Hallo Johnsonfreundinnen und –freunde,
Ich wünsche euch ein Gesundes Neues Jahr!
Wenn auch einen Monat hinterher lese ich noch in den Jahrestagen.
Einige der Schilderungen New Yorks und der politischen Begebenheiten der 60er Jahre finde ich sehr gut und anschaulich. Ich finde die Abwechslung zwischen den Handlungen der Gegenwart und die Erinnerungen der Vergangenheit eigenlich sehr gut. Anfangs war das sehr gewöhnungsbedürftig und eher nachteilig von mir gesehen, aber mit weiterer Lektüre und Vertrautheit der Charaktere ändert sich meine Empfindung.
Waren viele Deutsche wirklich so blind gegenüber der Einrichtung der perfekten Diktatur um 1933, obwohl sich die Zeichen für Diktatur und Kriegsvorereitung mehrten, wie es Uwe Johnson exemplarisch am Beispiel Cresspahls, der ja noch in Richmond weilte, beschrieb, oder war es sowieso schon längst zu spät, um noch die sich vorbereitende Katastrophe zu verhindern?
Sehr bedenklich geglückt ist Uwe Johnson die Darstellung der Zynik der Nazis mit „Ossi Menschenfreund“. Wenn Menschen, die ins Zuchthaus gehören, diese selbst einrichten dürfen und verwalten und darin tun und lassen dürfen, was sie wollen, dann ist keine Steigerung der Verrohung/Vertierung und der Niederlage des Menschenvernunft mehr möglich. Doch, die Steigerung der Verrohung/Vertierung wurde und war möglich, durch die Schaffung der Konzentrationslager, die alle bisher dagewesenen Formen des Mordens übertrafen und auf ein industrielles Niveau brachten...
Solche Textstellen müssen einfach durch das gegenwärtige Leben Maries und Gesines unterbrochen werden, anders wird mir die Lektüre zu schwer und unerträglich.
Was mir besonders mit dem Beitrag vom 28. November 1967 auffiel: Johnson kannte die DDR besonders gut, auch wenn er gerade noch den Absprung nach Westberlin schaffte. Der Brief, den Gesine Cresspahl vom Rat des Kreises Gneez, Gemeinde Rande erhielt, enthält soviele treffende Carakteristika und pyschologische Details des offiziellen Denkens in der DDR, dass es mich glattweg erstaunte. Dieser Beitrag ist wirklich treffend und auch entlarvend, zeigt, dass auch die DDR sich im Zynismus verstand und in der Ideologie und letztendlich auch in politischer Doppelmoral. Wie sich der Kreis der Geschichte und des Wechsels der Systeme verrät, lässt Uwe Johnson einzig durch Unterschriften von Schettlich, Klug, Susemihl, Kraczinski und Methfessel durchblicken.
Was Uwe Johnson auch immer wieder als Thema anbringt, ist das Versagen und die Ohnmächtigkeit der Linken zur Zeit der Machtergreifung Hitlers und seines Regimes, was besonders über Cresspahl als Sozialdemokraten und seiner alten politischen Bekannten dargestellt wird. Johnson ließ verschiedene der sie repräsentierenden Menschen mit Cresspahl zusammentreffen und beschrieb ausführlich deren Schicksal, deren Verlust alter Ideale, deren Blindheit und letztendlich Resignation, Anbiederung und/oder Vernichtung. Die Frage von
Alfred Andersch, warum man nicht zurückgeschossen habe, bleibt dabei unbeantwortet... und auch, warum nicht alle Gegner der Nazis sich zusammenrauften und –hielten und sich nacheinander schachmatt setzen und auslöschen ließen.
Ich bleibe dran, da mich der Text immer noch fesselt, aber die Zeitnot wird auch dieses Jahr keine Schnelllektüre zulassen...
Grüße, FA