Ich werde heute abend mal schauen, ob ich noch etwas zur Aussprache zur elisabethanischen Zeit finde. Im Internet bin ich noch nicht so richtig fündig geworden...
So, ich habe in meiner Sprachgeschichte folgendes gefunden: die Aussprache zur Shakespeare-Zeit war nicht so viel anders als heute. Es gab noch ein paar nicht abgeschlossene Lautwandel, die ab ca. 1700 dann abgeschlossen waren. Die auffälligsten Unterschiede waren:
1) Bei manchen Wörtern wurde noch /e/ statt /i/ ausgesprochen, z.B. in
sea oder
tea, die wie die deutschen Wörter
See und
Tee ausgesprochen wurden. Also konnte Shakespeare nicht
see auf
sea reimen.
2) Wörter, die heute die gleiche Schreibung des Vokals, aber eine unterschiedliche Aussprache haben, wie
flood-
mood-
good, wurden damals noch alle sehr ähnlich ausgeprochen und haben einen Reim ergeben.
3) Die große Lautverschiebung bei den langen Vokalen (
Great Vowel Shift) war noch nicht ganz abgeschlossen, evtl. wurde
five noch wie [fi:f] ausgesprochen und
down wie [du:n]. Deshalb reimt sich bei Shakespeare auch noch
love auf
approve, weil
to love vom mittelenglischen
luven kommt (diesen Reim habe ich im
King Lear gefunden).
Ich habe jetzt den dritten Akt beendet und bin auch wieder überrascht von der Skrupellosigkeit und Abscheulichkeit der "Bösen". Ich habe jetzt auch einen auffälligen Unterschied bei Quarto und Folio gefunden: die "Gerichtsszene" (mock trial scene) in III, 6 ist im Folio nicht enthalten. Lear ist glaube ich inzwischen wirklich wahnsinnig geworden, deshalb bezieht er auch alles um sich herum nur noch auf sich. Die Undankbarkeit seiner Töchter, die seinem Weltbild nicht entspricht, ist für ihn der zentrale Punkt geworden. Alles andere bekommt er nicht mehr mit. Da ist es ganz interessant, wenn Shakespeare den wahnsinnig gewordenen Lear dem nur wahnsinnig spielenden Edgar/Tom gegenüberstellt. Interessant ist auch, daß Lear erst im Wahnsinn erkennt, wie seine Töchter wirklich sind bzw. die Welt sieht, wie sie wirklich ist; genauso wie der arme Gloucester erst nachdem er sein Augenlicht verloren hat erkennt, welcher seiner Söhne der aufrichtige ist. Im Folio ist auch der Schluß der letzten Szene im dritten Akt nicht enthalten, in dem die Bediensteten dem geblendeten Gloucester helfen. Da wirkt es etwas abrupt und fast noch grausamer, daß Gloucester geblendet wird und fast niemand was tut, um ihm zu helfen.
Viele Grüße
thopas