Was den „Leoparden“ für mich unter anderem so interessant macht, ist das Aufdecken der Widersprüche im wertkonservativen Geschichts- und Menschenbild des Fürsten Don Fabrizio, eines typischen Vertreters des im 19. Jahrhundert unter Druck geratenen europäischen Adels.
Der Fürst ist ein gläubiger Katholik, besucht aber gleichzeitig eine Prostituierte in Palermo und verspottet den Jesuitenpater Pirrone („Der Heiligen Kirche ist die Unsterblichkeit ausdrücklich versprochen worden; aber uns, als sozialer Klasse, nicht.“). Er ist ein altväterlicher Autokrat und ein treuer Vasall der bourbonischen Herrscher, was ihn nicht davor zurückschrecken lässt, seinen revolutionär gesinnten Neffen Tancredi zu unterstützen.
„Wenn wir wollen, dass alles bleibt wie es ist, dann ist nötig, dass alles sich verändert“. Über diesen Satz seines Neffen denkt der Fürst des öfteren nach. Und ändert ihn schließlich: "Wenn alles sich ändert, bleibt es so wie es ist. Ein Paar Spritzer Blut auf dem Narrenkostüm, das war´s." Daraus spricht eine tiefe Skepsis gegenüber den Kräften der Veränderung, gegenüber der Geschichte allgemein. Diese Einstellung teilte der Autor übrigens mit seiner Hauptfigur.
Gegenüber den Aufständischen und bürgerlichen Emporkömmlingen hegt Don Fabrizio die für seinen Stand typische feudale Abneigung („die kleinen Schakale, die Hyänen“). Er bewundert lediglich deren Geschäftstüchtigkeit - auch weil er selbst ökonomisch desinteressiert und kaum in der Lage ist, dem schleichenden Verzehr der Vermögenswerte entgegenzuwirken („Der Reichtum hatte sich in den vielen Jahrhunderten seines Bestehens in Zierrat verwandelt, in Luxus, in Vergnügungen [...] Dieser Reichtum, der sein Ende selbst bewirkt hatte, bestand nur noch in Auszügen aus Ölen, und so verflog er, wie solche Auszüge, sehr rasch.“) Dafür verachtet der Fürst umso mehr die vermeintlich schlechten Umgangsformen der immer mächtiger werdenden und immer agressiver auftretenden Bourgeoisie Siziliens, verkörpert zunächst durch seine Angestellten, später vor allem durch Don Calògero Sedàra („... die schlecht rasierten Backen, die plebejische Art der Aussprache, die wunderliche Weise, sich zu kleiden ...“).
Viele Grüße
Sir Thomas