Dennoch berührte mich "Der alte Mann und das Meer" sehr: Es ist eine von diesen klassischen Novellen, die so sehr gelungen sind, dass sie Menschheitsthemen meines Erachtens unüberbietbar formulieren.
... und deshalb erschien es mir heute als nette vorweihnachtliche Lektüre.
Beinahe schon überladen mit christlich-metaphysischen Metaphern, Symbolen und Bildern, schildert "Der alte Mann und das Meer" den dreitägigen Kampf und die Leiden des alten, vom Glück verlassenen kubanischen Fischers Santiago mit einem gewaltigen Schwertfisch, den er seinen „Bruder“ nennt, den er verehrt, aber dennoch töten will – was ihm schließlich unter Aufbietung allerletzter Kräfte gelingt. Auf dem Rückweg verliert er den großen Fang seines Lebens jedoch an eine Meute Haifische, die seine stolze Beute bis auf das Rückgrat, den Kopf und den Schwanz auffrisst. Ohnmächtig muss der alte schmerzgeplagte Mann dies hinnehmen, weil er zum Schluss nicht mehr über die Mittel verfügt, die angreifenden Haie von dem erlegten Schwertfischkadaver fernzuhalten. Zu groß ist ihre Übermacht, zu stumpf seine Waffen, zu dunkel die Nacht, um den gierigen Fressmaschinen auf Dauer standhalten zu können.
Das Töten und der Tod sind allgegenwärtig auf dem offenen Meer. „Fisch, ich liebe dich und achte dich sehr. Aber ich töte dich bestimmt, ehe dieser Tag zu Ende ist.“ Der Schwertfisch ist ein würdiger Gegner, der – indem man den Kampf mit ihm aufnimmt – die besten Tugenden eines Menschen zum Vorschein bringt: Stärke, Ehre, Mut, Stolz, Respekt und Würde. Santiago und der Fisch sind auf dem weiten Ozean Teile des selben ehernen Gesetzes: Töte oder du wirst getötet.
Nachdem Santiago den ersten Hai, der sich an seinem Fang vergriffen hatte, mit einer Harpune erlegt hatte, denkt er zunächst:
"... den Hai hast du gern getötet. Er lebt von den lebenden Fischen wie du. Er ist kein Assgeier oder einfach ein schwimmender Hunger wie mancher Hai. Er ist wunderschön und edel und hat vor nichts Angst. „Ich habe ihn aus Notwehr getötet“, sagte der alte Mann laut. „Und ich habe ihn gut getötet.“ Außerdem, dachte er, tötet alles auf irgendeine Art alles andere. Fischen tötet mich und erhält mich auch am Leben."
Während vor allem der Schwertfisch, aber auch der erste Hai, als edle und würdige Gegner im Kampf ums Dasein auf dem Meer gesehen werden, sind die später im Rudel auftretenden Haie für Santiago reine Fressmaschinen, Aasgeier und Killer. Sie repräsentieren die destruktiven Elemente und Gesetze der Natur. Anders als der Schwertfisch und der einzelgängerische Makohai haben sie keine Würde und sind deshalb keine Gegner, aus deren Bekämpfung sich Stolz ableiten lässt.
Das Töten (insbesondere des Schwertfischs) ruft widersprüchliche Gefühle in Santiago hervor. „Du hast den Fisch nicht nur getötet, um dein Leben zu fristen und um ihn zum Essen zu verkaufen, dachte er. Du hast ihn aus Hochmut getötet, und weil du ein Fischer bist. Du hast ihn geliebt, als er am Leben war, und danach hast du ihn auch geliebt. Wenn du ihn liebst, ist es keine Sünde, ihn zu töten. Oder ist es dadurch schlimmer?“. Die Rechtfertigung des Tötens um der Nahrung willen hat Santiago zuvor schon verworfen: „Sind sie es wert, ihn zu essen? Nein, natürlich nicht. Es gibt niemanden, der es wert ist, ihn zu essen, wenn man die Art seines Verhaltens und seine ungeheure Würde bedenkt.“
Was bleibt? Ein zugleich bitteres, aber auch erleichtertes Resümee: „Es ist einfach, wenn man geschlagen ist, dachte er. Ich wusste niemals, wie einfach es ist. Und was hat dich geschlagen? Nichts. Ich bin einfach zu weit hinausgefahren.“
Vorweihnachtliche Grüße von
Sir Thomas