Hallo Leibgeber,
der Gehülfe war das Buch von Walser, das ich vor vielen Jahren zuerst gelesen habe. Es ging mir damit ähnlich, wie dir. Nur kam es mir dazu auch noch
seltsam, sogar stellenweise langweilig vor. Später las ich die Geschwister Tanner, die mir besser gefielen. Doch das Befremden blieb. Heute kann ich
Walser nicht lesen, ohne an seine Lebensgeschichte zu denken.
Er ist für mich Hölderlins kleiner Bruder ( bezogen auf sein Leben, nicht auf die Dichtung). Ich stelle mir vor, wie er sich nach und nach immer mehr in sich selbst zurückgezogen hat. Diese reduzierte, verwaltete Existenz. Verwahrung, die das Überleben ermöglicht hat. Was ist ihm geblieben? Was hat er gefühlt? Er, der die Natur und die Freiheit so geliebt hat, doch auch so große Sehnsucht nach Schutz hatte.
Als er mit der Feder nicht mehr schreiben konnte, entdeckte und bewohnte er sein winziges Bleistiftgebiet. Bestimmt hat er nicht geahnt, das später jemand seine Mikrogramme in mühevoller jahrelanger Entzifferungsarbeit freilegen würde. Das wir ihn heute lesen, ist auch der Traum von der Wiedergutmachung eines zerbrochenen Lebens.
LG
Die Leserin