Es sei mir ein kleines Fazit gestattet:
Alexander von Humboldt galt zu seiner Zeit als einer der grossen Wissenschafter und Forschungsreisenden. Aber nicht nur das: Er war auch berühmt dafür, dass er das Wissen seiner Zeit in Vorträgen dem allgemeinen Publikum vermitteln konnte; er galt als ausgezeichneter Redner.
Und so sitze ich hier nach der Lektüre von rund 900 Seiten Folio und frage mich, ob die Probleme bei der Lektüre, die ich empfand, an Humboldt oder an mir liegen. Haben sich unsere Rezeptionsgewohnheiten tatsächlich so geändert? Sind wir heute tatsächlich nicht mehr in der Lage, einem einfachen Text ohne aufgesteckte rhethorische Glanzlichter zu folgen? Oder ist es doch die Tatsache, dass "Wissenschaft" für uns heute etwas anderes ist als die fortwährende Aufzählung von irgendwelchen Messungen?
Lohnt sich eine Lektüre von
Kosmos? Eine Lektüre von A bis Z? Trotz aller Probleme würde ich sagen: Ja. Gerade weil Humboldt mit seinem Werk letztlich gescheitert ist. Denn dies sehen erst wir jetzt, seine Nachwelt.
Kosmos war zu seiner Zeit noch durchaus ein Bestseller. Erst heute, erst im Nachhinein können wir feststellen, dass Humboldt damit scheiterte - gleich zweimal. Einerseits wissenschaftsgeschichtlich gesehen, indem seine Art der Naturbeschreibung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts sehr rasch ausser Rang und Traktanden fallen sollte. Andererseits auch persönlich, indem zunehmendes Alter und zunehmendes Wissen in allen Bereichen ihn daran hinderten, das Werk zu einem Abschluss zu bringen. Und so fallen leider genau die Teile unter den Tisch, die wohl auch für den heutigen Leser am interessantesten gewesen wären: die über die damalige Pflanzen-, Tier- und Menschenwelt. Das ist schade, ändert aber nichts daran, dass
Kosmos uns ein sehr präzises Bild liefert der Naturwissenschaft der Goethe-Zeit.
Lesenswert? Ja. Auch wenn es ein Werk ist, das vom Leser die Geduld fordert, die der Leser des 19. Jahrhunderts zu erbringen noch bereit war ...
