Hallo!
Angeregt durch diese Leserunde hab ich nun "Transit" ebenfalls gelesen: Die einzelnen Schicksale (des Kapellmeisters oder auch die ihr Geld in Naturalien umsetzende Dame) waren jene Teile, die mir am Buch gefielen; ich hätte mir gewünscht, dass Seghers es bei einer bloßen Beschreibung des Flüchtlingselends belassen und auf diese unselige, sich durchs Buch ziehende Liebesgeschichte verzichtet hätte.
Kurzbesprechung: "Seghers bedient sich einer spartanisch anmutenden Sprache, einfacher, klarer Sätze, um die nüchterne Tragik der Flüchtlinge in Frankreich während des 2. Weltkrieges zu schildern. Aber schon nach 20, 30 Seiten verliert sich der puritanische Charme dieser Erzählweise - und das Stilmittel schlägt um in sprachliche Hilflosigkeit. So zu erzählen bedarf ungeheurer Sorgfalt und Genauigkeit, ansonsten passen sich Charaktere und Handlung ungewollt der reduzierten Erzählweise an. Wer sich der Möglichkeiten einer elaborierten Sprache begibt, der muss gänzlich auf der Höhe seiner Kunst bleiben.
Hier aber bleiben Sprache, Figuren und Handlung auf der Strecke. Natürlich ist der Ich-Erzähler in einer Weise konzipiert, der die Identifikation erschweren soll, seine Interesse- und Ziellosigkeit, das Gefühl des "Sinnlos in die Welt Geworfen Seins" soll durch diese ungreifbare Darstellung deutlich gemacht werden. Aber seine tiefe Leidenschaftslosigkeit wirkt konstruiert, vorgestellt; sie ist künstlich wie seine plötzliche Verliebtheit in eine ihm unbekannte Frau, die sich - oh holder Zufall - als die Gefährtin jenes ihm unbekannten Menschen sich entpuppt, dessen Koffer er zufällig samt Manuskript in einer verlassenen Pariser Wohnung findet. Und während die Frau in Marseille noch immer nach ihrem verschollenen Mann sucht, der beim Einmarsch der Deutschen Selbstmord begangen hat, nimmt der Finder des Koffers dessen Identität an, wodurch die Frau immer wieder auf Spuren des Schriftstellers trifft, ohne ihm aber tatsächlich begegnen zu können. Bzw. ohne sich dessen bewusst zu sein, die Zufallsreinkarnation in Form des Ich-Erzählers längst getroffen zu haben. Diese Konstellation erzeugt eine gewisse Spannung - und bis ans Ende des Romans wartet man darauf, ob der vermeintliche Schriftsteller sich seiner Marie eröffnen wird oder sie im Glauben lässt, ihr einstiger Gefährte würde noch leben.
Im Endeffekt schmeckt das Ganze jedoch nach lauem Milchkaffee, abgestanden, künstlich - und langweilig. Darüber können auch ein paar kleine, anschaulich geschilderte Szenen nicht hinwegtäuschen, das ist eine Autorin, die ihre Figuren und Leidenschaften brav erfindet, bei der aber ständig diese ihre Erfindung und Vorstellung spürbar bleibt. Liebe, Verliebtheit, Teilnahmslosigkeit, wie sie sich der Unbedarfte derlei vorstellt. Vielleicht glaubte Seghers, eine Handlung - welcher Art auch immer - erfinden, diese der Beschreibung der Flüchtlingselends unterlegen zu müssen, um ihr Schreiben zu legitimieren. Ohne diese aufgesetzte Liebesgeschichte, die hilflos konstruierte Figur des Icherzählers, wäre vielleicht ein lesbares Stück Prosa über Sinnlosigkeit und Angst vieler im zweiten Weltkrieg entwurzelter Menschen entstanden. So hingegen ist das Ergebnis ein holpriger, unstimmiger Roman über Verliebtheit und die Absurdität des Daseins, in dem ständig die Überforderung der Schriftstellerin spürbar bleibt."
Grüße
s.