Autor Thema: Mai 2007 - Rabelais: Gargantua und Pantagruel  (Gelesen 24349 mal)

Offline scheichsbeutel^

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Re: Rabelais: Gargantua und Pantagruel
« Antwort #30 am: 13. Mai 2007, 19:38 »
Außerdem stellt er seine Belesenheit zur Schau, wobei mich interessieren wollte, wie/wo Rabelais Zugriff auf so viele Bücher hatte. Ein Bibliotheksturm wie Montaigne dürfte es ja wohl nicht gewesen sein.

In Durants Kulturgeschichte Bd 10 erfährt man von seiner Erziehung in einem Franziskanerkloster, "ein Los, das er mit Ergebung trug, weil vermutlich die Klosterbibliothek eine starke Anziehungskraft auf ihn besaß". Gerade seine Bücherliebe scheint ihn dann ins Gefängnis gebracht zu haben, da er Almosen, die er für seine Predigten erhielt, für den Erwerb griechischer Klassiker verwandte. Der franz. Humanist Guillaume Budé verwendete sich für seine Freilassung, R. wechselte zu den Benekdiktinern und durfte auf Fürsprache des Bischofs von Maillezais ausschließlich seine Studien obliegen.

Offenbar ein Bibliomane, dessen umfassende Bildung so gesehen nicht überrascht.

Grüße

s. - der leider kaum zum Lesen kommt  :sauer:

Offline xenophanes

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Re: Rabelais: Gargantua und Pantagruel
« Antwort #31 am: 13. Mai 2007, 20:33 »
Hallo!

In Durants Kulturgeschichte Bd 10 erfährt man von seiner Erziehung in einem Franziskanerkloster, "ein Los, das er mit Ergebung trug, weil vermutlich die Klosterbibliothek eine starke Anziehungskraft auf ihn besaß".

In der Britannica steht Ähnliches. Das erklärt aber "nur", wie er zu seiner Bücherbesessenheit kam, nicht woher er dann beim Schreiben die vielen Quellen nahm, das war ja viel später. Bücher waren damals ja extrem teuere Luxusgüter.

Habe am WE einiges weitergelesen und werde später darüber schreiben.

CK


Offline Zola

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Re: Rabelais: Gargantua und Pantagruel
« Antwort #32 am: 13. Mai 2007, 22:28 »
Hallo zusammen,

ich habe jetzt die ersten 21 Kapitel gelesen. Irgendwie finde ich bisher keinen Zugang zu diesem Buch. Die Obszönitäten finde ich langweilig, ebenso die gigantesken Beschreibungen zu Gargantua, auch die zahlreichen Anspielungen empfinde ich nicht als besonders belustigend oder interessant (ich verstehe wohl auch nicht alle). Beeindruckend sind in der Tat manche enzyklopädische Auflistungen. Was mich zum Weiterlesen treibt ist dann doch eine Neugier wie es wohl weiter geht und die Hoffnung, dass es besser wird  :breitgrins:

Viele Grüße,
Zola

Offline scheichsbeutel^

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Re: Rabelais: Gargantua und Pantagruel
« Antwort #33 am: 14. Mai 2007, 03:01 »
Hallo allerseits!

Nun muss bei mir die Nacht zur Lektüre herangezogen werden: Bei Durant finde ich mehrfach Hinweise auf intimen Umgang mit den Humanisten seiner Zeit (etwa Erasmus) als auch eine Freundschaft zu einem Verleger. Dies erleichterte wohl den Zugang zur Literatur. Ob es dem einigermaßen wohlsituierten Arzt R. an Geld mangelte, sich Bücher zu leisten (Durant erwähnt ein Jahresgehalt von 40 Pfund und ich hab nicht die mindeste Ahnung, ob das viel oder wenig ist), entzieht sich meiner Kenntnis, allerdings hat er vor dem Gargantua mehrere griechische Texte herausgegeben, übersetzte Hippokrates ins Lateinische etc., aber "sowohl seine Zitate als auch Editionen ermangelten der nötigen Sorgfalt" und mit den Texten sei er oft recht frei umgesprungen (was ev. durch die schwere Verfügbarkeit bedingt gewesen sein mag).

Im übrigen betont Durant mehrfach, dass es sich bei R. keineswegs um einen Säufer und Lebemann gehandelt, sondern er einen sehr mäßigen Lebenswandel gepflogen habe.

Was ich wiederum nicht verstanden habe, Rabelais schreibt Freude sei das Gegenteil von Trauer, im Anhang steht, hier hätte er einen dialektischer Fehler begangen, kann mir jemand das erklären?

Bei mir ist kein derartiger Hinweis zu finden. Bei den Gegensatzpaaren schreibt er einmal Freude-Trauer, dann wieder Freude-Leid. Ich glaube aber, dass dein dialektischer Hinweisgeber im Anhang das Ganze zu ernst nimmt. R. weist schon im 9. Kapitel (das mir gut gefallen hat) auf die Lächerlichkeit solcher Zuordnungen hin, ob er dann seine eigenen Ausführungen (zwar vom hochherrschaftlichen Aristoteles abgeleitet) so ernst genommen haben wird - ich weiß nicht. Der letzte Absatz des 10. Kapitels scheint mir eher ein Beleg für das Gegenteil zu sein. (So nebenher, war's nicht der hier vor kurzem gelesene Marco Polo, der die weiße Trauerkleidung im Okzident bekannt machte?)

Ich bin kein Freund von Aufzählungen (wie Sandhofer), weshalb mich etwa das Arschwisch-Kapitel eher genervt hat. Insgesamt ergeht's mir ein wenig wie Zola (auch mit der Hoffnung), ansonsten wird's wohl nix werden mit den 1350 Seiten.

Grüße

s.

Offline sandhofer

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Re: Rabelais: Gargantua und Pantagruel
« Antwort #34 am: 14. Mai 2007, 07:15 »
Hallo zusammen!

Ja doch, jetzt bin ich "drin"  :breitgrins: - im Text nämlich. Einerseits sicher dank der Tatsache, dass mit dem Krieg, den Picrochole, der Nachbar, anzettelt, ein bisschen "Äggschen" in die Story kommt. Das Ganze will mir allerdings schon noch wie ein disparater Haufen an Motiven erscheinen:

- der Krieg als strategisches Phänomen, von einem Militärhistoriker erzählt (Thukydides kam mir sofort in den Sinn)
- ein Fürstenspiegel, der uns in der Gestalt der beiden Riesen vorgehalten wird - hier greift Rabelais eindeutig auf Erasmus zurück
- Satire, die über Karl V. ausgeleert wird
- Kritik am Klerus und der Heiligen- und Reliquienverehrung
- der Topos des Riesen, der Unmengen frisst und säuft, und, wenn er pisst, gleich eine halbe Armee des Gegner damit ertränkt
- Motive der klassischen Heldenepik
- hin und wieder lässt Rabelais auch den Arzt durchschimmern
- da wird auch mal ganz versteckt über den freien Willen räsonniert (bezugnehmend auf Erasmus' Schriften gegen Luther)

Und ich weiss nicht, was ich jetzt noch vergessen habe. Sicher gibt es Teile, die ich weniger notwendig finde; und wenn dann wieder so ein räsonnierender Teil kommt, kaum hat die Handlung Fahrt aufgenommen, schüttle ich auch schon mal mein geistiges Haupt ...  :zwinker:

Ich bin kein Freund von Aufzählungen (wie Sandhofer), weshalb mich etwa das Arschwisch-Kapitel eher genervt hat. Insgesamt ergeht's mir ein wenig wie Zola (auch mit der Hoffnung), ansonsten wird's wohl nix werden mit den 1350 Seiten.

Nachdem ich mir die vollständige Ausgabe von Rabelais' Werken gekauft habe, werde ich sie jetzt auch von A-Z durchlesen; da bin ich stur. Und so schlecht finde ich ihn bis dato auch nicht  :zwinker: . Die von Dir monierte Szene z.B. finde ich wissenschaftsgeschichtlich bzw. wissenschaftstheoriegeschichtlich interessant, indem es den scholastischen Umgang mit dem Experiment persifliert, wo einfach planlos drauflos experimentiert wurde, während jetzt mit den neuen Lehrern von Gargantua planvolles Handeln angesagt ist, auf allen Ebenen.
Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus: Beim Wort genommen

Offline scheichsbeutel^

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Re: Rabelais: Gargantua und Pantagruel
« Antwort #35 am: 14. Mai 2007, 12:01 »
Die von Dir monierte Szene z.B. finde ich wissenschaftsgeschichtlich bzw. wissenschaftstheoriegeschichtlich interessant, indem es den scholastischen Umgang mit dem Experiment persifliert, wo einfach planlos drauflos experimentiert wurde, während jetzt mit den neuen Lehrern von Gargantua planvolles Handeln angesagt ist, auf allen Ebenen.

Gargantua als Verfechter der "Versuch und Irrtum Methode" und Begründer der Experimentalphysik, bis ihm eine noch nicht falsifizierte Theorie des Hinternputzens gelingt. Aber über alle seine Versuche sechs Seiten lang mich so detailliert zu unterrichten, das wär nicht notwendig gewesen  :zwinker:

s.

Offline sandhofer

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Re: Rabelais: Gargantua und Pantagruel
« Antwort #36 am: 14. Mai 2007, 12:05 »
Aber über alle seine Versuche sechs Seiten lang mich so detailliert zu unterrichten, das wär nicht notwendig gewesen  :zwinker:

Nein, tatsächlich nicht. Aber genau das, diese Schlussfolgerung, habe ich als Pointe Rabelais' empfunden  :zwinker: , also das, vorauf Rabelais den Leser hinführen wollte.

Den Pädagogen Rabelais habe ich in meiner Aufzählung noch vergessen ...  :breitgrins:
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Offline scheichsbeutel^

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Re: Rabelais: Gargantua und Pantagruel
« Antwort #37 am: 14. Mai 2007, 12:19 »
Nein, tatsächlich nicht. Aber genau das, diese Schlussfolgerung, habe ich als Pointe Rabelais' empfunden  :zwinker: , also das, vorauf Rabelais den Leser hinführen wollte.

Den Pädagogen Rabelais habe ich in meiner Aufzählung noch vergessen ...  :breitgrins:

Vielleicht bin ich zu unduldsam, mein unruhiger Geist will weiter und ich möcht R. zurufen, dass ich's schon verstanden hab. Außerdem steht zu befürchten, dass alle päd. Anwandlungen bei mir auf wenig fruchtbaren Boden fallen. Was mir, um bei der Päd. zu bleiben, an ihm gefällt, ist seine Selbstironie, etwa das Lächerlich Machen des ganzen Bildungswustes von einem, der als Vielleser und Vielzitierer genau mit diesem Wissen hausieren ging. 

s.

Offline BigBen

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Re: Rabelais: Gargantua und Pantagruel
« Antwort #38 am: 14. Mai 2007, 12:46 »
Also, wenn ich das hier so lese, hätte ich glatt Lust, mir gleich den Rabelais zu greifen und loszulesen.  :winken:
"Es ist die Pflicht eines jeden, es auch auszusprechen, wenn er etwas als falsch erkennt." --- Stefan Heym (2001)

Offline xenophanes

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Re: Rabelais: Gargantua und Pantagruel
« Antwort #39 am: 14. Mai 2007, 12:51 »
Also, wenn ich das hier so lese, hätte ich glatt Lust, mir gleich den Rabelais zu greifen und loszulesen.  :winken:

Wieso denn Konjunktiv?  :breitgrins:

Ich kann erst am langen WE weiterlesen (Do-So, da aber ausgiebig). Heute und Morgen Abend Staatsoper, Mittwoch Akademietheater.

CK


Offline scheichsbeutel^

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Re: Rabelais: Gargantua und Pantagruel
« Antwort #40 am: 14. Mai 2007, 13:00 »
Also, wenn ich das hier so lese, hätte ich glatt Lust, mir gleich den Rabelais zu greifen und loszulesen.  :winken:
Wieso denn Konjunktiv?  :breitgrins:

Das Wort aus dem Mund genommen ...

Ich kann erst am langen WE weiterlesen (Do-So, da aber ausgiebig). Heute und Morgen Abend Staatsoper, Mittwoch Akademietheater.

Spuren der Verirrten? Schreib doch was drüber (nach Möglichkeit abfällig) - damit ich ein Argument habe, der bildungsbürgerlichen Handke-Verpflichtung zu entgehen  :breitgrins:

Grüße

s.

Offline BigBen

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Re: Rabelais: Gargantua und Pantagruel
« Antwort #41 am: 14. Mai 2007, 13:00 »
Also, wenn ich das hier so lese, hätte ich glatt Lust, mir gleich den Rabelais zu greifen und loszulesen.  :winken:

Wieso denn Konjunktiv?  :breitgrins:

1. Bin ich auf Arbeit und habe das Buch nicht in Reichweite.
2. Lese ich gerade etwas über Otto Hahn. Und ich bin kein Parallelleser.
3. Bin ich Ende Mai für eine Leserunde auf Leserunden.de angemeldet.
4. ... da fällt mir bestimmt noch mehr ein.

 :breitgrins: :breitgrins: :breitgrins:
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Offline xenophanes

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Re: Rabelais: Gargantua und Pantagruel
« Antwort #42 am: 14. Mai 2007, 13:47 »
Spuren der Verirrten? Schreib doch was drüber (nach Möglichkeit abfällig) - damit ich ein Argument habe, der bildungsbürgerlichen Handke-Verpflichtung zu entgehen  :breitgrins:

Schreibe immer was:

http://www.koellerer.de/wienertheater.html

Die letzten Handkeinszenierungen fand ich nicht so schlecht, obwohl ich kein Handkefreund bin.

[Offtopic Ende]

CK


Offline klassikfreund

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Re: Rabelais: Gargantua und Pantagruel
« Antwort #43 am: 14. Mai 2007, 16:41 »
Interessante Diskussion hier, die ich gerne weiter verfolge.

Schöne Grüße,
Thomas

Offline sandhofer

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Re: Rabelais: Gargantua und Pantagruel
« Antwort #44 am: 14. Mai 2007, 17:01 »
hallo zusammen!

Außerdem steht zu befürchten, dass alle päd. Anwandlungen bei mir auf wenig fruchtbaren Boden fallen.

Och - ich gehöre ja auch zu denen, die so was lesen können, ohne es auf sich selber und persönlich zu beziehen. Aber der pädagogische Trick fasziniert mich dennoch.

Was mir, um bei der Päd. zu bleiben, an ihm gefällt, ist seine Selbstironie, etwa das Lächerlich Machen des ganzen Bildungswustes von einem, der als Vielleser und Vielzitierer genau mit diesem Wissen hausieren ging. 

 :bang:

Grüsse

sandhofer
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