Hallo zusammen,
Im zweiten Kapitel von Combray kommen wir vom Bahnhof zunächst zur Tante Léonie, wo auch die Madeleine wieder auftaucht. Sie ist hier wohl das Verbindungsstück zur Erinnerung…oder? Zwar taucht hier die Madeleine auf, aber es wird noch nicht deutlich, was das Glücksgefühl im ersten Kapitel auslöste, als er bei seiner Mutter den Tee und die Madeleine genoss.
Im Dialog mit Francoise erwähnt die Tante Léonie ihre Schwächlichkeit und vielleicht baldigen Tod.
Nun, es ist wirklich Zeit, dass der liebe Gott mich zu sich nimmt,…
Dennoch bleibt die gesamte Stimmung eine süße (süß wie eine Madeleine) und sanfte Kindheitserinnerung. Die Erwähnung des Todes wirkt nicht Furcht erregend.
Ist es nicht so, wenn man als Erwachsender sich an eine furchtvolle Situation in der Kindheit erinnert (z.B. hatte ich große Furcht vor Gewittern), so ist die Erinnerung daran keineswegs mehr bedrohlich, sondern eher beruhigend und sanft. Gern stehe heute bei Gewittern draußen auf der überdachten Terrasse und erinnere mich an diese Situationen meiner Kindheit, in denen Gewitter mir große Furcht einflößten.
Wie seht ihr das?
das unbedrohliche Gefühl hat mich auch erstaunt. Die Familie ging so locker mit Tante Leonies' Bettlägrigkeit um. Marcel Proust hatte eine Tante Elisabeth, die wohl das Vorbild von Leonie war.
Das Thema Zeit wird in der Beschreibung der Kirche aufgenommen:
…die vierte Dimension war die der Zeit – und das mit seinem durch die Jahrhunderte gleitenden Schiff von einer Empore, einer Kapelle zur anderen nicht nur einige Meter zu durchmessen und zu überwinden schien, sondern aufeinanderfolgende Epochen,…
Sehr ausgiebig wird der Glockenturm, als ein immer bestimmender Teil von Combray beschrieben.
Dieser Glockenturm von Saint-Hilaire war es, der allen Beschäftigungen, allen Stunden, allen Aussichtspunkten der Stadt ihr Gesicht, ihre Krönung, ihre Weihe verlieh.
Die Beschreibung der Kirche und des Glockenturms wirkt nie langweilig, eher faszinierend. Dennoch bleibt die Bedeutung für mich unklar. Hier fehlt wohl Sekundärliteratur. Hat jemand eine Idee ?
Danke für den Hinweis der Zeit in Verbindung mit dem Glockenturm. Das passt irgendwie zusammen. Die Kirche und der Glockenturm bestimmt so ein ländliches Leben doch mehr als uns vielleicht bewußt ist. Auch Tante Leonie richtet ihre Zeit danach und beobachtet die Leute zum Kirchgang und zurück, durch ihre Bettstatt aus.
In meiner Ausgabe auf Seite 165 beschreibt er die Weißdornzweige in der Kirche. Etwas später dann, auf einem Spaziergang bei Swanns Park kommt wieder die Weißdornhecke ins Spiel. Er trifft Gilberte, die Tochter Swanns und dann auch auf einen rosa Weißdorn (Seite 202 ff). Dieser rosa Weißdorn weist womöglich auch auf die Dame in Rosa hin, die er bei seinem Onkel traf - das war ja Odette, die Frau von Swann.
Mir fiel auch auf, dass es Proust mit den Farben rosa, weiß, lila und blau hat.
Ich habe im Proust-ABC darüber gelesen, dass
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Blau- und Lilatöne sexuell assoziiert wird, wie z.B. bei den Beschreibungen von Spargel, Orchideen und Quallen
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Rosa: Die Farbe des Essbaren, erscheint im Kontrast mit Weiß und erscheint kostbarer .. z.B. der rosafarbene Weißdorn, Erdbeerquark, die appetitlichen Wangen Albertines.
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Grün: Eng mit Combray und Gilberte verbunden, deren Name sich auf das französische 'verte' reimt. Assoziiert Natur und Frische, kommt im 2. Roman eher selten vor.
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Gelb/Gold: Farbe des Lichts und des Sommers, aber auch des Reichtums. Der Name "Guermantes" assoziiert für Marcel gelbe und orangefarbene Töne....
Wie fandet ihr die Stelle mit Francoise und dem Spargel ? Für so gehössig hätte ich sie nicht gehalten und ich war überrascht über den Humor. Fehlt der denn nicht eingentlich nicht bisher ein wenig oder erinnert man sich nicht an lustige Szenen ? Das bringt mich drauf, mal nachzudenken, wie intensiv man sich an so Hochgefühle erinnert, das könnte ich jetzt gar nicht so sagen.
das war gehässig, ja. Das arme Küchenmädchen litt an einer Spargelallergie und musste den Spargel schaben, weil Francoise ihren Zustand nicht billigte.
Das zweite Kapitel fand ich dagegen amüsant; die Schilderungen der Tante Leonie, die nicht zur Ruhe kommt, als der Erzähler glaubt, ein unbekanntes Gesicht gesehen zu haben, haben mich sehr an meinen Geburtsort erinnert! Und dass "Marcel" leidenschaftlich gerne liest, macht ihn natürlich sympathisch
das ging mir auch so. Am liebsten hätte ich auch nach einem Roman von George Sand gegriffen *g*
Was mir noch so auffiel:
es gibt oft den Hinweis auf die Zahl "Zwei":
-Zwei Wege um die Kirche herum.
-Zwei Seiten um Combray, die die Familie nehmen kann, um einen Spaziergang zu machen. Sie gehen dazu aus verschiedenen Pforten hinaus.
-Zwei Kilometer von Balbec in der Normandie, wo die Familie Urlaub machen möchte, lebt die Schwester von Herrn Legrandin.
-Die Tochter des Herrn Vinteuils, die wie ein Junge aussah, errötet wenn sie spricht und es schien als ob eine empfindlichere Schwester in ihr zu tage kam.
Ich bin nun bei der Szene, als die Familie durch den Park geht und sich dem Haus der Swanns nähern.
Viele Grüsse
Maria