Hallo xenophanes,
bis zum dritten Band habe ich es nicht geschafft bisher, aber seit drei Tagen durch Krankeit ans Bett gefesselt, machte es mir möglich, mich durch fast drei Monate vorwärtszulesen durch dieses monumental-epische Werk. Es ist für mich einfach von Vorteil, dabei größere Blöcke zu lesen, denn erst so erkenne ich die Leistung und die Kraftanstrengung, mit der Johnson dieses Werk geschaffen hat. Sicher gibt es sehr oft wechselnde Perspektiven und sprunghafte Übergänge, aber dennoch haken die Haupterzählstränge nicht und kommt es zu keinen Wiederholungen und wird meine Ansicht immer weiter gefestigt, dass es ein sehr ausgewogenes und sehr gut recherchiertes Werk ist. Mir waren einige Charakterstudien und Beschreibungen dabei besonders gelungen erschienen, wie die Beschreibung Pfarrer Niemöllers und seines Schicksals (26.01.1968), Bürgermeisters Friedrich Jansen und seiner politischen Denkweisen (31.01.1968), der Vorfall vor dem Geschäft der Tannebaums (15. und 21.02.1968), der Tod von Lisbeth Cresspahl (18. und 19.02.1968), Pastor Brüshavers und die Stellung der Kirche im Dritten Reich (22.02. und 1.03.1968), die Nazivergangenheit und die Nicht-Aufarbeitung davon in der Bundesrepublik (28.02. und 3.03.1968), die Europaverbundenheit von Ms. Ferwalter (28.02.1968), Hans Magnus Enzensbergers und der politisch-gesellschaftlichen Moral in der Bundesrepublik der 1968er, die von Bobziens und Wollschläger (1.03.1968), die Verwicklungen Cresspahls mit England (2.03.1968), die Paepkes (8.03 und 18.03.1968), ein Slum in New York (9.03.1968) und immer wieder über den Versuch der Demokratisierung des tschechoslovakischen Sozialismus, die 1968er Jahre und den Zustand des Sozialismus in dieser Zeit. Darüber hinaus wird ein sehr nachvollziehbares Bild des Viet-Nam-Krieges gezeichnet... Die getrennten Erzählstränge wurden dabei immer konsequent weiterverfolgt, es gibt mehrere unterschiedlich dicke rote Fäden durch das Werk, die sich regelmäßig verknoten und dann wieder einzeln weiterlaufen...
Die Ironie, die Johnson gebraucht, bekommt bei den von ihm beschriebenen Geschichtsmassen einen eigenartig bitteren Beigeschmack. Die Geschichtsmassen machen einen sehr gründlich recherchierten Eindruck und sind sehr ausgewogen in dem Werk dargestellt/zusammengestellt...
Es ist einfach erstaunlich, in wievieler Hinsicht und Art die Auswirkungen des Nazistaates auf die Menschen war und in wie unterschiedlicher Art sie ihn selbst wiederum stützten. In diesem Nazistaat schien es kaum privates Leben zu geben. Das Schicksal des Einzelnen und auch vieler war diesem Staat völlig gleichgültig. Wie Johnson immer wieder bemerkte, Nazi-Deutschland wurde von Verbrechern regiert...
Pastor Brüshaver sprach einiges bei seiner Predigt für Lisbeth Cresspahl aus, aber die Beschreibungen Johnsons von Jansen, Paepkes und vielen anderen geben ein viel breiteres und variierteres Bild. Johnson erinnert aber auch an die Wiederstände, die es auch in Nazi-Deutschland gegen das Nazi-Regime gab. Auch dies bedachte Johnson mit einem sehr breit gefächerten Gesamtbild...
Soweit ein Eindruck von den letzten fast drei von mir durchlesenen Monaten der Jahrestage...
Ich werde morgen weiterlesen...
Grüße an dich und die Mitlesenden dieser Leserunde,
FA