Hallo,
mit schlechtem Gewissen melde ich mich wieder. Wenn man sich an einer gemeinsamen Lesung beteiligt, sollte man sich auch nicht vor der Diskussion drücken, doch MoE lässt mich hilflos zurück. Dieses Buch ist für mich wie ein voll gestopfter Briefkasten, der lediglich Prospekte und Rechnungen enthält. Wir widerstrebt es weiter MoW einen Roman zu nennen, so wie ich ein aufgeblasenes Gerippe auch nicht Lebewesen nennen würde. Vor Wochen hatte ich schon den ersten Band der Rowohlt-Ausgabe, der bis zum 39.Kapitel des 2. Buches geht, fertig gelesen und ich habe nicht die Absicht, die unbearbeiteten Kapitel und Fragmente des 2. Bandes zu lesen. Meine Haltung hat sich nicht geändert. Im 2. Buch sah ich am Anfang eine Neuorientierung; die ersten Kapitel versprachen eine stärkere Orientierung an der Handlung, und die Einführung von Ulrichs Schwester schuf eine gewisse Spannung, da in ihrem Leben Widersprüche zu Veränderungen führen mussten. Musil gelang es aber auch hier, daraus einen lebensfremden Balanceakt zu machen, den Agathe auf einer Bibliotheksleiter mit schwergewichtigen, weitgehend ungenannten, Werken vollführt.
Mir bleibt als einzige positive Erinnerung das Skelett der „Parallelaktion“ mit Musils Sarkasmus. Natürlich ist sie eine Burleske und Charakterisierung eines erstarrten Systems, in dem jeder Ansatz von Dynamik durch die Hilflosigkeit und Entscheidungshemmung der maßgebenden Figuren erstickt. Deshalb kann auch der Aspekt eines möglichen Ablebens des alten Kaisers nicht in den Sinn der „Akteure“ kommen, da sich alles um seine autokratische Herrschaft dreht und er der Einzige ist, der überhaupt entscheiden kann (bedenken wir auch, dass er immerhin bis 1916 durchgehalten hat). Etwas von ihm klingt im 2. Buch in der Figur von Ulrichs Vater an, einer ebenfalls autokratischen Figur napoleonischen Zuschnitts, familienfremd, der nach seinem Tod die Kinder (Volk) versorgt aber orientierungslos zurücklässt.
Der Vergleich von MoE mit dem Zauberberg und Ulysses deutet auf eine Hilflosigkeit des Feuilletons hin. Es liegt ein mächtiges Fragment eines bedeutenden Dichters vor, durchwebt mit geheimnisvollen Bezügen die kaum jemand bewältigen kann, und man muss es würdigen. Wir erleben diese Hilflosigkeit der Kritiker gerade bei den Besprechungen des neuen Romans von Thomas Pynchon.
Während sich die beiden anderen genannten Romane mit der verwickelten Welt beschäftigen, sie quasi modelieren, überträgt Musil die Komplexität der Welt auf das Leben. Das Leben ist aber nicht komplex sondern einfach (jedenfalls für die meisten Menschen und die meiste Zweit über), wenn es auch nicht leicht ist, und das wird im MoE verwechselt. Musil hat das Projekt MoE, auch nach langen Jahren, nicht abgeschlossen, und ich habe den Verdacht, er war auch etwas hilflos, hat sich verzettelt, oder er hatte Angst vor dem Ende. Das Ende wäre spätestens im August 1914 gekommen, und davor darf man ja auch Angst haben
Ich entschuldige mich für mein langes Schweigen
Bloom