Autor Thema: Knut Hamsun  (Gelesen 3073 mal)

Offline JMaria

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Antw:Knut Hamsun
« Antwort #15 am: 21. November 2010, 10:47 »
Hallo zusammen,

ich lese gerade meinen ersten Knut Hamsun und zwar "Victoria. Eine Liebesgeschichte"
Mich hat diese schmucklose Sprache überrascht; etwas ungewohnt. Doch andererseits würde ohne diese Lakonie die Geschichte zu kitschig wirken.

Grüße von
Maria
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Offline Sir Thomas

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Antw:Knut Hamsun
« Antwort #16 am: 3. Juli 2011, 13:35 »
"Auf überwachsenen Pfaden" heisst das letzte Werk Hamsuns. Es ist eine Art Tagebuch seiner Internierung nach dem Ende des 2. Weltkriegs und ein Dokument erschreckender Gleichgültigkeit gegenüber dem Grauen, dass die deutschen Besatzer, mit denen Hamsum offen sympathisierte, über Norwegen brachten. Keine Zeile der Reue, kein Moment des Nachdenkens, stattdessen reihen sich belang- und emotionslose Schilderungen aneinander. Nun gut, Hamsum war hoch betagt, als er dieses Dokument verfasste. Trotzdem: Hier spricht der "Herrenmensch", der nichts verstanden hat oder jede Art des Verstehens verweigert. Das ist mehr als ernüchternd für den Nobelpreisträger des Jahres 1920.

LG

Tom     

Offline JMaria

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Antw:Knut Hamsun
« Antwort #17 am: 7. August 2011, 09:00 »
Hallo zusammen,

eine Buchbesprechung der neuen Hamsun-Biographie die im Feb. 2011 herauskam:

Der halbe Hamsun

Knut Hamsun: Schwärmer und Eroberer [Gebundene Ausgabe]
Ingar Sletten Kolloen


Gruß,
Maria
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Offline Lost

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Antw:Knut Hamsun
« Antwort #18 am: 7. August 2011, 11:32 »
Hallo zusammen,

eine Buchbesprechung der neuen Hamsun-Biographie die im Feb. 2011 herauskam:

Der halbe Hamsun

Knut Hamsun: Schwärmer und Eroberer [Gebundene Ausgabe]
Ingar Sletten Kolloen


Gruß,
Maria

Dieses Buch habe ich gerade gelesen. Die Kürzungen sind schon auffällig, Gedanken-, Themensprünge, Einzelheiten erscheinen als gegeben, die in einem früheren Zusammenhang schon aufgetaucht sein müssen. Die Entwicklung von Hamsuns zweiter Ehe wurde mir dadurch nicht verständlich. Dagegen fand ich Hamsuns Rolle während der Besatzungs- und Nachkriegszeit noch ausreichend dargestellt.
Aus meiner Sicht ist diese Bearbeitung und Übersetzung schlampig gemacht, allerdings noch so faktenreich, dass man, mit Einschränkungen, ein Komplettbild des Dichters bekommt. Besonders die Widersprüche zwischen Person und Werk werden deutlich gemacht.
Eigentlich ein Buch zum ausleihen. Dem deutschen Verlag sollte man keinen Cent dafür spendieren.

Offline Bluebell

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Antw:Knut Hamsun
« Antwort #19 am: 12. April 2012, 15:03 »
So, jetzt muss ich mir doch hier weitere Meinungen einholen.

Ich habe drüben im großen Bücherforum erwähnt, dass ich überlege, mir "Mysterien" zuzulegen, und wurde gleich darauf hingewiesen, dass Knut Hamsun ein Nazi-Sympathisant war. Das war eine Überraschung für mich, weil mich einfach nur das Buch als solches interessiert und ich über den Autor komplett uninformiert war (ich wusste nichts über ihn, außer dass er Norweger war und einmal den Nobelpreis bekommen hat).

Einige lesen deshalb aus Prinzip nichts von ihm. Ich schwimme noch etwas unentschlossen dahin - da in "Mysterien" angeblich nichts von rechtsradikaler Ideologie zu merken ist und Hamsun außerdem schon tot ist, spricht für mich auf den ersten Blick nichts dagegen, das Buch für sich stehen zu lassen und es einfach mal unvoreingenommen zu lesen.

Manche sehen das aber ganz anders. Ich kann mich noch erinnern, als Sandhofer Doderer aus denselben Gründen verweigert hat, und er hat sich im anderen Forum auch schon zu Hamsun geäußert. Hier scheinen ja schon mehrere von euch Erfahrungen mit dem Autor gesammelt zu haben, und er kommt offenbar auch nicht übel weg - trotzdem nochmal konkret gefragt:

Macht sich die Nähe zum Nationalsozialismus in seinen Werken irgendwie bemerkbar ("Blut-und-Boden-Thematik", Zitat Sir Thomas, klingt schon irgendwie dubios...)? Und wenn nein - versteht ihr, dass jemand Hamsun trotzdem nicht liest, eben wegen seiner überlieferten Gesinnung? Mein Argument war ja, dass er tot ist und man ihn somit nicht mehr unterstützt, wenn man ihn liest. Außerdem trägt man auch nicht zur Verbreitung rechten Gedankenguts bei, sofern davon tatsächlich nichts in seinen Büchern steckt - also gibt es für mich (aufgrund meines derzeitigen Informationsstandes) eigentlich nichts, was objektiv dagegen spricht, "Mysterien" zu kaufen und zu lesen.

Oder gibts irgendwas, das ich vergessen habe zu bedenken?  :confused:
Kommentare?
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Offline Sir Thomas

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Antw:Knut Hamsun
« Antwort #20 am: 12. April 2012, 15:28 »
Ich habe drüben im großen Bücherforum erwähnt, dass ich überlege, mir "Mysterien" zuzulegen, und wurde gleich darauf hingewiesen, dass Knut Hamsun ein Nazi-Sympathisant war.

Hi Bluebell,

"Mysterien" kannst Du bedenkenlos lesen. Es ist frei von "Blut-und-Boden"-Geschwafel und ein ganz hervorragendes Werk des nervös-dekadenten fin de siècle.

LG

Tom

Offline klassikfreund

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Antw:Knut Hamsun
« Antwort #21 am: 12. April 2012, 15:41 »
Auf einer Podiumsdiskussion benannte Peter Hamm "Mysterien" als eines der wichtigsten Bücher seines Lebens. Auch Roger Willemsen war von diesem Buch äußerst beeindruckt. Eine weitere Kritikerin lobte Hamsuns Werk "Victoria", ist aber wohl eher einer "Jugendliebe" geschuldet. Nun waren sich all diese Kritiker über Hamsuns Vergangenheit wohl bewusst. Dennoch benennen sie seine Bücher.

Daniel Kehlmann hält Hamsun ebenso für einen sehr bedeutenden Autor.

Céline wird ja ebenfalls kritisch gesehen, dennoch setzen sich für ihn Persönlichkeiten ein, die ganz sicher frei von rechter Gesinnung sind.

Dennoch bleibt ein Dilemma. Soll man "Judas" mit seinem genialen Werk lesen, obwohl man ideologisch "Jesus" nahesteht? Ich weiß gar nicht, welche Antworten hier "moralische Instanzen" wie die Kirche geben würden. Kritiker und Schriftsteller tun sich leicht damit, Werk und Autor zu trennen. Aber ist das moralisch "integer"?

Berechtigte Fragen, die in einen Schulunterricht hineingehörten, auf die auch keine passende Literatur aus der Tasche ziehen kann.

Gruß, Thomas

Offline Lauterbach

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Antw:Knut Hamsun
« Antwort #22 am: 12. April 2012, 17:09 »
Hallo Bluebell,

Mysterien kann man ohne Probleme lesen, da ist nichts an rechter Gesinnung zu finden, jedenfalls soweit ich das gelesen habe.
Und selbst wenn, um Hamsun kennenzulernen bleibt einem doch nichts anderes übrig als ein Werk von ihm zu lesen, aber man muß sich doch nicht mit etwaigen Gesinnungen identifizieren.
Entscheidend ist doch immer die kritische Distanz zum Gelesenen.

Gruß, Lauterbach

Offline Dostoevskij

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Antw:Knut Hamsun
« Antwort #23 am: 12. April 2012, 17:11 »
Moin, Moin!

Ich habe drüben im großen Bücherforum erwähnt, dass ich überlege, mir "Mysterien" zuzulegen, und wurde gleich darauf hingewiesen, dass Knut Hamsun ein Nazi-Sympathisant war.

Ich erinnere mich auch noch als das mehrmalige Rätselraten von Victor Klemperer, dessen Tagebücher ich kürzlich las. Er kam nicht darüber hinweg, wie der Autor solcher Bücher an die Naziideologie geraten konnte. Es war ihm unbegreiflich und nur mit den Schnurren und Verwirrungen eines alten Mannes erklärbar.

Für mich ist Hamsun ein Top-5-Autor, ohne den mein Leseleben eigentlich undenkbar wäre.
Keep reading, Markus Kolbeck
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Offline Steffi

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Antw:Knut Hamsun
« Antwort #24 am: 12. April 2012, 20:04 »
Ich kann schon verstehen, wenn man von Autoren nichts lesen möchte, die eine Nazi-Vergangenheut haben. Allerdings ist für mich dazu wichtig, ob es Sympathisanten waren oder ob sie aktiv in irgendeiner Form tätig waren. Von den Aktivisten würde ich eher nichts lesen, bei den Sympathisanten kann ich ganz gut zwischen Person und Werk trennen.  Ich weiß nicht, inwieweit Hamsun zum einen oder anderen Feld gehörte, Segen der Erde, Hunger und Victoria habe ich gerne gelesen. Und Doderer ist einfach so wunderbar, dass mir seine Gesinnung ganz egal ist
Gruß von Steffi

Offline Bluebell

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Antw:Knut Hamsun
« Antwort #25 am: 12. April 2012, 20:46 »
Danke für eure Meinungen.

Ursprünglich habe ich die Frage gestellt, weil ich herausfinden wollte, ob ich mir das Buch vielleicht lieber NICHT besorgen soll, und jetzt will ich es noch MEHR als vorher!  :breitgrins:
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Offline montaigne

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Antw:Knut Hamsun
« Antwort #26 am: 13. April 2012, 00:29 »
Auf einer Podiumsdiskussion benannte Peter Hamm "Mysterien" als eines der wichtigsten Bücher seines Lebens. Auch Roger Willemsen war von diesem Buch äußerst beeindruckt. Eine weitere Kritikerin lobte Hamsuns Werk "Victoria",

Meinst du Ursula März? – Dann war das wohl bei der Veranstaltung am 11. März d.J. in der Alten Feuerwache! Hast du noch andere Veranstaltungen von Lesen.Hören besucht?

Peter Hamm hat bei dieser Veranstaltung u.a. noch gesagt, dass Hamsun, wenn er z.B. mit 70 Jahren gestorben wäre, heute wohl als einer der wichtigsten europäischen Autoren gelten würde.   

Hmm, m.M.n. ist er das obwohl er etwas älter geworden ist trotzdem.

Offline sandhofer

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Antw:Knut Hamsun
« Antwort #27 am: 13. April 2012, 07:05 »
Peter Hamm hat bei dieser Veranstaltung u.a. noch gesagt, dass Hamsun, wenn er z.B. mit 70 Jahren gestorben wäre, heute wohl als einer der wichtigsten europäischen Autoren gelten würde.   

Hmm, m.M.n. ist er das obwohl er etwas älter geworden ist trotzdem.

Aber seine Geltung hat natürlich gelitten ...
Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus: Beim Wort genommen

Offline klassikfreund

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Antw:Knut Hamsun
« Antwort #28 am: 13. April 2012, 09:20 »
Auf einer Podiumsdiskussion benannte Peter Hamm "Mysterien" als eines der wichtigsten Bücher seines Lebens. Auch Roger Willemsen war von diesem Buch äußerst beeindruckt. Eine weitere Kritikerin lobte Hamsuns Werk "Victoria",

Meinst du Ursula März? – Dann war das wohl bei der Veranstaltung am 11. März d.J. in der Alten Feuerwache!

Geanu, da war ich.

Offline Sir Thomas

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Antw:Knut Hamsun
« Antwort #29 am: 13. April 2012, 11:44 »
Ich kann schon verstehen, wenn man von Autoren nichts lesen möchte, die eine Nazi-Vergangenheut haben. ... bei den Sympathisanten kann ich ganz gut zwischen Person und Werk trennen. ... Und Doderer ist einfach so wunderbar, dass mir seine Gesinnung ganz egal ist

Hallo Steffi,

was Du über Doderer schreibst, gilt auch für Gottfried Benn. Ihn nicht zu lesen, wegen einiger Jahre geistiger Verirrung, käme mir nicht in den Sinn. Und so ist es wohl auch bei Hamsun, dessen letztes Buch (Auf überwachsenen Pfaden) allerdings schier unerträglich ist, weil er sich dort als leidendes Opfer einer norwegischen Siegerjustiz inszeniert und keinerlei Reue zeigt.

LG

Tom