Wenn man bedenkt was in wenigen Jahrzehnten nur auf unserem kleinen Kontinent passiert ist, dann wird eine Vereinheitlichung von Empfindungen nur einer unterstellen, der kein Lebensgefühl und keine Veränderung kennt, oder vielleicht ein extrem schlechtes Gedächtnis hat.
Das geschieht ja alle Tage. Und je grösser die Distanz zur Epoche, umso mehr Gemeinplätze. Das "finstere Mittelalter" ist so ein typischer. Wir, die wir noch ganz nahe am 20. Jahrhundert sind, den Grossteil unserer bewussten Zeit darin verbracht haben, wir sehen natürlich die Veränderungen, Brüche, Verunsicherungen. Doch das erlebt jede Epoche. Denken wir an den Barock mit dem Bruch mit der Katholischen Kirche und dem Dreissigjährigen Krieg, die Goethe-Zeit mit den napoleonischen Kriegen und dem Aufkommen des Nationalstaates. Dennoch können wir heute von "Barock" und "Romantik" reden und finden viel Gemeinsames. Auch Brüche stiften ein gemeinsames Gefühl.
Nun gut, Stilepochen. Das trifft aus meiner Sicht nicht den Kern des Problems (des unlösbaren) ein Lebengefühl für einen Zeitraum ohne Differenzierung zu beschreiben. Bei Stilepochen fallen mir eher Stichworte wie Selektion und Verklärung ein. Eher müsste man die Lebensgefühle von Hugenotten und Jesuiten im 18. Jahrhundert vergleichen und den gemeinsamen Kern finden und denselben auf so ziemlich alles ausdehnen, was sich damals in der Welt herumgetrieben hat. Natürlich gibt es Zeit übergreifende Lebensgefühle. Ein Matrose auf dem Panzerkreuzer Potiemkin wird sich einem Matrosen auf der Victory näher gefühlt haben als seinem kommandierenden Offizier

Ein Soldat der roten Armee wird in der Schlacht von Stalingrad nicht viel anders gefühlt haben, als die meisten deutschen Landser, die dort waren, wengistens wenn ihr 20. Jahrhundert vor 1945 zu Ende war und sie keine Zeit mehr bekamen unterschiedliche Gefühle zu entwickeln.
Wenn eine werdende Mutter viel Lebensgefühle mit anderen werdenden Mütter seit Bestehen der Menschheit teilt, wird sie doch im Laufe ihres Lebens mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht viele Anteile davon beibehalten.
Am Anfang des 20. Jahrhunderts lebten deutlich weniger als 2 Milliarden Menschen auf der Welt, am Ende waren es 6 Milliarden. Nicht einfach denen mehr als die elementaren, zeitunabhängigen Empfindungen als Gemeinsamkeit anzudichten
