Autor Thema: Juli 2008-William Shakespeare: King Lear  (Gelesen 7374 mal)

Offline Telemachos

  • Jr. Member
  • **
  • Beiträge: 77
Re: William Shakespeare: King Lear
« Antwort #15 am: 8. Juli 2008, 14:46 »
Hallo,

ich bin im 4.Akt zurzeit. Den Punkt von ink-heart kann ich bestätigen. Die "bösen" Charaktere sind durch und durch abscheulich und die Szene, wo sie Gloucester die Augen ausstechen fand auch ich ziemlich schauderhaft.

Das Mitleid für Lear hält sich aber bei mir in Grenzen. Von Anfang an(Liebesbeweis durch Lobreden) war er mir unsympathisch und das ändert sich auch nicht im Laufe seines Wahnsinning-werdens. In der Szene als Lear und Kent Edgar in der Hütte finden, denkt er, dass auch Edgar von seinen Töchtern betrogen worden sein müsse, weil er in so einem erbärmlichen Zustand ist. Sein Größenwahnsinn und seine Egomanie setten sich also weiter fort.

Die "Gerichtsszene" III, 6 kann ich mir übrigens richtig gut auf der Bühne vorstellen.

Da die Zeit knapp wird, leider jetzt nicht mehr von mir.

Bis später,
Telemachos

Offline thopas

  • Sr. Member
  • ****
  • Beiträge: 506
Re: William Shakespeare: King Lear
« Antwort #16 am: 9. Juli 2008, 14:16 »
Ich werde heute abend mal schauen, ob ich noch etwas zur Aussprache zur elisabethanischen Zeit finde. Im Internet bin ich noch nicht so richtig fündig geworden...

So, ich habe in meiner Sprachgeschichte folgendes gefunden: die Aussprache zur Shakespeare-Zeit war nicht so viel anders als heute. Es gab noch ein paar nicht abgeschlossene Lautwandel, die ab ca. 1700 dann abgeschlossen waren. Die auffälligsten Unterschiede waren:

1) Bei manchen Wörtern wurde noch /e/ statt /i/ ausgesprochen, z.B. in sea oder tea, die wie die deutschen Wörter See und Tee ausgesprochen wurden. Also konnte Shakespeare nicht see auf sea reimen.

2) Wörter, die heute die gleiche Schreibung des Vokals, aber eine unterschiedliche Aussprache haben, wie flood-mood-good, wurden damals noch alle sehr ähnlich ausgeprochen und haben einen Reim ergeben.

3) Die große Lautverschiebung bei den langen Vokalen (Great Vowel Shift) war noch nicht ganz abgeschlossen, evtl. wurde five noch wie [fi:f] ausgesprochen und down wie [du:n]. Deshalb reimt sich bei Shakespeare auch noch love auf approve, weil to love vom mittelenglischen luven kommt (diesen Reim habe ich im King Lear gefunden).

Ich habe jetzt den dritten Akt beendet und bin auch wieder überrascht von der Skrupellosigkeit und Abscheulichkeit der "Bösen". Ich habe jetzt auch einen auffälligen Unterschied bei Quarto und Folio gefunden: die "Gerichtsszene" (mock trial scene) in III, 6 ist im Folio nicht enthalten. Lear ist glaube ich inzwischen wirklich wahnsinnig geworden, deshalb bezieht er auch alles um sich herum nur noch auf sich. Die Undankbarkeit seiner Töchter, die seinem Weltbild nicht entspricht, ist für ihn der zentrale Punkt geworden. Alles andere bekommt er nicht mehr mit. Da ist es ganz interessant, wenn Shakespeare den wahnsinnig gewordenen Lear dem nur wahnsinnig spielenden Edgar/Tom gegenüberstellt. Interessant ist auch, daß Lear erst im Wahnsinn erkennt, wie seine Töchter wirklich sind bzw. die Welt sieht, wie sie wirklich ist; genauso wie der arme Gloucester erst nachdem er sein Augenlicht verloren hat erkennt, welcher seiner Söhne der aufrichtige ist. Im Folio ist auch der Schluß der letzten Szene im dritten Akt nicht enthalten, in dem die Bediensteten dem geblendeten Gloucester helfen. Da wirkt es etwas abrupt und fast noch grausamer, daß Gloucester geblendet wird und fast niemand was tut, um ihm zu helfen.

Viele Grüße
thopas

Offline ink-heart

  • Newbie
  • *
  • Beiträge: 47
Re: William Shakespeare: King Lear
« Antwort #17 am: 9. Juli 2008, 20:49 »
Hallo, ihr Lieben!

Herzlichen Dank, thopas; das hilft mir sehr weiter und passt für die Stellen, die ich beim Nochmaldurchblättern zusammengesucht habe (grrr, man sollte doch immer gleich Notizen machen), wie die Faust aufs Auge.

Ich bin inzwischen durch mit "Lear" und habe ihn bis zum Schluss vor allem der interessanten Sprache wegen gerne gelesen. Inhaltlich frage ich mich schon, ob dieses Drama uns heute eigentlich noch so viel zu bieten hat. Lears Erkenntnisprozess im Wahnsinn ist sicherlich gut und zum Teil auch anrührend dargestellt. Insgesamt werden in diesem Drama aber doch sein absoluter Machtanspruch (den er ja eigentlich selbst aufgegeben hatte) und absolut autoritäre Strukturen in allen Bereichen verteidigt. Cordelia empfinde ich dementsprechend auch als ziemlich blasse Figur; die Schwestern, so gemein und unsympathisch sie dargestellt sind, werden mir in vielem nachvollziehbarer.

Die zweisprachige dtv-Ausgabe enthält übrigens einen ziemlich gelungenen Essay des Übersetzers über Sprachreflexion im "Lear". Daraus würde ich gerne nochmal ein bis zwei Thesen in die Runde werfen, wenn ihr ausgelesen habt.

Liebe Grüße  :winken:

Offline thopas

  • Sr. Member
  • ****
  • Beiträge: 506
Re: William Shakespeare: King Lear
« Antwort #18 am: 10. Juli 2008, 19:09 »
Hallo,

ich habe das Stück inzwischen auch fertig gelesen und entdeckt, daß es doch einige Unterschiede zwischen Quarto und Folio gibt, die den Zuschauer/Leser schon anders beeinflussen. Im Quarto geht Albany nicht gerade zimperlich mit seiner Frau um, erklärt ihr klar und deutlich, was er von ihr hält (IV, 2), im Folio-Text bekommt man zwar auch mit, daß Albany die abscheulichen Taten von Gonerill, Regan und Cornwall nicht billigt, aber es ist viel weniger ausführlich. Außerdem fehlt im Folio die Szene IV, 3, in der erwähnt wird, daß Frankreich wieder zurück in sein Land mußte und deshalb nun ein Marschall mit dem französischen Heer in Britannien ist. Ohne diese Szene landet man gleich bei Cordelia, die sich um ihren Vater sorgt, und es wirkt dann so, als ob sie an der Spitze des Heeres nach Britannien gekommen ist.

Lears Erkenntnisprozess im Wahnsinn ist sicherlich gut und zum Teil auch anrührend dargestellt. Insgesamt werden in diesem Drama aber doch sein absoluter Machtanspruch (den er ja eigentlich selbst aufgegeben hatte) und absolut autoritäre Strukturen in allen Bereichen verteidigt. Cordelia empfinde ich dementsprechend auch als ziemlich blasse Figur; die Schwestern, so gemein und unsympathisch sie dargestellt sind, werden mir in vielem nachvollziehbarer.

Ich bin mir nicht so sicher, ob Lears Machtanspruch und die autoritären Strukturen wirklich verteidigt werden. Als Zuschauer/Leser sieht man doch eher, daß jemand, der sich allzusehr auf ein festgefügtes Weltbild verläßt, ziemlich leicht scheitern kann (und dann auch noch wahnsinnig wird, weil er es nicht versteht). Sowohl Lear als auch Gloucester kommen beide nicht weit mit ihrem Weltbild und erkennen dann erst viel zu spät ihren Irrtum. Lear selbst kann nicht aus seiner Haut heraus, er kann sich nicht mehr ändern, Gloucester wirkt mir da nicht so starr. Beide scheitern an ihren überkommenen Einstellungen.

Andersherum scheitert aber auch Edmond, der sein Schicksal selbst in die Hand genommen hatte, um dem festgefügten Schicksal (wie es im Mittelalter gesehen wurde) zu entgehen bzw. ihm ein Schnippchen zu schlagen. Er steigt auf und fällt am Schluß, trotz aller Bemühungen, doch wieder hinab ("The wheel is come full circle"). Das ist sehr absurd, denn man hat nun das Gefühl, daß der Mensch eigentlich gar nichts richtig machen kann. Es gibt keinen Plan für das Leben; was man macht, ist völlig egal; und am Ende stirbt man. Und darauf muß man vorbereitet sein ("ripeness is all", wie Edgar in V, 2 zu seinem Vater sagt; bei Hamlet gibt es ja eine ganz ähnliche Formulierung "The readiness is all"). Der Lear wird deshalb gerne als das erste absurde Drama der Literaturgeschichte gesehen.

Die zweisprachige dtv-Ausgabe enthält übrigens einen ziemlich gelungenen Essay des Übersetzers über Sprachreflexion im "Lear". Daraus würde ich gerne nochmal ein bis zwei Thesen in die Runde werfen, wenn ihr ausgelesen habt.

Dann bin ich mal gespannt; nur her damit  :winken:

Viele Grüße
thopas

Offline thopas

  • Sr. Member
  • ****
  • Beiträge: 506
Re: William Shakespeare: King Lear
« Antwort #19 am: 17. Juli 2008, 11:04 »
Hallo zusammen,

ich lese momentan noch ein bißchen Sekundärliteratur und auch immer mal wieder in einer Shakespeare-Biographie. Stanley Wells vermutet in seinem Buch Shakespeare for all time, daß Shakespeare als Schauspieler schon ca. 20 Jahre lang in Aufführungen des alten, anonymen Stücks The true chronical history of King Leir mitgespielt hat, weshalb in Shakespeares King Lear so viele "Echos" dieses alten Textes auftauchen (er könnte natürlich auch einfach davon abgeschrieben haben...). Das alte Stück ging aber wohl positiv aus, erst Shakespeare hat ein negatives Ende daraus gemacht (die erhängte Cordelia taucht allerdings in irgendeinem anderen Text auch schon auf).

Für uns ist dieses Stück schon nicht besonders angenehm zu lesen, da es dem menschlichen Gerechtigkeitsbewußtsein nicht entgegenkommt, daß auch die Guten am Schluß sterben, aber im 17. Jhd. war das wohl noch viel ungewöhnlicher. Deshalb wurde das Stück recht bald (1681) von Nahum Tate dem Geschmack des Publikums "angepaßt", d.h. es gab ein Happy End (Cordelia rettet ihren Vater und heiratet Edgar). Auch Samuel Johnson bevorzugte wohl diese Version des Stückes, weil ihn die Ungerechtigkeit im Originalstück störte. Erst 1838 wurde der Lear wieder in der Originalfassung gespielt.

Viele Grüße
thopas

Offline ink-heart

  • Newbie
  • *
  • Beiträge: 47
Re: William Shakespeare: King Lear
« Antwort #20 am: 4. August 2008, 21:17 »
Hallo zusammen! :smile:

Wegen Urlaub und danach Post-Urlaubs-Stress erst jetzt die Anmerkungen aus Günthers Essay. Vielleicht interessiert es euch ja trotzdem noch.

Die zweisprachige dtv-Ausgabe enthält übrigens einen ziemlich gelungenen Essay des Übersetzers über Sprachreflexion im "Lear". Daraus würde ich gerne nochmal ein bis zwei Thesen in die Runde werfen, wenn ihr ausgelesen habt.

Dann bin ich mal gespannt; nur her damit  :winken:

Günther liest das Drama - etwas überspitzt gesagt - als ein Werk über Sprache, eigentlich sogar ein sprachkritisches Werk. Dass man mit Sprache lügen kann und im Schweigen wahrhaftiger sein kann als im Sprechen, wird ja schon ganz am Anfang, im Gespräch Lears mit seinen Töchtern, deutlich. Aber Sprache wird noch in vielen anderen Szenen reflektiert, z. B. von Edmund, der über die Bedeutung des Wortes "Bastard" nachdenkt und klarmacht, dass Sprache etwas sehr Subjektives ist und die eigene Weltsicht spiegelt - und natürlich auch, dass man mit ihr bewusst täuschen kann. Die täuschende, ehrliche oder verweigerte Sprache ihrerseits schafft harte Fakten: Lear verstößt Cordelia, Gloucester Edgar. Kent behauptet, wer klug sei, sage wenig. Er selbst aber, der eigentlich allzu (?) Ehrliche, setzt sich eine Maske auf, verstellt sich auch mit Hilfe der Sprache. Unehrliche Sprache kann also gut und böse sein, ehrliche auch - Fazit: Auf die Sprache ist kein Verlass. Ein weiteres Beispiel dafür ist der Narr, der nur durch 'unvernünftige' Sprache die vernünftige Sicht der Dinge offenbar macht.

Am Beispiel Lears wird nach Günther außerdem eine Art Sprachzerfall deutlich gemacht. Während der König sich anfangs noch sehr pompös und zeremoniell äußert, verfällt er nach und nach in ein emotionales Sprachchaos, im späteren Stadium mit (scheinbar) schwer nachvollziehbaren Assoziationssprüngen. Irgendwann meint Lear, die Sprache demaskiert und das 'Ding an sich' erkannt zu haben; was das ist, kann er allerdings sprachlich nicht mehr mitteilen ...

Vermutlich habe ich die Thesen (ungefähr 20 Seiten) damit sehr unzulänglich zusammengefasst. Ich hoffe, ihr habt trotzdem einen Eindruck von diesem interessanten Ansatz. Frank Günther hat inzwischen unglaublich viele Shakespeare-Dramen übertragen, und ich denke, ich werde mir noch einige der zweisprachigen Ausgaben zulegen. Die Teile, die ich genauer auf Deutsch gelesen habe, schienen mir sehr bedacht (und manchmal mutig) übersetzt, und wie gesagt lohnt in meinen Augen allein der Essay diese Ausgabe.

 :winken:
« Letzte Änderung: 4. August 2008, 21:53 von ink-heart »

Offline thopas

  • Sr. Member
  • ****
  • Beiträge: 506
Re: William Shakespeare: King Lear
« Antwort #21 am: 6. August 2008, 10:30 »
Hallo ink-heart,

danke für den Überblick über Frank Günthers Essay. Die Sprache ist mit Sicherheit sehr bedeutend im Lear, das haben wir damals an der Uni auch besprochen, wenn ich mich recht erinnere. V.a. an Lear selbst kann man sehr schön sehen, wie er langsam vom pompösen König zum chaotischen "Narren" wird. Wenn ich das nächste Mal in einen Buchladen komme, werde ich mal in eine Frank Günther-Übersetzung hineinschauen. Ich weiß, daß sie sehr kraftvoll und eher modern sind, im Gegensatz zu den Schlegel/Tieck-Übersetzungen, die ja oft glätten und beschönigen und Shakespeares' oft auch saloppe und unflätige Sprache unter den Tisch fallen lassen. Aber das war damals eben dem Dichtergenie Shakespeare nicht angemessen  :zwinker:.

Viele Grüße
thopas