Aber, Vorsicht: Herder ist eine Nervensäge!
Ich kenne von ihm neben dem einen oder andern Lyrischen vor allem seine Schrift über den Ursprung der Sprache (lesenswert!) ...
Na ich weiß nicht, zumindest wenn sich lesenswert auf den philosophischen Gehalt beziehen sollte
(dafür ist die Charakteristik als Nervensäge schon eher zutreffend
). Aber die äußert blumenreiche Sprache Herders hat mir erhebliches Amusement bereitet. Wenn er etwa über den selbstreflexiven Menschen - aber man lasse ihn selbst sprechen:
"Der Mensch beweiset Reflexion, wenn die Kraft seiner Seele so frei würket, daß sie in dem ganzen Ozean von Empfindungen, der sie durch alle Sinnen durchrauschet, eine Welle, wenn ich so sagen darf, absondern, sie anhalten, die Aufmerksamkeit auf sie richten und sich bewußt sein kann, daß sie aufmerke."
Und nun schreitet Herder zur Dokumentation der Kategorienbildung anhand eines Lammes, das sich da seiner Seele ganz unverhofft präsentiert:
"Lasset jenes Lamm, als Bild, seinem Auge vorbeigehn: ihm wie keinem andern Tiere. Nicht wie dem hungrigen, witternden Wolfe! nicht wie dem blutleckenden Löwen - die wittern und schmecken schon im Geiste! die Sinnlichkeit hat sie überwältigt! der Instinkt wirft sie darüber her! - Nicht wie dem brünstigen Schafmanne, der es nur als den Gegenstand seines Genusses fühlt, den also wieder die Sinnlichkeit überwältigt und der Instinkt darüber herwirft. Nicht wie jedem andern Tier, dem das Schaf gleichgültig ist, das es also klardunkel vorbeistreichen läßt, weil ihn sein Instinkt auf etwas anders wendet. - Nicht so dem Menschen! Sobald er in die Bedürfnis kommt, das Schaf kennenzulernen, so störet ihn kein Instinkt, so reißt ihn kein Sinn auf dasselbe zu nahe hin oder davon ab: es steht da, ganz wie es sich seinen Sinnen äußert. Weiß, sanft, wollicht - seine besonnen sich übende Seele sucht ein Merkmal - das Schaf blöket! sie hat Merkmal gefunden. Der innere Sinn würket. Dies Blöken, das ihr am stärksten Eindruck macht, das sich von allen andern Eigenschaften des Beschauens und Betastens losriß, hervorsprang, am tiefsten eindrang, bleibt ihr. Das Schaf kommt wieder. Weiß, sanft, wollicht - sie sieht, tastet, besinnet sich, sucht Merkmal - es blökt, und nun erkennet sies wieder! »Ha! du bist das Blökende!« fühlt sie innerlich, sie hat es menschlich erkannt, da sies deutlich, das ist mit einem Merkmal, erkennet und nennet."
Abgesehen vom philosophischen Gehalt der Ausführungen (der auch, naja, bescheiden ist) besteht das Lesenswerte der Herderschen Ausführungen wohl eher im "brünstigen Schafmanne" und der pittoresken Kategorienbildung "Ha! du bist das Blökende!" der Seele (von der ich auch nie recht weiß was sie denn ist in der Vorstellung des Schreibenden).
Grüße
s.
Ich habe nun
Über den Ursprung der Sprache wiedergelesen. Natürlich hast Du, scheichsbeutel^, Recht. Der Teil, den zu zitieren Du geruht hast, ist allerdings auch wohl der schwächste der ganzen Abhandlung. Herders Stärke liegt darin, dass er als erster - zumindest im deutschen Sprachraum - einen göttlichen Ursprung der Sprache und damit der menschlichen Vernunft rundweg abstreitet. Liegt darin, dass er als erster einen historisch-genetischen Ansatz der Sprachentstehung verfolgt, die dadurch zur Sprachentwicklung wird und womit er Leuten wie A. W. Schlegel oder den Brüdern Grimm vorgearbeitet hat. Während die zeitgenössischen Autoren eine völlig unhistorische Sichtweise vertraten und ihrem Thema gegenüber letztlich die unhistorische und besserwisserische Art des Lehrers gegenüber den Aufsätzen seiner Schüler inne hatten. (Das gilt auch für die Literaturkritik, die sich zu bilden begann, und die Euripides, Aristototeles, Shakespeare und Voltaire allesamt in denselben Topf zu werfen geruhte. Auch hier hat Herder die Lanze gebrochen für eine adäquatere, weil historisch gerechtere Sichtweise - v.a. bekanntlich auf Shakespeare. Und auch hier waren es Romantiker, v.a. der andere Schlegel-Bruder, die Herders Thesen erben und weiter verarbeiten durften.) Herders konkreten Hypothesen - wie die vom Blökenden - sind dann allerdings eher unfreiwillig komisch für den heutigen Leser.
Ein anderes Neues ist Herders Sprache. Man muss sie nicht mögen. Aber es war bewusste, erarbeitete Formung darin, auch hier bewusster Gegensatz zur trockenen, akademisch-latinisierenden Faktenhuberei der Vorgänger und Zeitgenossen. Im
Ursprung der Sprache konnte Herder wohl noch nicht ahnen, dass der junge, praktisch eigentlich gescheiterte Rechtsstudent, das Mamasöhnchen Goethe, den er gerade für die Volkslieder begeistert hatte, und den er zu seinem Adepten zu machen trachtete, dass dieser Goethe also ihn binnen kurzem überflügelt haben würde, was Bekanntheit, Anerkanntheit und Beliebtheit beim Publikum betreffen würde. Und das, indem er den Herder-Hamann'schen Stil sich aneignen würde. "Kommst Du von den Gothen oder vom Kothe?", würde er ihn verärgert hänseln - und noch verärgerter konstatieren müssen, dass sich der Zögling Goethe die Stichelei keineswegs gefallen liess, sondern seinen selbst ernannten Mentor fallen lassen würde.