Autor Thema: August 2007 - Uwe Johnson: Jahrestage  (Gelesen 35581 mal)

Offline JMaria

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Re: Uwe Johnson: Jahrestage
« Antwort #90 am: 18. November 2007, 16:45 »

  Nein, identifizieren tu ich mich mit dem Personarium auch nicht. Mitfühlen allerdings jenachdem sehr wohl.

Übrigens:
Erinnerung baut an: sagen die, die noch einmal zurückgegangen sind. Dahin zurück darf ich nicht. Das ist weit von hier.
(Seite 490/91)

Ja, so ist das. Das sind Sätze, die bleiben einfach hängen.
Manchmal darf man nicht versuchen, zurückzugehen.
Außer - in der Erinnerung.

Gruß
Leibgeber

Hallo zusammen,

Der Satz berührt. Danke Leibgeber.
Die letzten Wochen konnte ich mich auf die "Jahrestage" nicht konzentrieren, nun habe ich sie wieder aufgenommen. Ich bin allerdings immer noch im 1. Teil.

Besonders eine Symbolik der Erneuerung, des Loslassens und des Bewahrens stellt sich für mich heraus. Kleine Geschichten in der Geschichte, die sich aber um diese Thematik drehen. Ein kleines Beispiel wäre die Erneuerung des New Yorker U-Bahn-Netzes.  Ich fand es bedeutend wie Marie die alte Karte des U-Bahn-Netzes von der Wand nahm und sie Gesine zur Erinnerung gab und die neue Karte aufhängte.

Viele Grüße
Maria
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Offline JMaria

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Re: Uwe Johnson: Jahrestage
« Antwort #91 am: 25. November 2007, 16:20 »
Hallo zusammen,

ich habe den 1. Teil beendet und beginne mit dem 2. Teil.

Viele Grüße
Maria
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Offline JMaria

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Re: Uwe Johnson: Jahrestage
« Antwort #92 am: 26. November 2007, 12:13 »
Hallo zusammen,

Der 2. Teil beginnt wieder mit einem Wassermotiv, was mir gut gefällt. Wir hatten das Thema ja mal kurz zu Beginn der Leserunde gestreift. 

Das Wasser ist tief unter der Straße versteckt, wo sie über einen Felsbuckel muß, chlorgrünes, laues, pralles Wasser in einem Fliesenkasten unter dem Hotel Marseille an der West End Avenue, Manhattan, Obere Westseite, New York, New York.

Weiß einer von euch warum gerade am 20.12.1967 der 2. Teil beginnt?

Edit:
hab nachgerechnet: vom 20. August 1967 bis 19. Dezember 1967 (Ende des 1. Bandes) sind es 122 Tage.  Wenn ich den Tag ohne Datum nicht dazu zähle, sind es beginnend am 21. August 1967,  121 Tage. Bedeutet das etwas?

Viele Grüße
Maria
« Letzte Änderung: 27. November 2007, 22:36 von JMaria »
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Offline Friedrich-Arthur

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Re: Uwe Johnson: Jahrestage
« Antwort #93 am: 27. November 2007, 20:24 »
Hallo Maria,

schön, dass du noch nicht - so, wie die anderen - das Buch "durch hast" oder "zur Seite gelegt hast".

Ich hänge hinterher, wenn ich auch mittlerweile wieder fast "zeitgleich" aufgeschlossen habe. Mit der Vorraussicht einiger Urlaubstage were ich wohl zumindest mit dir gleichziehen können. Für mich ist weder das Buch noch die Leserunde erledigt.

Ich wollte noch einmal zum 3. November 1967 zurückkehren, da mich der Beitrag sehr beeindruckt hat, wegen dem, was Johnson hier so treffend ausgedrückt hat. Es geht um Schuld, genauer um Kollektivschuld und Erbschuld. Erstaunlich finde ich, dass Johnson sich als Unschuldiger und Nachgeborener (immer) zu den deutschen Verbrechen des Zweiten Weltkriegs bekennt und sich seinem Verhältnis als Angehöriger der Täternation (immer) sehr genau bewusst ist, wobei er immer darauf achtet, die Schuldfrage nicht umzukehren oder zu verwässern oder von sich zu weisen. Obwohl er Demokrat ist und aufrichtiger Schriftsteller, der alle Formen von Nazismus anklagt, Unschuldiger im Sinne der Verbrechen des Zweiten Weltkrieges ist, so scheitert er dennoch dabei, eine Lesung vor Juden in New York zuende zu bringen. Er ist nicht angetreten als Verteidiger Deutschlands, er ist dieser Aufgabe auch nicht gewachsen und willig. Er sieht in New York viel deutlicher den Fausschlag ins Gesicht der Opfer, den die Karrieren von Nazis in der Bundesrepublik Deutschland verursachten. Er sieht es, er weiß es, aber er kann es nicht vermitteln, da die Kollektivschuld ihn erdrückt. Was könnten auch seine Argumente anderes sein, als versuchte Rechtfertigungen eines Unschuldigen vor andern Unschuldigen, die aber die größeren Opfer brachten und die gewichtigeren Argumente haben? Jedenfalls kam die Einsicht auf die Unmöglichkeit des Unterfangens nicht mit einer Kapitulation gleich. Denn, wenn auch nicht öffentlich in Lesungen, hat er in seinem Werk dennoch klar und weiterhin Stellung bezogen. Diese Kollektiv- und Erbschuld haftet uns Deutschen immer noch an, vielen zumindest und sie ist nicht immer leicht zu tragen, besonders im Ausland. Das hat Uwe Johnson sehr schön ausgedrückt!

Grüße, FA
« Letzte Änderung: 27. November 2007, 20:27 von Friedrich-Arthur »
Daß man gegen seine Handlungen keine Feigheit begeht! daß man sie nicht hinterdrein im Stiche läßt! - Der Gewissensbiß ist unanständig.

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Offline JMaria

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Re: Uwe Johnson: Jahrestage
« Antwort #94 am: 27. November 2007, 22:24 »
Hallo Friedrich-Arthur

Zitat von: Friedrich-Arthur
Ich wollte noch einmal zum 3. November 1967 zurückkehren, da mich der Beitrag sehr beeindruckt hat, wegen dem, was Johnson hier so treffend ausgedrückt hat. Es geht um Schuld, genauer um Kollektivschuld und Erbschuld. Erstaunlich finde ich, dass Johnson sich als Unschuldiger und Nachgeborener (immer) zu den deutschen Verbrechen des Zweiten Weltkriegs bekennt und sich seinem Verhältnis als Angehöriger der Täternation (immer) sehr genau bewusst ist, wobei er immer darauf achtet, die Schuldfrage nicht umzukehren oder zu verwässern oder von sich zu weisen. Obwohl er Demokrat ist und aufrichtiger Schriftsteller, der alle Formen von Nazismus anklagt, Unschuldiger im Sinne der Verbrechen des Zweiten Weltkrieges ist, so scheitert er dennoch dabei, eine Lesung vor Juden in New York zuende zu bringen. Er ist nicht angetreten als Verteidiger Deutschlands, er ist dieser Aufgabe auch nicht gewachsen und willig. Er sieht in New York viel deutlicher den Fausschlag ins Gesicht der Opfer, den die Karrieren von Nazis in der Bundesrepublik Deutschland verursachten. Er sieht es, er weiß es, aber er kann es nicht vermitteln, da die Kollektivschuld ihn erdrückt. Was könnten auch seine Argumente anderes sein, als versuchte Rechtfertigungen eines Unschuldigen vor andern Unschuldigen, die aber die größeren Opfer brachten und die gewichtigeren Argumente haben? Jedenfalls kam die Einsicht auf die Unmöglichkeit des Unterfangens nicht mit einer Kapitulation gleich. Denn, wenn auch nicht öffentlich in Lesungen, hat er in seinem Werk dennoch klar und weiterhin Stellung bezogen. Diese Kollektiv- und Erbschuld haftet uns Deutschen immer noch an, vielen zumindest und sie ist nicht immer leicht zu tragen, besonders im Ausland. Das hat Uwe Johnson sehr schön ausgedrückt!

Der 03. November 1967 ist mir auch noch in Erinnerung. Ich habe mich daran erinnert, was in seiner Biographie (von Bernd Neumann) steht. Es wird darin Helen Wolff zitiert (S. 45):

Auszugsweise:
One episode to stand for many: Johnson used to take an occasional meal at a Jewish caferteria on Broadway, sitting in a corner, as he thought unobtrusively, but all the same conscious of his Teutonic appearance, enhanced by the inevitable leather jacket. A jewish family took a table close to him, then began eying him suspiciously or so he thought. He immediately got up and retreated, but in a way that no one could misinterret: He walked slowly backward toward the door, all the time turned toward the family and ceaselessly bowing in a gesture of regret nd respect.

Eine Lederjacke! Ein solches Einfühlungsvermögen ist keine Selbstverständlichkeit!

Bernd Neumann schreibt dazu (S. 45):

Zitat:
Mit einer Mischung aus Faszination und Schuld reagierte Uwe Johnson auf die Anwesenheit der Opfer des Holocaust in New York. Diese Konfrontation wird dazu führen, daß er seine eigenen Wurzeln in der deutschen Geschichte genauer wird ergründen wollen. ..... Die schockartige Entdeckung, daß man, obwohl an den Verbrechen der Nazis unschuldig, den Juden dennoch als blonder Deutscher und Mitverantwortlicher für den Genozid erscheinen mußte, wird dann den Erzählpakt zwischen Gesine und Johnson begründen. Zitat_Ende.

Viele Grüße
Maria
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Offline xenophanes

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Re: Uwe Johnson: Jahrestage
« Antwort #95 am: 27. November 2007, 22:46 »
Hallo!

schön, dass du noch nicht - so, wie die anderen - das Buch "durch hast" oder "zur Seite gelegt hast".

Ich plane, innerhalb der nächsten 1-2 Wochen den zweiten Band zu beginnen. Eine kleine Pause wird ja wohl noch erlaubt sein  :zwinker:

CK


Offline Friedrich-Arthur

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Re: Uwe Johnson: Jahrestage
« Antwort #96 am: 28. November 2007, 00:46 »
Danke Maria!

Diese Episode ist ziemlich wichtig, wenn man Johnsons Bücher verstehen will. Das ist mir auch so aus "Mutmassungen über Jacob", "Das dritte Buch über Achim" und seine Erinnerungsbücher im Gedächtnis. Immer kämpfte Johnson mit der Schuld, die nicht seine war, aber die er erbte. Er machte es sich nicht leicht damit und hat wunderbar darüber geschrieben. Dabei wagt er aber auch eigene Zweifel, wo sie ihn legitim erscheinen, entgeht dabei dem reinen Gut-und-Böse-Denken und -Schreiben und wehrt sich gegen Instrumentalisierung von Schuld. Das ist gerade auch in heutiger Zeit interessant in der Politik zu verfolgen. Wichtig ist, nicht zu vergessen, dass Uwe Johnson noch viel näher an der Zeit zwischen 1933 und 1945 lebte, als wir. Ein Grund für seine Aufenthalte in New York und Shearness-on-Sea sind wohl auch darin mitbegründet. Johnson machte nie ein Hehl aus seiner Bewunderung von Hitler-Gegnern. Die Opfer bekamen in seinem Werk eine gewichtige Stimme (und Geste). In den Jahrestagen hält er sich aber zurück und lässt die Fakten sprechen in Form kleiner Zitate aus der Tante Times mit gigantischen Zahlenwerken der Vernichtung, aber in diesem Beitrag konnte er nicht umhin, persönlich Stellung zu nehmen...

Vielleicht lag das Missverständnis in der Lesung auch daran, dass man das schriftstellerische Werk Uwe Johnsons in New York nicht oder noch nicht genug kannte?

Hallo xenophanes,

wenn du den zweiten Band planst, sind Maria und ich ja ungefähr in deiner Lesenähe und besteht Hoffnung auf weitere schöne Diskussionen. Ich versuche die nächsten Tage aufzuholen bis zum zweiten Band. Nicht, dass ich ein Langsamleser bin, nein der Zeitmangel ist es. Ich hatte die Diskussion mit Bloom wohl missverstanden. Jedenfalls gönne ich dir eine Lesepause :smile:

Grüße, FA

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Offline JMaria

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Re: Uwe Johnson: Jahrestage
« Antwort #97 am: 5. Dezember 2007, 13:24 »
Hallo zusammen,

ich möchte ein paar Tage aus dem November 1967 nochmals hervorholen, über die ich mir Gedanken machte:

08.11.1967
Cresspahl inspiziert das Anwesen, das seine Tochter Gesine vom Großvater überschrieben bekommen hat. Auf dem Grundstück steht ein schwarzer Baum voller Amseln. Das klingt für mich nach keinem guten Start in Jerichow. Außerdem hat Papenbrock die Todesanzeige Grete Cresspahl in die Zeitung gesetzt. Doch Cresspahls Mutter heißt doch Bertha! Es geht bereits jetzt eine Menge schief im Leben der jungen Eheleute Cresspahl.

12.11.1967
Jetzt halten wir die jährliche Rede auf deinen Tod. Es kommt auf den Tag nicht an....

mit dem gesamten in Kursiv gesetzten Text vom 12.11.67 konnte ich nichts anfangen und habe deswegen im Online-Kommentar nachgeschaut. Es ist vom Todestag Lisbeth Cresspahl die Rede. Es kommt auf den Tag nicht an.. ein Widerspruch zu den "Jahrestagen"-Prinzip. Gesine hat ein gestörtes Verhältnis zu ihrer Mutter. Ich vermute, dass Cresspahl auch nichts dagegen tat in ihrer Kindheit, sondern Gesine auf seine Seite zog "schaut her, das Kind ist wie ich".  Auch war Lisbeth Cresspahl Todestag am 10.11. Hier kommt meines Erachtens die Geringschätzung zu der Mutter zu Tage (es kommt auf den Tag nicht an)

Wir träumen das Flugzeug, wir träumen den Flug, wir reisen in der Nacht, wir hängen in der Luft, wir steigen um an einem Ort, wir müssen weiter durch die Zeit, umso undurchdringlicher als vergangener. Jetzt sind wir wo du warst. Da wo du tot bist, sehen wir dich nicht.

Online-Kommentar dazu:
---------------------------
Anspielung auf Paul Celans »Todesfuge«, in der es heißt:
Schwarze Milch der Frühe wir trinken sie abends
wir trinken sie mittags und morgens wir trinken sie nachts
wir trinken und trinken
wir schaufeln ein Grab in den Lüften
da liegt man nicht eng.
-----------------------------

schaurig, trostlos.


17.11.1967
Das Erbe wird auf Gesine überschrieben in den Räumen von Avenarius Kollmorgen. Für die Thomas Mann Leser unter uns mag die Info interessant sein:

-------------------------------------------
Online-Kommentar:
Avenarius Kollmorgen war ... den Keller, Avenarius - Aufbau, Figurenkonstellation und Inszenierung der Unterredung sind ein szenisches Pastiche des 8. Kapitels des Vierten Teils von Thomas Manns »Buddenbrooks«, in dem Kesselmeyer teilnehmender Beobachter der Auseinandersetzung zwischen Johann Buddenbrook und dessen Schwiegersohn Grünlich ist; vgl. Pokay (1983), S. 83.
----------------------------

wäre mir jetzt nicht aufgefallen, obwohl ich die Buddenbrooks gelesen habe.

mit der Karsch-Entführung-Mafia-Affäre und Maries Führungsrolle in dem Fall konnte ich nichts anfangen. War mir irgendwie nicht begreiflich, was die Episode soll. Vielleicht kann das einer von euch erklären?

Am 21. November 1967 kommt ein Anselm Kristlein vor. Der Name kommt mir so bekannt vor. Wann kamen eigentlich die Romane von Martin Walser (seine Anselm Kristlein Trilogie) heraus? Zufall?

27.11.1967
bevor Cresspahl entgültig England den Rücken kehrt, macht er im Norden Londons einen Besuch. Er möchte eine Mrs. Trowbridge besuchen und erfährt von der Vermieterin, dass sie mit dem Kind ausgezogen ist. Aus dem Verhältnis das Cresspahl mit Elizabeth Trowbridge hatte, ging also ein Kind hervor und Cresspahl wußte nichts davon. Später wollte er es Lisbeth sagen, doch wie bereits zu erwarten, kommt es nicht zu einem vernünftigen Gespräch zwischen den Eheleuten.

Dezember 1967
Es kommt immer mehr zu Tage, dass Lisbeth sich in die Religion stürzt und von Cresspahl erwartet, dass er die Rolle des Patriarchen übernimmt. Wenn er ausdrücklich darauf bestanden hätte, dass sie in England zu leben hätten, dass wäre Lisbeth sicher einverstanden gewesen. Doch er sieht sich modern und tolerant und will sich in diesem Rollenspiel nicht sehen. Somit gehen die Wege bereits zu anfangs der Ehe auseinander. Auf der anderen Seite (das kommt im Dezember 1967 zutage) besteht er auf die "ausgemachten" drei Kinder. Ob Lisbeth bei der Fehlgeburt des zweiten Kindes nachgeholfen hat, bleibt sehr ungenau beschrieben.

Es sieht so aus als ob Lisbeth die alte Mecklenburgischen Tradition symbolisiert, Cresspahl den modernen Menschen, der aufgeschlossene und tolerante Mensch, der über dem Kanal (übers Wasser) in England lebte und sich wohl fühlte. Später Gesine über dem "Großen Teich" in New York.

Trotzdem, beide waren jung genug um Kompromisse einzugehen um gegenseitiges Verständnis aufbauen zu können. Lisbeth und Cresspahl sind zu wortkarg in ihrer Beziehung.

Wir hatten auch in unserer Diskussion hier mal den Ansatz, dass Marie zu altklug ist und zu erwachsen handelt. Im Dezember zeigt sich, dass sie doch noch sehr kindlich denkt. (21.12.1967 Ein Präsident kann nicht lügen: sagt Marie.) auch trägt sie die Plakete (wir kennen die Plakete aus dem 1. Teil) "Geht raus aus Viet Nam" nur so lange, wie die Mode in ihrer Klasse sich hielt. Das erzählt nun allerdings Gesine.

Daraus kann man (vielleicht) schlußfolgern, dass nicht nur Gesine und Johnson als Erzähler auftreten, sondern rückblickend auch Marie und sie manches erwachsener erzählt als es tatsächlich war(?). Steffi hat mich auf diesen Gedanken gebracht, als wir uns zu unserem regelmässigen gemeinsamen Frühstück trafen.

Ich komme zum 28. Dezember 1967.

Viele Grüße
Maria



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Offline Leibgeber

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Re: Uwe Johnson: Jahrestage
« Antwort #98 am: 13. Dezember 2007, 13:50 »
Am 21. November 1967 kommt ein Anselm Kristlein vor. Der Name kommt mir so bekannt vor. Wann kamen eigentlich die Romane von Martin Walser (seine Anselm Kristlein Trilogie) heraus? Zufall?

Nein, das wird in der Biographie von Neumann erwähnt, und auch im Kommentar.

331, 29 Anselm Kristlein - Figur aus mehreren Romanen Martin Walsers, »Halbzeit«, 1960, »Das Einhorn«, 1966, »Der Sturz«, 1973;

und

118, 23 Karsch - Hauptfigur aus DBA, KP; vgl. Johnson, Eine Reise wegwohin. In Martin Walsers »Das Einhorn« tritt unter dem Namen Karsch eine Figur auf, für die Johnson das Vorbild war.

also, da haben wir einen gegenseitigen Bezug, Fachbegriff dafür hab ich wie üblich nicht parat  :wink:
Karsch taucht auf in "Das Dritte Buch über Achim" (1962), dem erweist Walser eine Reverenz im "Einhorn", und Johnson wiederum bringt Walsers Kristlein in die "Jahrestage".

Zu der Figur ist mir nichts weiter bekannt, hab nie einen Walser gelesen.
( Was soll uns der Name sagen? )

mit der Karsch-Entführung-Mafia-Affäre und Maries Führungsrolle in dem Fall konnte ich nichts anfangen. War mir irgendwie nicht begreiflich, was die Episode soll. Vielleicht kann das einer von euch erklären?
Mir blieb die auch rätselhaft. Ich hab Band 1 gerad nicht hier, spielt das eventuell wiederum auf Walsers "Einhorn" an?

Kristlein taucht noch einige Male auf, u.a. 16. März 1968, wo ich gerade bin, dort auf einer Gesellschaft der Gräfin Seydlitz, hinter der sich (eher ungewollt, wenn ich Neumann richtig kapiert hab) Hannah Arendt verbirgt.

874, 29f. Herr Kristlein, dies ... Norman, meet Anselm - s.K. 331, 29. Martin Walser läßt einen etwas unbeholfenen »Karsch« (s.K. 118, 23) in seinem Roman »Das Einhorn« (1966) auf einer Party auftreten.

Gruß
Leibgeber
Ich vergesse das meiste, was ich gelesen habe, so wie das, was ich gegessen habe; ich weiß aber soviel, beides trägt nichtsdestoweniger zu Erhaltung meines Geistes und meines Leibes bei.
(G. C. Lichtenberg)

Offline xenophanes

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Re: Uwe Johnson: Jahrestage
« Antwort #99 am: 15. Dezember 2007, 22:25 »
Hallo!

also, da haben wir einen gegenseitigen Bezug, Fachbegriff dafür hab ich wie üblich nicht parat  :wink:

"Intertextualität" sagt unsereiner gerne dazu  :winken:

CK
(der ein schlechtes Gewissen hat, da er aus beruflichen Gründen im Moment wenig zum Lesen kommt <--- interner, intendierter Jobwechsel)


Offline JMaria

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Re: Uwe Johnson: Jahrestage
« Antwort #100 am: 16. Dezember 2007, 13:50 »
Hallo zusammen,

hallo Leibgeber, hallo CK


Nein, das wird in der Biographie von Neumann erwähnt, und auch im Kommentar.

331, 29 Anselm Kristlein - Figur aus mehreren Romanen Martin Walsers, »Halbzeit«, 1960, »Das Einhorn«, 1966, »Der Sturz«, 1973;

und

118, 23 Karsch - Hauptfigur aus DBA, KP; vgl. Johnson, Eine Reise wegwohin. In Martin Walsers »Das Einhorn« tritt unter dem Namen Karsch eine Figur auf, für die Johnson das Vorbild war.

also, da haben wir einen gegenseitigen Bezug, Fachbegriff dafür hab ich wie üblich nicht parat  :wink:
Karsch taucht auf in "Das Dritte Buch über Achim" (1962), dem erweist Walser eine Reverenz im "Einhorn", und Johnson wiederum bringt Walsers Kristlein in die "Jahrestage".

Zu der Figur ist mir nichts weiter bekannt, hab nie einen Walser gelesen.
( Was soll uns der Name sagen? )

mit der Karsch-Entführung-Mafia-Affäre und Maries Führungsrolle in dem Fall konnte ich nichts anfangen. War mir irgendwie nicht begreiflich, was die Episode soll. Vielleicht kann das einer von euch erklären?
Mir blieb die auch rätselhaft. Ich hab Band 1 gerad nicht hier, spielt das eventuell wiederum auf Walsers "Einhorn" an?

Kristlein taucht noch einige Male auf, u.a. 16. März 1968, wo ich gerade bin, dort auf einer Gesellschaft der Gräfin Seydlitz, hinter der sich (eher ungewollt, wenn ich Neumann richtig kapiert hab) Hannah Arendt verbirgt.

874, 29f. Herr Kristlein, dies ... Norman, meet Anselm - s.K. 331, 29. Martin Walser läßt einen etwas unbeholfenen »Karsch« (s.K. 118, 23) in seinem Roman »Das Einhorn« (1966) auf einer Party auftreten.
 

Zitat von: xenophanes
"Intertextualität" sagt unsereiner gerne dazu 

CK

danke euch Beiden. Im "Neumann" bin ich noch nicht darauf gestoßen. Den lese ich nebenher, komme aber nur schleppend voran.
Ich habe die Kristlein-Trilogie von Walser noch nicht gelesen; ob es einen Bezug gibt, kann ich auch nicht sagen.

24. Dezember 1967
An dem Tag serviert uns der Autor einen Jerichow-Rückblick.
Fand ich hilfreich.

Viele Grüße
Maria
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Offline Friedrich-Arthur

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Re: Uwe Johnson: Jahrestage
« Antwort #101 am: 16. Dezember 2007, 23:34 »
Hallo Maria,

auch bei mir kommt die Lektüre nur schwer voran, wegen hoher beruflicher und familiärer Anforderungen. Dennoch schaffe ich jeden Abend einige Seiten. Hoffentlich gelingt mir über die Feiertage wenigstens der tägliche Anschluss.

Aber darum geht es mir hier nicht. Ich wollte mich als ehemaliger Walser-Anhänger aber kurz über die Anselm-Kristlein-Trilogie äußern. Ich kenne davon leider nur
,
einen eher epischen Roman, den ich aber mehrfach gelesen habe. Es ist eines der besten Wirtschaftswunderjahre-Buch, das ich kenne und es nimmt die Konsumgesellschaft dieser Jahre aufs Korn, ist aber in großen Teilen auch heute immer noch sehr aktuell. Es gibt einige wirklich umwerfend gut geschriebene Passagen in dem Buch, die ich einfach nur deshalb ausschnittsweise erneut gelesen habe. Ich hatte mal vor, die anderen beiden Teile auch zu lesen, habe es aber bisher noch nicht geschafft. Bei Walser bin ich mir nie sicher über die Qualität der Bücher. Manche sind einfach toll, andere von eher schwacher Qualität. "Halbzeit", "Ein springender Brunnen", "Ehen in Philippsburg", "Ein fliehendes Pferd" und seine theoretischen Schriften gehören aber meiner Ansicht zu den stärksten Büchern Walsers (wobei ich hier eingestehen muss, nur etwa 15 Bücher seines umfangreichen Werkes gelesen zu haben). Schade finde ich nur, dass "Halbzeit" recht unbekannt und auch nicht leicht zu kaufen und in Buchhandlungen zu finden ist.

Das Johnson über Anselm Kristlein unterrichtet war, ist allein schon wegen der Zugehörigkeit beider zur Gruppe 47 anzunehmen, in der ja die Werke der Autor(Inn)en besprochen wurden. Da Walser (wenn ich mich recht erinnere) Johnson ein anderes Ende der Jahrestage ans Herz legte (was aber nicht geschah), ist auch Kritik und Anregung Johnsons über die Anselm-Kristlein-Trilogie anzunehmen. Inwieweit die Wertschätzung unter schriftstellernden Kollegen dabei ging, kann ich ber nur mutmassen.

Grüße, FA
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Offline Friedrich-Arthur

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Re: Uwe Johnson: Jahrestage
« Antwort #102 am: 3. Januar 2008, 14:22 »
Hallo Johnsonfreundinnen und –freunde,

Ich wünsche euch ein Gesundes Neues Jahr!

Wenn auch einen Monat hinterher lese ich noch in den Jahrestagen.

Einige der Schilderungen New Yorks und der politischen Begebenheiten der 60er Jahre finde ich sehr gut und anschaulich. Ich finde die Abwechslung zwischen den Handlungen der Gegenwart und die Erinnerungen der Vergangenheit eigenlich sehr gut. Anfangs war das sehr gewöhnungsbedürftig und eher nachteilig von mir gesehen, aber mit weiterer Lektüre und Vertrautheit der Charaktere ändert sich meine Empfindung.

Waren viele Deutsche wirklich so blind gegenüber der Einrichtung der perfekten Diktatur um 1933, obwohl sich die Zeichen für Diktatur und Kriegsvorereitung mehrten, wie es Uwe Johnson exemplarisch am Beispiel Cresspahls, der ja noch in Richmond weilte, beschrieb, oder war es sowieso schon längst zu spät, um noch die sich vorbereitende Katastrophe zu verhindern?

Sehr bedenklich geglückt ist Uwe Johnson die Darstellung der Zynik der Nazis mit „Ossi Menschenfreund“. Wenn Menschen, die ins Zuchthaus gehören, diese selbst einrichten dürfen und verwalten und darin tun und lassen dürfen, was sie wollen, dann ist keine Steigerung der Verrohung/Vertierung und der Niederlage des Menschenvernunft mehr möglich. Doch, die Steigerung der Verrohung/Vertierung wurde und war möglich, durch die Schaffung der Konzentrationslager, die alle bisher dagewesenen Formen des Mordens übertrafen und auf ein industrielles Niveau brachten...

Solche Textstellen müssen einfach durch das gegenwärtige Leben Maries und Gesines unterbrochen werden, anders wird mir die Lektüre zu schwer und unerträglich.

Was mir besonders mit dem Beitrag vom 28. November 1967 auffiel: Johnson kannte die DDR besonders gut, auch wenn er gerade noch den Absprung nach Westberlin schaffte. Der Brief, den Gesine Cresspahl vom Rat des Kreises Gneez, Gemeinde Rande erhielt, enthält soviele treffende Carakteristika und pyschologische Details des offiziellen Denkens in der DDR, dass es mich glattweg erstaunte. Dieser Beitrag ist wirklich treffend und auch entlarvend, zeigt, dass auch die DDR sich im Zynismus verstand und in der Ideologie und letztendlich auch in politischer Doppelmoral. Wie sich der Kreis der Geschichte und des Wechsels der Systeme verrät, lässt Uwe Johnson einzig durch Unterschriften von Schettlich, Klug, Susemihl, Kraczinski und Methfessel durchblicken.

Was Uwe Johnson auch immer wieder als Thema anbringt, ist das Versagen und die Ohnmächtigkeit der Linken zur Zeit der Machtergreifung Hitlers und seines Regimes, was besonders über Cresspahl als Sozialdemokraten und seiner alten politischen Bekannten dargestellt wird. Johnson ließ verschiedene der sie repräsentierenden Menschen mit Cresspahl zusammentreffen und beschrieb ausführlich deren Schicksal, deren Verlust alter Ideale, deren Blindheit und letztendlich Resignation, Anbiederung und/oder Vernichtung. Die Frage von Alfred Andersch, warum man nicht zurückgeschossen habe, bleibt dabei unbeantwortet... und auch, warum nicht alle Gegner der Nazis sich zusammenrauften und –hielten und sich nacheinander schachmatt setzen und auslöschen ließen.

Ich bleibe dran, da mich der Text immer noch fesselt, aber die Zeitnot wird auch dieses Jahr keine Schnelllektüre zulassen...

Grüße, FA
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Offline xenophanes

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Re: Uwe Johnson: Jahrestage
« Antwort #103 am: 3. Januar 2008, 16:42 »
Ich bleibe dran, da mich der Text immer noch fesselt, aber die Zeitnot wird auch dieses Jahr keine Schnelllektüre zulassen...

Freut mich, dass ich nicht der einzige mit diesem Problem bin. Bis Ende des Jahres werde ich sie aber sicher abschließen  :breitgrins:

CK


Offline JMaria

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Re: Uwe Johnson: Jahrestage
« Antwort #104 am: 3. Januar 2008, 19:42 »
Hallo Friedrich-Arthur,


 
Zitat von: Friedrich-Arthur
Waren viele Deutsche wirklich so blind gegenüber der Einrichtung der perfekten Diktatur um 1933, obwohl sich die Zeichen für Diktatur und Kriegsvorereitung mehrten, wie es Uwe Johnson exemplarisch am Beispiel Cresspahls, der ja noch in Richmond weilte, beschrieb, oder war es sowieso schon längst zu spät, um noch die sich vorbereitende Katastrophe zu verhindern?
 
 
Was Uwe Johnson auch immer wieder als Thema anbringt, ist das Versagen und die Ohnmächtigkeit der Linken zur Zeit der Machtergreifung Hitlers und seines Regimes, was besonders über Cresspahl als Sozialdemokraten und seiner alten politischen Bekannten dargestellt wird. Johnson ließ verschiedene der sie repräsentierenden Menschen mit Cresspahl zusammentreffen und beschrieb ausführlich deren Schicksal, deren Verlust alter Ideale, deren Blindheit und letztendlich Resignation, Anbiederung und/oder Vernichtung. Die Frage von Alfred Andersch, warum man nicht zurückgeschossen habe, bleibt dabei unbeantwortet... und auch, warum nicht alle Gegner der Nazis sich zusammenrauften und –hielten und sich nacheinander schachmatt setzen und auslöschen ließen.

Ich bleibe dran, da mich der Text immer noch fesselt, aber die Zeitnot wird auch dieses Jahr keine Schnelllektüre zulassen...

Dieses Thema wird zwischen dem 07.01. und 19.01.1969 von innen und außen thematisiert. Damit meine ich: außen = politische Situation / innen = die Cressphalsche Situation.

Gesine fragt Marie wie sie ihre Verwandten sieht, nachdem sie nun einiges darüber gehört hat. Marie ist einer Antwort nicht verlegen. Wir kennen das Mädel ja bereits. Sie hat durchaus eine rigorose Art ihre Meinung zu sagen. Besonders ihren Großvater Cressphal nimmt sie hart in Gericht. Aber alles hat doch seine zwei Seiten.

dann gehts mit einer Anklage im Kreis Jerichow weiter. Lisbeth hört etwas im Zug, sagt es ihrem Bruder Horst, der sagt es .... usw. Plötzlich soll Lisbeth vor Gericht aussagen. Sehr dramatische Verwicklungen ...

ich bin schwer beeindruckt über diese Januartage. Freu mich schon wenn du soweit bist FA.

Ich werde nun die Jahrestage etwas unterbrechen und die Proust-Leserunde mitmachen. Gib bitte Bescheid, wenn du zum 19.01.1968 kommst.

Viele Grüße
Maria
« Letzte Änderung: 5. Januar 2008, 21:46 von JMaria »
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