Autor Thema: Juni 2008 - Th. Mann: Der Tod in Venedig  (Gelesen 19355 mal)

Offline Evelyne Marti

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Re: Thomas Mann - Der Tod in Venedig
« Antwort #75 am: 19. Juni 2008, 19:14 »
Hallo zusammen

Viele Suizidgefährdete sind hin und her gerissen zwischen Todessehnsucht und Lebenswillen. Das ist ein sehr unlogischer Vorgang. Aschenbach konnte seine Jugend nicht wiedererlangen bzw. kein neues Leben anfangen, also tötete er es (Tadzio) und damit sich selbst. Tadzio starb logischerweise ebenso an der Cholera, denn er blieb ja da und war ein kränkliches Kind.

Madeleine

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Re: Thomas Mann - Der Tod in Venedig
« Antwort #76 am: 19. Juni 2008, 20:00 »
... ich hätte Venedig niemals ohne Gondelfahrt verlassen. Das wäre wie Paris ohne den Eifelturm besucht zu haben.

 ... ich habe es sogar riskiert, Wien ohne Fiakerfahrt zu verlassen.  :zwinker:

Viele Grüße

Sir Thomas


Das wiederum verstehe ich sehr gut, Sir Thomas.
Pferdekutschenfahrten lehne ich in jeder Form ab, weil mir die armen Tiere leid tun. Ich hatte selber 19 Jahre lang ein heißgeliebtes Pferd, da habe ich ungefähr eine Ahnung von artgerechter Haltung.
 

Madeleine

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Re: Thomas Mann - Der Tod in Venedig
« Antwort #77 am: 19. Juni 2008, 20:12 »
Hallo zusammen

Viele Suizidgefährdete sind hin und her gerissen zwischen Todessehnsucht und Lebenswillen. Das ist ein sehr unlogischer Vorgang. Aschenbach konnte seine Jugend nicht wiedererlangen bzw. kein neues Leben anfangen, also tötete er es (Tadzio) und damit sich selbst. Tadzio starb logischerweise ebenso an der Cholera, denn er blieb ja da und war ein kränkliches Kind.

Und ich dachte, er bleibt nicht da. Es wurde ja alles für die Abreise vorbereitet.
Glaubst Du wirklich, dass Aschenbach sich nach seiner Jugend zurücksehnte? Ein einmaliger Friseurbesuch, sogar mit kosmetischer Verschönerung, zählt für meine Begriffe noch nicht zum Jugendwahn.
Bei meiner Interpretation steht die Todessehnsucht des Schriftstellers im Zentrum, nicht seine Suche nach einer verlorenen Jugend oder gar ein Neubeginn. Ich hatte nicht das Gefühl, dass er mit seinem Leben so unzufrieden war. Aber für ihn war der Endpunkt erreicht. Und Thomas Mann versteht das in wunderschöne Worte zu fassen.
Oder sehe ich das falsch?

Liebe Grüße

Madeleine


Offline Evelyne Marti

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Re: Thomas Mann - Der Tod in Venedig
« Antwort #78 am: 19. Juni 2008, 21:07 »
Hi Madeleine

Ja, für mich ist es der Jugendwahn, der Aschenbach in den Tod trieb. Er war bereit für den Tod, weil er sich nicht mehr jung fühlte. Er sehnte sich nach seiner verlorenen Jugend zurück, verkörpert in Tadzio, doch sie blieb letztlich unerreichbar für ihn, ein Traum. Erst im Tod werden sie gleich. Ich komme zu dieser Deutung aufgrund kongruenter Parallelhandlungen von Tadzio und Aschenbach. Dieses literarische Stilmittel wird für gewöhnlich eingesetzt, um anzudeuten, dass zwei Figuren in Wirklichkeit Aspekte einer Person sind. Meine Kurzgeschichte Verwehter Sandstaub basiert auf demselben literarischen Prinzip. 

Aschenbach war bereits infiziert, Tadzio konnte es ebenfalls sein. Die Familie wurde ja von Aschenbach nicht vorgewarnt und die Touristen wurden ansonsten in Unwissenheit gehalten von den Einheimischen.   
« Letzte Änderung: 19. Juni 2008, 21:20 von Evelyne Marti »

Offline thopas

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Re: Thomas Mann - Der Tod in Venedig
« Antwort #79 am: 19. Juni 2008, 21:31 »
Aschenbach war bereits infiziert, Tadzio konnte es ebenfalls sein. Die Familie wurde ja von Aschenbach nicht vorgewarnt und die Touristen wurden ansonsten in Unwissenheit gehalten von den Einheimischen.   

Hallo Evelyne, hallo Madeleine,

ich habe es eigentlich auch so gedeutet, daß Tadzio mit seiner Familie abreist. Ob er jetzt infiziert war mit der Cholera oder nicht, kann man nicht sagen. Dadurch, daß Tadzio ihm nun genommen wird, kann Aschenbach endlich loslassen und sterben (die Cholera steckt ja schon in ihm). Da ich Tadzio als eine eher "überirdische" Gestalt sehe, glaube ich gar nicht, daß er an der Cholera stirbt; aber da er ja kränkelnd ist, lebt er vielleicht trotzdem nicht mehr lange.

Dann wäre es trotzdem auch möglich, daß Tadzio im Prinzip nur ein Aspekt von Aschenbachs Persönlichkeit ist (seine verloren geglaubte Jugend). Ich hatte allerdings das Gefühl, daß Aschenbach sich nur deshalb "aufbrezelt", weil er dem Geliebten gefallen möchte. Er möchte wieder jung sein, weil er begehrenswert erscheinen möchte, und glaubt, daß er als alter, verbrauchter Mann nicht begehrenswert ist.

Viele Grüße
thopas


Offline Evelyne Marti

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Re: Thomas Mann - Der Tod in Venedig
« Antwort #80 am: 19. Juni 2008, 22:33 »
Aschenbach war bereits infiziert, Tadzio konnte es ebenfalls sein. Die Familie wurde ja von Aschenbach nicht vorgewarnt und die Touristen wurden ansonsten in Unwissenheit gehalten von den Einheimischen.   

Hallo Evelyne, hallo Madeleine,

ich habe es eigentlich auch so gedeutet, daß Tadzio mit seiner Familie abreist. Ob er jetzt infiziert war mit der Cholera oder nicht, kann man nicht sagen. Dadurch, daß Tadzio ihm nun genommen wird, kann Aschenbach endlich loslassen und sterben (die Cholera steckt ja schon in ihm). Da ich Tadzio als eine eher "überirdische" Gestalt sehe, glaube ich gar nicht, daß er an der Cholera stirbt; aber da er ja kränkelnd ist, lebt er vielleicht trotzdem nicht mehr lange.

Dann wäre es trotzdem auch möglich, daß Tadzio im Prinzip nur ein Aspekt von Aschenbachs Persönlichkeit ist (seine verloren geglaubte Jugend). Ich hatte allerdings das Gefühl, daß Aschenbach sich nur deshalb "aufbrezelt", weil er dem Geliebten gefallen möchte. Er möchte wieder jung sein, weil er begehrenswert erscheinen möchte, und glaubt, daß er als alter, verbrauchter Mann nicht begehrenswert ist.

Viele Grüße
thopas



Hallo zusammen

Auf den letzten Seiten ist in der Regel immer die Auflösung einer Geschichte zu finden.

Ich sehe die Abreisevorkehrungen als Sinnbild für Abschied, Übergang, Tod. Aschenbach steht ebenfalls kurz vor seiner Abreise ... ohne Wiederkehr. Während der Reisevorbereitungen wird Tadzio fast erstickt. Dies entspricht dem physischen Sterbeprozess Aschenbachs, welcher in Tadzios Erstickungsszene gespiegelt und sonst nicht eigens an Aschenbach selbst beschrieben wird, was jedoch bei Thomas Manns Detailtreue der Fall hätte sein müssen, wäre Tadzio nicht Jugend- und Lebensaspekt von Aschenbach. Tadzios Gang ins Meer entspricht dem Sterben, Aschenbach stirbt und sein Leben (Tadzio) betritt den Todesbereich des Meeres. Nun folgt eine weitere Kongruenz: "Der Schauende dort saß, wie er einst gesessen, als zuerst, von jener Schwelle zurückgesandt, dieser dämmergraue Blick dem seinen begegnet war." Die Grundpositur Tadzios entspricht der geometrisch geformten Spiegelung zweier entgegengesetzter kongruenter Figuren.
« Letzte Änderung: 19. Juni 2008, 22:37 von Evelyne Marti »

Offline Sir Thomas

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Re: Thomas Mann - Der Tod in Venedig
« Antwort #81 am: 20. Juni 2008, 13:23 »
Bei meiner Interpretation steht die Todessehnsucht des Schriftstellers im Zentrum, ... für ihn war der Endpunkt erreicht. ...
Oder sehe ich das falsch?

Hallo, Madeleine,

ich stimme mit Dir überein. Es ist jetzt sicher müssig, all die Textstellen noch einmal herauszusuchen, die diese Interpretation stützen (ich habe die eine oder andere bereits dokumentiert), denn für mich besteht kein Zweifel daran, dass Aschenbach bewusst dem Tod entgegengeht.

Liebe Grüße

Sir Thomas

Offline Evelyne Marti

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Re: Thomas Mann - Der Tod in Venedig
« Antwort #82 am: 20. Juni 2008, 22:02 »
Bei meiner Interpretation steht die Todessehnsucht des Schriftstellers im Zentrum, ... für ihn war der Endpunkt erreicht. ...
Oder sehe ich das falsch?

Hallo, Madeleine,

ich stimme mit Dir überein. Es ist jetzt sicher müssig, all die Textstellen noch einmal herauszusuchen, die diese Interpretation stützen (ich habe die eine oder andere bereits dokumentiert), denn für mich besteht kein Zweifel daran, dass Aschenbach bewusst dem Tod entgegengeht.

Liebe Grüße

Sir Thomas

Hi Thomas

Für mich schließt das eine das andere nicht aus. Jemand, der mir nahe steht, hat genau all diese Empfindungen, die Todessehnsucht, die Angst vor dem Alter, die Sehnsucht, alt zu werden. Wann war der Mensch schon je logisch.   :breitgrins:

Ich denke, die Todessehnsucht ist eigentlich nur die Sehnsucht, das alte Leben sterben zu lassen und ein neues zu beginnen, letzten Endes ist es auch eine Lebenssehnsucht.
« Letzte Änderung: 20. Juni 2008, 22:08 von Evelyne Marti »

Offline Sir Thomas

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Re: Thomas Mann - Der Tod in Venedig
« Antwort #83 am: 21. Juni 2008, 09:31 »
Ihr Lieben,

zum Thema "Altern und Sterben in Würde" hier noch ein kleines Fundstück:

„Wenn ich mein Leben noch einmal anfangen könnte, würde ich es mir von vornherein zur Gewohnheit machen, jeden Abend an den Tod zu denken. Ich würde es regelrecht üben, mich an den Tod zu erinnern. Es gibt keine andere Gewohnheit, die einen das Leben so intensiv erleben lässt. Wenn der Tod eines Tages an uns herantritt, sollte er uns nicht überraschen. Er sollte ein Teil der bewussten Lebenserwartung sein. Ohne ein immer gegenwärtiges Spüren der Todesnähe ist das Leben fade. [...] Stets an den Tod zu denken ist, kurz gesagt, eine Lebensauffassung.“

Es ist der pensionierte Kriminalbeamte Henry Mortimer, der in Muriel Sparks Roman „Memento Mori“ die in seinem Haus versammelten Gäste, die allesamt betagt, um nicht zu sagen steinalt sind, an diese unangenehme Tatsache erinnert. Und schließlich weiß auch der „Penny Catechism“, den die Autorin eingangs zitiert: „Die letzten vier Dinge, an die man sich stets erinnert, sind Tod, Jüngstes Gericht, Himmel und Hölle.“ 

Schönes Wochenende!

Sir Thomas

Madeleine

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Re: Thomas Mann - Der Tod in Venedig
« Antwort #84 am: 21. Juni 2008, 19:59 »
Stets an den Tod zu denken, würde mich überfordern, da ich schon beruflich häufig damit konfrontiert bin, aber mir hilft es oftmals, zwischendurch zurückzutreten von all den unwichtigen Dingen, mit denen man sich das Leben schwer machen kann, und ganz bewußt an den Tod zu denken.
Damit begonnen habe ich, als meine Großeltern verstorben sind, die mir ein Haus und ein sehr großes Grundstück hinterlassen haben. Ich weiß, wie viel Arbeit und Mühsal darin steckt, weil ich hier aufgewachsen bin, und mein Mann nimmt die Pflege und Erhaltung so ernst, dass er damit nicht nur sich selber, sondern auch mir oft auf die Nerven geht.
Dann ist es Zeit, mein "memento mori" zu sprechen, und eigenartigerweise hört er in dem Fall als völlig unphilosophischer Mensch auf mich und läßt sich etwas einbremsen.
Tatsächlich habe ich das Gefühl, durch diese Gedanken an den Tod intensiver zu leben, tiefer empfinden zu können. Die Distanz, die ich damit schaffe, bringt mir das Leben näher.

Liebe Grüße,
Madeleine 

Offline Evelyne Marti

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Re: Thomas Mann - Der Tod in Venedig
« Antwort #85 am: 22. Juni 2008, 00:11 »
Hallo zusammen

Ich persönlich denke nicht gern an den Tod. Ich kann mir das Sterben nicht leisten, ebenso wenig meine Mutter. Wir werden gebraucht. Außerdem litt ich jahrzehntelang unter den Todessehnsüchten meiner Geschwister und als zwei Brüder und mein Vater starben, war für mich das Thema eindeutig gegessen. Nein, der Tod soll einen großen Bogen um unser Haus machen.

Wie wertvoll und einzigartig das Leben ist, nehme ich auch so wahr, denn ich habe mich selbst in all den Jahren aufgrund der vielen Familienprobleme (suizidgefährdete Geschwister etc.) hinten angestellt. Deshalb ist es für mich nun so, als habe mein Leben erst mit 40 angefangen. Genau an meinem 40. Geburtstag gründete ich meine Einzelfirma, passt also.  :zwinker:

Offline Sir Thomas

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Re: Thomas Mann - Der Tod in Venedig
« Antwort #86 am: 22. Juni 2008, 12:15 »
... Ich kann mir das Sterben nicht leisten ...

Oh ja, Sterben gehört zu den Dingen, die man sich nicht allzu häufig in seinem Leben leisten sollte ...  :zwinker:

Deshalb finde ich es umso erwähnenswerter, dass Thomas Mann sich mit diesem Thema mehr als angemessen auseinandersetzt. "Der Tod in Venedig" gleitet niemals ab in Pathos oder Mystik, was einem norddeutsch-protestantischen Kaltblüter wohl auch kaum gelungen wäre. Der Übergang von der kontrollierten und disziplinierten Lebensweise Aschenbachs in ein zielloses Sich-in-den Tod-treiben-lassen ist glaubwürdig und trotzdem sehr poetisch. Was kann man von guter Literatur mehr verlangen?

Liebe Grüße

Sir Thomas   
« Letzte Änderung: 22. Juni 2008, 12:29 von Sir Thomas »

Madeleine

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Re: Thomas Mann - Der Tod in Venedig
« Antwort #87 am: 22. Juni 2008, 21:45 »
Man weiß eben nie, was sich hinter noch so disziplinierten Menschen, wie Aschenbach es war, verbirgt.
Dass sich in den Tod hineingleiten lassen, wie Sir Thomas es sehr treffend ausgedrückt hat, ist doch ein schöner Endpunkt für ein erfülltes Leben. Jetzt darf er endlich die Last aller Verantwortung, die er sich selbst auferlegt hat, abwerfen und seinem Todesengel folgen.

Nicht ganz so schön ist es im realen Leben, aber ich sehe in meinem Beruf zumindest häufig, dass es Patienten, die sich mit dem nahenden Ende innerlich abgefunden haben, plötzlich von ihrem Krankheitsbild her besser geht, obwohl sie wenige Tage später ohne schweren Todeskampf sterben.

Leider weiß ich nicht mehr, wo ich das gelesen habe, aber sinngemäß hieß es da: Man sollte den Tod während des Lebens wie einen guten Freund behandeln. Dann kann man in der Todesstunde auch mit einem solchen rechnen.

Liebe Grüße

Madeleine.   

Offline Evelyne Marti

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Re: Thomas Mann - Der Tod in Venedig
« Antwort #88 am: 23. Juni 2008, 00:58 »
Hallo zusammen

Meine Mutter arbeitete jahrelang in einem Altersheim, ebenso meine Schwester. Was sie immer wieder verwunderte: Alte, welche sterben wollten, starben auch bedeutend schneller, während diejenigen, welche noch an irgendetwas in dieser Welt festhielten, es dem Tod bedeutend schwerer machten, ihr Freund zu sein und sie mitzunehmen.   :zwinker: