Autor Thema: Aug. 07 - Aug. 09: Amerikanische Frauen (Chopin, Jewett, Cather und Wharton)  (Gelesen 30824 mal)

Offline JMaria

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Re: Edith Wharton - Zeit der Unschuld
« Antwort #135 am: 24. August 2009, 09:14 »
Hallo zusammen,

Kapitel 32:
ein sehr starkes Kapitel !
Eindrucksvolle Bilder: wir sind wieder in der Oper und wieder singt Christine Nilsson die Margarethe; May zerreisst ihr umgeändertes Hochzeitskleid an der Kutsche; sie berichtet Newland, dass Ellen nach Europa geht!

letzter Satz aus dem Kapitel:
Das zerrissene und beschmutzte Hochzeitskleid schleppte hinter ihr her über den Boden.

so kraftvoll habe ich kein Kapitel zuvor empfunden.

Schöne Grüße
Maria


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Offline Steffi

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Re: Edith Wharton - Zeit der Unschuld
« Antwort #136 am: 24. August 2009, 10:39 »
Hallo zusammen,

ich bin nun durch.

Zitat
so kraftvoll habe ich kein Kapitel zuvor empfunden.

Ich meine auch, dass die ganze Geschichte gegen Ende Fahrt aufnimmt.

Es stellt sich für mich am Ende die Frage, wieviel der Einzelne gewillt ist, für die Gesellschaft etwas zu geben, seine eigene Individualität oder Träume aufzugeben. Die Frauen, May und Ellen, sind da sehr realistisch, für sie zählt die Sicherheit und die Geborgenheit innerhalb ihrer Kreise und dafür geben sie ihre Freiheit und ihre Wünsche auf. Ellen sehr direkt, sie beugt sich sogar dem Kodex und geht zurück nach Europa, weil sie gefährlich für Newland werden könnte. May auf indirekte Weise, sie opfert sich schlußendlich für ihre Kinder auf und lebt die ihr seit Geburt zugedachte Rolle.

Newland hat da ja mehr romantische Vorstellungen. Er sieht sein Glück deutlich in der Freiheit und dem Abenteuer, die ihm das Leben mit Ellen und der Kunst und Musik bietet. Aber aufgrund der Umstände schafft er es nicht, sich von den gesellschaftlichen Zwängen zu befreien.  Insoweit würden er und Ellen vielleicht auch nicht zueinander passen, sie sucht die Sicherheit, er die Freiheit.

Inwieweit hängt das persönliche Glück von der Gesellschaft ab und wieviel seiner Individualität und von seinem persönlichen Glück ist man bereit aufzugeben ?
Man sieht, dass sich die Gesellschaft in Richtung Individualität weiterentwickelt - Newlands Sohn Dallas kann die uneheliche Tochter Beauforts heiraten und Architekt werden. Es scheint, dass nichts mehr aufgegeben werden muss, um in der Gesellschaft bestehen zu können, allerdings ist man damit auch immer mehr auf sich allein gestellt. Ich glaube auch, dass sich in Amerika diese Entwicklung zu einer auf den Einzelnen gerichteten Gesellschaftsform schneller oder anders als in Europa entwickelte.

Gruß von Steffi
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Offline JMaria

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Re: Edith Wharton - Zeit der Unschuld
« Antwort #137 am: 24. August 2009, 13:54 »
Hallo zusammen,

auch ich bin durch.

Bilde ich es mir ein oder wurde von irgendeinem Zeitpunkt an nicht mehr von 'Newland' sondern von 'Archer' gesprochen. Mir fiel das erst gegen Ende auf, als von einem anderen, einem jungen Newland die Rede war.

Überrascht war ich von dem Begriff "Blume des Lebens" im Kapitel 34.
@Steffi, heißt es im Original etwa "Flower of Life"?

Der Begriff scheint heute in der Esoterik beheimatet zu sein:

http://www.floweroflife.de/

ich hätte eher ein Formulierung wie "(Blaue) Blume der Sehnsucht" erwartet, als Symbol für Romantik.

Newlands Ausflug in die Politik dauerte auch nur 1 Jahr. Eigentlich ist er für den Müßiggang geschaffen. Geld war ja vorhanden.

Zitat
Inwieweit hängt das persönliche Glück von der Gesellschaft ab und wieviel seiner Individualität und von seinem persönlichen Glück ist man bereit aufzugeben ?

Man sieht, dass sich die Gesellschaft in Richtung Individualität weiterentwickelt

Gute Frage. Es brachte zumindest eine gewisse Freiheit, die sich Archer zeit seines Lebens wünschte.

Herzliche Grüße
Maria
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Offline Steffi

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Re: Edith Wharton - Zeit der Unschuld
« Antwort #138 am: 24. August 2009, 14:36 »
Hallo JMaria,

hier der englische Text:

 Something he knew he had missed: the flower of life.

Ach ja, in meinem Vorwort steht, dass es zwei andere  Plots gibt, die Wharton geschrieben hat.
In der ersten Version ist Newland mit May verlobt, als er sich in Ellen verliebt. Er heiratet May, aber später trifft er sich mit Ellen in Florida, um mit ihr dort zu leben. Schnell erkenne sie, dass sie in Wirklichkeit nichts gemeinsam haben und kehren nach New York zurück, wo niemand von der Affäre weiß. Bald kehrt Ellen nach Europa zurück.

Im zweiten Plot entlässt May Newland aus der Verlobung und er heiratet Ellen. Ein gemeinsames Leben in der New Yorker Society ist nicht möglich, da Ellen sich dort nicht einfügen kann und Newland nicht nach Europa will. Ellen verlässt ihn und kehrt nach Europa zurück, Newland verbringt sein weiteres Leben bei seiner Mutter und Schwester.

Gruß von Steffi
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Offline JMaria

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Re: Edith Wharton - Zeit der Unschuld
« Antwort #139 am: 24. August 2009, 14:40 »

Im zweiten Plot entlässt May Newland aus der Verlobung und er heiratet Ellen. Ein gemeinsames Leben in der New Yorker Society ist nicht möglich, da Ellen sich dort nicht einfügen kann und Newland nicht nach Europa will. Ellen verlässt ihn und kehrt nach Europa zurück, Newland verbringt sein weiteres Leben bei seiner Mutter und Schwester.

Gruß von Steffi

achja, das hätte ich ihm gegönnt *hüstel*
dennoch bin ich froh, dass Wharton so und nicht anders das Ende gestaltet hat. Auch dass er in Paris sich doch nicht mit Ellen trifft, finde ich in sich stimmig.


Liebe Grüße
Maria
« Letzte Änderung: 24. August 2009, 14:42 von JMaria »
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Offline Babur

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Re: Edith Wharton - Zeit der Unschuld
« Antwort #140 am: 24. August 2009, 15:34 »
Hallo Ihr drei,

am Wochenende hatte ich den Roman zu Ende gelesen und ihn schmunzelnd wieder zurück ins Bücherregal gestellt.

May hat gezeigt, dass sie die manipulative junge Frau ist, für die ich sie schon bei Beginn der Erzählung hielt. Newland hat mich doch sehr enttäuscht, wie er selbst seinen Vorsätzen May gegenüber nicht nach kommt und sein Leben ganz der ‚leisure society‘ widmet. Und Ellen? und Ned Winsett? leider werden beide Protagonisten nicht klar genug von Edith Wharton gezeichnet, und ich bleibe auf meinen Empfindungen sitzen. Haben sie sich wirklich so mit der Zeit entwickelt, wie ich es gerne für beide Charaktere hätte  :?:

May wurde von ihren Eltern zur perfekten Ehefrau in der alten New Yorker Gesellschaft erzogen. Zu Beginn des Romans stellt sie die personifizierte Unschuld dar, zu Ende ist sie allein das wissende, manipulierende und Fäden ziehende Weib. Dabei zeigt Edith Wharton ihr Talent als Schriftstellerin, wenn sie May dem Leser immer nur durch die Augen Newlands vorführt, der May nie anders als wie die blühende Unschuld des ersten Kapitels wahrnimmt. Er durchschaut nie May Manöver, ahnt kaum an welcher kurzen Leine sie ihn führt. Somit grenzen die kurzen Treffen mit Ellen fast an Wunder.

May spürt genau Newlands Gefühle für Ellen und weiß genau, wie sie zu parieren. Ihr Timing dabei ist bewundernswert. Egal ob ihr Brief aus Florida, das Telegramm mit der Zusage zum vorgezogenen Hochzeitstermin oder das Geständnis schwanger zu sein, immer versteht May, wie ihre Position als Newlands Frau zu zementieren. Selbst beim Gespräch mit dem Sohn kurz vor ihrem Tod, zeigt May wie gut sie Newland verstand, er war unglücklich in der Liebe, doch pflichtbewusst, und beide frönten sie die gleichen gesellschaftlichen Werte.

Edith Wharton zeichnet voller Ironie in May Archer die perfekte Ehefrau der reichen New Yorker Gesellschaft ihrer Zeit. Sie versteht ihren Mann folgerichtig zu führen und betitelt als ‚vulgär‘ alles was von ihren persönlichen Normen abweicht.

Newland sehnt sich nur nach einem liebevollen Leben, reich an intellektuellen Erkenntnissen und frei von gesellschaftlichen Zwängen, so wie Ellen Olenska und Ned Winsett es anscheinend ihm vorleben. Das geruhsame Arbeitsleben in einer Rechtsanwaltskanzlei um 1900 will ihm nicht genügend, aber schlussendlich erhebt er sich nicht aus dem Sessel der Bequemlichkeit, der da den Namen ‚Pflicht‘ trägt.

Grüße

Babur

Offline JMaria

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Re: Edith Wharton - Zeit der Unschuld
« Antwort #141 am: 28. August 2009, 08:14 »
Hallo zusammen,

zum Abschluß unseres Projekte "amerikanische Schriftstellerinnen Anfang des 20. Jahrhunderts" möchte ich mich bei euch bedanken; für die
schöne Idee (@Steffi  :winken: ) und die anregenden Leserunden.

Es waren doch sehr unterschiedliche Schriftstellerinnen die wir betrachtet haben. Insbesondere fiel es mir zwischen Willa Cather und Edith Wharton auf. Da treffen Schriftstellerwelten aufeinander.

Von beiden Schriftstellerinnen werde ich sicherlich die nächsten Monate noch mehr lesen.

Schöne Grüße
Maria
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Offline Steffi

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Re: Edith Wharton - Zeit der Unschuld
« Antwort #142 am: 28. August 2009, 09:05 »
Hallo zusammen !

Ja, stimmt - damit ist unser kleines Projekt zu Ende ! Mir hat es sehr gefallen und die vier Schriftstellerinnen waren doch ziemlich unterschiedlich ! Am meisten hat mich auch Willa Cather beeindruckt - dieser Zusammenklang zwischen Mensch und Natur. Edith Wharton ist aber sicherlich auch wert, noch weiter gelesen zu werden.

Danke für die anregenden Diskussionen !

Gruß von Steffi
Gruß von Steffi

Offline sandhofer

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Re: Edith Wharton - Zeit der Unschuld
« Antwort #143 am: 28. August 2009, 10:12 »
zum Abschluß unseres Projekte "amerikanische Schriftstellerinnen Anfang des 20. Jahrhunderts"

Ja, stimmt - damit ist unser kleines Projekt zu Ende !

Ich beabsichtige eigentlich, das Ganze später dann im Archiv auch als ein Projekt, d.i. eine Leserunde abzulegen. Einverstanden?
Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus: Beim Wort genommen

Offline Wolf

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Re: Edith Wharton - Zeit der Unschuld
« Antwort #144 am: 28. August 2009, 11:32 »
Hallo zusammen,

auch von mir herzlichen Dank an Steffi für die gute Idee zu dieser Leserundenserie, das war wirklich prima, ohne diesen Anstoß hätte ich wahrscheinlich nicht so ohne weiteres zu diesen Büchern gegriffen. Danke auch an alle Beteiligten an der Leserunde, Babur hat sich ja auch noch anlocken lassen, sehr schön. :winken:

Schöne Grüße,
Wolf

Offline Steffi

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Re: Edith Wharton - Zeit der Unschuld
« Antwort #145 am: 29. August 2009, 14:10 »
Hallo Wolf,

Zitat
das war wirklich prima, ohne diesen Anstoß hätte ich wahrscheinlich nicht so ohne weiteres zu diesen Büchern gegriffen.
Das finde ich auch !!


Ich beabsichtige eigentlich, das Ganze später dann im Archiv auch als ein Projekt, d.i. eine Leserunde abzulegen. Einverstanden?

Das ist eine schöne Idee !

Gruß von Steffi

Offline Babur

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Re: Edith Wharton - Zeit der Unschuld
« Antwort #146 am: 30. August 2009, 16:27 »
Hallo allerseits,

auch ich möchte mich bei Euch bedanken für die schöne Lesezeit und angenehme Diskussion des Romans. Betonen möchte ich auch, dass ich durch das zufällige Mitlesen der Beiträge zu Edith Whartons Roman überhaupt erst auf die Idee kam hier mitzulesen.

Bis bald bei einer neuen Leserunde (wahrscheinlich Eugène Sues "Les Mystères de Paris")

Grüsse

Babur

Offline sandhofer

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Re: August 2009 - Edith Wharton: Zeit der Unschuld
« Antwort #147 am: 24. September 2009, 18:47 »
Das Buch erscheint übrigens im Dezember 2009 bei der Folio Society. Ich überlege mir ernsthaft einen Kauf ...

Bestellt ist es mittlerweilen ...
Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus: Beim Wort genommen

Offline Babur

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Re: Edith Wharton - Zeit der Unschuld
« Antwort #148 am: 27. September 2009, 17:18 »
Hallo Ihr lieben ehemaligen Leserundenteilnehmer,

Nachdem mir der Roman von EDITH WHARTON so gut gefallen hatte  :klatschen:  wollte ich mir den Film nicht entgehen lassen. Zum Wochenende habe ich ihn mir auf DVD ausgeliehen und bin nun noch dazu fasziniert von dem großartigen Film Matin Scorseses. Beim Roman gefielen mir besonders der bissige Stil und der schwarze Humor von EDITH WHARTON, selbst wenn die Geschichte der verpassten Lebensgelegenheiten doch im Grunde tottraurig daher kommt. Und obgleich das Buch schon längst in den Tiefen meiner Bucherwand verstaut ist, verfolgen mich die Protagonisten weiterhin in Gedanken.

Martin Scorsese respektiert den Roman fast auf den Punkt genau. Während ich vor wenigen Wochen das Buch las, liefen die Szenen als Film vor meinem geistigen Auge ab. Diese Szenen sah ich jetzt materialisiert als Film vor mir auf dem Bildschirm, nichts mehr, nichts weniger. Die größte Freiheit, die der Regisseur sich erlaubte, betrifft das Casting; aus der blonden Verlobten, macht er eine Brünette (Winona Ryder), aus der Europäisierten Brünetten, eine Blonde (Michelle Pfeiffer). Dieser Film ist schon grenzwertig, ja frustrierend  :zwinker:  eigentlich bin ich doch gewohnt viel mehr Gewinn aus einem gelesenem/gehörten Buch zu ziehen als aus seiner Verfilmung  :breitgrins: 

Man kann den Film natürlich auch detailliert diskutieren, aber ich möchte Euch nicht die Vorfreude nehmen. Der Film ist subtil, intelligent, raffiniert. Das New York des endenden 19. Jahrhunderts ist aufwendig rekonstruiert worden, die Kameraführung eine Wohltat für die Augen. Eine Empfehlung.

Altweibersommerliche Sonntagsgrüße (jetzt vertiefe ich mich gleich ins deutsche Jetzt und Heute mit den Wahlergebnissen!)

Babur

Offline sandhofer

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Re: August 2009 - Edith Wharton: Zeit der Unschuld
« Antwort #149 am: 30. September 2009, 19:17 »
Hallo Babur

Ich habe Deinen Beitrag mal an den Materialienthread angefügt. Hier passt er m.M.n. besser hin.

Grüsse

sandhofer  :winken:
Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus: Beim Wort genommen