Autor Thema: Robert Walser  (Gelesen 6582 mal)

Offline JMaria

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Re: Robert Walser
« Antwort #30 am: 29. August 2010, 18:08 »
Warum gerade zu den "Geschwistern Tanner"? Gibt es einen Zusammenhang zum "Gehülfen"?

Jein. Die in den Jahren 1907 - 1909 erschienen drei Walser-Romane "Geschwister Tanner", "Der Gehülfe" und "Jakob von Gunten" sind jeweils eigenständige Werke. Es gibt aber Zusammenhänge. Sie sind, eine bessere Formulierung fällt mir nicht ein, von einem vergleichbaren Grundton geprägt (e-moll oder cis-moll  :zwinker:). Es gibt aber auch Unterschiede: Während "Geschwister Tanner" und "Der Gehülfe" noch im realistischen Stil geschrieben sind, greift "Jakob von Gunten" darüber hinaus und bedient sich vorsichtig einiger Elemente des Phantastischen. Alle drei sollte man mMn. gelesen haben - wobei die Reihenfolge beliebig ist.

Hallo Tom,

meinen Dank für deine informative Antwort. Ich hätte ja gedacht, dass ich ziemlich bald etwas von Robert Walser lese, doch habe ich mir in letzter Zeit wohl zuviel vorgenommen. Ich werde meine Eindrücke schildern. Reingelesen habe ich den "Gehülfe"; seine ruhige, behäbige Art, gefällt mir schon mal.
Mal sehen, wann ich mich intensiver mit Robert Walser beschäftige.

Grüße von
Maria
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Offline Sir Thomas

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Antw:Robert Walser
« Antwort #31 am: 15. August 2011, 09:26 »
Eine leise Melancholie durchschimmert die Erzählungen in „Poetenleben“ aus dem Jahr 1917. Es handelt sich um Geschichten, die zuvor in Zeitungen und Zeitschriften veröffentlicht worden waren und die Walser nach seiner Rückkehr aus Berlin zu einer lockeren, aber virtuos komponierten Autobiografie zusammenstellte. Die Geschichten sind unterschiedlich lang und kreisen größtenteils um Episoden aus Walsers flanierend-dichterischen Leben. Er bleibt den Maximen seiner drei großen Romane aus den Jahren 1907 bis 1909 treu, macht sich selbst klein und unwichtig, bindet sich weder an einen Ort noch an eine Person oder gar an eine feste Anstellung und lässt dabei aber immer unmissverständlich anklingen, dass dies für ihn die einzige Art und Weise ist, dem modernen Leben und dessen Überspanntheiten einigermaßen angemessen zu begegnen. Was Walser dazu bewogen hat, eine Nacherzählung des Dornröschenmärchens sowie eine Hölderlin-Miniatur in diese Sammlung aufzunehmen, bleibt mir ein Rätsel, allerdings eins der angenehmen Sorte. 

Robert Walser begleitet mich seit einigen Jahren. Dieser Autor spricht mich sehr an, seine Figuren sind sympathische Einzelgänger und Antihelden, hinter deren Schlichtheit sich sehr viel Menschlichkeit und natürliche Klugheit verbirgt. Robert Walser ist ein perfektes Gift gegen die selbstzerstörerische Hektik und Zielstrebigkeit unserer Zeit. Gemessen an seiner recht traurigen Lebens- und Krankheitsgeschichte ist er ein sehr glaubwürdiger und authentischer Autor. Vita und Werk sind absolut stimmig, die Sprache ist betörend, niemals simpel, aber auch nicht verkopft.

Hesses Zitat „Wir müssen Dostojewski lesen, wenn wir elend sind“ würde ich gern abwandeln in „Wir sollten Robert Walser lesen, wenn wir unseren inneren Kompass verloren haben.“

LG

Tom

Offline Sir Thomas

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Antw:Robert Walser
« Antwort #32 am: 15. August 2011, 15:05 »
Walter Benjamin über Robert Walser:
Seine Figuren "kommen aus der Nacht, wo sie am schwärzesten ist, einer venezianischen, wenn man will, von dürftigen Lampions der Hoffnung erhellten, mit etwas Festglanz im Auge, aber verstört und zum Weinen traurig. Was sie weinen, ist Prosa. Denn das Schluchzen ist die Melodie von Walsers Geschwätzigkeit. ... All seine Helden ... wollen sich selber genießen. ... Sie haben ... darin einen ganz ungewöhnlichen Adel. ... Diesen kindlichen Adel teilen die Menschen Walsers mit den Märchenfiguren, die ja auch der Nacht und dem Wahnsinn, dem des Mythos nämlich, enttauchen. 

Schöner Zufallsfund! Ich glaube, Benjamins Literatur-Essays lohnen einen genauen Blick.

LG

Tom