Hallo zusammen, hallo Leserin,
Ich sehe in den Hörbüchern, so bequem wie sie sind, langfristig eine Gefahr für das Lesen.
ich hatte ja anfangs auch so meine Vorurteile gegenüber dem Hörbuch und hielt es für eine Art zweitklassigen Literaturkonsums: etwas für Leute, die keine Zeit oder Lust haben, ein Buch richtig zu lesen. Aber mittlerweile machen mir Hörbücher großen Spaß, sie sind eine gute Ergänzung zum (stillen) Lesen. Die meisten Hörbuchhörer, die ich kenne, sind gleichzeitig auch fleißige Leser, insofern sehe ich da überhaupt keine Gefahr, daß durch Hörbücher das Lesen verdrängt werden könnte.
Du hast recht: Beim Hörbuch stellt sich der Sprecher als zusätzliche Instanz zwischen Text und Hörer, das ist ein wichtiger Unterschied zum normalen Buch. Aber wie Du ja auch schon geschrieben hast, kann so ein Vermittler zwischen Text und Hörer durchaus Vorteile haben. Um einmal bei der amerikanischen Literatur und dem "Oberraunzer und Knarzer"

zu bleiben: Friedhelm Rathjens deutscher Übersetzung von Melvilles "Moby-Dick" wurde von einigen Rezensenten nachgesagt, daß sie hohe Anforderungen an den Leser stelle, weil sie sperrig und anstrengend zu lesen sei. Als Hörer von Christian Brückners Moby-Dick-Lesung habe ich davon überhaupt nichts gespürt, weil der Sprecher sich vorher mit diesem Text sehr intensiv auseinandergesetzt hat und ihn deshalb richtig entfalten und zum Klingen bringen konnte. Es ist nun nicht so, daß Christian Brückner für jeden Text der richtige Sprecher ist, aber für Melville ist er es. Nicht nur den
Moby-Dick, sondern auch Melvilles
Bartleby und
Billy Budd kann man sich von ihm getrost vorknarzen lassen.

Noch etwas zur angesprochenen Bequemlichkeit von Hörbüchern: Als Hörbücheinsteiger empfand ich Hörbücher eher als schwierig denn als bequem. Ich mußte mich erst einmal an das Hören gewöhnen, und schon mittellange Hörbücher von acht oder zehn Stunden Länge kamen mir sehr ehrfurchtgebietend vor.

Das Hören muß man erst lernen, auch das finde ich an Hörbüchern reizvoll. Der Sprecher gibt das Tempo vor, man kann nicht wie beim Lesen mit den Augen schnell mal vor- und zurückspringen, man muß sich die geschilderte Situation unmittelbar vorstellen können, man lernt beim Hörbuchhören, genauer auf den Text zu achten, und man lernt auch, während des Hörens über den Text nachzudenken. Das Hören erweitert den eigenen Horizont, und ein Nurleser wird niemals erfahren, ob er vielleicht einfach nur zu doof zum Hören ist.

Man kann Hörbücher ja auch sehr gut zur Zweitlektüre nutzen, wenn man Angst hat, daß einem beim Nur-Hören etwas entgehen könnte. Viele Hörbücher, die ich gehört habe, habe ich in früherer Zeit schon einmal als Buch gelesen. Auch bei den Sprechern und Sprecherinnen gibt es genügend Auswahl. Wenn einem ein bestimmter Sprecher nicht zusagt, dann hört man eben einen anderen.
Schöne Grüße,
Wolf