Autor Thema: Günter Grass: Katz und Maus  (Gelesen 10104 mal)

Offline Lost

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Re: Günter Grass: Katz und Maus
« Antwort #15 am: 3. Juli 2008, 08:58 »


Lese mit regem Interesse eure Kommentare. Bin jetzt durch mit dem Buch und frage mich, warum keiner von euch das Offensichtlichste anspricht, Mahlkes "Kennzeichen", diesen "fatalen Knorpel", seinen "Hüpfer", sein "Wappentier", die "Maus" ... Natürlich ist Mahlkes riesiger Adamsapfel nur ein vordergründiges Symbol, hinter dem sich was weiss ich nicht was verbirgt.

Nach dem ich die Geschichte zu Ende gelesen habe, bin ich verblüfft, wie wenig bedeutsam mir die Rolle des Ritterkreuzes vorkommt.  Für mich ist der zentrale Punkt in KuM das gesunkene Boot. Alle streben zu diesem Punkt im Meer und nur Mahlke kann es in Besitz nehmen und durch seine Devotionalien  im Inneren zu einem Ort der Reinheit, einer jungfräulichen Fruchtblase gestalten, während alle anderen der Möwenmist auf der äußeren Hülle am augenfälligsten ist. Das Leben kommt aus dem Meer und geht wieder dahin zurück, ist ja ein bekanntes Motiv. Die Realität, die Mahlke erlebt, sein Streben nach Anerkennung  befriedigt nicht und so zieht er sich zurück an den Ort der im alleine gehört. Ob es der Tod ist oder das ewige Leben, es wäre nicht Grass wenn das nicht offen bliebe.
Nun Ist KuM in einer bestimmten historischen Situation und bestimmt auch unter dem Eindruck der damaligen Debatte über die Reinheit der Naziorden geschrieben. Eine ironische Kampfschrift, die, aus meiner Sicht, das Spiel mit Bildern zu einer rätselhaften Angelegenheit macht. Wie sehr sich Grass in die katholischen Rituale vertieft hat mich verblüfft, aber die größten Anteile im Text sind ja auch Rückbesinnungen auf seine eigene Jugend.
Alles in Allem könnte KuM auch ein Romanteil von "Hundejahre" sein. Das Blechkreuz würde dann nicht mehr oder weniger von Bedeutung sein.

Offline ink-heart

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Re: Günter Grass: Katz und Maus
« Antwort #16 am: 3. Juli 2008, 12:59 »
Hallo zusammen!

Adamsapfel und Ritterkreuz sehe ich auch als ganz zentrale Symbole, eigentlich schon Leitmotive. Zur Erklärung finde ich vor allem das Alter der Charaktere wichtig. Wir haben hier ja Jungen in der Pubertät, bei denen die Suche nach Anerkennung, Halt, Dazugehören, Sinn und gleichzeitig die Konkurrenz, das Sich-beweisen-Müssen psychologisch sehr glaubhaft ist. Der Adamsapfel zeigt ja, dass Mahlke "erwachsener" ist als die anderen und betont auch dadurch seine Außenseiterrolle. Eigentlich steht er auch für alles andere, wodurch Mahlke sich exponiert, in den Mittelpunkt des Interesses gerät und sein Anderssein wahrnimmt. Das Kreuz soll dieses Anderssein kompensieren, vielleicht auch das Erwachsenwerden über das rein Körperliche hinaus mit Sinn belegen - es ist ja ein typisches Symbol der Anerkennung. Aber (und da steckt auch eine Menge Gesellschaftskritik drin) die Werte und Ziele in dieser Zeit sind eben durchaus fragfürdig; trotzdem identifizieren sich die Jungen damit und scheitern letztlich daran. (Hoffentlich war das jetzt nicht zu wirr; bei der Hitze habe ich momentan Probleme mit der Gedankenordnung. :rollen:)

Alles in Allem könnte KuM auch ein Romanteil von "Hundejahre" sein. Das Blechkreuz würde dann nicht mehr oder weniger von Bedeutung sein.

Ursprünglich war es ja wohl so geplant, bis Grass aufgefallen ist, dass es den Gesamteindruck stört und eine eigenständige Novelle ist. Und in der ist das Ritterkreuz schon deshalb nicht wegzudenken, weil sein Diebstahl den zentralen Wendepunkt markiert und die Handlungen in der gesamten zweiten Hälfte bedingt. Als Symbol für die fehlgeleiteten Wertvorstellungen der Gesellschaft und Mahlkes finde ich es absolut notwendig für die Geschichte, und ich könnte mir nur schwer einen adäquaten "Ersatz" vorstellen. Übrigens (und ich weiß, dass die erklärten Gegner durchschaubarer Konstruktionen jetzt schwer seufzen :zwinker:) finde ich den Text genial konstruiert und gerade wegen seiner gelungenen Novellenform sehr eindrucksvoll.

Madeleine

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Re: Günter Grass: Katz und Maus
« Antwort #17 am: 3. Juli 2008, 20:24 »
Guten Abend allseits!
Ja, Du hast recht ink-heart, auch für meine Begriffe ein genial konstruierter Text.
Mir haben die beiden letzten Kapitel besonders gut gefallen, trotz des traurigen Endes, da Mahlke ja nicht mehr auftauchen wollte. Die Szene, in der Mahlke dem Oberstudienrat Klohse auflauert und ihn ohrfeigt, finde ich besonders gelungen. Ob der Humor nun beabsichtigt war oder nicht, ich habe mich jedenfalls köstlich amüsiert.
Die Verbindung zwischen Adamsapfel und Ritterkreuz sehe ich vielmehr darin, dass Grass dieses Ding, das er nur ganz zum Schluss beim Namen nennt, damit der Lächerlichkeit preisgeben will bzw. herabwürdigt, indem er den Orden mit einem überdimensionalen Adamsapfel eines pubertierenden Jugendlichen gleich stellt, der sich dessen schämt und ihn als Krankheit sieht. Und doch sehnt er sich nach dieser Auszeichnung, die er erst sogar stiehlt und dann im Krieg erwirbt, als sei sie ein Bestandteil seiner Persönlichkeit, wie der Adamsapfel ein Teil seines Körpers ist. Etwas, wofür man sich einerseits schämt und andererseits unbedingt haben will.
Diese Interpretation ist mir zum Schluss eingefallen. Ob ich damit richtig liege, läßt sich wahrscheinlich, wie so oft in der Literatur, nicht exakt feststellen.
Die sprachlichen Feinheiten hingegen beeindrucken mich nach wie vor und machten die Lektüre zum Genuss.

Liebe Grüße

Madeleine 
 

Offline riff-raff

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Re: Günter Grass: Katz und Maus
« Antwort #18 am: 3. Juli 2008, 22:23 »
Die Szene, in der Mahlke dem Oberstudienrat Klohse auflauert und ihn ohrfeigt, finde ich besonders gelungen.

Diese Ohrfeigen habe auch ich als grosse Befriedigung empfunden, nach diesen hässlichen Worten, mit denen er Mahlke hat abblitzen lassen:

"Viele Leute - lassen Sie sich das gesagt sein - lieben zeit ihres Lebens kostbare Teppiche und sterben dennoch auf rohen Fussbodenbrettern. Lernen Sie verzichten, Mahlke!"

Es spielt keine Rolle, was für Heldentaten Mahlke zur Erreichung des Ritterkreuzes errungen hat, für Klohse bleibt er weiterhin der dreckige kleine Dieb von einst, für den kein Platz ist unter seinesgleichen. Für mich ist Mahlke ein Getriebener, der nichts lieber möchte als dazu zu gehören, andererseits aber einen viel zu eignen Kopf hat, was ihn unweigerlich zum Aussenseiter prädisponiert. Mit dem Ritterkreuz glaubt er sich einen Platz in der Gesellschaft gesichert zu haben. Das Tragische ist bloss, dass er dazu gegen seine ureigensten Überzeugungen verstossen musste: Er, der sich über das Militär immer lustig gemacht hat und sich "kindisch" vorkommt in seinem Panzer und "viel lieber was Zweckmässiges täte oder was Komisches." Sein toter Vater bekam seine Medaille weil er "das Schlimmste verhüten" konnte, also wohl weil er Leben gerettet hat, Mahlke hingegen für das genaue Gegenteil, für das Auslöschen von Leben. Wie ink-heart bereits vorweggenommen hat, hätte er seine Auszeichnung längst vorher für die Rettung des Tertianer kriegen sollen.

Auf jeden Fall scheint er sich selbst etwas beweisen zu müssen, vielleicht auch seinem verstorbenen Vater, in dessen Schuhen er ja durchaus symbolträchtig herumläuft.

Das ist sehr schön ausgedrückt und denke, da steckt viel Wahrheit dahinter.

Gruss

riff-raff

Offline Gontscharow

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Re: Günter Grass: Katz und Maus
« Antwort #19 am: 4. Juli 2008, 19:19 »

Liebe KuM- Leser!
Mit Interesse habe ich Eure Leserunde verfolgt. Ich habe mich nicht aktiv beteiligt, weil ich den Text nicht noch einmal lesen wollte. Angeregt durch Eure vielfältigen Beobachtungen, habe ich es nun aber doch getan und würde gern Eure Einschätzung  zu einer wichtigen Textstelle im letzten Kapitel hören , von der noch nicht die Rede war:
Auf der Überfahrt zum "Kahn" entwirft Mahlke  in fragmentarischen Sätzen die Rede, die er im Gymnasium nicht hatte halten dürfen. Er sagt, dass er auch über den persönlichen Einsatz seines Vaters bei dem Eisenbahnunglück bei Dirschau geredet hätte und weiter:" Und wie im August an der Vorskla die Jungfrau. Alle lachten, und den Divisionspfarrer schickten sie mir auf den Hals. Aber dann brachten wir die Front zum Stehen. Wurde leider zum Mittelabschnitt versetzt. Sonst wäre bei Charkow nicht so schnell. Prompt, bei Korosten erschien sie mir wieder, als wir das neunundfünfzigste Korps. Dabei hatte sie nie das Kind , immer das Bild. Wissen Sie , Herr Oberstudienrat, das hängt bei uns auf dem Korridor...Und das hielt sie nicht vor der Brust , sondern tiefer. Ganz deutlich hatte ich die Lokomotive drinnen. Mußte nur zwischen meinem Vater und den Heizer Labuda halten.Vierhundert. Direkter Beschuss. ...Und so war es auch in der Bereitstellung östlich Kasatin. Am dritten Weihnachtstag übrigens. Sie bewegte sich von links gegen das Waldstück in Marschgeschwindigkeit fünfunddreißig. Musste nur draufhalten,draufhalten, drauf."
Wie seht Ihr das? Marienerscheinungen während der Kampfhandlungen. Maria hält das Bild des Vaters als Zielscheibe - so gelingen die Abschüsse, die Mahlke das Ritterkreuz einbringen?
Ist das nicht ein bisschen zuviel der Phantasie? Ist das monströser Kitsch, höhere Psychologie oder wie seht Ihr das? Für mich ist das irgendwie schwer erträglich. Pilenz nimmt dannn ja noch das Bild von Mahlkes Vater mit an die Front - als Schützenhilfe?
Grüße von G.

Offline ink-heart

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Re: Günter Grass: Katz und Maus
« Antwort #20 am: 4. Juli 2008, 19:51 »
Hallo Gontscharow!

Dass du die Novelle doch nochmal gelesen  hast, finde ich klasse. :smile: Und die Textstelle, die du zitierst, ist wirklich interessant. Kitsch wäre sie in meinen Augen nur dann, wenn Mahlke hier ein Sprachrohr seines Autors wäre - was er aber nicht ist. Grass stellt ihn ja als suchenden und gerade in der zweiten Hälfte des Buches auch fehlgeleiteten Jugendlichen dar. In der ganzen Novelle hat die Marienverehrung Mahlkes ja ziemlich deutlich erotische Untertöne: In der Kirche sieht er ihr (die dort ohne Kind steht) auf den Bauch, Pilenz erwähnt seinen begehrenden Blick, er erzählt Pilenz er werde wegen der Jungfrau nie heiraten. Wenn man das alles zusammennimmt, kann man seine Schilderung auch als halluzinierte Vergewaltigung lesen (Schießwerkzeuge werden ja allgemein ziemlich häufig als Phallussymbole bemüht). Inwieweit sein Erfolg und diese Vorstellung miteinander zusammenhängen kann ich auch nicht sagen. Ich würde aber behaupten wollen, dass das sehr viel eher psychologisch, vielleicht als eine Art Selbstsuggestion von Potenz, als religiös zu begründen ist. Überhaupt ist die ganze Novelle in meinen Augen eher religionskritisch. Dafür spricht z. B. die Anpassung Gusewskis an die herrschenden Normen (die Namensänderung), seine scheinbar am Rande erwähnten homoerotischen Übergriffe und nicht zuletzt das Ritterkreuz.

Warum Pilenz das Bild mit an die Front nimmt? Wahrscheinlich weil er von Mahlke nicht loskommt, ihm immer noch versucht nachzueifern, ohne es eigentlich zu wollen. Die Tragik bei Pilenz sehe ich vor allem in seiner Nicht-Entwicklung. Nichts von dem Geschehenen bringt ihn auch nur einen Schritt weiter. Auch als Erzähler, (fünfzehn?) Jahre nach den geschilderten Ereignissen, hat er es noch nicht fertiggebracht, eine eigene Persönlichkeit zu entwickeln.

Liebe Grüße  :winken:
ink-heart

Offline Gontscharow

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Re: Günter Grass: Katz und Maus
« Antwort #21 am: 9. Juli 2008, 18:37 »

Hallo ink-heart!

Danke für die Antwort! Leider konnte ich mich nicht früher melden. Was Du zu der Textstelle schreibst, sehe ich genauso! Das ändert  für mich jedoch nichts an ihrer literarischen Fragwürdigkeit.

Nun ja , die Leserunde ist zu Ende, sie hat mir Anregungen gegeben, danke!

Grüße von G.

Offline riff-raff

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Re: Günter Grass: Katz und Maus
« Antwort #22 am: 9. Juli 2008, 20:01 »
Hi zusammen!

Wie seht Ihr das? Marienerscheinungen während der Kampfhandlungen. Maria hält das Bild des Vaters als Zielscheibe - so gelingen die Abschüsse, die Mahlke das Ritterkreuz einbringen?
Ist das nicht ein bisschen zuviel der Phantasie? Ist das monströser Kitsch, höhere Psychologie oder wie seht Ihr das?

Die betreffende Stelle fand ich auch äusserst krass. Pater Gusewski äussert zu Pilenz die Sorge, dass "Mahlkes Marienkult an heidnischen Götzendienst grenze". Die Art wie Mahlke seinen Glauben instrumentalisiert hat tatsächlich etwas unreflektiertes und archaisches an sich. Es ist nicht mehr länger Gott, der den Menschen (Mahlke) nach seinem Ebenbild schafft, sondern der Mensch (Mahlke), der sich seinen privaten Gottesklon (Jungfrau Maria) zusammenzimmert. Es gibt keinen Unterschied zwischen Mahlke und (seiner Version) der Gottesmutter, denn sie besitzt keinen eigenständigen Wert, sondern ist nur ein geistiger Auswuchs von Mahlke selbst. Und wenn Mahlke ums Verrecken dieses Ritterkreuz will und dafür so viele russische Panzer wie möglich abschiessen braucht, dann hilt ihm Maria natürlich dabei. Denn was Mahlke will, will auch Maria, so einfach ist das.

Aber diese Instrumentalisierung von Glauben kennt man doch zu Genüge. Fast jeder Krieg wird im Namen irgendeines Gottes ausgefochten und die Religion verkommt zum Selbstbedienungsgeschäft, wo jeder sich zusammensucht, was ihm gerade in den Kram passt und genehm ist.

Gruss

riff-raff

Madeleine

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Re: Günter Grass: Katz und Maus
« Antwort #23 am: 9. Juli 2008, 21:30 »
Mir sind beide - Mahlke und Pilenz - nach wie vor undurchsichtig geblieben. Je mehr ich über die beiden nachdenke, desto verwirrender finde ich sie in ihrem Verhalten.
Ich wüßte ja auch gerne, wie Günter Grass seine Geschöpfe sieht. Oder überlassen Autoren die Interpretation prinzipiell ihren Lesern?

Hier stehen wir nun und sind betroffen;
Vorhang zu und alle Fragen offen ...

(B. Brecht, wenn ich mich recht erinnere)

In diesem Sinne darf ich mich mit lieben Grüßen verabschieden,
Madeleine.