Autor Thema: Lew N. Tolstoi  (Gelesen 5290 mal)

Offline picco

  • Newbie
  • *
  • Beiträge: 13
Re: Lew N. Tolstoi
« Antwort #15 am: 28. Januar 2010, 20:56 »
Hallo, ich lese auch gerade 'Auferstehung'. Meine Ausgabe (Fischer Klassik) hat 600 Seiten und 400 davon habe ich jetzt gelesen. Ich komme auch nicht besonders schnell voran. Das ist jetzt schon meine dritte Woche mit dem Buch - aber es liegt nicht am Buch! Das läßt sich sehr gut lesen, finde ich. Ich kann auch nicht sagen, dass Tolstoi da irgendwie in einen predigenden Tonfall fällt. Es mögen zwar seine Überzeugungen sein, aber sie werden ja immer von dem Hauptcharakter Nechliudow vertreten und das ganz natürlich und stimmig. Also man hat nicht den Eindruck, er würde da immer mal einen Absatz zwischen den Handlungsverlauf schieben.
Von den Charakteren fasziniert mich eigentlich keiner besonders, muß ich sagen, aber sie sind mir auch nicht unsympathisch. Es ist halt nur niemand dabei, der mich irgendwie fesselt. Wie finsbury finde ich auch die Beschreibungen sehr schön, wie überhaupt Tolstois Schreibstil insgesamt. Und das Thema wird ja wohl leider immer aktuell bleiben.
Und wenn ich dann mit 'Auferstehung' durch bin, könnte ich ja der 'Anna Karenina' einen dritten Anlauf gönnen. Hab' schon zweimal angefangen, bin aber nie sehr weit gekommen. Vielleicht klappt's ja beim dritten Mal.

Nachtrag vom 03.02.2010:
So, seit gestern Abend bin ich auch durch mit 'Auferstehung'. Das Ende war ja ziemlich enttäuschend. Die Handlung bricht mit der Begnadigung der Maslowa einfach ab. Sie geht ihrer Wege, Nechliudow geht seiner. Aber im Grunde wird er ab da nur noch benutzt, um Tolstois Ansichten über Gott und die Welt zu verkünden. Eindeutig die Gelegenheit für das Mecker-Smiley:  :grmpf:
« Letzte Änderung: 3. Februar 2010, 20:33 von picco »
Das Buch, wenn es zugeklappt daliegt, ist ein gebundenes, schlafendes, harmloses Tierchen, welches keinem etwas zuleide tut. Wer es nicht aufweckt, den gähnt es nicht an. Wer ihm die Nase nicht gerade zwischen die Kiefer steckt, den beißt es auch nicht.
Wilhelm Busch

Offline finsbury

  • Hero Member
  • *****
  • Beiträge: 1592
Re: Lew N. Tolstoi
« Antwort #16 am: 30. Januar 2010, 09:50 »
Hallo picco,

mit dem Predigen fängt Tolstoi auch erst am Ende so richtig an. Ich bin auf den letzten 50 Seiten und habe mal auf die letzten Seiten gelugt, da kommen seitenweise Bibelzitate!
Den zweiten Teil finde ich etwas spröder zu lesen, allerdings, seitdem die Zwangsarbeiter auf dem Weg nach Sibirien sind, wird es wieder spannender. Du hast Recht, auch mich sprechen weder Nechljudow noch Katja Maslowa als Identifikationsfigur an, aber die Schilderung der Nebenfiguren ist einfach meisterhaft, ganz großes Kopfkino und auf jeden Fall den beiden anderen großen Romanen ebenbürtig.
Und dies Schilderung der sozialen Verhältnisse lässt einen schon verstehen, wie es zur großen Revolution kommen konnte. Umso schlimmer, dass einige der geschilderten Justizumstände auch noch heute in den demokratischen Ländern vorkommen. Wie kann es sonst sein, dass man bei millionenhoher Steuerhinterziehung mit Geldstrafe und Bewährungsstrafe davonkommt, während viele Delikte der sogenannten kleinen Leute viel härter bestraft werden.

finsbury

Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene
Meer in uns. (Kafka)

Freund Hermann

  • Gast
Re: Lew N. Tolstoi
« Antwort #17 am: 30. Januar 2010, 13:54 »
Hallo,

ich muss sagen, dass ich das Buch vor Jahren einmal gelesen habe und es mich, insbesondere der fehlenden dramaturgischen Wendungen wegen, letztendlich einigermaßen enttäuschte.

freundliche Grüße

F. Hermann

Offline finsbury

  • Hero Member
  • *****
  • Beiträge: 1592
Re: Lew N. Tolstoi
« Antwort #18 am: 30. Januar 2010, 19:08 »

ich muss sagen, dass ich das Buch vor Jahren einmal gelesen habe und es mich, insbesondere der fehlenden dramaturgischen Wendungen wegen, letztendlich einigermaßen enttäuschte.



Da hast du Recht. Um der Handlung willen sollte man den Roman nicht lesen. Aber - wie unten mehrfach geschrieben, die Schilderungen der Nebenpersonen - gleich welcher Gesellschaftsschicht - sind das Besondere, und das macht mir gerade wieder viel Spaß, wie Tolstoj jetzt z.B. am Ende des Romans die unterschiedlichen Revolutionärstypen beschreibt: Das erinnert mich in manchem an meine wildbewegten Studienzeiten in  den Achtzigern mit den unterschiedlichen Typen politisch Engagierter ... :zwinker:

finsbury
Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene
Meer in uns. (Kafka)

Freund Hermann

  • Gast
Re: Lew N. Tolstoi
« Antwort #19 am: 30. Januar 2010, 21:35 »
Hallo Finsbury,

ohne dir widersprechen zu wollen, befand ich im Großen und Ganzen trotzdem, dass Tolstoi in weiten Teilen des Romans ein zu positives und wenig differenziertes Bild, insbesondere der untersten Gesellschaftsschichten zeichnet, während er beinahe durchgängig alle Angehörigen der höheren Stände verunglimpft, was meiner Meinung nach doch ein etwas einseitiges Bild ergibt, wenngleich ich natürlich nicht zu beurteilen vermag, ob dies den damaligen Zuständen tatsächlich gerecht wird. Noch dazu, wo es ihm Ende des Romanes sogar gelingt, eine positive Beantwortung des Gnadengesuches für "seine" Katjuscha an höchster Stelle zu erwirken.

freundliche Grüße
F. Hermann

Offline finsbury

  • Hero Member
  • *****
  • Beiträge: 1592
Re: Lew N. Tolstoi
« Antwort #20 am: 31. Januar 2010, 11:48 »
Hallo Freund Hermann,

die Schwarzweißzeichnung der Gesellschaftsschichten hat sicherlich viel mit der Empörung des alten Tolstoj über die gesellschaftlichen Verhältnisse im spätzaristischen Russland zu tun, und die müssen auch laut historischen Quellen wirklich übel gewesen sein.

Seine Ideologie, dass alle Menschen eigentlich gut seien und man ihnen nur nahelegen sollte, nach den Geboten der Bergpredigt zu leben, ist eine gutgemeinte, aber leider ziemlich weltfremde Utopie. Auf den letzten Seiten aber macht Tolstoj durchaus deutlich, dass diese Grundauffassung des Menschen für alle Stände gilt. Er arbeitet auch vorher schon immer wieder heraus, dass auch die Angehörigen der höheren Stände über gute Anlagen verfügen, aber durch eben diese Standeszugehörigkeit korrumpiert werden.

Letzten Endes ist das eine Aussage, die auch noch für heute gilt, denn auch wir Bewohner der Wohlstandsländer mache über weite Strecken die Augen zu gegenüber dem Elend in den Entwicklungsländern und genießen den Lebensstandard, der letztendlich zu einem großen Teil auch auf der Ausbeutung der Rohstoffe und Arbeitskräfte in diesen benachteiligten Ländern beruht.

Dennoch finde ich - wie bereits unten angedeutet -  das Ende des Romans misslungen: Dieses Alleinlassen Nechljudows mit den Erkenntnissen aus der Bergpredigt und dem Abreißen aller Handlungsfäden wirkt nicht gewollt, sondern hilflos, so als hätte die narrative Kraft den alten Autoren zugunsten dieser Räsonniererei verlassen.

Das aber lässt mich nicht die weiten guten Strecken des Romans vergessen.

finsbury
« Letzte Änderung: 1. Februar 2010, 18:47 von finsbury »
Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene
Meer in uns. (Kafka)

Freund Hermann

  • Gast
Re: Lew N. Tolstoi
« Antwort #21 am: 31. Januar 2010, 14:20 »
Zitat
Das aber lässt mich nicht die weiten guten Strecken des Romans vergessen.

Warum auch? Ich persönlich empfand lediglich andere Werke des Autors, wie beispielsweise Anna Karenina, insgesamt als gelungener. Eventuell sollte ich mir bei Gelegenheit auch einmal "Krieg und Frieden" vornehmen, um mir einen Gesamteindruck seines Werkes zu verschaffen.

freundliche Grüße

F. Hermann

 
« Letzte Änderung: 31. Januar 2010, 14:24 von Freund Hermann »

Freund Hermann

  • Gast
Re: Lew N. Tolstoi
« Antwort #22 am: 1. Februar 2010, 23:53 »
Hallo Busfahrer,

mir hat "Anna Karenina" sehr gut gefallen. Obwohl ich den Roman erst einmal gelesen habe, gehört er auf jeden Fall zu meinen Lieblingsbüchern. Ich fand an dem Buch besonders interessant, dass man spürt wie Tolstoi während des Schreibens den geplanten Handlungsablauf änderte.

hallo,

ich habe nur eben einmal Zola zitieren wollen, weil mir gerade Dostojewskis Brüder Karamasow durch den Kopf geisterten, bei deren Lektüre ich ein ähnliches Empfinden hatte, so dass ich über diesem Gedanken einzuschlafen vergaß.

freundliche Grüße

F. Hermann

Offline Librerio

  • Jr. Member
  • **
  • Beiträge: 54
Re: Lew N. Tolstoi
« Antwort #23 am: 3. Februar 2010, 00:37 »
Zitat
Ich fand an dem Buch besonders interessant, dass man spürt wie Tolstoi während des Schreibens den geplanten Handlungsablauf änderte.

Gewagte These - spüren ist das eine, aber Belege? Nabokov in seinem brillianten Essay über Anna Karenina sagt nichts über einen Sinneswandel. Bitte um nähere Erläuterungen.

Für mich ist Anna Karenina übrigens einer der Romane für die berühmte einsame Insel... Dazu ein Band mit Tchechow-Erzählungen, Shakespeares Tragödien, die "Blumen des Bösen" und "Die Welt als Wille und Vorstellung" - und man könnte es schon eine Zeitlang aushalten...

Herzlich

L.
"Man träumt viel vom Paradies, oder vielmehr von verschiedenen, wechselnden Paradiesen, die doch alle verloren sind, bevor man stirbt, und in denen man sich selbst verloren fühlen würde." ("A la recherche du temps perdu")

Offline JMaria

  • Hero Member
  • *****
  • Beiträge: 3858
Antw:Lew N. Tolstoi
« Antwort #24 am: 10. Dezember 2010, 15:13 »
Hallo zusammen,

ich lese gerade "Auferstehung" und bin über eine Bezeichnung gestolpert, die ich so, noch nicht gelesen oder gehört habe. Anfang Kapitel 6 (Übersetzung von Ilse Frapan):

....um vor sechs Uhr bei der rothaarigen Klara Wasiljewna sein zu können, mit der er im vorigen Sommer auf dem Lande einen Roman gehabt hatte.

im Gutenberg steht es ähnlich:
,...... mit der er im vorigen Sommer einen Roman angesponnen...


eine bezaubernde Umschreibung eines Liebesverhältnisses, das wollte ich mal kurz anmerken  :smile:

(Grimms Wörterbuch, Auszug:
roman, m. erdichtete oder dichterisch ausgeschmückte erzählung gröszeren umfanges in prosa, deren kern gewöhnlich ein liebesvorgang ist.... )


Gruß,
Maria
Aktuell:

Offline Anita

  • Full Member
  • ***
  • Beiträge: 459
    • Literaturblog
Antw:Lew N. Tolstoi
« Antwort #25 am: 5. Januar 2011, 12:08 »
Derzeit lese ich "Krieg und Frieden" natürlich von Tolstoi. Es ist meine Erstlektüre, das Buch ist großartig ganz bestimmt, doch mir fehlen diese Gedankengänge, diese philosophischen Ausflüge wie zum Beispiel in "Anna Karenina" von Ljewin. Im Grunde könnte man diesen Roman als historisch einstufen, denn das Augenmerk ist einfach der Krieg. Ich denke, dass ich dieses Werk einmal im Leben lese, wobei ich die Anna (und andere Werke) immer wieder gerne lesen würde.
Man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können. Nietzsche in "Also sprach Zarathustra"

Offline Sir Thomas

  • Hero Member
  • *****
  • Beiträge: 1745
Antw:Lew N. Tolstoi
« Antwort #26 am: 5. Januar 2011, 12:20 »
... das Buch ist großartig ganz bestimmt, doch mir fehlen diese Gedankengänge, diese philosophischen Ausflüge ...

Hallo Anita,

die wirst Du auch in "Krieg und Frieden" finden, wenn mich meine Erinnerung nicht täuscht.

Ja, das Buch ist großartig, gehört immer noch zu meinen persönlichen Top 10. Mit Deiner Einschätzung, dass man so etwas vermutlich nur einmal im Leben liest, wirst Du wohl recht haben. Wenn ich Tolstoi noch einmal angehe, dann sicherlich mit der Wiederholungslektüre von "Anna Karenina" oder einem mir nicht bekannten Werk.

Weiter viel Spaß mit Andrej, Pierre und Natascha!

Tom

Offline Anita

  • Full Member
  • ***
  • Beiträge: 459
    • Literaturblog
Antw:Lew N. Tolstoi
« Antwort #27 am: 5. Januar 2011, 12:29 »
die wirst Du auch in "Krieg und Frieden" finden, wenn mich meine Erinnerung nicht täuscht.

Sicherlich, Pierres und Andrejs Gedankengänge sind vorhanden, mir aber zu wenig  :breitgrins:

Danke, meinen Spaß habe ich  :winken:

Anita
Man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können. Nietzsche in "Also sprach Zarathustra"