Autor Thema: Februar 2008 - A. v. Humboldt: Kosmos  (Gelesen 25190 mal)

Offline sandhofer

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Mir erscheint der Begriff sowieso fragwürdig. Passt vielleicht gerade zum mitteleuropäischen philosophisch und humanistisch erzogenen Bildungsbürgertum, dem die Mathematik fremd ist.

Und dem Alexander von Humboldt, auch wenn er dem Adel entstammt, durchaus zuzurechnen ist.

Ich glaube nicht, dass er die Fortschritte der reinen Mathematik verfolgte, auch in der Philosophie scheint er nur zu kennen, was in naturforschendem Zusammenhang wichtig ist. Abstraktes Denken um des Denkens willen ist wohl sein Ding nicht. Genauso wie ich den Eindruck hatte, dass er "schöne Dinge" (Bilder, Literatur etc.) nur zur Kenntnis nimmt, soweit sie seine geliebte Naturforschung betreffen. Und also, soweit es die Naturforschung betrifft, scheint mir Humboldt auch zur Kenntnis zu nehmen, was die Mathematik (als angewandte, als Hilfswissenschaft) in der ersten Hälfte des 19. Jahrhundertes beizutragen hatte, z.B. bei der Berechnung der Bahn und Umlaufgeschwindigkeiten von Planeten und Kometen.

Er ist der Forschungsreisende, nicht der Theorien wälzende Sesselfurzer. Insofern tendiere ich auch dazu, einen Unterschied zu machen zwischen dem (Universal-)Gelehrten des 18. und 19. Jahrhunderts und dem nun aufkommenden Wissenschafter.
Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus: Beim Wort genommen

Offline Lost

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Mir erscheint der Begriff sowieso fragwürdig. Passt vielleicht gerade zum mitteleuropäischen philosophisch und humanistisch erzogenen Bildungsbürgertum, dem die Mathematik fremd ist.

Und dem Alexander von Humboldt, auch wenn er dem Adel entstammt, durchaus zuzurechnen ist.

 Und also, soweit es die Naturforschung betrifft, scheint mir Humboldt auch zur Kenntnis zu nehmen, was die Mathematik (als angewandte, als Hilfswissenschaft) in der ersten Hälfte des 19. Jahrhundertes beizutragen hatte, z.B. bei der Berechnung der Bahn und Umlaufgeschwindigkeiten von Planeten und Kometen.

Er ist der Forschungsreisende, nicht der Theorien wälzende Sesselfurzer. Insofern tendiere ich auch dazu, einen Unterschied zu machen zwischen dem (Universal-)Gelehrten des 18. und 19. Jahrhunderts und dem nun aufkommenden Wissenschafter.

Danke für die Erläuterungen! Da hätte er ja einiges mit dem großen Bahnbestimmer Gauß zu bereden gehabt.

Humboldt saß aber auch länger im Sessel, als auf Pferd,Schiff,Boot und auf eigenen Füßen stehend. Darwin, der ja auch ein Forschungsreisender war, verbrachte die meiste Zeit seines Lebens im Studiersessel, und da hat schon was schönes ausgebrütet. Abenteuer gibt es eben auch am Schreibtisch.

Offline sandhofer

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Da hätte er ja einiges mit dem großen Bahnbestimmer Gauß zu bereden gehabt.

Komm mir aber jetzt nicht mit dem Kehlmann, gelle?  :breitgrins: Selten habe ich ein so gutes Thema so leichtfertig verschenkt gesehen ...

Humboldt saß aber auch länger im Sessel, als auf Pferd,Schiff,Boot und auf eigenen Füßen stehend.

Natürlich ... Ob das allerdings seinem Selbstverständnis entspricht? - - - OK - das werden wir wohl nie wissen ...
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Offline Lost

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Da hätte er ja einiges mit dem großen Bahnbestimmer Gauß zu bereden gehabt.

Komm mir aber jetzt nicht mit dem Kehlmann, gelle?  :breitgrins: Selten habe ich ein so gutes Thema so leichtfertig verschenkt gesehen ...


Den Satz mit "Die Vermessung..." hatte ich schon geschrieben, aber dann doch lieber wieder gelöscht :-)
Den Roman habe ich aber gerne gelesen. Kehlmann stellt hier zwei Charaktere gegenüber, die auch bezeichnet für das Selbstverständnis der Wissenschaftler dieser Zeit sind, und er macht es kurzweilig.
Ich glaube nur, dass vielen das Einfühlungsvermögen für das Genie Gauß fehlt. Amazonasabenteuer ließt man schon als Kind gerne, die Trigonometrie dagegen ist für viele eben eine Nebensächlichkeit.

Offline sandhofer

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Danke für die Erläuterungen! Da hätte er ja einiges mit dem großen Bahnbestimmer Gauß zu bereden gehabt.

Ob er Gauss persönlich kennengelernt hat, weiss ich nicht. Alexander von Humboldt kannte Gott und die Welt persönlich ... es könnte also schon gewesen sein. Er zitiert Gauss jedenfalls immer mal wieder - seine Werke hat er demnach zur Kenntnis genommen.

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Offline sandhofer

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Es sei mir ein kleines Fazit gestattet:

Alexander von Humboldt galt zu seiner Zeit als einer der grossen Wissenschafter und Forschungsreisenden. Aber nicht nur das: Er war auch berühmt dafür, dass er das Wissen seiner Zeit in Vorträgen dem allgemeinen Publikum vermitteln konnte; er galt als ausgezeichneter Redner.

Und so sitze ich hier nach der Lektüre von rund 900 Seiten Folio und frage mich, ob die Probleme bei der Lektüre, die ich empfand, an Humboldt oder an mir liegen. Haben sich unsere Rezeptionsgewohnheiten tatsächlich so geändert? Sind wir heute tatsächlich nicht mehr in der Lage, einem einfachen Text ohne aufgesteckte rhethorische Glanzlichter zu folgen? Oder ist es doch die Tatsache, dass "Wissenschaft" für uns heute etwas anderes ist als die fortwährende Aufzählung von irgendwelchen Messungen?

Lohnt sich eine Lektüre von Kosmos? Eine Lektüre von A bis Z? Trotz aller Probleme würde ich sagen: Ja. Gerade weil Humboldt mit seinem Werk letztlich gescheitert ist. Denn dies sehen erst wir jetzt, seine Nachwelt. Kosmos war zu seiner Zeit noch durchaus ein Bestseller. Erst heute, erst im Nachhinein können wir feststellen, dass Humboldt damit scheiterte - gleich zweimal. Einerseits wissenschaftsgeschichtlich gesehen, indem seine Art der Naturbeschreibung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts sehr rasch ausser Rang und Traktanden fallen sollte. Andererseits auch persönlich, indem zunehmendes Alter und zunehmendes Wissen in allen Bereichen ihn daran hinderten, das Werk zu einem Abschluss zu bringen. Und so fallen leider genau die Teile unter den Tisch, die wohl auch für den heutigen Leser am interessantesten gewesen wären: die über die damalige Pflanzen-, Tier- und Menschenwelt. Das ist schade, ändert aber nichts daran, dass Kosmos uns ein sehr präzises Bild liefert der Naturwissenschaft der Goethe-Zeit.

Lesenswert? Ja. Auch wenn es ein Werk ist, das vom Leser die Geduld fordert, die der Leser des 19. Jahrhunderts zu erbringen noch bereit war ...  :winken:
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Offline Lost

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Es sei mir ein kleines Fazit gestattet:


Ein richtig schlüssiges Nachwort, das Humboldt gerecht wird. Damit sollte der Verlag für den Komos werben. Respekt !

Offline sandhofer

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Re: Februar 2008 - A. v. Humboldt: Kosmos
« Antwort #112 am: 5. Mai 2008, 17:17 »
Ganz unbekannt ist Alexander von Humboldt in Deutschland ja nicht. SWR3 hatte vor einiger Zeit eine kleine Serie kurzer Sketche über Alexander von Dumboldt und das Volk der Ndungu. Ich wollte die schon früher verlinken, aber SWR3 hat sein Archiv an Comix-Klassikern neu organisiert und stellt die alten Sachen nun erst nach und nach wieder ins Netz. Auch von den Ndungu waren mal mehr als die 4 aktuell auffindbaren Sketche vorhanden; ich vermute die restlichen folgen nach und nach ...  :winken:
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Offline xenophanes

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Bei 2001 jetzt für 30 Euro statt 100.- zu haben:

http://www.zweitausendeins.de/display/?d=6926&pfx=XT

CK


Offline sandhofer

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Ja, ich hab's gesehen. So was, wenn man's im voraus wüsste ...
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Offline Wolf

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Hallo sandhofer,

Zitat von: sandhofer
Ja, ich hab's gesehen. So was, wenn man's im voraus wüsste ...

ich hatte seinerzeit eine gebrauchte, aber noch neuwertige Kosmos-Ausgabe gekauft, die mich inklusive Versand knappe 45 Euro gekostet hat. Deshalb brauche ich mich jetzt über den billigen 30-Euro-Kosmos bei Zweitausendeins nicht besonders zu ärgern.

Aber jetzt ist es natürlich ein echtes Schnäppchen, und wenn man erst mal die ersten hundert Seiten über die Lanzenpflege Vulkane hinter sich gebracht hat, wird das Buch richtig gut ... :breitgrins:

Schöne Grüße,
Wolf

Offline Jaqui

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Re: Februar 2008 - A. v. Humboldt: Kosmos
« Antwort #116 am: 5. September 2008, 11:14 »
Für alle, die das Buch gerne haben würden. Bei Jokers gibt es das Buch jetzt um 29.95 Euro und das auch noch beim versandkostenfreien Wochenende.

Link zu Jokers

Katrin

Offline sandhofer

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Re: Februar 2008 - A. v. Humboldt: Kosmos
« Antwort #117 am: 10. September 2008, 08:12 »
Die Wissenschaftliche Buchgesellschaft bringt zum Jubiläumsjahr 2009 eine Werkausgabe auf den Markt:

7 Bände in 10 Teilbänden; die beiden letzten Teilbände beinhalten auch Kosmos. Das Ganze für € 79.90 ...  :winken:
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