Hallo,
ich habe inzwischen meine Notizen von damals gefunden und etwas nachgelesen, und langsam kommt die Erinnerung zurück...
Sir Thomas hat ja schon die besondere Funktion des Königs damals erwähnt. Ein König war nicht nur ein Mensch, sondern verkörperte auch den ganzen Staat. Es gab da keine Trennung. Wenn also Lear meint, daß er seine lästigen Pflichten abgibt, aber weiterhin die Rechte des Königs genießen will und sich einen schönen Lebensabend machen will, dann muß das scheitern. Er handelt damit gegen die Natur und bringt die natürliche Weltordnung durcheinander. Und so gibt er nicht nur seine Pflichten ab, sondern verliert damit auch gleich seine Rechte und vor allem seine Macht. Goneril und Regan übernehmen die Macht recht schnell und sprechen Lear relativ bald jegliche Einflußnahme ab. Deswegen ist es für sie auch wichtig, daß die Ritter, die Lear zur Seite stehen, reduziert werden, denn je isolierter Lear ist, desto besser können sie ihn kontrollieren.
Der damaligen Weltordnung entsprach es auch, daß Kinder ihren Eltern Gehorsam schulden. Sowohl Cordelia, als auch Edgar verhalten sich in den Augen ihrer Väter "widernatürlich" und werden zur Strafe verbannt. Auch Kent, der offen die Wahrheit spricht, wird verstoßen. Der Narr ist der einzige, der die Wahrheit sagen darf, aber nur, weil er eben der Narr ist und als Mensch nicht für voll genommen wird. Üblicherweise kamen Narren damals nur in Komödien vor; daß Shakespeare einen Narren in einer Tragödie auftreten läßt, war zur damaligen Zeit so etwas wie eine Sensation.
In den mittelalterlichen Tragödien wird meist gezeigt, wie ein Mensch durch Glück/Schicksal aufsteigt und später wieder herabfällt. Im Mittelalter war der Mensch der Spielball des Schicksals, er hatte keinerlei Einfluß darauf, was mit ihm geschieht. Im Lear, an der Schwelle der Neuzeit entstanden, sehen wir nun den König, der selbst schuld ist an seinem Fall. Und auch Edmund nimmt das Schicksal in die Hand. Er sieht nicht ein, daß er von Natur aus dazu bestimmt ist, der zweite Sohn und der Bastard zu sein, der keine Ansprüche auf das Erbe hat. Deshalb beschließt er, einzugreifen, und sich zu holen, was ihm zusteht.
Viele Grüße
thopas