Autor Thema: Juni 2008 - Karl Gutzkow: Die Ritter vom Geiste  (Gelesen 33176 mal)

Offline BigBen

  • Sr. Member
  • ****
  • Beiträge: 776
    • Zwischen den Seiten
Re: Karl Ferdinand Gutzkow: Die Ritter vom Geiste
« Antwort #30 am: 9. Juni 2008, 08:26 »
Im I.4-ten Kapitel, an dessen Ende ich heute erst angelangt bin, heißt es auf Seite 100, es seien 13,5 Meilen vom "Pelikan" bis nach Plessen, und der Wirt rechnet vor, dass Dankmar, wenn er jetzt (21:30) mit dem Einspänner losführe, morgen Abend dort ankäme.

Ja, da bin ich auch etwas in Grübeln gekommen, war dann aber zu faul nachzuschlagen.

Wir sind, wenn ich das richtig sehe, in Preussen - also 10'000 Schritte  :breitgrins:  . (7'532,48 m ...)  :winken:

Danke, sandhofer.

Ich bin im achten Kapitel des ersten Bandes. Im sechsten und siebenten Kapitel gab es ja etwas von der hier oft beklagten Leitartikelei. Aber ich muß sagen, mir hat das gefallen. Einerseits erfährt man Interessantes über das politische System. Und andererseits gibt es da so schöne Sätze wie:
"Wir sind ein wimmelndes Geschlecht fleischfressender Vernunftsthiere. Was wir für Moral halten, ist veredelte Gesundheitslehre; was uns Metaphysik scheint, ist nichts als die Reflexion der einen Sinnentäuschung in der andern."

Für so was, inklusive Personenbeschreibung und Beschreibung von Kleidungsstücken, hatte Gutzkow ein Händchen.

Oh ja, die Personen- und Kleidungseschreibungen sind wirklich gut. Es ist eine Freude, das zu lesen.
"Es ist die Pflicht eines jeden, es auch auszusprechen, wenn er etwas als falsch erkennt." --- Stefan Heym (2001)

Offline sandhofer

  • Administrator
  • *****
  • Beiträge: 5086
Re: Karl Ferdinand Gutzkow: Die Ritter vom Geiste
« Antwort #31 am: 10. Juni 2008, 06:56 »
Und andererseits gibt es da so schöne Sätze wie:
"Wir sind ein wimmelndes Geschlecht fleischfressender Vernunftsthiere. Was wir für Moral halten, ist veredelte Gesundheitslehre; was uns Metaphysik scheint, ist nichts als die Reflexion der einen Sinnentäuschung in der andern."

Ja - Gutzkow, der Schopenhauerianer ...  :breitgrins:

Im übrigen bin ich auch formal von ihm enttäuscht. Ich sehe wenig, das für eine durchdachte Konstruktion spricht. Da wird der junge Fürst Egon eingeführt - nur um den Rest des ersten Bandes unerreichbar für die Hauptfiguren schwer krank darnierder zu liegen. Das erinnert mich doch fatal an Karl May, der in seinen Kolportagelwerken Leute auch schon mal 16-20 Jahre auf eine Insel verbannte, weil er nicht mehr wusste, was mit ihnen anfangen. Oder da erhält Wildungen II Besuch - man verabschiedet sich - Wildungen II geht spazieren - - - um sich drei Seiten später im Hause seines Besuchs wiederzufinden. Wo er dann selbstverständlich hochwichtige Dinge erfährt .... :rollen:

Nein, zugegeben, auch V. Hugo ist, was die Führung seiner Personen angeht, trivialer als trivial. Aber seine Figuren kommen wenigstens lebensecht und konsequent herüber. Gutzkows Figuren hingegen ... Da ist die Pauline: Einmal voll jugendlichen Feuers, dann wieder die ruhige, gesetzte Matrone. Die junge Schluck: einmal anziehend kokett, dann wieder halb irre ... usw. usw. usw. ...  :rollen:
Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus: Beim Wort genommen

Offline BigBen

  • Sr. Member
  • ****
  • Beiträge: 776
    • Zwischen den Seiten
Re: Karl Ferdinand Gutzkow: Die Ritter vom Geiste
« Antwort #32 am: 10. Juni 2008, 09:27 »
Im übrigen bin ich auch formal von ihm enttäuscht. Ich sehe wenig, das für eine durchdachte Konstruktion spricht.

Vielleicht ist das das Ergebnis des Nebeneinander-Romans.  :zwinker:
"Es ist die Pflicht eines jeden, es auch auszusprechen, wenn er etwas als falsch erkennt." --- Stefan Heym (2001)

Offline sandhofer

  • Administrator
  • *****
  • Beiträge: 5086
Re: Karl Ferdinand Gutzkow: Die Ritter vom Geiste
« Antwort #33 am: 10. Juni 2008, 17:42 »
Vielleicht ist das das Ergebnis des Nebeneinander-Romans.  :zwinker:

Nebeneinander ist ja auch nichts. Ausser vielleicht den verschiedenen Klassen. Zeitlich ist das Ganze schön wie an einer Perlenschnur hintereinander aufgereiht ...
Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus: Beim Wort genommen

Offline sandhofer

  • Administrator
  • *****
  • Beiträge: 5086
Re: Karl Ferdinand Gutzkow: Die Ritter vom Geiste
« Antwort #34 am: 11. Juni 2008, 07:13 »
So, gestern habe ich noch das 4. Buch fertig gelesen. Das ist das, meiner Meinung nach, bisher bei weitem beste Buch. Kein theoretisches Gelaber, die Geschichte bekommt Zug und wird spannend. Dazu eine äusserst gelungene Beschreibung des Miethauses an der Brandgasse und seiner Bewohner, auch der nächtliche Ball kommt sehr gut herüber. Selbst die Love-Story bekommt wieder etwas Drive ... :klatschen:
Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus: Beim Wort genommen

Offline BigBen

  • Sr. Member
  • ****
  • Beiträge: 776
    • Zwischen den Seiten
Re: Karl Ferdinand Gutzkow: Die Ritter vom Geiste
« Antwort #35 am: 11. Juni 2008, 12:10 »
Bin jetzt im I.10. Kapitel. Und da bin ich das erste Mal über etwas gestolpert, das mich nervt. Diese Aufzählung der Verwandtschafts- und Beziehungsverhältnisse. Das fand ich schon in der Bibel langweilig. Da schaltet mein Hirn beim Lesen auf Durchzug, und ich weiß am Ende der Seite nicht mehr, was ich gelesen habe.  :sauer:
"Es ist die Pflicht eines jeden, es auch auszusprechen, wenn er etwas als falsch erkennt." --- Stefan Heym (2001)

Offline finsbury

  • Hero Member
  • *****
  • Beiträge: 1592
Re: Karl Ferdinand Gutzkow: Die Ritter vom Geiste
« Antwort #36 am: 11. Juni 2008, 17:26 »
Hallo zusammen,

habe nun endlich das erste Buch abgeschlossen und kann ein erstes Zwischenstatement geben:

Gutzkow ist kein Dichter, kein Sprachkünstler auf leichten Flügeln:
Er hat nicht das Talent, mit wenigen Pinselstrichen  einen Charakter zu skizzieren, von dem  jeder weiß, wen er vor sich hat.
Unser Autor ist gravitätisch, Schritt für Schritt malt er jedes Detail aus und entmündigt dabei oft den Leser, der auch ohne seine Kommentare verstanden hätte, um wen es geht. Das nervt auch mich häufig und langweilt.
Aber er kann beschreiben: Wenn auch nicht mit leichter Hand, so doch autentisch, wie mir scheint, ersteht die Zeit vor uns.
Man muss zu den Personen Stellung beziehen, und bisher sind sie mir eigentlich alle ziemlich unsympathisch, aber man erkennt sich und seine Zeitgenossen wieder :zwinker: und das wiederum zeigt, dass der Autor durchaus über sich und seine Zeit hinausweist, wenn auch nicht durch literarisches Können!

Melanie ist zunächst ein rechter "Kotzbrocken", dazu trägt sie ja auch den rechten Namen und auch die ganze Blase, die auf Schloss Hohenberg die zurückgelassenene Güter verzehrt, ist entsprechend beschrieben, wäre aber einem, wie oben erwähnt, auch mit weniger Worten lächerlich vorgekommen.

HG
finsbury
« Letzte Änderung: 11. Juni 2008, 18:08 von finsbury »
Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene
Meer in uns. (Kafka)

Offline klassikfreund

  • Full Member
  • ***
  • Beiträge: 464
Re: Karl Ferdinand Gutzkow: Die Ritter vom Geiste
« Antwort #37 am: 11. Juni 2008, 17:29 »
Es macht Spaß, Eure Leserunde hier zu verfolgen. Bin gespannt, wie am Ende das Urteil über Gutzkow ausfallen wird.

Gruß, Thomas

Offline sandhofer

  • Administrator
  • *****
  • Beiträge: 5086
Re: Karl Ferdinand Gutzkow: Die Ritter vom Geiste
« Antwort #38 am: 12. Juni 2008, 07:05 »
Bin gespannt, wie am Ende das Urteil über Gutzkow ausfallen wird.

Gespannt, um es mit Deinem zu vergleichen, oder gespannt, um zu wissen, ob sich eine Lektüre von Gutzkow lohnt?

Falls letzteres, kann ich Dir jetzt schon sagen: Wenn Du nicht unheimlich viel Zeit hast und eine Schwäche für die Autoren in den hinteren Rängen der Literaturgeschichte: Gutzkow lohnt sicht nicht.

Ich habe gestern noch das 5. Buch begonnen. Nach dem Highlight von Buch 4 geht es nun wieder im gewohnten Trott der ersten drei Bücher dröge weiter ...
Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus: Beim Wort genommen

Offline sandhofer

  • Administrator
  • *****
  • Beiträge: 5086
Re: Karl Ferdinand Gutzkow: Die Ritter vom Geiste
« Antwort #39 am: 13. Juni 2008, 06:50 »
Nun bin ich ungefähr in der Mitte des zweiten Bandes und damit auch mehr oder weniger in der Mitte von det Janze. Gutzkow kann zweifelsohne schreiben, und im Vergleich mit Elaboraten von heute ist er - rein sprachlich und stilistisch - immer noch ein Genuss. Aber das Ganze plätschert so vor sich hin. Einer der Wildungen-Brüder (ich vergesse immer welcher, obwohl Gutzkow so darauf beharrt, wie verschieden die beiden charakterlich seien, kann ich sie nicht auseinanderhalten ...) spürt erste Anzeichen einer Änderung im Prinzen ... Warum nur erinnern mich solche plumpen Erzählmittel bloss immer an Karl May?   :|
Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus: Beim Wort genommen

Offline BigBen

  • Sr. Member
  • ****
  • Beiträge: 776
    • Zwischen den Seiten
Re: Karl Ferdinand Gutzkow: Die Ritter vom Geiste
« Antwort #40 am: 13. Juni 2008, 07:52 »
Warum nur erinnern mich solche plumpen Erzählmittel bloss immer an Karl May?   :|

War May vielleicht ein begeisterter Gutzkow-Leser?
"Es ist die Pflicht eines jeden, es auch auszusprechen, wenn er etwas als falsch erkennt." --- Stefan Heym (2001)

Offline sandhofer

  • Administrator
  • *****
  • Beiträge: 5086
Re: Karl Ferdinand Gutzkow: Die Ritter vom Geiste
« Antwort #41 am: 13. Juni 2008, 17:36 »
Warum nur erinnern mich solche plumpen Erzählmittel bloss immer an Karl May?   :|

War May vielleicht ein begeisterter Gutzkow-Leser?

Ich weiss nichts davon; ich vermute aber, es geht eher auf die beiden gemeinsame Lektüre von Sue zurück. (Allerdings muss ich gestehen, dass ich von Sue noch nichts gelesen habe.)
Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus: Beim Wort genommen

Offline finsbury

  • Hero Member
  • *****
  • Beiträge: 1592
Re: Karl Ferdinand Gutzkow: Die Ritter vom Geiste
« Antwort #42 am: 13. Juni 2008, 19:58 »
Hallo,

inzwischen in II,9 angelangt kann ich nichts so recht Neues sehen und erwähnen. Abweichend zu dir, @sandhofer, empfinde ich Dankmar Wildungen nicht so als Gutmenschen: Er ist durchaus von Geltungstrieben beseelt und spiegelt sich auch recht gern in seiner neu entstandenen Freundschaft zum Prinzen, die ihm trotz seiner demokratischen Gesinnung doch recht schmeichelt. Auch seine Suche nach den Erbpapieren wirkt trotzt der auctorialen Beteuerungen des Gegenteils nicht selbstlos.

Auch Melanie wird mir weiterhin nicht sympathischer, wohingegen ich mich an den Nebenfiguren, dem Jäger, der Pfannenstielsippe durchaus erfreuen kann.

Schau'n wir mal. Schönes Wochenende!

HG
finsbury
Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene
Meer in uns. (Kafka)

Offline BigBen

  • Sr. Member
  • ****
  • Beiträge: 776
    • Zwischen den Seiten
Re: Karl Ferdinand Gutzkow: Die Ritter vom Geiste
« Antwort #43 am: 13. Juni 2008, 20:15 »
Warum nur erinnern mich solche plumpen Erzählmittel bloss immer an Karl May?   :|

War May vielleicht ein begeisterter Gutzkow-Leser?

Ich habe mal gesucht. In der Karl-May-Chronik wird nur ein Theater-Besuch erwähnt - "Uriel Acosta".
"Es ist die Pflicht eines jeden, es auch auszusprechen, wenn er etwas als falsch erkennt." --- Stefan Heym (2001)

Offline sandhofer

  • Administrator
  • *****
  • Beiträge: 5086
Re: Karl Ferdinand Gutzkow: Die Ritter vom Geiste
« Antwort #44 am: 14. Juni 2008, 10:00 »
So, unterdessen habe ich in Buch 5 doch wieder ein schönes Kapitel gefunden: Das Gespräch zwischen dem angeblichen Engländer Murray und der Maler-Guste. Das könnte direkt aus Victor Hugos Les Misérables stammen. Leider hat Gutzkow nur ausnahmsweise den Drang nach vorne, den Hugo so ausgesprochen zeigt. In Punkto Trivialität ist der Franzose nämlich, wenn wir mal das reine Skelett der Handlung betrachten, um einiges schlimmer: Unmögliche Zufälle werden auf noch unmöglichere Zufälle gehäuft, der Protagonist ist ein Gutmensch, vor dem selbst Old Shatterhand verblasst - - - aber, aber, aber ...: Hugo treibt die Geschichte unterbittlich nach vorne, auch und gerade, wenn er eine seiner beliebten Abschweifungen integriert. Gutzkow begnügt sich damit, seine Protagonisten labern zu lassen.

So auch in dem Kapitel, als die Geheimgesellschaft der Ritter vom Geiste zum ersten mal skizziert wird. Immerhin: Wir sind nun in der Mitte des Romans und endlich, endlich zeichnet sich die titelgebende Sozietät wenigstens als Gedankenspiel mal am Horizont der Handlung ab ...  :breitgrins:

Danke, BigBen, fürs Nachschlagen der Verbindung May-Gutzkow. Ich meine aber, mich zu erinnern, dass die Lektüre Mays nicht in allen Einzelheiten überliefert ist. Es könnte also schon noch sein, dass er Die Ritter vom Geiste tatsächlich gelesen hatte.

A propos Verbindungen zu andern Autoren: Weiss man etwas über eine eventuelle Gutzkow-Lektüre Thomas Manns? Gutzkow stellt ja nachgerade penetrant die beiden Organisationen der Jesuiten und der Freimaurer als welt- bzw. geistesgeschichtliche Antagonisten einander gegenüber. Das erinnert mich schon ein bisschen an den Zauberberg mit den beiden Antagonisten Settembrini und Naphta ...
Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus: Beim Wort genommen