Autor Thema: Juni 2008 / Lampedusa - DER LEOPARD  (Gelesen 26762 mal)

Offline Lost

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Re: Lampedusa - Der Leopard
« Antwort #15 am: 2. Juni 2008, 10:54 »
"Nunc et in hora mortis nostrae. Amen."

(Nun und in der Stunde unseres Todes. Amen.)

So beginnt Lampedusa seinen Roman, und schon sind wir mitten in der bigotten Welt des Barock-Katholizismus angekommen. Warum hat der Autor diese Gebetsformel an den Anfang gestellt? Um die Frömmigkeit des Hauses Salina zu demonstrieren? Vielleicht (obowohl diese äußere und formelhafte Frömmigkeit später konterkariert wird). Möglich ist aber auch, dass er den Abschluss des Rosenkranzes als übergeordnetes (Leit)Motiv versteht - ganz im Sinne des barocken "Memento mori" (Bedenke, dass Du sterblich bist).   

Ich bin gespannt, ob ich diese Arbeitshypothese im weiteren Verlauf erhärten kann ...



Beginnt nicht der Roman zu einem Zeitpunkt, als Garibaldi dem Königreich der beiden Sizilien und damit dem loyalen Adel den Gar ausmacht ?

Offline Sir Thomas

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Re: Lampedusa - Der Leopard
« Antwort #16 am: 2. Juni 2008, 11:01 »
"Nunc et in hora mortis nostrae. Amen."

(Nun und in der Stunde unseres Todes. Amen.)

So beginnt Lampedusa seinen Roman, und schon sind wir mitten in der bigotten Welt des Barock-Katholizismus angekommen. Warum hat der Autor diese Gebetsformel an den Anfang gestellt? Um die Frömmigkeit des Hauses Salina zu demonstrieren? Vielleicht (obowohl diese äußere und formelhafte Frömmigkeit später konterkariert wird). Möglich ist aber auch, dass er den Abschluss des Rosenkranzes als übergeordnetes (Leit)Motiv versteht - ganz im Sinne des barocken "Memento mori" (Bedenke, dass Du sterblich bist).   

Ich bin gespannt, ob ich diese Arbeitshypothese im weiteren Verlauf erhärten kann ...



Beginnt nicht der Roman zu einem Zeitpunkt, als Garibaldi dem Königreich der beiden Sizilien und damit dem loyalen Adel den Gar ausmacht ?

Ja, Lost, so ist es. Einen Zusammenhang zwischen dem einleitenden "Rosenkranz" und den kommenden Ereignissen sehe ich nun auch. Danke für den Hinweis!

Viele Grüße

Sir Thomas

Offline Sir Thomas

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Re: Lampedusa - Der Leopard
« Antwort #17 am: 2. Juni 2008, 11:58 »
... warum wird der Herr (also Gott) immer "der HErr" geschrieben?

Ja, das ist mir auch aufgefallen, thopas. Noch habe ich keine Antwort darauf. Sobald ich etwas weiß, werde ich berichten.

Viele Grüße

Sir Thomas

Offline thopas

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Re: Lampedusa - Der Leopard
« Antwort #18 am: 2. Juni 2008, 15:10 »
... warum wird der Herr (also Gott) immer "der HErr" geschrieben?

Ja, das ist mir auch aufgefallen, thopas. Noch habe ich keine Antwort darauf. Sobald ich etwas weiß, werde ich berichten.

Ich werde auch mal etwas nachforschen. Vielleicht finden wir ja eine Erklärung...

Ich bin mittlerweile schon etwas weitergekommen. Die Bevölkerung von Donnafugata wird anschaulich beschrieben. V.a. die Tatsache, daß Don Fabrizio in der Achtung der Leute sinkt, weil er plötzlich netter zu ihnen ist, finde ich sehr interessant. Er ist also auch irgendwie selbst daran schuld, daß es mit ihm bergab gehen wird. Er fügt sich ja auch viel zu einfach in die neuen Umstände, weil er glaubt, daß sein Besitz ihn noch lange ernähren wird können, auch wenn sich das Regime ändert.

Auf der anderen Seite denkt er sehr praktisch und will seinen Neffen Tancredi mit der reichen Bürgermeistertochter Angelica verkuppeln, da er für den verarmten Tancredi nur so die Möglichkeit sieht, Macht und Einfluß zu bekommen. Er erkennt, daß der Adel sich an das reiche Bürgertum anbiedern muß, um überleben zu können. Wobei Angelicas Vorfahren mütterlicherseits ja eher noch niedrigeren Standes waren.

Viele Grüße
thopas

Offline Lost

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Re: Lampedusa - Der Leopard
« Antwort #19 am: 2. Juni 2008, 16:04 »
... warum wird der Herr (also Gott) immer "der HErr" geschrieben?

Ja, das ist mir auch aufgefallen, thopas. Noch habe ich keine Antwort darauf. Sobald ich etwas weiß, werde ich berichten.

Ich werde auch mal etwas nachforschen. Vielleicht finden wir ja eine Erklärung...


vielleicht hilft euch das weiter:

http://de.wikipedia.org/wiki/CamelCase



Offline Sir Thomas

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Re: Lampedusa - Der Leopard
« Antwort #20 am: 2. Juni 2008, 16:26 »
vielleicht hilft euch das weiter:
http://de.wikipedia.org/wiki/CamelCase

Hallo, Lost,

danke! Von der Binnenmajuskel hatte ich bislang allenfalls vage gehört. Dank Dir weiß ich nun sogar, was sich dahinter verbirgt.

Viele Grüße

Sir Thomas

Madeleine

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Re: Lampedusa - Der Leopard
« Antwort #21 am: 2. Juni 2008, 18:34 »
Ich will Euch ja nicht widersprechen, Ihr Lieben, aber wie kommt Ihr darauf, dass man das Rosenkranzgebet am Beginn mit den kommenden Ereignissen in Verbindung bringen muss?
In katholischen Fürstenhäusern wurde eben viel gebetet und anschließend widmeten sich die Herren ihren Mätressen. So war auch der Beichtvater immer beschäftigt.
Ich hätte in diesem Einstieg noch keine Symbolik vermutet. Muss man das wirklich so interpretieren?

Mir gefällt aber diese morbid angehauchte Atmosphäre sehr gut, besonders die plötzliche Anwandlung des Fürsten, als er die Totenglocke läuten hört. Ich konnte den folgenden Sätzen sogar eine humorvolle Seite abgewinnen:
"Wohl ihm, jetzt pfeift er auf Töchter, Mitgiften und politische Karrieren....Solange man sterben kann, ist noch Hoffnung."
Das muss ich unbedingt in meine Zitatensammlung aufnehmen.

Sehr angetan bin ich nach wie vor von der schönen Sprache.

Liebe Grüße, Madeleine.


 

Offline thopas

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Re: Lampedusa - Der Leopard
« Antwort #22 am: 2. Juni 2008, 18:42 »
vielleicht hilft euch das weiter:
http://de.wikipedia.org/wiki/CamelCase

Danke, Lost, für diesen Link!

Das hatte ich tatsächlich noch nicht gewußt. Vermutlich, weil ich noch keine barocke Literatur gelesen habe. Ich hatte mir zwar schon so was in der Richtung gedacht (weil ja auch im Englischen immer "He" großgeschrieben wird, wenn von Gott die Rede ist), hätte es mir aber nicht erklären können.

Ich überlege mir gerade, warum der Übersetzer zu diesem Ausdrucksmittel gegriffen hat. Es ist ja in der neueren deutschsprachigen Literatur (und auch in Übersetzungen) nicht üblich, das so zu markieren...

Offline thopas

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Re: Lampedusa - Der Leopard
« Antwort #23 am: 2. Juni 2008, 18:51 »
Ich will Euch ja nicht widersprechen, Ihr Lieben, aber wie kommt Ihr darauf, dass man das Rosenkranzgebet am Beginn mit den kommenden Ereignissen in Verbindung bringen muss?
In katholischen Fürstenhäusern wurde eben viel gebetet und anschließend widmeten sich die Herren ihren Mätressen. So war auch der Beichtvater immer beschäftigt.
Ich hätte in diesem Einstieg noch keine Symbolik vermutet. Muss man das wirklich so interpretieren?

Hallo Madeleine,
ja, ich würde schon sagen, daß man das so interpretieren sollte. Ein Autor, zumal ein guter Autor, macht eigentlich nie irgendetwas "nur einfach so". Und Lampedusa verwendet sehr viel Symbolik, so daß es wahrscheinlich ist, daß auch diese Szene symbolische Bedeutung hat. Zusätzlich bietet die Szene natürlich auch einen guten Einblick in die Verhältnisse, die so im Fürstenhaus herrschen. Der Fürst wird dadurch sehr schnell charakterisiert...

Viele Grüße
thopas

Madeleine

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Re: Lampedusa - Der Leopard
« Antwort #24 am: 2. Juni 2008, 19:08 »
Wie gut, dass ich das Buch nicht alleine lese, da würde mir ja viel an Bedeutung entgehen.
So werde ich diesem Aspekt nun mehr Beachtung schenken.

Danke, thopas,

liebe Grüße, Madeleine.

Offline Jaqui

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Re: Lampedusa - Der Leopard
« Antwort #25 am: 2. Juni 2008, 20:51 »
Wie gut, dass ich das Buch nicht alleine lese, da würde mir ja viel an Bedeutung entgehen.

Das habe ich mir bei den bisherigen Beiträgen auch schon gedacht.  :winken:

Die Sprache und die ganzen Ereignisse rund um die Familie finde ich auch sehr interessant, denn die Figuren sind mir noch nicht wirklich nahe gekommen.
Mal sehen ob sich das noch ändert.

Die Ereignisse der damaligen Zeit muss ich mir mal genauer ansehen, ich denke, dass mir da einiges entgeht wenn ich mich geschichtlich gar nicht auskenne.

Katrin

Offline Sir Thomas

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Re: Lampedusa - Der Leopard
« Antwort #26 am: 3. Juni 2008, 09:05 »
Ich will Euch ja nicht widersprechen, Ihr Lieben, aber wie kommt Ihr darauf, dass man das Rosenkranzgebet am Beginn mit den kommenden Ereignissen in Verbindung bringen muss?
In katholischen Fürstenhäusern wurde eben viel gebetet und anschließend widmeten sich die Herren ihren Mätressen. So war auch der Beichtvater immer beschäftigt.
Ich hätte in diesem Einstieg noch keine Symbolik vermutet. Muss man das wirklich so interpretieren?

Hallo Madeleine,
ja, ich würde schon sagen, daß man das so interpretieren sollte. Ein Autor, zumal ein guter Autor, macht eigentlich nie irgendetwas "nur einfach so". Und Lampedusa verwendet sehr viel Symbolik, so daß es wahrscheinlich ist, daß auch diese Szene symbolische Bedeutung hat. Zusätzlich bietet die Szene natürlich auch einen guten Einblick in die Verhältnisse, die so im Fürstenhaus herrschen. Der Fürst wird dadurch sehr schnell charakterisiert...

Viele Grüße
thopas

Ihr Lieben,

den Ausführungen von thopas stimme ich zu. Ich halte es nicht für eine Über-Interpretation, wenn man die Symbolik / Metaphorik Lampedusas von Fall zu Fall etwas genauer hinterfragt, denn (auch da stimme ich thopas zu) der Roman ist nahezu überfrachtet damit.

Viele Grüße

Sir Thomas

Offline Sir Thomas

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Re: Lampedusa - Der Leopard
« Antwort #27 am: 3. Juni 2008, 09:28 »
Was den „Leoparden“ für mich unter anderem so interessant macht, ist das Aufdecken der Widersprüche im wertkonservativen Geschichts- und Menschenbild des Fürsten Don Fabrizio, eines typischen Vertreters des im 19. Jahrhundert unter Druck geratenen europäischen Adels.

Der Fürst ist ein gläubiger Katholik, besucht aber gleichzeitig eine Prostituierte in Palermo und verspottet den Jesuitenpater Pirrone („Der Heiligen Kirche ist die Unsterblichkeit ausdrücklich versprochen worden; aber uns, als sozialer Klasse, nicht.“). Er ist ein altväterlicher Autokrat und ein treuer Vasall der bourbonischen Herrscher, was ihn nicht davor zurückschrecken lässt, seinen revolutionär gesinnten Neffen Tancredi zu unterstützen.

„Wenn wir wollen, dass alles bleibt wie es ist, dann ist nötig, dass alles sich verändert“. Über diesen Satz seines Neffen denkt der Fürst des öfteren nach. Und ändert ihn schließlich: "Wenn alles sich ändert, bleibt es so wie es ist. Ein Paar Spritzer Blut auf dem Narrenkostüm, das war´s." Daraus spricht eine tiefe Skepsis gegenüber den Kräften der Veränderung, gegenüber der Geschichte allgemein. Diese Einstellung teilte der Autor übrigens mit seiner Hauptfigur. 

Gegenüber den Aufständischen und bürgerlichen Emporkömmlingen hegt Don Fabrizio die für seinen Stand typische feudale Abneigung („die kleinen Schakale, die Hyänen“). Er bewundert lediglich deren Geschäftstüchtigkeit - auch weil er selbst ökonomisch desinteressiert und kaum in der Lage ist, dem schleichenden Verzehr der Vermögenswerte entgegenzuwirken („Der Reichtum hatte sich in den vielen Jahrhunderten seines Bestehens in Zierrat verwandelt, in Luxus, in Vergnügungen [...] Dieser Reichtum, der sein Ende selbst bewirkt hatte, bestand nur noch in Auszügen aus Ölen, und so verflog er, wie solche Auszüge, sehr rasch.“) Dafür verachtet der Fürst umso mehr die vermeintlich schlechten Umgangsformen der immer mächtiger werdenden und immer agressiver auftretenden Bourgeoisie Siziliens, verkörpert zunächst durch seine Angestellten, später vor allem durch Don Calògero Sedàra („... die schlecht rasierten Backen, die plebejische Art der Aussprache, die wunderliche Weise, sich zu kleiden ...“).

Viele Grüße

Sir Thomas







Madeleine

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Re: Lampedusa - Der Leopard
« Antwort #28 am: 3. Juni 2008, 09:44 »
Hat dann die Jagd oder die Ankunft von Angelica auch eine symbolische Bedeutung?
Und vor allem, woher soll das der unbedarfte Leser wissen?

Bis jetzt habe ich auch noch nicht verstanden, ob die Adeligen nun für oder gegen die Einigung Italiens waren.
Wenn sie dagegen wären, dürfte Tancredi ja nicht auf Garibaldis Seite stehen.
Oder haben die jüngeren Adeligen da anders gedacht?

Wie schrecklich steht es doch um meine historischen Kenntnisse. Das riefe ja schon wieder nach einem geschichtlichen Sachbuch.

Aber meine Mitleser wissen da sicher besser Bescheid.

Liebe Grüße, Madeleine

Offline Sir Thomas

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Re: Lampedusa - Der Leopard
« Antwort #29 am: 3. Juni 2008, 10:14 »
Bis jetzt habe ich auch noch nicht verstanden, ob die Adeligen nun für oder gegen die Einigung Italiens waren.

Hallo, Madeleine,

die Frage der Einheit Italiens bereitete dem Adel keine schlaflosen Nächte. Für ihn bestand die eigentliche Gefahr nicht in der Einheitsbewegung, sondern im Umsturz der Machtverhältnisse, in der Machtergreifung des Bürgertums nach dem Muster der französischen Revolutionen von 1789 und 1848. Garibaldi ging es (wenn ich mich recht erinnere) zunächst um den Sturz der Bourbonen und deren Vasallen, was den Weg frei machen würde für eine gemäßigte, nicht mehr absolute Monarchie, in deren Rahmen dann ein Einheitsstaat sehr viel leichter zu verwirklichen sein würde (und tatsächlich auch war).

Verwirrend, ich weiß, aber ich hoffe, es Dir einigermassen plausibel und korrekt nahegebracht zu haben ...

Liebe Grüße

Sir Thomas