Hallo,
es gibt ja die sogenannte
Onleihe (
http://www.bibliothek-digital.net), an die verschiedene Stadtbibliotheken angeschlossen sind. E-Books zum Ausleihen gibt es also nicht nur in Berlin, sondern mittlerweile schon in über 60 deutschen Städten. Wenn man einen Bibliotheksausweis der teilnehmenden Bibliotheken hat, kann man dort ein Paßwort für den Online-Zugang erhalten. Ich habe die "Onleihe" früher schon einmal getestet, fand es aber nicht so besonders. Das Angebot an Büchern ist mickrig und das Ausleihen und Lesen am Computer ist umständlich.
Ich habe es gestern abend noch einmal mit vier E-Büchern ausprobiert. Es werden fast nur Sachbücher angeboten, in der Kategorie "Belletristik & Unterhaltung" findet man genau sieben Bücher. Na ja, das ist immerhin eine Zahl im hohen einstelligen Bereich.

Die Bücher kann man nur mit dem Adobe-Reader lesen (PDF-Dateien), sie sind natürlich verschlüsselt. Beim Lesen nimmt der Reader Kontakt mit einem Server im Internet auf und prüft, ob man das Buch lesen darf. Nach Ende der Ausleihzeit kann man das E-Book nicht mehr öffnen. Eine Rückgabe des entliehenen elektronischen Buches ist deshalb unnötig, es ist nach Ablauf der Leihfrist nur noch eine nutzlose Datei, die man löschen kann. Solange ein Buch ausgeliehen ist, kann es niemand anderes ausleihen. Das hat keine technischen Gründe, sondern die Rechteinhaber wollen es nicht anders.
Bei der "Onleihe" gibt es noch einige Kinderkrankheiten. Ich habe mir zunächst ein Buch in den Ausleihkorb gelegt und wollte es dann ausleihen. Dazu sollte ich mich erst einloggen, was aber nicht funktionierte. Es kam keine Fehlermeldung, sondern es erschien einfach nur erneut die Eingabemaske. Ich hatte die Vermutung, daß es an den Cookies liegen könnte, und tatsächlich: nach Aktivierung der Cookies im Browser klappte das Einloggen. Nur war dann mein ausgeliehenes Buch aus meinem Korb verschwunden. Ein erneutes Ausleihen ging nicht, weil es sich angeblich schon in einem Ausleihkorb befinde. Klar, das war mein Korb, den nun aber der Computer nicht mehr als meinen Korb erkannte. Da hätte ich jetzt 30 Minuten warten müssen, bis der Bibliotheks-Computer das wieder freigibt. Das wollte ich aber nicht, sondern ich habe mir etwas anderes ausgeliehen.
Man kann sich bei den E-Books eine kurze Leseprobe anzeigen lassen, was sehr schön ist, manchmal ist die Leseprobe allerdings recht kurz und nichtssagend. Ich habe mir eine sechsseitige Schülerhilfe ausgeliehen, eine Interpretation zum Gedicht "Der Knabe im Moor" von Droste-Hülshoff, erschienen bei "School-Scout.de". Neugierig hat mich dieser Satz in der Leseprobe gemacht:
Dieses Gedicht gehört zu den wohl bekanntesten Balladen, obwohl die Verfasserin selbst ihr diesen Charakter bestritt.
Ein ziemlich verkorkster Satz, obwohl wahrscheinlich der Verfasser selbst ihm diesen Charakter bestreiten würde.

Meine durch die Leseprobe geweckten Hoffnungen wurden nicht enttäuscht: diese Interpretation taugt wirklich nicht viel.

Nur ein kleines Beispiel:
Dass der Röhricht "knistert", ist eine an sich unverdächtige Beobachtung, und den Wind als "Hauch" zu bezeichnen, hat gleichfalls noch nichts Beängstigendes. Auf der Folie des Vorhergesagten jedoch ist jede Art von Unverfänglichkeit bereits ausgeschlossen.
Erstens heißt es nicht "
der Röhricht", sondern "das Röhricht", wie man auch im Gedicht selbst nachlesen kann; zweitens ist der Satz mit der wunderlichen "Folie des Vorhergesagten" unverständlich. Wahrscheinlich ist hier gar keine Prophezeiung gemeint ("das Vorhergesagte"), sondern das "vorher Gesagte", was man getrennt schreiben müßte; am verschwurbelten Deutsch ändert das aber nichts.
Dieses E-Buch ist kopiergeschützt, Zitate muß man also abtippen, eine Volltextsuche funktioniert auch nicht. Schülerhilfen dieser Art werden einige angeboten, die waren wahrscheinlich billig.

Danach wollte ich mir ein E-Buch mit dem Titel "Perfekt schreiben" ausleihen, was aber daran scheiterte, daß ich vorher "Digital Editions 1.6" installieren sollte. Beim Herunterladen des E-Books öffnete sich eine Webseite, auf der u.a. zu lesen war:
Click the install badge below to download and install the latest version of Digital Editions, which provides the eBook capabilities integrated with previous versions of Acrobat and Reader. Digital Editions 1.6 allows you to organize, manage and read reflowable PDF and EPUB content from eBook retailers, libraries and other digital content distributors who use Adobe Content Server 4 to DRM-protect their content.
Das ist anscheinend ein Zusatz zum Adobe-Reader, den das erste ausgeliehene E-Book nicht benötigte, es gibt da wohl unterschiedliche Adobe-E-Book-Formate. Ich wollte mir aber für ein einzelnes Buch nichts Neues installieren, deshalb habe ich auf das Buch "Perfekt schreiben" verzichtet.

Als letztes habe ich mir den Kauderwelsch-Band "Japanisch Wort für Wort" ausgeliehen. Hier klappte das Herunterladen problemlos, dieses Buch benötigte nicht dieses merkwürdige "Digital Editions 1.6". Im Unterschied zur oben erwähnten Schülerhilfe kann man in diesem Buch einzelne Passagen kopieren, bei einzelnen Passagen klappt das allerdings nicht (japanische Zeichen), das sind wohl technische Probleme. Das Drucken ist auch erlaubt und die Volltextsuche funktioniert ebenfalls. Welche Rechte man als Leser hat, kann man in den Dokumenteigenschaften nachlesen (im Acrobat-Reader gibt es einen entsprechenden Menüpunkt). Das kann bei jedem E-Buch anders festgelegt werden.
Etwas störend finde ich, daß auf jeder Seite unten eine ellenlange ID-Nummer und die Ausleihfrist eingeblendet wird. Aber immerhin wird dadurch kein Text überdeckt. Ansonsten sehen die Buchseiten so aus wie in der gedruckten Ausgabe, auch Bilder und farbig unterlegte Tabellen werden richtig angezeigt. Neben den Textseiten kann man ein Inhaltsverzeichnis einblenden, wo man die einzelnen Abschnitte direkt anwählen kann.
Gerade entdeckt: Es ist sogar eine Sprachausgabe eingebaut, die man nach einiger Fummelei aktivieren kann (erst Adobe-Javascript aktivieren, dann muß man das Dokument in die Liste vertrauenswürdiger Dokumente aufnehmen, für die eine Medienwiedergabe gestattet ist). Wenn man dann die einzelnen japanischen Beispielsätze anklickt, werden sie vorgelesen. Das ist natürlich ein echter Vorteil gegenüber der papiernen Buchausgabe, die es zwar auch mit beigelegter CD gibt, aber da kann man die Texte nicht so direkt anwählen und abspielen.
Verglichen mit normalen Büchern ist die Ausleihfrist bei den E-Büchern sehr kurz, sie liegt typischerweise im Bereich von vier Tagen, bei Zeitschriften oftmals sogar nur bei einem Tag. Solange das E-Buch niemand anderes will, kann man das Buch natürlich beliebig oft hintereinander ausleihen und es so längere Zeit lesen. Schlecht ist, daß die Dateinamen der heruntergeladenen E-Bücher nichtssagend sind:
2247.pdf oder
978-3-8317-6033-6.pdf (das sieht nach einer ISBN aus).
Schöne Grüße,
Wolf