grimm. Ausgehend vom Göttinger Manifest und dem folgenden "Exil" des älteren Grimm, wird anhand der Geschichte des Wörterbuchs auch die Biografie der beiden Brüder aufgewickelt, im, wie finsbury sagt: "meist gelungenen Grass-Ton". Die schlechte Nachricht: Relativ unkoordiniert, an rein geografischen Äussserlichkeiten aufgehängt (à la: "Ja, auch ich war im Tiergarten!") fügt Grass Autobiografisches hinzu, Autobiografisches oft von einer Nullität, die sogar die der eigentlichen Autobiografie übertrifft. Es sind Reminiszenzen eines alten Mannes, wie so oft bei Reminiszenzen eines alten Mannes eigentlich nur für ihn interessant und wichtig. Die Box war ganz fiktionalisiert und konnte sich deshalb an den gelungenen Grass-Ton halten. Hier sinken wir aufs Niveau der Zwiebel. Schlimmer: In der zweiten Hälfte des Buchs sind die Brüder Grimm tot, das Wörterbuch (und Grass' Buch über das Wörterbuch) wird bekanntlich trotzdem weitergeführt. Um aber seine Protagonisten, die er so mühe- und kunstvoll aufgebaut hat, nicht aufgeben zu müssen, greift Grass zum Trick, die beiden Brüder aus dem Schattenreich wieder hervorzubeschwören. Leider kann er sich selber dabei aber nicht aus dem Spiel lassen, und so nähert sich der "historische" Teil zusehends dem autobiografischen Teil an, was den Inhalt betrifft. Das mag gewollt gewesen sein; gut finde ich es nicht ...
Alles in allem: Die Zwiebel war schlimmer, die Box besser. Aber ich glaube nicht, dass Grass zu den Autoren gehören wird, wo man, wie z.B. bei Frisch, mit Fug und Recht das Alterswerk als sein bestes betrachten wird.