Autor Thema: August 2006: Anna Seghers - Transit  (Gelesen 8681 mal)

Offline finsbury

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Re: August 2006: Anna Seghers - Transit
« Antwort #15 am: 16. September 2006, 12:29 »
Hallo Zola und nikki,

ich hatte den Roman auch schon seit ein paar Tagen durch, kam aber bisher nicht zum Mailen.
Wie ihr beide finde ich den Schluss auch sehr gelungen.
Eine wichige Stelle zum Titel des Romans und der Figur des Erzählers habe ich noch in 10,VII gefunden:

"Vergangenheit und Zukunft, einander gleich und ebenbürtig an Undurchsichtigkeit, und auch an den Zustand, den man auf Konsulaten Transit nennt und in der gewöhnlichen Sprache Gegenwart. Und das Ergebnis: nur eine Ahnung - wenn diese Ahnung verdient, ein Ergebnis genannt zu werden - von meiner eigenen Unversehrbarkeit."

Diese Stelle zeigt sehr schön, dass Seghers ihren Roman nicht nur als Exilroman empfand, sondern darüber hinaus das Transitäre allen menschlichen Handelns darstellen wollte.
Auch die Figur des Erzählers wird hier nochmal gedeutet: Er hat Züge eines Schriftstellers, weil er alles in sich aufsaugt und wiedergibt, aber selber unverändert bleibt.

Der Roman hinterlässt bei mir - trotz einiger ermüdender Kapitel, die aber ihre Funktion haben, einen durchaus nachhaltigen Eindruck.

Übrigens würde ich zum Abschluss einer kleinen Exilliteraturreihe irgendwann in den nächsten Monaten gerne Brechts Flüchtlingsgespräche lesen. Hättet ihr vielleicht Lust mitzutun?

HG

finsbury
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Offline Zola

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Re: August 2006: Anna Seghers - Transit
« Antwort #16 am: 16. September 2006, 20:00 »
Hallo finsbury und nikki,

"Vergangenheit und Zukunft, einander gleich und ebenbürtig an Undurchsichtigkeit, und auch an den Zustand, den man auf Konsulaten Transit nennt und in der gewöhnlichen Sprache Gegenwart. Und das Ergebnis: nur eine Ahnung - wenn diese Ahnung verdient, ein Ergebnis genannt zu werden - von meiner eigenen Unversehrbarkeit."

Diese Stelle zeigt sehr schön, dass Seghers ihren Roman nicht nur als Exilroman empfand, sondern darüber hinaus das Transitäre allen menschlichen Handelns darstellen wollte.


Gerade durch die komplexe Situation der Transitäre kommen bei ihnen die unterschiedlichsten Verhaltensmuster von Menschen, die vor wichtigen Entscheidungen stehen, zum Vorschein. Sehr beeindruckt haben mich die Frau, die einfach aufgegeben hatte und ihr Reisegeld mit Austern veraß und die Großfamilie, die auf ihre Schifffahrt in die USA verzichtete, da sie sonst ihre alte Großmutter allein zurücklassen müßte.


Auch die Figur des Erzählers wird hier nochmal gedeutet: Er hat Züge eines Schriftstellers, weil er alles in sich aufsaugt und wiedergibt, aber selber unverändert bleibt.

Bei seinem Gespräch mit dem amerikanischen Konsul, in dem er darlegt, weshalb er nicht mehr schreiben möchte, wird das auch schön ausgedrückt. Da sprach er eigentlich gar nicht mehr für den Schriftsteller, der er vorgab zu sein, sondern schon für sich selbst.

Der Roman hinterlässt bei mir - trotz einiger ermüdender Kapitel, die aber ihre Funktion haben, einen durchaus nachhaltigen Eindruck.

Das ist bei mir genauso.

Übrigens würde ich zum Abschluss einer kleinen Exilliteraturreihe irgendwann in den nächsten Monaten gerne Brechts Flüchtlingsgespräche lesen. Hättet ihr vielleicht Lust mitzutun?

Ich habe gerade nachgeschaut und wider Erwarten die Flüchtlingsgespräche auf meinem SUB gefunden. Von mir aus gerne, denn sonst lese ich sie wahrscheinlich nie  :zwinker:

Viele Grüße,
Zola

Offline nikki

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Re: August 2006: Anna Seghers - Transit
« Antwort #17 am: 18. September 2006, 20:04 »
Hallo finsbury und zola!

Ich habe die Flüchtlingsgespräche bereits gelesen. Es ist aber lange, lange her...

Das Lesen mit Euch hat mir sehr gut gefallen :smile:, also mache ich vielleicht mit, mit Sicherheit kann ich es nicht sagen.

Ich wünsche Euch noch eine erfolgreiche Woche!

LG
nikki

Offline finsbury

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Re: August 2006: Anna Seghers - Transit
« Antwort #18 am: 20. September 2006, 18:55 »
Hallo ihr beiden,

schön, dass ihr euch mit den Flüchtlingsgesprächen anschließen wollt. In den nächsten Tagen erstelle ich einen Thread dazu als Leserundenvorschlag und dann schauen wir mal, ob noch jemand teilnehmen will.

Vor November lässt mir mein Leseplan allerdings keinen Raum!

Und: mir hat das Lesen in dieser Runde auch Freude gemacht! :blume: :blume:

HG

finsbury
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Offline scheichsbeutel^

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Re: August 2006: Anna Seghers - Transit
« Antwort #19 am: 11. November 2006, 16:31 »
Hallo!

Angeregt durch diese Leserunde hab ich nun "Transit" ebenfalls gelesen: Die einzelnen Schicksale (des Kapellmeisters oder auch die ihr Geld in Naturalien umsetzende Dame) waren jene Teile, die mir am Buch gefielen; ich hätte mir gewünscht, dass Seghers es bei einer bloßen Beschreibung des Flüchtlingselends belassen  und auf diese unselige, sich durchs Buch ziehende Liebesgeschichte verzichtet hätte.

Kurzbesprechung: "Seghers bedient sich einer spartanisch anmutenden Sprache, einfacher, klarer Sätze, um die nüchterne Tragik der Flüchtlinge in Frankreich während des 2. Weltkrieges zu schildern. Aber schon nach 20, 30 Seiten verliert sich der puritanische Charme dieser Erzählweise - und das Stilmittel schlägt um in sprachliche Hilflosigkeit. So zu erzählen bedarf ungeheurer Sorgfalt und Genauigkeit, ansonsten passen sich Charaktere und Handlung ungewollt der reduzierten Erzählweise an. Wer sich der Möglichkeiten einer elaborierten Sprache begibt, der muss gänzlich auf der Höhe seiner Kunst bleiben.

Hier aber bleiben Sprache, Figuren und Handlung auf der Strecke. Natürlich ist der Ich-Erzähler in einer Weise konzipiert, der die Identifikation erschweren soll, seine Interesse- und Ziellosigkeit, das Gefühl des "Sinnlos in die Welt Geworfen Seins" soll durch diese ungreifbare Darstellung deutlich gemacht werden. Aber seine tiefe Leidenschaftslosigkeit wirkt konstruiert, vorgestellt; sie ist künstlich wie seine plötzliche Verliebtheit in eine ihm unbekannte Frau, die sich - oh holder Zufall - als die Gefährtin jenes ihm unbekannten Menschen sich entpuppt, dessen Koffer er zufällig samt Manuskript in einer verlassenen Pariser Wohnung findet. Und während die Frau in Marseille noch immer nach ihrem verschollenen Mann sucht, der beim Einmarsch der Deutschen Selbstmord begangen hat, nimmt der Finder des Koffers dessen Identität an, wodurch die Frau immer wieder auf Spuren des Schriftstellers trifft, ohne ihm aber tatsächlich begegnen zu können. Bzw. ohne sich dessen bewusst zu sein, die Zufallsreinkarnation in Form des Ich-Erzählers längst getroffen zu haben. Diese Konstellation erzeugt eine gewisse Spannung - und bis ans Ende des Romans wartet man darauf, ob der vermeintliche Schriftsteller sich seiner Marie eröffnen wird oder sie im Glauben lässt, ihr einstiger Gefährte würde noch leben.

Im Endeffekt schmeckt das Ganze jedoch nach lauem Milchkaffee, abgestanden, künstlich - und langweilig. Darüber können auch ein paar kleine, anschaulich geschilderte Szenen nicht hinwegtäuschen, das ist eine Autorin, die ihre Figuren und Leidenschaften brav erfindet, bei der aber ständig diese ihre Erfindung und Vorstellung spürbar bleibt. Liebe, Verliebtheit, Teilnahmslosigkeit, wie sie sich der Unbedarfte derlei vorstellt. Vielleicht glaubte Seghers, eine Handlung - welcher Art auch immer - erfinden, diese der Beschreibung der Flüchtlingselends unterlegen zu müssen, um ihr Schreiben zu legitimieren. Ohne diese aufgesetzte Liebesgeschichte, die hilflos konstruierte Figur des Icherzählers, wäre vielleicht ein lesbares Stück Prosa über Sinnlosigkeit und Angst vieler im zweiten Weltkrieg entwurzelter Menschen entstanden. So hingegen ist das Ergebnis ein holpriger, unstimmiger Roman über Verliebtheit und die Absurdität des Daseins, in dem ständig die Überforderung der Schriftstellerin spürbar bleibt.
"

Grüße

s.

Offline finsbury

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Re: August 2006: Anna Seghers - Transit
« Antwort #20 am: 12. November 2006, 18:20 »

Hallo scheichsbeutel,

na, da hast du aber kräftig zugeschlagen mit deinem Totalverriss.
Da muss ich doch ein wenig zur Ehrenrettung des Romans schreiten, der nicht zu meinen Lieblingsbüchern gehört, den ich aber dennoch sehr lesenswert finde.
ich hätte mir gewünscht, dass Seghers es bei einer bloßen Beschreibung des Flüchtlingselends belassen  und auf diese unselige, sich durchs Buch ziehende Liebesgeschichte verzichtet hätte.

Dann würde das Hauptagens des Romans wegfallen. Nicht der Deus ex machina bringt Marie nach Marseille, sondern das Erzählinteresse der Autorin: Der Ich-Erzähler wird dadurch zweifach in Emotionen verstrickt, die er nicht bewältigen kann: in seine Liebe zu Marie und sein Schuldgefühl gegenüber ihrem verstorbenen Mann, auch ein wenig gegenüber dem Arzt, der im Gegensatz zu ihm Sinnvolles leistet. 
Aufgrund seiner inneren Heimatlosigkeit ist er die Personifikation des Exils, das alle menschlichen Bindungen und ethischen Verpflichtungen beeinträchtigt.
Die spartanische Sprache und entspricht dieser inneren Armut der Hauptfigur, weshalb der Roman in sich stimmig ist, wenn auch nicht leserfreundlich.

HG
finsbury

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Offline scheichsbeutel^

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Re: August 2006: Anna Seghers - Transit
« Antwort #21 am: 12. November 2006, 18:59 »
Hallo!

Dann würde das Hauptagens des Romans wegfallen. 

Das ist mir schon klar. Aber eben diese ganze Konstruktion rund um dieses Flüchtlingsschicksal war für mich wirklich nur Konstruktion, eine Art von Rechtfertigung dieses Buch zu schreiben. Wobei es einer solchen Rechtfertigung gar nicht bedurft hätte, man hätte die Hauptfigur auch ohne mysteriösen Koffer des verstorbenen Schriftsteller nach Marseille schicken können. Ganz ohne (für mich überhaupt nicht plausibel wirkende) Liebesgeschichte die Verlorenheit dieser Menschen schildern können.

Ich empfand einen tiefen Bruch zwischen gut beschriebenen kleinen Szenen, die den Alltag dieser entwurzelten Menschen schilderten, und der ganzen Geschichte, den Zufällen (und ich gebe zu: Ich mag Zufälle in Romanen gar nicht, v. a. dann nicht, wenn dem Roman eigentlich eine realistische Konzeption zugrunde liegt - bei Dickens dürfen sie vorkommen :-) ), dem Identitätswechsel der Hauptfigur (Marie ist auf diese Weise wieder mit ihrem verstorbenen Mann vereint, (den sie verlassen, in den Selbstmord getrieben hat?) mit der Möglichkeit zu psychologischen Interpretationen ad infinitum).

Die spartanische Sprache und entspricht dieser inneren Armut der Hauptfigur, weshalb der Roman in sich stimmig ist, wenn auch nicht leserfreundlich.


Ich habe nichts gegen "prosaische Prosa", im vorliegendem Fall schien sie mir aber vom anfangs gelungenen Stilmittel zur sprachlichen Hilflosigkeit abzusinken. Nicht jeder muss wie Th. Mann schreiben, ich mag etwa Nossack oder Kafka ebenso. Trotzdem: Hauptkritikpunkt bleibt für mich dieses unsägliche Handlungsgerüst, das der Beschreibung des Flüchtlingselends aufgepropft wurde, zu dem sie sich scheinbar verpflichtet sah. Ich empfand auch keinerlei "Spannung", ob dieses Versteckspiel aufgelöst würde, vielmehr ertappte ich mich eher bei Gedanken der Art "jetzt sag's ihr schon, damit endlich Ruh' ist und andere Beschreibungen in den Vordergrund treten können". - Es hilft nichts, ich nehme diesem Ich-Erzähler seine emotionalen Verstrickungen einfach nicht ab, sie wirken auf mich ausgedacht.

Aber Geschmäcker sind verschieden, Eindrücke ebenso - und das soll wohl so sein!

Grüße

s.

Offline finsbury

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Re: August 2006: Anna Seghers - Transit
« Antwort #22 am: 19. November 2006, 17:58 »
- Es hilft nichts, ich nehme diesem Ich-Erzähler seine emotionalen Verstrickungen einfach nicht ab, sie wirken auf mich ausgedacht.

Aber Geschmäcker sind verschieden, Eindrücke ebenso - und das soll wohl so sein!

Grüße

s.

Hallo scheichsbeutel,


so soll es wohl sein.

Bei mir bewirkt diese Kargheit des Stils, dass mir das Lesen weniger Spaß macht, aber der Eindruck stärker haften bleibt.

Aber - s.o.: Spachkunst kommt unterschiedlich daher und wird auch von jedem anders wahrgenommen und akzeptiert.
Bei Doderer und Dickens treffen wir uns dann wieder. :zwinker:

HG

finsbury


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Offline sandhofer

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Re: August 2006: Anna Seghers - Transit
« Antwort #23 am: 2. Januar 2007, 17:24 »
Hallo zusammen!

Leserunde beendet?

Grüsse

Sandhofer
Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus: Beim Wort genommen

Offline finsbury

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Re: August 2006: Anna Seghers - Transit
« Antwort #24 am: 11. Januar 2007, 17:28 »
Hallo sandhofer,

schon lange!
Leg sie gerne zu den Akten!

HG
finsbury
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