Hallo allerseits
Neues von der Front, im wahrsten Sinne des Wortes ... ich habe die erste Hälfte von "La Fortune" hinter mir (Ihr seht, eine Leserunde mit mir lohnt sich nicht

). Den zweiten Teil werde ich allerdings mit mehr Energie angehen, denn sonst vergesse ich noch die Familienzusammenhänge.
Eindrücke, keine Zusammenfassung:
Ich habe Gervaise kennen gelernt, eine junge Frau, die mit 14 schon Mutter wurde und von der ich weiß, dass sie einige Bände später, in "L''assommoir", die Hauptrolle spielen wird.
Ich habe tiefe Ehrfurcht vor allen Charakteren, insbesondere vor denen, die wahrhaft hart gearbeitet haben. Wenn ich mir überlege, dass wir heute eine Waschmaschine vollstopfen, die Wäsche dann aufhängen oder in den Trockner stecken, bügeln, in den Schrank, fertig .... (und das macht auch sehr viel Arbeit!! wie ich aus leidvoller Erfahrung sagen kann) und dass im Gegensatz dazu zu anderen Zeiten junge Menschen "in Stellung" bei Herrschaften gegangen sind und Wäsche gekocht oder im Fluss gewaschen haben, mit Steinen oder was weiß ich, Bleichestelle ......
Auch das Handwerk - ich weiß, dass in L'assommoir kurz angerissen wird, wie die Schmiedekunst modernisiert wird mittels Maschinen. Bis dahin war alle Sägerei, Klopferei, Bauerei ... harte Handarbeit und das oft viele Stunden, die ganze Woche lang.
Ich denke, dass auch Emile Zola diese Ehrfurcht empfunden hat, sonst wären ihm die entsprechenden Beschreibungen nicht so eindringlich gelungen. Auch empfindet er Antoine Macquardt gegenüber offensichtlich Verachtung. Dieser Herr hat eine Frau geheiratet, die für drei oder vier arbeitet und davon lebt er. Und nicht nur davon, sondern auch von den schmalen Einkünften seiner Kinder. Diese nutzt er so sehr aus, dass sie quasi bei Nacht und Nebel das Haus verlassen.
Es ist nicht nur so, dass er sie ausnutzt, sondern er lebt ein unverschämtes Leben, mit Kaffeehausgängen, viel Alkohol, immer die besten Stücke beim Essen und lange Tiraden über die Reichen, die alle anderen um ihr wohl verdientes Geld bringen ....
Sehr sympathisch ist mir Adelaide, die Großmutter, eine Frau, die sehr geliebt hat. Und eine Frau, die ob ihres wechselhaften und flatterhaften Wesens nie geachtet wurde. Sie hat zwei Männer geliebt und ihre Kinder, egal ob ehelich oder nicht, alle gleich. Sofern sie in der Lage war, hat sie für alle gesorgt und wurde von ihrem ältesten Sohn, dem einzig "legitimen" hinter's Licht geführt. Er hat ihr nicht nur ihr Vermögen genommen sondern sie auch geschlagen.
Diese Brutalität, die so normal beschrieben wird, hat mich schon sehr geschockt. War es normal, seine Mutter zu schlagen?
Ich mag die langen Beschreibungen von Stimmungen, Landschaften, Begebenheiten .... (anderswo manchmal "Längen" genannt) - ich glaube sie machen es erst möglich, einzutauchen in die Geschichte.
Bis demnächst ...

Daniela