Guten Morgen finsbury,
durch einen Migräneanfall bin ich leider nicht so weit gekommen wie geplant und stecke noch im 5. Buch. Generell finde ich, dass die einzelnen Bücher sich sowohl in der Thematik als auch im Stil unterscheiden, dass es sich also nicht um eine willkürliche Einteilung handelt.
Das dritte Buch steht im Zeichen der Einquartierung der Franzosen, wobei Goethes Familie mit Thoranc ja sehr gut wegkommt. Sein Vater scheint das aber nicht zu erkennen, zeigt sich stur und ist wohl auch blind für die Folgen, die sein Verhalten für die Familie haben könnte. Nachdem er in den ersten beiden Büchern recht sympathisch erschien, steht er jetzt deutlich schlechter da. Dagegen scheint Thoranc eine Art Vaterersatz darzustellen: er schafft es immerhin, sich über schlechte Stimmungen und Beeinflussungen hinwegzusetzen und kann sich selbst so gut einschätzen, dass er sich in bestimmten Situationen lieber zurückzieht als anderen zu schaden.
Schön war in diesem Teil auch, wie seine Begeisterung für das Theater wächst.
Interessant ist, dass Goethe seine Mutter verhältnismäßig schlecht wegkommen lässt. Sie wird entweder kritisiert, wenn er zum Beispiel im zweiten Buch erzählt, dass sie immer mit einer feinen Handarbeit herumsäße, während seine Tante ihn den ganzen Tag herumgetragen habe, oder bleibt blass im Hintergrund, während das Handeln des Vaters, auch wenn er dessen Pedanterie und Griesgrämigkeit durchschimmern lässt, mit Sympathie und Nachsicht geschildert wird.
Merkwürdig, ich hatte eher den Eindruck, dass Goethe die Anpassungsfähigkeit der Mutter schätzt, während er die Sturheit des Vaters eher ablehnt. So unterschiedlich kann ein Text wirken!
Im 4. Buch erfährt man einiges über die weitere Ausbildung, wobei Goethe mit Musik, Physik, Religion, Zeichnen...ja in jeden Bereich mal hineinschnuppert. Schon hier ein Hinweis auf den späteren Universalgelehrten? Am Ende wird aber doch deutlich, dass seine Hauptprofession die Dichtkunst sein wird.
Ich kenne mich mit Thomas Manns Autobiografie und den Gründen für seine Stoffauswahl nicht aus, könnte mir aber denken, dass die ausführliche Behandlung der Jakob/Joseph-Geschichte in "Dichtung und Wahrheit" einer der Anstöße für seine Behandlung des Stoffes gegeben hat, da er ja auch ein großer Verehrer Goethes war.
Ja, das erscheint mir nachvollziehbar. Leider kenne ich dieses Werk von Mann noch nicht.
Das 5. Buch sollte lt. meinem Anhang eigentlich komplett im Zeichen der Krönung stehen, Goethe hat sich dann aber entschlossen, dieses Thema mit einer Liebesgeschichte einzurahmen. Ich bin sehr gespannt, wie diese Kombination auf mich wirkt.
Bisher finde ich die Autobiografie löblich geerdet und wenig olympisch: Mir wird Goethe hier nachgerade auch persönlich sympathisch.
Ja, das geht mir genauso. Ich hatte Autobiografien bisher immer gemieden, weil ich Selbstbeweihräucherungen gefürchtet hatte, aber das kann man ihm (zumindest bis jetzt) nicht vorwerfen. Er schreibt ja durchaus auch über weniger angenehme Dinge, z.B. wie er von seinen rauhen Altersgenossen "gemobbt" wurde. Dieser Teil scheint (leider!) sehr modern, wie überhaupt das ganze Werk viel neuer wirkt als es tatsächlich ist.
Eine schöne Woche wünscht
Manjula