Autor Thema: Robert Walser  (Gelesen 6902 mal)

Offline Leibgeber

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Re: Robert Walser
« Antwort #15 am: 4. Oktober 2007, 22:15 »
Ich las vor so 2-3 Jahren "Der Gehülfe".
Mein bisher einziger Walser.
Über seinen seltsamen und tragischen Lebensweg wusste ich nur, was ich ab und an mal nebenbei mitbekommen hatte.
Den Roman hatte ich daher auch nur aus sich heraus gelesen, ohne Aufschlüsseln der biographischen Hintergünde.
Das Nachwort ausgenommen.
Ich war von der Milieuschilderung und der präzisen Schreibe (sorry, weiß gerad keinen anderen Begriff dafür) sehr angetan.
Mir schien das so eine Art Schweizer Heimatroman zu sein.

Auf jeden Fall empfehlenswert, nur dass es meine Art Schreibe absolut nicht ist.
Ohne Begründung, einfach Geschmackssache, kein Werturteil!

LG
Leibgeber
Ich vergesse das meiste, was ich gelesen habe, so wie das, was ich gegessen habe; ich weiß aber soviel, beides trägt nichtsdestoweniger zu Erhaltung meines Geistes und meines Leibes bei.
(G. C. Lichtenberg)

Offline Leserin

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Re: Robert Walser
« Antwort #16 am: 8. Oktober 2007, 01:12 »
Hallo Leibgeber,

der Gehülfe war das Buch von Walser, das ich vor vielen Jahren zuerst gelesen habe. Es ging mir damit ähnlich, wie dir. Nur kam es mir dazu auch noch
seltsam, sogar stellenweise langweilig vor. Später las ich die Geschwister Tanner, die mir besser gefielen. Doch das Befremden blieb. Heute kann ich
Walser nicht lesen, ohne an seine Lebensgeschichte zu denken.
Er ist für mich Hölderlins kleiner Bruder ( bezogen auf sein Leben, nicht auf die Dichtung). Ich stelle mir vor, wie er sich nach und nach immer mehr in sich selbst zurückgezogen hat. Diese reduzierte, verwaltete Existenz. Verwahrung, die das Überleben ermöglicht hat. Was ist ihm geblieben? Was hat er gefühlt? Er, der die Natur und die Freiheit so geliebt hat, doch auch so große Sehnsucht nach Schutz hatte.
Als er mit der Feder nicht mehr schreiben konnte, entdeckte und bewohnte er sein winziges Bleistiftgebiet. Bestimmt hat er nicht geahnt, das später jemand seine Mikrogramme in mühevoller jahrelanger Entzifferungsarbeit freilegen würde. Das wir ihn heute lesen, ist auch der Traum von der Wiedergutmachung eines zerbrochenen Lebens.   

LG
Die Leserin   

Offline BigBen

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Re: Robert Walser
« Antwort #17 am: 31. Januar 2008, 10:57 »
Ich lese gerade den Gehülfen von Walser und bin von den Reflexionen der Hauptperson sehr angetan. Aber das ist etwas, das mich ein wenig irritiert.
Joseph bekommt jedes Wochenende fünf Mark Taschengeld von Tobler. Der Roman spielt in der Schweiz und soweit ich herausbekommen habe, wurde auch vor hundert Jahren der Franken als Zahlungsmittel verwendet.
Wieso verwendete Walser also die Mark als Währung? Oder wurde das vom Verlag nachträglich geändert?
Ich weiß, das ist nur ein kleines Detail, aber gerade an solchen Details bleibe ich oft hängen und komme dann einfach mit dem Lesen nicht weiter. :sauer:.
"Es ist die Pflicht eines jeden, es auch auszusprechen, wenn er etwas als falsch erkennt." --- Stefan Heym (2001)

Offline Sir Thomas

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Re: Robert Walser
« Antwort #18 am: 31. Januar 2008, 17:30 »
Ich weiß, das ist nur ein kleines Detail, aber gerade an solchen Details bleibe ich oft hängen und komme dann einfach mit dem Lesen nicht weiter. :sauer:.

Hallo BigBen,

der "Tagesbefehl" kann nur lauten: Details ignorieren und immer feste dranbleiben!  :klatschen:

"Der Gehülfe" ist gaaanz großes Tennis, und was macht es schon für einen Unterschied, ob das Taschengeld in Mark oder Schweizer Franken ausgezahlt wird?

Es grüßt

Sir Thomas

Offline sandhofer

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Re: Robert Walser
« Antwort #19 am: 31. Januar 2008, 18:37 »
"Der Gehülfe" ist gaaanz großes Tennis, und was macht es schon für einen Unterschied, ob das Taschengeld in Mark oder Schweizer Franken ausgezahlt wird?

Na ja - es sind diese kleinen (kultur-)geschichtlichen Details, die einen (mit) faszinieren, da verstehe ich BigBen schon. Ich muss gestehen, dass ich selbst als Landsmann von Walser keine Ahnung habe, woher die Mark hier kommmt. Die Schweiz war zu jener Zeit Mitglied im Lateinischen Währungsbund (oder so ähnlich), d.h., Französische und Belgische Francs (und, glaube ich, auch die italienische und die griechische Währung) wurden in der Schweiz als offizielles Zahlungsmittel akzeptiert. Die Mark war aber nicht in diesem Verbund.

Andererseits weiss jeder, der Glauser gelesen hat, dass sein Wachtmeister Studer, wenn es offiziell wurde (z.B. bei einer Verhaftung) vom Dialekt ins Hochdeutsche gewechselt hat. Das war offenbar so Brauch, bevor Hitler den durchschnittlichen deutschsprachigen Schweizer mit einem riesigen Misstrauen vor dem Deutschen im weitesten Sinne geimpft hatte. Ob die Mark bei Walser von dieser ursprünglichen Affinität des Deutschschweizers zum Deutschen herkommt?
Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus: Beim Wort genommen

Offline Sir Thomas

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Re: Robert Walser
« Antwort #20 am: 2. Januar 2009, 16:32 »
Robert Walser: Der Räuber

Hallo Dostoevskij,

kannst Du dieses Werk empfehlen? Ich kenne von R. Walser "Geschwister Tanner", "Der Gehülfe" und "Jakob von Gunten". Kann "Der Räuber" mit diesen vorzüglichen Romanen mithalten?

Viele Grüße

Tom

scardanelli

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Re: Robert Walser
« Antwort #21 am: 2. Januar 2009, 17:46 »
http://de.wikipedia.org/wiki/Der_R%C3%A4uber

"Der Räuber" ist ja in dieser Form kein eigenständiges Werk von Robert Walser; bei aller Hochachtung vor den Leistungen der genannten Literaturhistoriker - ich bin bei allen Veröffentlichungen aus den Mikrogrammen sehr vorsichtig (was kann man da guten Gewissens als richtig erschlossen betrachten?) - siehe neben dem Roman "Der Räuber" die mehrbändige Edition "Aus dem Bleistiftgebiet" oder "Der Roman woran ich weiter und weiter schreibe"...
...aber irgendwie "lohnenswert" ist Walsers Lektüre immer...

Offline Sir Thomas

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Re: Robert Walser
« Antwort #22 am: 3. Januar 2009, 13:04 »
Moin, Moin!

kenne von R. Walser "Geschwister Tanner", "Der Gehülfe" und "Jakob von Gunten". Kann "Der Räuber" mit diesen vorzüglichen Romanen mithalten?

Eingedenk der Tatsache, daß ich fast auf jeder Seite zitatwürdige Passagen fand, ein Buch, das unbedingt leseswert ist. Außerdem nun wirklich nicht umfangreich. Es unterscheidet sich insofern von den erwähnten anderen Werken, als der Plot noch mehr in den Hintergrund tritt. Die Außenseiter-Existenz ist hier so konzentriert dargestellt wie bei Hesses Steppenwolf, nur wird nicht ganz so pentrant darauf herumgeritten. Da ich Bücher liebe, in denen sich Unangepaßte und Randexistenzen austoben dürfen, für mich ein MUSS.

Das klingt doch hervorragend! Dann mal nichts wie ran an den "Räuber", womit der erste Vorsatz des Jahres 2009 aus der Taufe gehoben ist ...

Vielen Dank für den Tipp!

Tom

Offline Friedrich-Arthur

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Re: Robert Walser
« Antwort #23 am: 14. März 2009, 09:13 »
So sehr erstaunt mich die Mark in der Währungsangabe nicht, wenn man bedenkt wie oft Walser bei Verhandlungen mit deutschen Verlegern um die Mark feilschen musste, wie er sie bei seinen Aufenthalten in Deutschland mehrfach vor der Ausgabe umdrehen musste... Ich denke also, dass die Mark, oder der Wunsch nach ihr, sich psychologisch ins Werk durchgeschlagen hat... Aber ich will nicht zu viel mutmassen... Selbst mehrere Währungen miterlebt und überlebt sind sie mir untergeordnetes Detail, da ich keine Idee habe, was eine Mark oder ein Franken dieser Zeit überhaupt für einen Wert hat. Währungsangaben in Büchern überlese ich mittlerweile generell.

Ich habe auf den Letzten Zug- und Metrofahrten "Fritz Kochers Aufsätze" durchgeschmöckert und war sehr angetan, besonders über den Witz und die feine Ironie hier und dort. Auch die Sichtweise von Seitens eines Schülers im Sinne von "Stilübungen" fand ich sehr erfrischend. Walsers Parteiergreifung für den Wald (nicht nur den schweizerischen Wald) hat etwas programmatisches (aber es wird nicht nur über Wald geschrieben...). Einiges erinnert mich sehr an eine Aphorismensammlung, wenn auch Textteile gruppiert sind zu Themen - vielleicht weil das Buch eine Ausgabe vorher getrennt veröffentlichter oder dazu vorgesehener Texte war. Auf jeden Fall bin ich neugierig, andere Bücher von Walser zu probieren. Aber wo beginnen? Ich dachte an "Jacob von Gunten", bin mir aber nicht mehr so sicher...

Schönen Samstag, FA
« Letzte Änderung: 14. März 2009, 09:18 von Friedrich-Arthur »
Daß man gegen seine Handlungen keine Feigheit begeht! daß man sie nicht hinterdrein im Stiche läßt! - Der Gewissensbiß ist unanständig.

Friedrich Nietzsche - Götzen-Dämmerung, Spruch 10

Offline Gontscharow

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Re: Robert Walser
« Antwort #24 am: 7. August 2010, 23:46 »

Zufällig entdeckt:
Robert Walsers Vor Bildern. Ein kleines Büchlein mit Bildbetrachtungen - löblicherweise - nebst Wiedergaben der besprochenen Werke!
Walser hat sich ja schon früh mit bildender Kunst beschäftigt, sein Bruder Karl war Maler und Mitglied der Berliner Sezession, Robert wiederum (was ich gar nicht wusste) in seiner Berliner Zeit  Sekretär der Sezession.

Das Buch vereinigt ganz unterschiedliche Texte aus verschiedenen Epochen zu den unterschiedlichsten Werken der europäischen Malerei. Es sind Erzählungen, oft abschweifend oder das Thema scheinbar kaum berührend, fingierte Gespräche der Dargestellten, Briefe an dieselben, Gedichte, ironisch, parodierend ... Kuriose, unterhaltsame Plaudereien, die bei aller "naiven" Munterkeit und vordergründigen Umständlichkeit - oder gerade durch sie -  zu erstaunlich tiefgründigen Aussagen über das Wesen der Bilder kommen. ( Dies gilt besonders für van Gogh und Cézanne).

Alle, die sich für Malerei interessieren und/oder Robert Walser mögen, werden sich über dieses Buch (Insel-Bücherei Nr.1282) freuen.

Offline Sir Thomas

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Re: Robert Walser
« Antwort #25 am: 9. August 2010, 10:55 »

Zufällig entdeckt:
Robert Walsers Vor Bildern. ...

Alle, die sich für Malerei interessieren und/oder Robert Walser mögen, werden sich über dieses Buch (Insel-Bücherei Nr.1282) freuen.

Hallo Gontscharow,

interessante Entdeckung! Ich habe das Büchlein notiert, denn wenn der von mir sehr geschätzte Robert Walser über Kunst schreibt, hilft das vielleicht meinem Kunst"banausentum" ein wenig auf die Sprünge ...

LG

Tom

Offline JMaria

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Re: Robert Walser
« Antwort #26 am: 11. August 2010, 22:21 »
Hallo Gontscharow,

schön, dass du diesen Thread hervorgeholt hast. Möchte ich doch demnächst etwas von Robert Walser lesen; vermutlich "Der Gehülfe".

Viele Grüße
Maria
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Offline Sir Thomas

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Re: Robert Walser
« Antwort #27 am: 12. August 2010, 09:05 »
Möchte ich doch demnächst etwas von Robert Walser lesen; vermutlich "Der Gehülfe".

Hallo Maria,

Du wirst ihn ganz bestimmt mögen, den "Gehülfen" - und danach sofort zu den "Geschwistern Tanner" greifen, die mir persönlich noch ein ganz klein wenig besser gefallen haben.

Einen schönen Tag wünscht

Tom

Offline JMaria

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Re: Robert Walser
« Antwort #28 am: 12. August 2010, 09:57 »
Möchte ich doch demnächst etwas von Robert Walser lesen; vermutlich "Der Gehülfe".

Hallo Maria,

Du wirst ihn ganz bestimmt mögen, den "Gehülfen" - und danach sofort zu den "Geschwistern Tanner" greifen, die mir persönlich noch ein ganz klein wenig besser gefallen haben.
 


Hallo Thomas,

Warum gerade zu den "Geschwistern Tanner"? Gibt es einen Zusammenhang zum "Gehülfen"?

Grüße von
Maria
Aktuell:

Offline Sir Thomas

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Re: Robert Walser
« Antwort #29 am: 12. August 2010, 11:42 »
Warum gerade zu den "Geschwistern Tanner"? Gibt es einen Zusammenhang zum "Gehülfen"?

Jein. Die in den Jahren 1907 - 1909 erschienen drei Walser-Romane "Geschwister Tanner", "Der Gehülfe" und "Jakob von Gunten" sind jeweils eigenständige Werke. Es gibt aber Zusammenhänge. Sie sind, eine bessere Formulierung fällt mir nicht ein, von einem vergleichbaren Grundton geprägt (e-moll oder cis-moll  :zwinker:). Es gibt aber auch Unterschiede: Während "Geschwister Tanner" und "Der Gehülfe" noch im realistischen Stil geschrieben sind, greift "Jakob von Gunten" darüber hinaus und bedient sich vorsichtig einiger Elemente des Phantastischen. Alle drei sollte man mMn. gelesen haben - wobei die Reihenfolge beliebig ist.

Es grüßt

Tom