Eine leise Melancholie durchschimmert die Erzählungen in „Poetenleben“ aus dem Jahr 1917. Es handelt sich um Geschichten, die zuvor in Zeitungen und Zeitschriften veröffentlicht worden waren und die Walser nach seiner Rückkehr aus Berlin zu einer lockeren, aber virtuos komponierten Autobiografie zusammenstellte. Die Geschichten sind unterschiedlich lang und kreisen größtenteils um Episoden aus Walsers flanierend-dichterischen Leben. Er bleibt den Maximen seiner drei großen Romane aus den Jahren 1907 bis 1909 treu, macht sich selbst klein und unwichtig, bindet sich weder an einen Ort noch an eine Person oder gar an eine feste Anstellung und lässt dabei aber immer unmissverständlich anklingen, dass dies für ihn die einzige Art und Weise ist, dem modernen Leben und dessen Überspanntheiten einigermaßen angemessen zu begegnen. Was Walser dazu bewogen hat, eine Nacherzählung des Dornröschenmärchens sowie eine Hölderlin-Miniatur in diese Sammlung aufzunehmen, bleibt mir ein Rätsel, allerdings eins der angenehmen Sorte.
Robert Walser begleitet mich seit einigen Jahren. Dieser Autor spricht mich sehr an, seine Figuren sind sympathische Einzelgänger und Antihelden, hinter deren Schlichtheit sich sehr viel Menschlichkeit und natürliche Klugheit verbirgt. Robert Walser ist ein perfektes Gift gegen die selbstzerstörerische Hektik und Zielstrebigkeit unserer Zeit. Gemessen an seiner recht traurigen Lebens- und Krankheitsgeschichte ist er ein sehr glaubwürdiger und authentischer Autor. Vita und Werk sind absolut stimmig, die Sprache ist betörend, niemals simpel, aber auch nicht verkopft.
Hesses Zitat „Wir müssen Dostojewski lesen, wenn wir elend sind“ würde ich gern abwandeln in „Wir sollten Robert Walser lesen, wenn wir unseren inneren Kompass verloren haben.“
LG
Tom