Autor Thema: Flaubert  (Gelesen 7873 mal)

Offline Gnorry

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Flaubert
« am: 8. Juni 2006, 12:30 »
Hallo,

ich lese gerade Flauberts "Die Erziehung des Herzens".
Irgendwie komme ich nicht richtig voran; es liest sich
zwar nicht schwierig, erweckt aber nicht das Bedürfnis nach mehr.
Nach den "Drei Geschichten" und "Madame Bovary" ist dies das
dritte Buch, das ich von Flaubert lese.

Mein allgemeiner Eindruck: Sehr präzise und klar geschrieben,
trotzdem (oder gerade deshalb?) irgendwie...blutarm.

Was denkt Ihr über Flaubert?

Offline Zola

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Flaubert
« Antwort #1 am: 8. Juni 2006, 13:10 »
Hallo Gnorry,

"Die Erziehung der Gefühle" (so lautet der Titel der Übersetzung, die ich gelesen hatte), fand ich als Roman ganz gut, aber wie auch Du nicht sehr spannungsbeladen oder stilistisch besonders interessant geschrieben. Ich denke der Autor wollte auch durch seine Schreibweise die Lebenseinstellung der Hauptperson zum Ausdruck bringen.

"Salambo" beispielsweise ist von der Sprache her viel blumiger und lebendiger geschrieben. Ich denke Flaubert hat seinen Stil auch immer der Thematik angepaßt.

Viele Grüße,
Zola

Offline Gnorry

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Flaubert
« Antwort #2 am: 8. Juni 2006, 20:26 »
Diesen Eindruck habe ich auch.
Immer dann wenn sich in Frederics Leben ein Ereignis,
eine Wende andeutet, steigt die Anspannung beim Lesen und
man will weiter. Ziehen sich die Tage der Hauptfigur monoton
dahin, quält sich auch der Leser.
Vielleicht liegt darin eine Qualität des Autors.
Kafka bewunderte Flaubert und besonders wohl die "Education sentimentale".
Ich habe mich auch mehr oder weniger durch "Das Schloss" gequält.
Die Hauptfiguren beider Romane führen ein Leben ohne erreichbares Ziel
und vergeuden ihre Zeit mit langweiligem Einerlei.
Trotzdem ist mir etwas Abwechslung (oder Kürze in der Form) dann lieber.

Offline JMaria

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Re: Flaubert
« Antwort #3 am: 30. April 2010, 19:17 »
Hallo zusammen,

Flaubert wird bei uns selten genannt, fällt mir auf, da ich nun seine "Drei Erzählungen" (Trois Contes) die letzten Tage gelesen habe. Lest ihr ihn gern oder fristet er eher ein vergessenes Dasein in eurem Bücherregal?
Ich kenne kaum etwas von ihm, außer Madame Bovary und nun Drei Erzählungen.

"Drei Erzählungen"
Darüber heißt es im Klappentext.... In diesen drei Erzählungen vereint Flaubert auf dem Höhepunkt seines Schaffens die charakteristischen Elemente seiner Romane: die Welt der biblischen Antike, die mittelalterliche Legende und die Moderne...

Ich nehme mal an, diese Aussage stimmt durchaus. Mir haben die "Drei Erzählung" gut gefallen. Die biblische Geschichte und die mittelalterliche Legende haben mich an Thomas Mann erinnert, der sich auch gern aus diesen Elementen bediente.

Was könnt ihr von Flaubert empfehlen?

Gruß
Maria
« Letzte Änderung: 30. April 2010, 19:31 von JMaria »
Aktuell:

Offline Lauterbach

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Re: Flaubert
« Antwort #4 am: 30. April 2010, 20:45 »

Hallo Maria,
Hallo zusammen

Empfehlen kann ich nichts, aber gelesen habe ich, zumindest bis zur Hälfte, Madame Bovary,
dann hat es mich einfach nur gelangweilt. Mir hat sich damals auch nicht erschlossen,
warum dieser Roman so hochgelobt wurde und wird.

Gibt es einen Grund, ihm, d.h. Flaubert, noch eine Chance zu geben?

Gruß, Lauterbach


Offline Anna Magdalena

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Re: Flaubert
« Antwort #5 am: 30. April 2010, 21:20 »
Hallo Lauterbach,

Ich kann Dir den Roman "L’Éducation sentimentale" empfehlen, den ich für weitaus besser halte als "Madame Bovary", obwohl er sehr handlungsarm ist. Auf Deutsch ist er unter den Titeln "Lehrjahre des Gefühls", "Die Erziehung des Herzens", oder - bei älteren Ausgaben - "Erziehung der Gefühle" erschienen.

Gruß
Anna

Offline Librerio

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Re: Flaubert
« Antwort #6 am: 30. April 2010, 23:11 »
Ich denke, dass man den Essay Nabokovs über Flaubert und "Madame Bovary" lesen sollte, um sich den Roman zu vollem Genuß zu erschließen - insbesondere, wenn man noch kein Kenner ist. Wer bei Flaubert Nähe zum Autor und eine Art von Freundschaft sucht, ist fehl am Platze. Flaubert hat, in Madame Bovary annähernd, in der Education sentimentale ein wenig weitergehend, geschafft, ein objektiver, dh anonymer Autor zu sein - wie Gott in der Schöpfung, nirgends sichtbar, und überall zu ahnen.

Während zB Balzac ein Autor für den Schnellleser ist, ist Flaubert etwas für den, der Romane als Kunst des Erzählens wahrnehmen kann.

Nochmal Nabokov - "Auf das "Na und" gibt es letztlich keine vernünftige Antwort".

Gruß
Christian
"Man träumt viel vom Paradies, oder vielmehr von verschiedenen, wechselnden Paradiesen, die doch alle verloren sind, bevor man stirbt, und in denen man sich selbst verloren fühlen würde." ("A la recherche du temps perdu")

Offline Librerio

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Re: Flaubert
« Antwort #7 am: 30. April 2010, 23:13 »
P.S.: Zum Einstieg auch zu empfehlen: "Flauberts Papagei" von Julian Barnes.

Und für den fortgeschrittenen Einsteiger: Bruno Ganz und Otto Sander lesen "Flaubert und Turgenjew - Briefwechsel".

Gruß
Christian
"Man träumt viel vom Paradies, oder vielmehr von verschiedenen, wechselnden Paradiesen, die doch alle verloren sind, bevor man stirbt, und in denen man sich selbst verloren fühlen würde." ("A la recherche du temps perdu")

Offline Lauterbach

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Re: Flaubert
« Antwort #8 am: 1. Mai 2010, 08:21 »
Hallo Anna Magdalena,

dann werde ich vielleicht Flaubert noch einmal eine Chance geben. Danke für den Tip.

Leider kann ich mich nicht mehr erinnern, warum Madame Bovary mich damals so gelangweilt
hat, so könnte ich eine bessere Begründung geben.
Handlungsarmut schreckt mich eigentlich nicht, wenn es denn gut erzählt ist.

Gruß, Lauterbach

Offline Harald

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Re: Flaubert
« Antwort #9 am: 1. Mai 2010, 08:31 »

Hallo Maria,

L'education sentimentale habe ich vor langer Zeit gelesen. Er gehört zu den Romanen,
die ich unbedingt wiederlesen möchte. An die Handlung kann ich mich zwar so gut wie
gar nicht mehr erinnern ;-) ... aber mein Eindruck war, dass hier der "Realismus" auf
die Spitze getrieben wird gleichzeitig seine Demontage begonnen wird. Präzision im
Detail, auch in der psychologischen Beobachtung, und insgesamt das Gefühl der
Desillusionierung, einer Art Leere, die mir sehr modern vorkam.

Wie gesagt, dies ist nur aus der Erinnerung rekonstruiert. Zweitlektüre ist geplant.

- Harald
Aktuell: Montaigne. G. E. Lessing. Dostojewski. Herman Melville.

Offline Harald

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Re: Flaubert
« Antwort #10 am: 1. Mai 2010, 08:49 »

Übrigens, Bouvard und Pécuchet kann man sich m.E. sparen. Salammbô dagegen
ist der Hammer - definitiv nichts für schwache Nerven. Wobei es nicht so sehr die
vielen Grausamkeiten sind, die einen schockieren, sondern die Genüßlichkeit, mit
der Flaubert sie vor seinem Publikum ausbreitet.

- Harald
Aktuell: Montaigne. G. E. Lessing. Dostojewski. Herman Melville.

Offline JMaria

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Re: Flaubert
« Antwort #11 am: 1. Mai 2010, 09:00 »
Hallo zusammen,

nochmals zu L'education sentimentale, die ich leider in der Übersetzung lesen muß, da ich der französischen Sprache nicht Herr bin.
Jetzt fand ich folgende Übersetzungen:


Insel Verlag: Lehrjahre des Gefühls



Diogenes Verlag: Die Erziehung des Herzens



und eine Neuübersetzung, Fischer Verlag: Die Erziehung der Gefühle


von dieser heißt es:
Zitat - Buchnotiz zu : Die Zeit, 14.12.2000
Matthias Altenburg findet große Worte für diesen Roman: es ist seiner Meinung nach eines der Bücher "die bei Lektüre ihren Zauber aufs Neue" entfalten. Jetzt ist er in einer neuen Übersetzung von Cornelia Hastings erschienen, die zwar "nicht immer elegant klingt, aber näher am Original bleibt als ihre Vorgänger".



was meint ihr? Könnt ihr mir eine Kaufempfehlung in Bezug auf die Übersetzung geben?

Wenn eine Übersetzung gut ist, denn das Alter einer Übersetzung mag ja nicht automatisch als schlecht gelten, mag ich im Grunde lieber die elegantere Art.
z.B. Leseproben haben mir gezeigt, dass ich mir die alte Übersetzung von "Licht im August" von Franz Fein von 1935 besser gefiel als die Neuübersetzung von  Frielinghaus/Höbel . Das war für mich die bessere Wahl. Ich war sehr mit der alten Übersetzung zufrieden.

Edit:
@Harald, ich seh gerade deinen weiteren Beitrag. "Salammbô" habe ich noch ungelesen im Regal stehen. Werde ich sicherlich lesen :-)


@Librerio
Wer bei Flaubert Nähe zum Autor und eine Art von Freundschaft sucht, ist fehl am Platze.


das wäre kein Problem. Diese Distanz zum Leser spürt man auch in den "Drei Erzählungen".
Ist "Flauberts Papagei" von Julian Barnes eine Art Romanbiographie?

Gruß,
Maria
« Letzte Änderung: 1. Mai 2010, 09:43 von JMaria »
Aktuell:

Offline JMaria

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Re: Flaubert
« Antwort #12 am: 1. Mai 2010, 09:48 »
Hallo,

ich habe gerade seine "Reisetagebücher" in einem schönen Schuber von Kiepenheuer in meinem Bücherregal entdeckt, an die ich schon nicht mehr gedacht habe. Flaubert fristet wirklich bei mir ein tristes Dasein. Das muß sich gründlich ändern.

Grüße von
Maria
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Offline Sir Thomas

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Re: Flaubert
« Antwort #13 am: 24. Juni 2010, 07:43 »
Flaubert fristet wirklich bei mir ein tristes Dasein. Das muß sich gründlich ändern.

Unbedingt! Meine Beschäftigung mit Flaubert (Madame Bovary, Lehrjahre des Gefühls) stammt aus meiner frankophilen Zeit - und die ist eine kleine Ewigkeit her.

Mein allgemeiner Eindruck: Sehr präzise und klar geschrieben,
trotzdem (oder gerade deshalb?) irgendwie...blutarm.

Das entspricht in etwa meinen Erinnerungen.

"Salammbô" habe ich noch ungelesen im Regal stehen. Werde ich sicherlich lesen :-)

Ich auch. "Salammbo" gilt als Flauberts farbenprächtigster Roman, dessen Ästhetik großen Einfluss auf die Wahrnehmung des Orients sowie die Entwicklung der Dekadenz-Literatur in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts hatte.

Zeit für einen Leserundenvorschlag, nicht wahr?

Viele Grüße

Tom

Offline Babur

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Re: Gustave Flaubert
« Antwort #14 am: 3. Juli 2010, 12:56 »
Zu Flaubert gibt es heute in der NZZ einen Artikel zu einem Buch über eine Interpertation seiner Romane.
[Barbara Vinken: Flaubert. Durchkreuzte Moderne. Fischer Verlag, 2009]