Autor Thema: Mark Twain  (Gelesen 6353 mal)

Offline Dostoevskij

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Mark Twain
« am: 17. Oktober 2007, 13:11 »
Moin, Moin!

Ich möchte euch folgendes Lesestück nicht vorenthalten, am dem ich mich köstlich delektiert habe und eröffne hiermit gleichzeitig einen allgemeinen Thread zu Mark Twain.

"Wir erreichten Venedig um acht Uhr abends und bestiegen einen Leichenwagen, der zum Grand Hotel d'Europa gehörte. Zumindest glich es mehr einem Leichenwagen als etwas anderem, obwohl es, wenigstens auf dem Papier, eine Gondel war. Das also war die gefeierte Gondel von Venedig! - das Märchenboot, in dem die fürstlichen Kavaliere der guten alten Zeit das Wasser der mondbeschienenen Kanäle durchpflügten und mit der Beredsamkeit der Liebe in die sanften Augen patrizischer Schönheiten blickten, während der fröhliche Gondoliere in seidenem Wams seine Gitarre zupfte und sang, wie eben nur Gondolieri singen können! Das also ist die berühmte Gondel und das der prächtige Gondoliere! - das eine ein tintenschwarzes, verschossenes altes Kanu mit einem daraufgesetzten düsteren Leichenwagenaufbau, und der andere ein schäbiger, barfüßiger Gassenjunge, an dem Teile der Kleidung zur Schau gestellt waren, die einer öffentlichen Inspektion hätten vorenthalten bleiben sollen. Während er um eine Ecke bog und seinen Leichenwagen in einen schaurigen Graben zwischen zwei Reihen hochaufragender, unbewohnter Gebäude schießen ließ, begann der fröhliche Gondoliere plötzlich, getreu den Traditionen seiner Gattung, zu singen. Ich hielt es eine kurze Zeit aus. Dann sagte ich: 'Jetzt hör mal her, Roderigo Gonzales Michelangelo, ich bin ein Pilger, und ich bin ein Fremder, aber ich bin nicht gewillt, meine Gefühle von einem solchen Gejaule zerfleischen zu lassen. Wenn das nicht aufhört, muß einer von uns ins Wasser. Es genügt, daß meine langgehegten Träume von Venedig für immer dahin sind, was die romantische Gondel und den prächtigen Gondoliere angeht; diese systematische Vernichtung soll nicht weiterschreiten; ich werde unter Protest den Leichenwagen akzeptieren, und du magst unbehelligt deine Parlamentärsflagge wehen lassen, aber hiermit verkünde ich einen finsteren und blutigen Schwur, daß du nicht mehr singst. Noch ein Quieckser, und du gehst über Bord.'" (Mark Twain: Die Arglosen im Ausland, S. 192 f.)
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Offline Dostoevskij

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Re: Mark Twain
« Antwort #1 am: 17. Oktober 2007, 13:15 »
Moin, Moin!

Und wie sich das Leben im Gegensatz zu damals verändert hat - also eher angeglichen und nivelliert, zeitg dieses Stück, das wir Heutige kaum glauben mögen:

"Gerade in diesem Punkt liegt der hauptsächliche Reiz des Lebens in Europa - in der Geruhsamkeit. In Amerika geht alles Tempo - das ist in Ordnung; aber wenn die Tagesarbeit getan ist, denken wir weiter an Verlust und Gewinn, planen für den nächsten Tag, nehmen unsere Geschäftssorgen sogar mit zu Bett und werfen uns hin und her und grübeln über sie nach, während sich unser geplagter Kopf und Körper lieber im Schlaf erholen sollte. Wir verpulvern mit diesen Aufregungen unsere Kräfte und sterben entweder zeitig oder verfallen der Kraftlosigkeit und Armseligkeit des Alters schon zu einem Zeitpunkt unseres Lebens, den man in Europa das beste Mannesalter nennt." (Mark Twain: Die Arglosen im Ausland, S. 163)
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Offline Sir Thomas

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Re: Mark Twain
« Antwort #2 am: 17. Oktober 2007, 16:09 »
Hallo Dostoevskij,

Köstlich! Vielen Dank dafür an einem derart bescheidenen Tag!

Hier kommt mein Liebling:

"Ich bin der treuste Freund der deutschen Sprache [...] Ich würde nur einige Änderungen anstreben. Ich würde boß die Sprachmethode - die üppige, weitschweifige Konstruktion - zusammendrücken; die ewige Parenthese unterdrücken, abschaffen, vernichten; die Einführung von mehr als dreizehn Subjekten in einem Satz verbieten; das Zeitwort so weit nach vorn rücken, bis man es ohne Fernrohr entdecken kann. Mit einem Wort, meine Herren, ich möchte Ihre geliebte Sprache vereinfachen, auf daß, meine Herren, wenn Sie sie zum Gebet brauchen, man Sie dort oben versteht."

Mark Twain, Die Schrecken der deutschen Sprache. Eine an den Wiener Presseclub auf deutsch gehaltene Ansprache vom 21.11.1897

Es grüßt

Sir Thomas 

Offline sandhofer

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Re: Mark Twain
« Antwort #3 am: 17. Oktober 2007, 17:34 »
Mark Twain: Die Arglosen im Ausland, S. 192 f.

Ich habe bei den Titeln der deutschen Übersetzungen von Twains Reisebüchern immer ein Durcheinander. Ist das The Innocents Abroad?
Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus: Beim Wort genommen

Offline Sir Thomas

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Re: Mark Twain
« Antwort #4 am: 17. Oktober 2007, 17:48 »
Ist das The Innocents Abroad?

Eindeutig ja.

Gruß, Sir Thomas

Offline gantenbeinin

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Re: Mark Twain
« Antwort #5 am: 22. Oktober 2007, 18:33 »

Mark Twain, Die Schrecken der deutschen Sprache. Eine an den Wiener Presseclub auf deutsch gehaltene Ansprache vom 21.11.1897
 

Hallo Sir Thomas,

auf deutsch? Ist das belegt? Schwer vorstellbar, denn -
ich entnehme einer kleinen, zweisprachigen Sonderausgabe von "The awful German language" (Deutsch Ulrich Steindorff Carrington), daß Mark Twain 9 Wochen lang versuchte Deutsch zu lernen, mit Grammatik und Verben ziemlich erfolgreich kämpfte, aber akzenthalber praktisch nicht zu verstehen gewesen sei und ergo erheblich frustriert war.

Das Büchlein enthält noch ein Nachwort von einem Werner Fuld (über dessen Qualifikation ich nichts weiß), in dem Folgendes, "The Innocents Abroad" und "A Tramp Abroad" betreffend, steht:
Der heutige Leser sollte sich nichts vormachen: Mark Twains Reiseberichte sind zwar witzig geschrieben, aber keine Satire über amerikanische Touristen, die ahnungslos von Stadt zu Stadt, Von Sehenswürdigkeit zu Sehenswürdigkeit hetzen, ohne etwas zu verstehen..............(er) teilte alle Vorurteile seiner Landsleute gegen die antiquierten europäischen Sitten, Seine Kritik ist zwar immer ironisch übertrieben, aber er meinte sie ernst. Für ihn waren die Bewohner der "Alten Welt" allenfalls kultivierte Barbaren.
 
Festzustellen, daß ein Amerikaner der 1835 in Florida geboren und in Mississipi aufgewachsen ist, Europa durch eine völlig andere Brille sieht (und nicht nur damals einer und dort), ist ja an sich trivial. Interessant finde ich aber, sich die Brille anzusehen, durch die wir Europäer des 20. Jahrhunderts (u.a. auch) seine Texte lesen.

Kennt jemand Mark Twains letzte Kurzgeschichte "The Mysterious Stranger"?
Eine vor (sicher unfreiwilligen) Anachronismen strotzende Angelegenheit, aber mit einem fulminanten Ende, das sich mit Siebenkäs' Traum messen kann. Da muß für den "witzigen" Mark Twain nochmal die Perspektive gewechselt werden.

Gruß
g.


Offline Sir Thomas

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Re: Mark Twain
« Antwort #6 am: 24. Oktober 2007, 09:08 »

Mark Twain, Die Schrecken der deutschen Sprache. Eine an den Wiener Presseclub auf deutsch gehaltene Ansprache vom 21.11.1897
 

Hallo Sir Thomas,

auf deutsch? Ist das belegt?

Liebe gantenbeinin,

ob es belegt ist? Es wird in der mir vorliegenden dtv-Ausgabe aus den 80er Jahren zumindest behauptet. Es sollte also stimmen.

Viele Grüße

Sir Thomas

Offline MissMooney

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Re: Mark Twain
« Antwort #7 am: 26. Februar 2008, 15:40 »
Hallo,

ich hab diese Diskussion jetzt erst gelesen, möchte aber unterstützend für Sir Thomas einspringen: Meine Ausgabe der "schrecklichen deutschen Sprache" ist zweisprachig und ohne Übersetzer-Angabe. Als Verfasser gilt Mark Twain, sowohl englisch als auch deutsch. Meines Wissens nach hat er diese Rede ganz allein und ohne Hilfe in deutscher Sprache gehalten.

Wenn ich mir Mark Twains Biografie so ansehe, dann sehe ich einen snobistischen und arroganten, aber hervorragenden Zyniker, der durchaus weiß, wovon er redet. Er hat das Leben von ziemlich vielen Seiten kennengelernt. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er völlig unfundiert von Dingen schreibt, die er nicht versteht ... wäre ihm also die deutsche Sprache SO schwer gefallen, dass er sie gar nicht artikulieren kann, dann hätte er sich sicher nicht darüber lustig gemacht bzw. sie dermaßen aufs Schaffott geführt. Er nimmt Regeln unter die Lupe, die kennt kein Muttersprachendeutscher mehr und manche Sätze muss man mehrmals lesen, ehe man den wortwitz'schen Hintersinn versteht. Das schreibt niemand, der die Sprache nicht aus dem "FF" beherrscht.




Offline Robinson

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Re: Mark Twain
« Antwort #8 am: 7. März 2008, 21:29 »
Hallo,

das Mark Twain diese Rede in Deutsch gehalten hat, habe ich auch schon irgendwann mal gehört.

Aber ich habe eine andere Frage:
Kann mir irgend jemand eine Mark Twain Gesamtausgabe empfehlen? In Deutsch, oder auch in der Originalsprache Englisch.

Schönes Wochenende
Robinson
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Offline Robinson

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Re: Mark Twain
« Antwort #9 am: 14. März 2009, 11:58 »
Hallo,

nach einem Jahr muss ich feststellen, dass ich die folgende Frage schon einmal gestellt habe.
Kennt jemand eine Gesamtausgabe??


Grüße
Robinson
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Offline Dostoevskij

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Antw:Mark Twain
« Antwort #10 am: 21. Oktober 2010, 21:03 »
Moin, Moin!

Als Twain gefragt wurde, was er von Hegel halte, antwortete er prompt, das könne er 'noch nicht abschließend beurteilen'; er habe erst zwei Bände von ihm gelesen. Die Satzaussage vermute er nun im dritten Band! (Karl Hugo Pruys: Die Republik der Phrasendrescher. Wortwörtliches einer verunglückten Sprache, S. 20)
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Offline finsbury

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Antw:Mark Twain
« Antwort #11 am: 22. Oktober 2010, 12:33 »
Hallo,

am 18. im Rabe-Literaturklalender gefunden und heute dem Bankberater meines Vertrauens verehrt (worauf er etwas gequält lächelte):

Zitat von: Mark Twain
Der Oktober ist besonders gefährlich, um mit Wertpapieren zu spekulieren. Weitere gefährliche Monate sind Juli, Januar, September, April, November, Mai, März, Juni, Februar & August.

In diesem Sinne: Investieren wir unser Geld lieber in gute Bücher!

finsbury
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Meer in uns. (Kafka)

Offline Hubert

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Antw:Mark Twain
« Antwort #12 am: 20. November 2010, 15:04 »
Hallo,

am 18. im Rabe-Literaturklalender gefunden und heute dem Bankberater meines Vertrauens verehrt (worauf er etwas gequält lächelte):

Zitat von: Mark Twain
Der Oktober ist besonders gefährlich, um mit Wertpapieren zu spekulieren. Weitere gefährliche Monate sind Juli, Januar, September, April, November, Mai, März, Juni, Februar & August.

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oder wir probierens mit den Aktien im Dezember. Da hat der alte Mark ja versteckt einen guten Tip abgegeben!  :klatschen:


Offline finsbury

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Antw:Mark Twain
« Antwort #13 am: 21. November 2010, 11:59 »
Hallo,

am 18. im Rabe-Literaturklalender gefunden und heute dem Bankberater meines Vertrauens verehrt (worauf er etwas gequält lächelte):

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Der Oktober ist besonders gefährlich, um mit Wertpapieren zu spekulieren. Weitere gefährliche Monate sind Juli, Januar, September, April, November, Mai, März, Juni, Februar & August.

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Offline Hubert

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Antw:Mark Twain
« Antwort #14 am: 22. November 2010, 01:38 »
Hallo,

am 18. im Rabe-Literaturklalender gefunden und heute dem Bankberater meines Vertrauens verehrt (worauf er etwas gequält lächelte):

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Der Oktober ist besonders gefährlich, um mit Wertpapieren zu spekulieren. Weitere gefährliche Monate sind Juli, Januar, September, April, November, Mai, März, Juni, Februar & August.

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finsbury

Hallo finsbury,

ich schlage Dir folgende Wette vor: Wir notieren den Kurs der Siemens-Aktie und der BMW-Aktie am 1. Dezember 2010 und vergleichen die Kurse am 31. Mai 2011. Sind die Kurse dann soviel gestiegen, dass bei einem Einsatz von € 5.000 je Aktie, der Gewinn insgesamt € 500 oder mehr beträgt (also mindestens 10% und damit mehr als bei anderen Geldanlagen), dann liest Du bei meinem nächsten Lesevorschlag hier im Forum mit, wenn nicht, lese ich bei Deinem nächsten Vorschlag mit.    :breitgrins:

Hubert
« Letzte Änderung: 22. November 2010, 01:58 von Hubert »