Ich habe mir die Ausstellung von Else Lasker-Schülers bildnerischem Werk im Jüdischen Museum in Frankfurt angesehen.
Jeder der ihre Gedichte kennt, kennt auch ihre Zeichnungen, ihren Nicodemus oder Prinz Jussuf. In dieser Ausstellung nun kann man ihr graphisches Werk in seiner Gesamtheit fast lückenlos und im Original bewundern. Faszinierend, auf welchen Materialen ihre Werke zum Teil entstanden sind: auf Briefumschlägen, der Rückseite von Telegrammen, Antragsformularen und immer wieder als Illustrationen auf Postkarten und Briefen z. B. an Franz Marc, Karl Kraus, Richard Dehmel, Georg Trakl und andere. Das demonstriert schon beeindruckend, wie ihr alltägliches Leben von Kunst durchdrungen war. Die Ausstellung zeigt auch durch Gegenüberstellung ihre Affinität zu modernen Kunstströmungen wie der Blaue Reiter u.a. und auch, woher sie sich ihre Inspirationen holte. So hat z. B. das stereotyp wiederkehrende Profil ihres Prinzen Jussuf seine Entsprechung in einer altägyptischen Büste aus dem Neuen Museum in Berlin.
Jussuf, eine Kompilation aus dem arabischen Yussuf aus dem Koran und dem jüdisch biblischen Joseph, ist Elses alter ego und sein Land Theben ein jüdisch orientalisches Traumland, in das die schon früh sich heimatlos Fühlende sich versetzte. Es ist gleichzeitig Projektionsfläche für das Wilde, Bunte, Ungezähmte ihrer Kunst und ihrer Existenz. Das ist es, was ich an Else so schätze und bewundere: diese unglaubliche Bestimmtheit und Freiheit, mit der sie (geboren 1869!) sich als Künstlerin und als Mensch erfunden und verwirklicht hat, und die farbige Phantastik, mit der sie ihr Leben als Bohemienne in Berlin umgab. Manche Bilder schienen mir fast Entwürfe für die phantastischen Gewänder zu enthalten, die sie im wirklichen Leben getragen hat.
1933 verließ Else Lasker-Schüler Deutschland, nachdem sie tätlich angegriffen worden war, zog in die Schweiz und ließ sich, als die Behörden ihr nach einer Palästinareise die Wiedereinreise verweigerten, in Jerusalem nieder. In einem Raum werden unter dem Motto Das Grauen der Einsamkeit (ein Diktum von ihr) die wenigen Zeichnungen gezeigt, die in dieser Zeit entstanden sind, mit Themen wie Abschied von den Freunden und Straßenszenen aus Jerusalem. „ Das Land blieb ja daselbe, Urland, die Schöpfung, aber ich versinke in mir und werde hier vor Traurigkeit sterben“, schrieb sie 1940. Eine letzte Zeichnung auf einem Stückchen kariertem Blockpapier zeigt mit schwachen Bleistiftstrichen Jussuf an einem Baum erhängt.
Die Bilder sind eine schöne Ergänzung ihrer Gedichte, ja man kann darin auch irgendwie die Fortsetzung ihrer Lyrik mit anderen Mitteln sehen, aber die Ausstellung macht doch auch ganz deutlich, dass natürlich ihre Lyrik von größerer Bedeutung ist.
Sie sei diesem der Lyrik doch eher reserviert gegenüberstehenden Literaturforum an dieser Stelle nochmal ans Herz gelegt und empfohlen!