Autor Thema: Annemarie Schwarzenbach 1908 - 1942  (Gelesen 6585 mal)

Offline JMaria

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Re: Annemarie Schwarzenbach 1908 - 1942
« Antwort #15 am: 2. Juni 2008, 11:04 »
Hallo zusammen,

ein kleiner Auszug aus der Biographie über Annemarie Schwarzenbach von Dominique Laure Miermont über das Schreiben der Autorin:

Charakterisch ist, daß sie darin nicht allein Ereignisse, sondern Atmosphären und innere Landschaften darstellt, und die Subtilität, mit der Annemarie Gefühle und Seelenzustände nachzeichnet, entgeht einem aufmerksamen Leser nicht.

Viele Schriftsteller, die Annemarie kennenlernen, sind von ihrem rätselhaften Aussehen betört, zum Beispiel verleiht
Klaus Mann der weibliche Hauptfigur Johanna in seinem Roman "Flucht in den Norden" die Züge von Annemarie, ebenso der Doris in seiner Erzählung "Afrikanische Romanze".

Auffallend häufig taucht das Engels-Motiv auf. Ob in ihrem Werk, oder wenn andere Leute sie beschreiben. Thomas Mann nannte sie einen "verödeten Engel". Die Fotografin Marianne Breslauer sagte: "Für mich sah sie so aus, wie ich mir den Engel Gabriel im Paradies vorstelle..".

eine sehr empfehlenswerte Biographie: Annemarie Schwarzenbach - Eine beflügelte Ungeduld.



Viele Grüße
Maria
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Offline JMaria

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Re: Annemarie Schwarzenbach 1908 - 1942
« Antwort #16 am: 4. Juni 2008, 21:15 »
Hallo zusammen,

1941 kam Annemarie Schwarzenbach nach Belgisch-Kongo und verweilte dort 10 Monate. Sie kam u.a. auch im "Herzen der Finsternis" an und zwar in dem Handelsposten Lisala, von wo auch das "Grauen" in Joseph Conrads Roman begann. Sie war unterwegs nach Molanda, das war insgesamt ein Weg von 1200 km den Kongo hinauf, der zu bewältigen war u.a. mit Dampfboot und Auto. Allerdings mußte sie 12 Tage in Lisala ausharren, bis sie ein Auto fand:

Es ist sehr schwer, aber man kann nicht genau sagen, warum. Es ist, daß man keinerlei Schutz hat vor der Berührung mit der nackten Erde, dem wuchernden Dschungel, dem ewigen Wasserlauf des Kongo, dem Bleidach des Himmels, der schwülen Nacht, die unmerklich in den nächsten Tag übergeht. Und der Tag gleitet auch ganz still, es wird rasch wieder dunkel, und man weiß nur, daß man müder wird. (Kleines Kongo-Tagebuch...)

Am 22. Juli 1941 fuhr sie weiter nach Molanda:

Erst als wir gleich hinter der Anhöhe von Lisala von der Waldpiste aufgenommen wurden und die düstere, feuchte, luftlose Dämmerung des Dschungels sich über uns schloß, begriff ich, in welcher unnatürlichen Bedrückung der Mensch in diesem grünen Gefängnis leben müsse - gefangen, zugedeckt, wie auf einem Meeresgrund, die Augen gefangen an den immer gleichen Wänden starrenden Grüns. (Beim Verlassen Afrikas, S. 22).

In der Zeit schreibt sie ihr wohl bedeutendstes Werk "Das Wunder des Baums" das bisher noch nicht erschienen ist. 

Ich dachte, das ist vielleicht ganz interessant, da gerade über eine gemeinsame Leserunde "Herz der Finsternis" diskutiert wird. Es wird leider nichts darüber gesagt, ob sie das Buch von Joseph Conrad kannte.

Gruß
Maria
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Re: Annemarie Schwarzenbach 1908 - 1942
« Antwort #17 am: 25. November 2009, 12:12 »
Hallo zusammen,

ein bißchen "Ordner-Pflege"  :zwinker:

ich habe in den letzten Tagen einen Roman von Annemarie Schwarzenbach gelesen und zwar Flucht nach oben .



Oberflächlich gesehen ein Hotel Roman, wie er in den zwanziger und dreißiger Jahre in Deutschland recht beliebt war. Doch schaut man tiefer, dann entpuppt sich der Roman als sehr komplex. Es gibt einen inneren und äußeren Aufbau . Der äußere Aufbau der Geschichte spiegelt sich, wie es der Titel erahnen lässt, in der Flucht nach oben, in ein Berghotel, hoch oben im österreichischen Gebirge. Doch es gibt auch ein "unten" und was sich oben und unten abspielt ist wie ein Spiegelbild, insbesondere der Hauptperson Francis von Ruthern.

Der innere Aufbau der Geschichte spiegelt die Heimatlosigkeit der diversen Protagonisten wider, die sich dort oben tummeln.

Besonders hervorzuheben sind auch die typischen elegischen Szenen für die die Autorin bekannt ist (z.B. Das glückliche Tal). Die Natur spielt bei ihr in den (Gemüts)Beschreibungen immer eine große Rolle. Leicht autobiographische Erfahrungen (der Selbstmord von Ricki Hallgarten aus der Clique um Klaus und Erika Mann) finden sich ebenfalls in dem Roman. Dazu im Anhang eine kleine Einführung über das Leben der Annemarie Schwarzenbach von Roger Perret. Sehr sublim eingeflechtet die Situation in Deutschland der 30iger Jahre. Ich kann den Roman nur empfehlen.

Gruß,
Maria

« Letzte Änderung: 25. November 2009, 12:26 von JMaria »
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Re: Annemarie Schwarzenbach 1908 - 1942
« Antwort #18 am: 22. März 2010, 14:55 »
Hallo zusammen,

ein weiteres Buch von Annemarie Schwarzenbach das ich kürzlich las, war Lyrische Novelle, was ich als einen ihrer schwächeren Werke einstufen würde. Doch die Geschichte und die Einbettung ins Zeitgeschehen machte es wiederum interessant:



http://www.lenos.ch/books/schwarzenbach_lyrisch.html

Klappentext:
Die im Frühling 1933 erstmals erschienene Lyrische Novelle stand im Schatten von Hitlers kurz zuvor erfolgter Machtergreifung. Die Aufnahme und Verbreitung des Buches wurde dadurch stark erschwert.

Aber schon damals rühmte die Kritik die Musikalität und moderne Sachlichkeit der Sprache. Noch stärker als in jener Zeit zieht der Text heute eine besondere Aufmerksamkeit auf sich: als eine frühe literarische Darstellung von lesbischer Liebe. Das Buch erzählt zwar von der unglücklichen Liebe eines Mannes zu einer Frau. Doch die Autorin bekannte nach der Veröffentlichung: Zum besseren Verständnis der Geschichte »hätte man eingestehen müssen«, dass der Held »kein Jüngling, sondern ein Mädchen« sei.


Die Geschichte hat einen komplexen Aufbau, erzählt wird auf mehreren Zeitebenen, was ich manchmal verwirrend fand. Das Essay im Anhang von Roger Perret befasst sich sehr ausführlich mit Annemarie Schwarzenbachs Vita.

Für mich ist die Autorin immer noch eine faszinierende Entdeckung der letzten Jahren.

Gruß,
Maria
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