hallo djopelt
dass die so dargestellte Situation eine aktuelle Statusbestimmung ist, möchte ich gar nicht bestreiten. Aber ist sie befriedigend?
Können wir uns damit zufriedengeben, klug über Kunst zu reden und letztlich nicht einig zu sein, was das überhaupt ist? Wenn wir (als Menschheit) den Kunstbegriff der Beliebigkeit ausliefern, wozu brauchen wir ihn dann überhaupt noch? Dass ein Kunstwerk Ausdruck höchster Subjektivität sein kann, sein soll oder sein muss - dagegen ist eigentlich nichts zu sagen. Wenn aber die Subjektivität so weit geht, dass der Künstler auch gleich seinen subjektiven Begriff von Kunst mitliefert, wozu dann das Ganze? Was hindert mich dann, meine Schreibtischlampe ohne jede Rechtfertigung zur Kunst zu erklären und mich fortan Künstler zu nennen?
Und das Ziel eines Demokratisierungsprozesses kann doch nur sein, dessen Objekt vielen Menschen, ja möglichst allen Menschen zugänglich zu machen. Wenn sich in der Vergangenheit eine Elite der Kunst bemächtigt hat, so ist die Demokratisierung als Reaktion darauf zu verstehen, aber es ist ein im historischen Kontext verständlicher soziologischer Vorgang und hat mit einer Begriffsbestimmung wenig zu tun. Wenn sich in einer Region eine Elite der Lebensmittel bemächtigt und der Großteil der Leute Hunger leidet, kann man dann einfach in einem Demokratisierungsprozess allen sagen, dass sie selber definieren dürfen, was Brot ist? Kann man Steine essen, wenn man sie als Brot definiert? Es hilft genausowenig, wenn man ein Kulturgut allen zugänglich, jedoch wertlos, weil begriffslos macht.
Allerdings: Die Notwendigkeit eines Demokratisierungsprozesses scheint sich mir nur aus einem falschen, bzw. unklaren, verwaschenen Begriff von Kunst zu ergeben. Wenn man Kunst als Phänomen des Mensch-Seins versteht, dann ist sie wesentlich jedem Menschen gegeben - und kann nicht von Wenigen okkupiert werden. Kunst besitzt man nicht, indem man Bilder kauft und in ein Depot stellt, sondern indem man Manifestationen der Kunst hervorbringt oder reflektiert ("Objekte" wäre wohl zu einschränkend). Und da Kunst Teil des Mensch-Seins ist, ist sie weder an Bildung noch an Besitz oder Kaufkraft gebunden. Im Prinzip hat fast jeder das Potential, Künstler oder Kunstkonsument zu sein - auch ohne Budget. Was freilich fehlt ist das Bewusstsein dafür - und ein klar formulierter Begriff.
Wenn wir uns (wieder als Menschheit) Kunstsinn zugestehen (oder anmaßen?), so wollen wir uns auch dadurch von anderen Primaten unterscheiden. Haben wir nun keinen Begriff von Kunst, so haben wir auch keine Argumente für diesen Unterschied - nur die technologische Überlegenheit, also das Recht des Stärkeren. Auf dieses beruft sich ein Gorilla ebenso, wenn er an seine Brust trommelt.
Ich weiß: Gorillas fragen nicht nach dem Unterschied. Aber wenn sie es täten, würden wir dann auch noch schmunzeln?
Soviel zur Rechtfertigung des Versuchs der Annäherung an einen Kunstbegriff.
Mag sein, dass die Sache seit Ewigkeiten diskutiert wird, aber seit diesen Ewigkeiten hat es nicht solche Kommunikationsmöglichkeiten wie heute gegeben, daher ist die Diskussion immer nur die Sache Einzelner bzw. kleiner Gruppen gewesen. Mir ist völlig klar, dass ein Einzelner oder auch eine kleine Gruppe nicht in der Lage und im ethischen Sinn auch gar nicht berechtigt ist, eine gültige Aussage über das Wesen der Kunst zu machen. Die kann nur auf einer sehr breiten Basis getroffen werden. Erst das Internet gibt uns eine echte Chance dazu. Nutzen wir sie?
Ich mache mir keine Illusionen darüber, dass bloß in diesem Forum eine gültige Definition gefunden werden kann. Aber wenn auch an anderen Orten ähnliche Diskussionen entstehen, die dann irgendwann einmal zusammenwachsen, dann wird vielleicht eine der folgenden Generationen tatsächlich im Besitz eines einheitlichen und gültigen Kunstbegriffs sein.
hallo Friedrich-Arthur,
herzlichen Dank für das freundliche Willkommen.
Dass in diesem Forum eine gültige und einheitliche Definition gefunden wird, halte ich ebenfalls für unwahrscheinlich, vor allem deshalb, weil auch der Kreis an potentiellen Diskutanten zu eng ist, um die ethischen Voraussetzungen zu einer solchen Festlegung zu erfüllen. Die angesprochene Subjektivität sehe ich jedoch nicht als ein Hindernis an. Wenn ich die Aussage von djopelt richtig verstanden habe, so wird darin Kunst als eine Disziplin zum Ausdruck höchster Subjektivität bezeichnet. Ausdruck (ob subjektiv oder objektiv) kann doch nur eine Hervorbringung dieser Disziplin transportieren, also ein Kunstwerk. Ich sehe überhaupt keine Veranlassung, dass das mit einem grundsätzlichen Begriff von Kunst touchieren müsste. Der Begriff selbst wäre doch kein Ausdrucksmittel. Oder verstehe ich da etwas falsch?
Ich habe die eingangs dieses Ordners statuierten zehn Punkte darauf hin überprüft, inwiefern sie den Ausdruck höchster Subjektivität einschränken könnten - und nichts gefunden.
Vielen Dank für die freundliche Aufnahme
Ich bitte, meine teilweise sehr drastischen Vergleiche als Versuch einer Verdeutlichung zu interpretieren. Ich möchte keinesfalls irgend jemand persönlich damit treffen.
Liebe Grüße
rider