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  • Leserunde: Guermantes: 3. Juni 2007

Autor Thema: September 2006 - Marcel Proust  (Gelesen 96947 mal)

Offline JMaria

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Re: Marcel Proust - In Swanns Welt
« Antwort #30 am: 13. Oktober 2006, 22:29 »
Hallo Sandhofer,

Vielen Dank für den Hinweis...auch auf den Hinweis der parallelen Leserunde.

Im Rahmen der weiteren Besprechung, sollte man den Namen "Marcel" dann acuh nicht benutzen..., obwohl man es ja weiß.... :spinnen:

Bis dahin,
A.Prometheus

Hallo zusammen,

mmh - seh ich jetzt nicht so und ich hoffe, mir wird vergeben, wenn ich den Namen 'Marcel' bereits benutze und benutzt habe. Ich lese meist Sekundärliteratur nebenher. Das gibt mir dem Lesen noch die besondere Würze. Dagegen lese ich nicht gerne in anderen Leserunden, das verwirrt mich irgendwie.

Im Proust-ABC steht nichts näheres über den Stich von Benezzo Gozzoli, ich habe nachgeschaut. Dafür gibt es ein Kapitel über "Erinnerung, unwillkürlich und willkürlich. Auch über die Eisenbahn. Darüber berichte ich morgen, denn in wenigen Minuten kommt im ZDF 22.35 Uhr "Ich, Reich-Ranicki".

@wolves
das Proust ABC gibt es derzeit bei Jokers:

http://www.jokers.de/reste-guenstiger/ulrike-sprenger-proust-abc/352289.art....../6975e23d8fb926c76353c601fad4f092/

Viele Grüsse
Maria
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Offline Steffi

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Re: September 2006 - Marcel Proust
« Antwort #31 am: 14. Oktober 2006, 14:42 »
Hallo zusammen !

Der längste Satz:

"Ein aus Träumen entstiegenes Kanapee zwischen neuen, sehr wirklichen Sesseln, kleine mit rosa Seide bezogene Stühle, eine durchwirkte Tischdecke auf dem Spieltisch, die zur Würde einer Person erhoben schien, denn wie eine Person besaß sie eine Vergangenheit ..." Die Gefangene

Der berühmteste Satz:
"Lange Zeit bin ich früh schlafen gegangen" Combray

Der umstrittenste Satz:
"Sie bot meinen Lippen ihre traurige, bleiche ausdruckslose Stirn, auf der sie zu dieser Morgenstunde noch nicht die falschen Haare angebracht hatte, und auf der die Knochen sich zeigten wie die scharfen Spitzen einer Dornenkrone oder die Kügelchen eines Rosenkranzes ..." Combray



Quelle: Das Marcel Proust Lexikon
von Philippe Michel-Thiriet
 suhrkamp taschenbuch


Gruß von Steffi
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Offline Steffi

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Re: Marcel Proust - In Swanns Welt
« Antwort #32 am: 14. Oktober 2006, 14:42 »
Hallo zusammen !

Ich habe mir ja noch die Werkausgabe , übersetzt von Rechel-Mertens und revidiert von Luzius Keller ausgeliehen. Zu Gozzoli findet sich dort folgende Information:
Anspielung auf die später im Zweiten Weltkrieg zerstörten Fresken im Campo Santo von Pisa. Unter den dort dargestellten Szenen aus dem Alten Testament befand sich jedoch keine, die Prousts Text entspräche. Vielmehr erinnert sich Proust an eine Skizze Ruskins aus dem Campo Santo mit dem Titel "Abraham parting from the angels". ...

Dass es sich bei dem Erzähler um eine rein autobiografische Figur handelt, hat Proust in einem Brief an Daudet bestritten. Es gibt aber wohle große biografische Übereinstimmungen, wobei er für viele Figuren reale Vorbilder hatte und die aber oft zusammenmischte. Ach die Orte und Namen sind oft nicht nur erfunden, sondern haben einen realen Bezug. Da ein großes Thema ja die Zeit ist, denke ich, dass sich schon aus logischen Gründen da viel verändern und vermischen kann. Im übrigen stellt sich ja bei der Frage "Wer bin ich", vielleicht am Ende die  (Teil-)Antwort "Ein Produkt meiner Erinnerung
"?

Ich habe mir sandhofers Anmerkungen zum Stil nochmal durch den Kopf gehen lassen. Hinsichtlich der
Zitat
Alltagssprache des gehobenen, gebildeten Bürgertums
schneidet die Übersetzung Kleebergs meiner Ansicht nach schlecht ab. Er stellt viele Sätze, im Vergleich zu Rechel-Mertens, um, damit sie wohl leichter lesbar und verständlicher sind. Beim Vergleichen habe ich sogar entdeckt, dass er z.B. ein anderes Subjekt verwendet. Die Satzmelodie, das ein bißchen umständliche oder auch fremdartige, geht dabei etwas verloren, obwohl er immer noch einen sehr, sehr guten Stil verwendet. Ich würde also jetzt doch zur von Keller revidierten Fassung von Rechel-Mertens tendieren. Zumal es ja Kleebergs Übersetzung nur für den ersten Teil gibt.

Gruß von Steffi

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Offline Steffi

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Re: Marcel Proust - In Swanns Welt
« Antwort #33 am: 14. Oktober 2006, 14:56 »
Hallo zusammen,
hallo Maria !

Ich stelle nochmal zum Vergleich die verschiedenen Textstellen rein:


Auf S. 114 hat mich ein Absatz fasziniert, in dem Proust berichtet wie christliche Nächstenliebe sich in einem Gesicht widerspiegelt. Ganz anders als man es auf Anhieb beschreiben würde. Und doch - irgendwie hat er recht. Proust hat eine scharfe Beobachtungsgabe:

"Wenn ich später im Laufe meines Lebens, in Klöstern etwa, Gelegenheit hatte, wirklich heiligen Personifizierungen der tätigen Nächstenliebe zu begegnen, so hatten diese im allgemeinen das muntere, positive, gleichgültige und etwas schroffe Gebaren des eiligen Chirurgen an sich und ein Gesicht, auf dem kein Mitgefühl, kein Gerührtsein gegenüber dem menschlichen Leiden zu lesen stand, freilich auch keine Furcht vor der Berührung mit ihm, kurz, sie trugen die sanftmutlosen Züge, das sympathielos erhabene Antlitz der wahren Güte zur Schau."

Kleeberg:
"Als ich später im Laufe meines Lebens die Gelegenheit hatte - zum Beispiel in Klöstern-, wirklich heilige Verkörperungen aktiver Nächstenliebe kennenzulernen, hatten sie im allgemeinen die muntere, nüchterne, gleichgültige und unwirsche Miene eines gehetzten Chirurgen, ein Gesicht, auf dem keine Spur von Mitgefühl oder Rührung angesichts der menschlichen Leiden zu lesen ist, keine Spur von Angst, es etwa vor den Kopf zu stoßen, und dies ist das unsympathische und bewünderungswürdige Gesicht wahrer Güte."

Rechel-Mertens,revidiert von Keller: der Anfang ist identisch
" ....freilich auch keine Furcht, daran zu rühren, kurz, sie zeigten die Züge ohne Sanftmut, das unsympathische, erhabene Antlitz der wahren Güte."

Gruß von Steffi

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Offline Steffi

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Re: Marcel Proust - In Swanns Welt
« Antwort #34 am: 14. Oktober 2006, 15:00 »
Hallo wolves,

Zitat
Ich gebe zu, ich nähere mich Proust und seinem Werk sehr unbedarft und  ohne Vorbereitung.

Das geht mir genauso, deshalb ist das gemeinsame Lesen immer ein großer Ansporn für mich, über den Text genauer nachzudenken und Sekundärliteratur dazu zu lesen.

Ich werde gleich mal zu eurer Leserunde klicken und sehen, was ihr so diskutiert habt !

Gruß von Steffi
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wolves

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Re: Marcel Proust - In Swanns Welt
« Antwort #35 am: 14. Oktober 2006, 19:41 »
Hallo!

@JMaria : Vielen Dank für den Link. Ich habe mir das Buch gleich bestellt.  :smile:

Liebe Grüße
wolves

Offline A.Prometheus

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Re: Marcel Proust - In Swanns Welt
« Antwort #36 am: 15. Oktober 2006, 11:12 »
Hallo zusammen,

Zitat
Ich gebe zu, ich nähere mich Proust und seinem Werk sehr unbedarft und  ohne Vorbereitung.

Das geht mir ebenso. Ich habe noch keine Sekundärliteratur zur Hand, was ich aber in den nächsten Tagen nachhole.

Ich möchte gern wieder auf den Text zurückkommen. Ich glaube, wir sind hier alle unterschiedlich weit fort geschritten.

Im zweiten Kapitel von Combray kommen wir vom Bahnhof zunächst zur Tante Léonie, wo auch die Madeleine wieder auftaucht. Sie ist hier wohl das Verbindungsstück zur Erinnerung…oder? Zwar taucht hier die Madeleine auf, aber es wird noch nicht deutlich, was das Glücksgefühl im ersten Kapitel auslöste, als er bei seiner Mutter den Tee und die Madeleine genoss.

Im Dialog mit Francoise erwähnt die Tante Léonie ihre Schwächlichkeit und vielleicht baldigen Tod.

Zitat
Nun, es ist wirklich Zeit, dass der liebe Gott mich zu sich nimmt,…

Dennoch bleibt die gesamte Stimmung eine süße (süß wie eine Madeleine) und sanfte Kindheitserinnerung. Die Erwähnung des Todes wirkt nicht Furcht erregend.

Ist es nicht so, wenn man als Erwachsender sich an eine furchtvolle Situation in der Kindheit erinnert (z.B. hatte ich große Furcht vor Gewittern), so ist die Erinnerung daran keineswegs mehr bedrohlich, sondern eher beruhigend und sanft. Gern stehe heute bei Gewittern draußen auf der überdachten Terrasse und erinnere mich an diese Situationen meiner Kindheit, in denen Gewitter mir große Furcht einflößten.   

Wie seht ihr das?

Das Thema Zeit wird in der Beschreibung der Kirche aufgenommen:

Zitat
…die vierte Dimension war die der Zeit – und das mit seinem durch die Jahrhunderte gleitenden Schiff von einer Empore, einer Kapelle zur anderen nicht nur einige Meter zu durchmessen und zu überwinden schien, sondern aufeinanderfolgende Epochen,…

Sehr ausgiebig wird der Glockenturm, als ein immer bestimmender Teil von Combray beschrieben.

Zitat
Dieser Glockenturm von Saint-Hilaire war es, der allen Beschäftigungen, allen Stunden, allen Aussichtspunkten der Stadt ihr Gesicht, ihre Krönung, ihre Weihe verlieh.

Die Beschreibung der Kirche und des Glockenturms wirkt nie langweilig, eher faszinierend. Dennoch bleibt die Bedeutung für mich unklar. Hier fehlt wohl Sekundärliteratur. Hat jemand eine Idee ?

@JMaria
Zitat
mmh - seh ich jetzt nicht so und ich hoffe, mir wird vergeben, wenn ich den Namen 'Marcel' bereits benutze und benutzt habe.

O.K., da wir es ja nun alle wissen, spricht wohl kaum etwas dagegen, den Namen zu benutzen. :zwinker:


So – hier beende ich erstmal meine Leseeindrücke.

Bis dahin,
A.Prometheus
Zum Leben gibt es zwei Wege: Der eine ist der gewöhnliche, direkte und brave. Der andere ist schlimm, er führt über den Tod, und das ist der geniale Weg!
(Hans Castorp in "Der Zauberberg" v. Thomas Mann)

Offline JMaria

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Re: Marcel Proust - In Swanns Welt
« Antwort #37 am: 15. Oktober 2006, 16:14 »
Hallo zusammen,

Ich habe mit dem Lesen gestoppt, damit Manjula und Prometheus aufholen können. Somit kann ich nebenher ein bißchen im Proust-ABC stöbern.

@A. Prometheus
Im zweiten Kapitel von Combray kommen wir vom Bahnhof zunächst zur Tante Léonie, wo auch die Madeleine wieder auftaucht. Sie ist hier wohl das Verbindungsstück zur Erinnerung…oder? Zwar taucht hier die Madeleine auf, aber es wird noch nicht deutlich, was das Glücksgefühl im ersten Kapitel auslöste, als er bei seiner Mutter den Tee und die Madeleine genoss.


Bahnhof. Gutes Stichwort.
Über die Eisenbahn heißt es im Proust-ABC, dass es für Proust das Gefährt der Einbildungskraft war:

Der größte Reiz liegt bei einer Fahrt darin, daß die Eisenbahn dem Reisenden kein realistisches Bild der Landschaft vermittelt, durch die er sich bewegt, sondern eine Abfolge von fragmentarischen Ansichten, die er selbst wieder zusammensetzen muß; die einzelnen Blicke aus den Zugfenstern erscheinen fast wie eine Serie gerahmter Bilder ...


das würde sehr gut auch zu den Erinnerungsstücken passen, die auftauchen und wieder verschwinden.

Viele Grüsse und einen schönen Sonntag wünscht
Maria
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Offline Steffi

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Re: Marcel Proust - In Swanns Welt
« Antwort #38 am: 15. Oktober 2006, 16:54 »
Hallo zusammen !

Ich bin heute zu der Betrachtung über den Weißdorn gekommen. Schon faszinierend, wie er über den Weißdorn und die damit geschmückte Kirche zu den Mädchen kommt.  Band 2 der "Recherche" heißt ja auch "Im Schatten junger Mädchenblüte". Die Beschreibung fand ich mal wieder sehr schön und poetisch.

Über die Kirchenbeschreibung habe ich mir auch schon Gedanken gemacht. Hier bringt Proust einen weiteren Zweig der schönen Künste ins Spiel, nämlich die Baukunst. Lt. Johann Sulzer  (1720-1779) gehören folgende dazu:  "Baukunst, Bildhauerkunst, Mahlerey, zeichnende Kunst, Dichtkunst, Musik, Redekunst, Beredsamkeit, Schauspiel". Auch der von Proust geschätzten John Ruskin hat sich sehr mit Architekturtheorie und Ästethik beschäftigt.

Gruß von Steffi
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Offline A.Prometheus

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Re: Marcel Proust - In Swanns Welt
« Antwort #39 am: 16. Oktober 2006, 22:06 »
Hallo zusammen,

kleiner Zwischenstand von meiner Seite: Marcel liest Bergotte, den er von seinem Freund Bloch empfohlen bekommt. Bei mir ist das S. 128.


@Steffi
Die Betrachtung des Weißdorns scheint der nächste poetische Höhepunkt zu sein.  Auf welcher Seite kommt diese Betrachtung?

Die anfängliche Euphorie über die sanfte und süße Stimmung der Kindheitserinnerung flacht etwas ab. Das ist mein momentanes subjektives Empfinden. Ich habe inzwischen auch schon viele Kommentare über mehrmaliges Aufgeben und Wiederbeginnen dieses Werkes gelesen.

Wie seht ihr das?

PS: Das soll aber keineswegs bedeuten, dass ich das Buch wieder ins Regal stelle. Ich glaube, dass hier noch viel zu entdecken ist.

Bis dahin,
A.Prometheus


Zum Leben gibt es zwei Wege: Der eine ist der gewöhnliche, direkte und brave. Der andere ist schlimm, er führt über den Tod, und das ist der geniale Weg!
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Offline JMaria

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Re: Marcel Proust - In Swanns Welt
« Antwort #40 am: 17. Oktober 2006, 14:48 »
Hallo zusammen,

kleiner Zwischenstand von meiner Seite: Marcel liest Bergotte, den er von seinem Freund Bloch empfohlen bekommt. Bei mir ist das S. 128.


@Steffi
Die Betrachtung des Weißdorns scheint der nächste poetische Höhepunkt zu sein.  Auf welcher Seite kommt diese Betrachtung?

Die anfängliche Euphorie über die sanfte und süße Stimmung der Kindheitserinnerung flacht etwas ab. Das ist mein momentanes subjektives Empfinden. Ich habe inzwischen auch schon viele Kommentare über mehrmaliges Aufgeben und Wiederbeginnen dieses Werkes gelesen.

Wie seht ihr das?

PS: Das soll aber keineswegs bedeuten, dass ich das Buch wieder ins Regal stelle. Ich glaube, dass hier noch viel zu entdecken ist.

Bis dahin,
A.Prometheus




Hallo zusammen,
hallo A.Prometheus

nein, bei mir ist noch keine Ermüdung für Proust erkennbar. Ich habe das Gefühl, dass der Autor dem Leser Situationen zuspielt, die wir später wieder treffen und wir uns dann erinnern sollen. Also, dass auch wir evtl. die verlorene (Lese)Zeit wiederentdecken. Ist nur ein Gefühl, aber ich finde das sehr spannend.

Der Weißdorn (S. 151 Suhrkamp TB "In Swanns Welt") der sich auf dem Altar mit den Mysterien der heiligen Handlung umrankt, erinnerte mich an den "Haselnuss und Geißblatt" in der "Tristan und Isolde" Sage. Hat miteinander jetzt nichts zu tun, doch das "Umranken" hat mich darauf gebracht und wollte es erwähnen.

Viele Grüsse
Maria
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Offline Manjula

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Re: Marcel Proust - In Swanns Welt
« Antwort #41 am: 18. Oktober 2006, 08:13 »
Guten Morgen,

nein, ich bin nicht verschollen  :redface: aber da ich Euch nicht mit Erklärungen für meine Abstinenz langweilen will, gleich zu Proust:

Ich befinde mich momentan am Ende des 2. Kapitel und empfinde es im Grundton wie Ihr sehr viel positiver als das erste - wahrscheinlich hängt es, wie Steffi erwähnt hat, mit den bewußten und unbewußten Erinnerungen zusammen. Die bedrückte Stimmung im ersten Kapitel kommt für mich sehr gut zum Ausdruck, als der Erzähler sagt "Nachdem der anästhesierende Einfluss der Gewohnheit aufgehört hatte, begann ich zu denken, zu fühlen - beides traurige Dinge." Wie resigniert das klingt! Bisher kann ich noch nicht ausmachen, ob die schlechten Erinnerungen an die Kindheit auf handfesten Hintergründen beruhen oder ob es sich hier "nur" um verzerrte Wahrnehmungen eines Kindes handelt.

Das zweite Kapitel fand ich dagegen amüsant; die Schilderungen der Tante Leonie, die nicht zur Ruhe kommt, als der Erzähler glaubt, ein unbekanntes Gesicht gesehen zu haben, haben mich sehr an meinen Geburtsort erinnert! Und dass "Marcel" leidenschaftlich gerne liest, macht ihn natürlich sympathisch  :zwinker:

Zitat von: JMaria
Ich habe das Gefühl, dass der Autor dem Leser Situationen zuspielt, die wir später wieder treffen und wir uns dann erinnern sollen. Also, dass auch wir evtl. die verlorene (Lese)Zeit wiederentdecken.

Ein sehr interessanter Gedanke. Ich hatte auch bei einigen Beschreibungen das Gefühl, dass diese nicht als Selbstzweck erzählt werden, sondern noch eine Bedeutung für später haben.

Zitat von: A.Prometheus
Dennoch bleibt die gesamte Stimmung eine süße (süß wie eine Madeleine) und sanfte Kindheitserinnerung. Die Erwähnung des Todes wirkt nicht Furcht erregend.

Kann das daran liegen, dass der Tod an sich für ein Kind nicht furchterregend wirkt, weil es sich darunter nichts Konkretes vorstellen kann? Meine Oma sprach auch, solange ich denken kann, dass sie bald sterben würde, und ich fand es nie bedrohlich. Wenn sie aber von Bombenangriffen während des Krieges erzählte, konnte ich mir etwas darunter vorstellen und das machte mir angst. Diese Erinnerung finde ich übrigens auch heute noch bedrohlich, da geht es mir anders als Dir mit den Gewittern.

Liebe Grüße
Manjula
« Letzte Änderung: 18. Oktober 2006, 08:17 von Manjula »
"Kunst soll keine Schulaufgabe und Mühseligkeit sein, keine Beschäftigung contre cœur, sondern sie will und soll Freude bereiten, unterhalten und beleben, und auf wen ein Werk diese Wirkung nicht übt, der soll es liegen lassen und sich zu andrem wenden."

Offline Steffi

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Re: Marcel Proust - In Swanns Welt
« Antwort #42 am: 18. Oktober 2006, 09:04 »
Hallo zusammen !

Zitat
@Steffi
Die Betrachtung des Weißdorns scheint der nächste poetische Höhepunkt zu sein.  Auf welcher Seite kommt diese Betrachtung?

In meiner Ausgabe auf Seite 165 beschreibt er die Weißdornzweige in der Kirche. Etwas später dann, auf einem Spaziergang bei Swanns Park kommt wieder die Weißdornhecke ins Spiel. Er trifft Gilberte, die Tochter Swanns und dann auch auf einen rosa Weißdorn (Seite 202 ff). Dieser rosa Weißdorn weist womöglich auch auf die Dame in Rosa hin, die er bei seinem Onkel traf - das war ja Odette, die Frau von Swann.

Zitat
Ich habe das Gefühl, dass der Autor dem Leser Situationen zuspielt, die wir später wieder treffen und wir uns dann erinnern sollen. Also, dass auch wir evtl. die verlorene (Lese)Zeit wiederentdecken.
Ich gebe Maria völlig recht, es ist wie ein Spiel. Kleinigkeiten blitzen auf, um dann später noch wichtig oder wiederholt zu werden. Das gefällt mir außerordentlich gut, auch wenn ich kein so aufmerksamer Leser bin.

Hilfreich bei diesem Spiel ist das in der Frankfurter Ausgabe enthaltene Resümee, dort werden die einzelnen Teile stichwortartig mit Seitanangabe zusammengefasst - ohne das wäre ich irgendwann rettunglos verloren.
Beispiel: Francoise und Eulalie (157). Niederkunft des Küchenmädchens (160). Das vorzeitige Mittagessen am Samstag(162).

Wie fandet ihr die Stelle mit Francoise und dem Spargel ? Für so gehössig hätte ich sie nicht gehalten und ich war überrascht über den Humor. Fehlt der denn nicht eingentlich nicht bisher ein wenig oder erinnert man sich nicht an lustige Szenen ? Das bringt mich drauf, mal nachzudenken, wie intensiv man sich an so Hochgefühle erinnert, das könnte ich jetzt gar nicht so sagen.

Gruß von Steffi
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Offline JMaria

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Re: Marcel Proust - In Swanns Welt
« Antwort #43 am: 19. Oktober 2006, 11:06 »
Hallo zusammen,


Im zweiten Kapitel von Combray kommen wir vom Bahnhof zunächst zur Tante Léonie, wo auch die Madeleine wieder auftaucht. Sie ist hier wohl das Verbindungsstück zur Erinnerung…oder? Zwar taucht hier die Madeleine auf, aber es wird noch nicht deutlich, was das Glücksgefühl im ersten Kapitel auslöste, als er bei seiner Mutter den Tee und die Madeleine genoss.

Im Dialog mit Francoise erwähnt die Tante Léonie ihre Schwächlichkeit und vielleicht baldigen Tod.

Zitat
Nun, es ist wirklich Zeit, dass der liebe Gott mich zu sich nimmt,…

Dennoch bleibt die gesamte Stimmung eine süße (süß wie eine Madeleine) und sanfte Kindheitserinnerung. Die Erwähnung des Todes wirkt nicht Furcht erregend.

Ist es nicht so, wenn man als Erwachsender sich an eine furchtvolle Situation in der Kindheit erinnert (z.B. hatte ich große Furcht vor Gewittern), so ist die Erinnerung daran keineswegs mehr bedrohlich, sondern eher beruhigend und sanft. Gern stehe heute bei Gewittern draußen auf der überdachten Terrasse und erinnere mich an diese Situationen meiner Kindheit, in denen Gewitter mir große Furcht einflößten.   

Wie seht ihr das?

das unbedrohliche Gefühl hat mich auch erstaunt. Die Familie ging so locker mit Tante Leonies' Bettlägrigkeit um. Marcel Proust hatte eine Tante Elisabeth, die wohl das Vorbild von Leonie war.

Zitat von: A. Prometheus
Das Thema Zeit wird in der Beschreibung der Kirche aufgenommen:

Zitat
…die vierte Dimension war die der Zeit – und das mit seinem durch die Jahrhunderte gleitenden Schiff von einer Empore, einer Kapelle zur anderen nicht nur einige Meter zu durchmessen und zu überwinden schien, sondern aufeinanderfolgende Epochen,…

Sehr ausgiebig wird der Glockenturm, als ein immer bestimmender Teil von Combray beschrieben.

Zitat
Dieser Glockenturm von Saint-Hilaire war es, der allen Beschäftigungen, allen Stunden, allen Aussichtspunkten der Stadt ihr Gesicht, ihre Krönung, ihre Weihe verlieh.

Die Beschreibung der Kirche und des Glockenturms wirkt nie langweilig, eher faszinierend. Dennoch bleibt die Bedeutung für mich unklar. Hier fehlt wohl Sekundärliteratur. Hat jemand eine Idee ?

Danke für den Hinweis der Zeit in Verbindung mit dem Glockenturm. Das passt irgendwie zusammen. Die Kirche und der Glockenturm bestimmt so ein ländliches Leben doch mehr als uns vielleicht bewußt ist. Auch Tante Leonie richtet ihre Zeit danach und beobachtet die Leute zum Kirchgang und zurück, durch ihre Bettstatt aus.

Zitat von: Steffi
In meiner Ausgabe auf Seite 165 beschreibt er die Weißdornzweige in der Kirche. Etwas später dann, auf einem Spaziergang bei Swanns Park kommt wieder die Weißdornhecke ins Spiel. Er trifft Gilberte, die Tochter Swanns und dann auch auf einen rosa Weißdorn (Seite 202 ff). Dieser rosa Weißdorn weist womöglich auch auf die Dame in Rosa hin, die er bei seinem Onkel traf - das war ja Odette, die Frau von Swann.

Mir fiel auch auf, dass es Proust mit den Farben rosa, weiß, lila und blau hat.

Ich habe im Proust-ABC darüber gelesen, dass
-Blau- und Lilatöne sexuell assoziiert wird, wie z.B. bei den Beschreibungen von Spargel, Orchideen und Quallen
-Rosa: Die Farbe des Essbaren, erscheint im Kontrast mit Weiß und erscheint kostbarer .. z.B. der rosafarbene Weißdorn, Erdbeerquark, die appetitlichen Wangen Albertines.
-Grün: Eng mit Combray und Gilberte verbunden, deren Name sich auf das französische 'verte' reimt. Assoziiert Natur und Frische, kommt im 2. Roman eher selten vor.
-Gelb/Gold: Farbe des Lichts und des Sommers, aber auch des Reichtums. Der Name "Guermantes" assoziiert für Marcel gelbe und orangefarbene Töne....

Zitat von: Steffi
Wie fandet ihr die Stelle mit Francoise und dem Spargel ? Für so gehössig hätte ich sie nicht gehalten und ich war überrascht über den Humor. Fehlt der denn nicht eingentlich nicht bisher ein wenig oder erinnert man sich nicht an lustige Szenen ? Das bringt mich drauf, mal nachzudenken, wie intensiv man sich an so Hochgefühle erinnert, das könnte ich jetzt gar nicht so sagen.

das war gehässig, ja. Das arme Küchenmädchen litt an einer Spargelallergie und musste den Spargel schaben, weil Francoise ihren Zustand nicht billigte.

Zitat von: Manjula
Das zweite Kapitel fand ich dagegen amüsant; die Schilderungen der Tante Leonie, die nicht zur Ruhe kommt, als der Erzähler glaubt, ein unbekanntes Gesicht gesehen zu haben, haben mich sehr an meinen Geburtsort erinnert! Und dass "Marcel" leidenschaftlich gerne liest, macht ihn natürlich sympathisch 

das ging mir auch so. Am liebsten hätte ich auch nach einem Roman von George Sand gegriffen *g*

Was mir noch so auffiel:
es gibt oft den Hinweis auf die Zahl "Zwei":

-Zwei Wege um die Kirche herum.
-Zwei Seiten um Combray, die die Familie nehmen kann, um einen Spaziergang zu machen. Sie gehen dazu aus verschiedenen Pforten hinaus.
-Zwei Kilometer von Balbec in der Normandie, wo die Familie Urlaub machen möchte, lebt die Schwester von Herrn Legrandin.
-Die Tochter des Herrn Vinteuils, die wie ein Junge aussah, errötet wenn sie spricht und es schien als ob eine empfindlichere Schwester in ihr zu tage kam.

Ich bin nun bei der Szene, als die Familie durch den Park geht und sich dem Haus der Swanns nähern.

Viele Grüsse
Maria

Aktuell:

Offline Steffi

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Re: Marcel Proust - In Swanns Welt
« Antwort #44 am: 20. Oktober 2006, 09:16 »
Hallo Maria,

das ist ein sehr interessanter Gedanke mit der Zahl "zwei". Spontan fällt mir dazu noch die jüdische und katholische Religion ein, ebenfalls zwei Seiten. Könnte es eine den Roman fortdauernde Thematik sein ? Immer zwei Seiten eines Themas ? Also z.B. auch in gesellschaftlicher Hinsicht, z.B. Land- und Stadtleben, soziale Schichten (die Familie des Protagonisten und Swann) oder evtl. auch Sexualität ?

Danke auch für die Bedeutung der Farben, ist ja direkt auffällig.

Ob die Spargel-Geschichte demnach auch eine sexuelle Anspielung war ?

Oh, ich habe momentan das Gefühl,es wimmelt hier nur so von Anspielungen ...

Gruß von Steffi
Gruß von Steffi